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Kinder kregen sie immer
24.06.2016, 18:40
Beitrag: #1
Kinder kregen sie immer
(24.06.2016 16:11)Suebe schrieb:  
(24.06.2016 15:16)Bunbury schrieb:  ./.

Eigentlich wollte ich ja nicht mehr- aber hier muss ich einfach:

Für die "geringe Reproduktionsrate" der Deutschen können die Muslime nichts. Vielleicht wäre es hier einmal angebracht zu fragen, warum die "Reproduktionsrate" hier zu Lande so bescheiden ist.

Das ist ein interessantes Thema.
An der politisch-wirtschaftlichen Lage kann es nicht liegen.

Die Geburtenzahlen sinken erst nach der Kuba-Krise, der letzten wirklichen Weltkrise.
Dann aber eigentlich kontinuierlich.

Zuvor jedoch hat eine Krise die nächste gejagt.
Und was für welche.
Aber es galt das Adenauer-Wort: Kinder kriegen sie immer.


Bunbury hat dieses Thema angerissen,
und ich finde man sollte es mal durchdiskutieren.

Warum ist jenes Adenauer-Wort heute nich mehr wahr?
An was liegts?

Der Pille?
Der Freizeitgesellschaft?
Angst vor der Verantwortung?
Oder an was sonst?

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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24.06.2016, 19:22
Beitrag: #2
RE: Kinder kregen sie immer
Es ist erwiesen, dass die mittlere Kinderzahl bei Migranten, auch bei Muslimen, nach 1-2 Generationen sich nicht mehr von Biodeutschen unterscheidet. Dieses Argument der "besorgten Bürger" ist also Mumpitz.

„Der Horizont der meisten Menschen ist ein Kreis mit dem Radius 0. Und das nennen sie ihren Standpunkt.“ (Albert Einstein)
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24.06.2016, 22:53
Beitrag: #3
RE: Kinder kregen sie immer
Ich werde dazu jetzt kein mit wissenschaftlichen Daten unterlegtes Statement abgeben, und es ist mir völlig egal, wie meine einzelnen Punkte aufgefaßt werden.
Was ich hier jetzt schreibe, ist einfach das, was ich als Erfahrungswerte gesammelt habe. Aus meiner Erfahrung heraus, aber auch aus dem Austausch mit anderen Müttern heraus. Nach 15 Jahren Mutterschaft und dem Status "Alleinerziehend".
Ich würde jeder Frau, die heute in Erwägung zieht, Kinder zu bekommen, dringend nahelegen, sich das sehr, sehr gut zu überlegen.

Sie muss sich erstens fragen, ob sie im Zweifelsfall im Stande ist, ihre Kinder alleine zu erziehen. Nicht nur deshalb, weil der Mann eventuell den Abgang macht- nein, immer mehr Beschäftigungsverhältnisse sind so gestaltet, dass Väter gewissermaßen aus dem Familienleben verschwinden. Gut, das gab es früher auch. Stimmt zwar. Aber dann saß die Mutter oft im Heimatort mit der ganzen Verwandtschaft im Hintergrund, auf die sie im Notfall zählen konnte. Ist heute eben oftmals nicht mehr der Fall.
Gesellschaftliche Unterstützung gibt es kaum noch. Und damit sind nicht unbedingt die staatlichen Stellen gemeint- die wurden ja sogar ausgebaut. Aber wo früher in einem die Nachbarschaft hilfreich zur Seite gesprungen ist, ist jetzt oft nichts mehr. Kein soziales Netz.

Denn Mütter müssen heute arbeiten.
Das ist keine Frage mehr von "Wollen". Sie müssen. Im Jahr 2008 wurde der Scheidungsparagraph geändert. Männer müssen Frauen, die Kinder großziehen, keinen Unterhalt mehr bezahlen. Für die Kinder schon, aber nicht für die Frauen oder allenfalls für eine kurze Übergangszeit. Mütter sollen schließlich arbeiten, die Kinder werden ja betreut.
Hört sich auf dem papier gut an. Wie es gemacht ist, ist es Mist.
Erstens kenne ich keine Frau, die nach einen paar Jahren Kindererziehungszeit in den Beruf zurück wollte und einen halbwegs qualifizierten Job gefunden hat. Und ich kenne verdammt viele.
Die, die qualifiziert weiterarbeiten, sind entweder Lehrer oder diejenigen, die nicht drei jahre zu Hause sitzen, bis das Kind kindergartenreif ist. Es sind diejengien, die sich schnell im Beruf zurückmelden. Ich kenne nur ganz wenige Elternpaare, die es hinbekommen haben, dass beide ihre Arbeitszeit reduziert haben, als das Kind kam, damit immer einer bei dem Kind bleiben konnte.
Wer aber die drei Jahre wegbleibt, ist raus. Wer dann wieder zurück will und nur Teilzeit arbeiten will, bekommt Jobs, für die sie überqualifiziert ist. Am liebsten auf 450 € Basis, ohne Sozialversicherung.
Ich habe ein Diplom, habe trotz Kindern immer ein wenig, halt ganz wenig gearbeitet. Die Jobs, die ich seit meiner Trennung hätte machen können waren: Integrationshelferin für Schulkinder, Ablage in einem kleinen Büro, kurzfristige Beschäftigung bei der Dateneingabe in Verkäuferin in einem Teegeschäft, in einem Schreibwarenladen. Alles auf 450 € Basis. Nein, sagt die Dame vom Arbeitsamt. Ich muss schon bereit sein, Vollzeit zu arbeiten, damit ich etwas anderes bekomme.
Bin ich aber nicht. Und da sind wir bei Punkt zwei. Die Kinder. Kinder werden betreut heißt es so schön. Vergeßt es. Der betreuungsschlüssel ist derartig schlecht, dass die Arbeit, die Mütter am Nachmittag mit ihren Kindern leisten, nicht erledigt wird. Die Kinder weden nicht betreut, sie werden aufbewahrt. Probleme bei den hausaufgaben- eine Betreuerin kann nicht helfen- sie hat 25 Kinder zu betreuen. Und wenn ein Kind mehr Zuwendung braucht, dann hat eine Mutter, die Vollzeit arbeitet, einfach keine Kapazitäten mehr frei.
Und die Mutter wissen das. Sie wissen, dass sie ihr Kind allein lassen müssen, weil sie jetzt gerade zur Arbeit müssen. Dass sie für dieses Problem nicht zur Verfügung stehen, weil sie zur Arbeit müssen. Sie können es sich aber auch nicht leisten, nicht zu gehen. Denn das müssen sie oft genug. Kinder werden krank. Und Kollegen tuscheln "Die kommt schon wieder nicht. Das Kind ist ja schon wieder krank." Und wenn sie dann doch kommt heißt es "Rabenmutter, läßt ihr krankes Kind allein."
Man lebt den ganzen Tag im bewußtsein, irgendetwas falsch zu machen.
Ich kenne viele Mütter, die dann auf den Elternabenden sitzen und von der Schule Dinge erwarten, die für ihre Kinder getan werden müßten. Eignetlich von den Eltern, aber weil die ja arbeiten, muss es jemand anders machen. Und die Schule ist bei 30 Kindern pro Klasse nicht dazu im Stande.
dazu kommt das Ansehen. Wie oft habe ich die Verachtung anderer zu spüren bekommen, wenn ich auf die Frage nach meinem Job geantwortet habe "Ich kümmere mich in erster Linie um die Kinder." Wenn ich dann aber hizugefügt habe, dass ich für meinen Ex die Buchhaltung mache, hatten sie dann wieder Respekt. Dabei ist diese Buchhaltung ein Idiotenjob- der Erziehungsjob hat mir sehr viel mehr abverlangt, gerade in den ersten Jahren nach der Trennung.
Das ist der Job, den ich wirklich gut gemacht habe. Und den ich weiter gut machen werde, die nächsten zwei drei Jahre. Naja, bei dem Kleinen noch ein bißchen mehr.
Und dann? Dann, wenn der Kleine soweit ist, dann bin ich Mitte 50. Die Jungs sind aus dem Haus. Mit Mitte 50 brauche ich dann auch beruflich nicht mehr durchzustarten. Dann wird es eben doch der Job an der Bäckertheke sein, einfach damit ich rauskomme. Zum Glück habe ich noch ein bißchen etwas ererbtes, ansonsten... mich erwarten ungefähr €400,00 monatlicher Rente.
Hätte ich keine Kinder gehabt... ja, ich hätte wohl Karriere gemacht. Ich hätte eine soziale Stellung, Prestige und Ansehen, das ich mir selbst erarbeitet hätte, nicht als Frau von. Ein soziales Umfeld voller Gleichgesinnter. Und das letztere ist das, was mir am meisten fehlt. Nicht die Karriere, nicht das Geld, daraus mache ich mir nicht viel. Aber soziale Faktoren, Anerkennung, Gespräche von Gleich zu gleich.
Als Mutter fehlt das. Ist einfach so.
Soviel erst mal- Ich hätte noch mehr dazu zu sagen, aber das ist ohnehin ziemlich lang.

Nur eines am Ende: Auf eines habe ich nie Lust gehabt. Kinder in die Welt zu setzen, damit sie dann die ganze Zeit fremdbetreut werden. Dann brauche ich keine Kinder...
Aber das ist Politisch und gesellschaftlich nicht mehr gewollt...

Auf dem Grabstein dess Kapitalismus wird stehen: "Zuviel war nicht genug"
Volker Pispers
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24.06.2016, 23:23
Beitrag: #4
RE: Kinder kregen sie immer
Und eines muss jetzt sein, einfach um das klar zu sagen.
Tut es mir leid, dass ich meine Kinder habe?
Nein, natürlich nicht.
Die zwei sind so ziemlich das beste, was mir passiert ist, und ich habe wahnsinnig viel von ihnen gelernt. Ich habe ihnen richtig großartige Momente zu verdanken.

Die ich aber nicht gehabt hätte, wenn ich nicht geerbt hätte. Auch das muss man klar sagen. Dank des Geldes, da mein Vater mir hinterlassen hatte, konnte ich mich, nachdem ihr Vater gegangen ist (das volle Klassische Klischee im übirgen- auf dem Gipfel seines Erfolges gegen ein 20 Jahre jüngeres Nachfolgemodell ausgetauscht), auch darum kümmern, dass sie über die Tatsache hinwegkamen, dass ihr Vater einfach gegangen ist. (Was der Gesetzgeber heute ja sehr leicht macht). Es war eine harte Zeit, mein Großer war in Gefahr, auf die schiefe Bahn zu geraten. Wir haben es hinbekommen, Gott sei Dank. Ohne familiäre Unterstützung, alleine.
Aber manchmal, wenn ich daran zurückdenke, wie es gewesen wäre, wenn ich hätte arbeiten gehen müssen... den Vollzeitjob an der Kasse des Supermarktes machen... Ich hätte es nicht geschafft. Die Kapazitäten hätte ich nicht gehabt. Ich hätte mich nicht richtig um die beiden kümmern können. Und sonst war niemand da.

Von daher...ich habe verdammtes Glück gehabt. Nein, meine Kinder haben verdammtes Glück gehabt.
Aber das hat nicht jeder.
Gerade ist es mit viel Engagement einer Bürgerinitiative abgewendet worden, dass alleinerziehenden Müttern der Hartz IV Satz gekürzt wird, wenn das Kind am Wochenende beim Vater ist... Was sie im übrigen nach dem Willen von Frau Nahles immer sechs Monate im Vorraus hätte angeben müssen...

Und man fragt sich allen ernstes, warum Frauen keine Kinder mehr in die Welt setzen?

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25.06.2016, 09:39
Beitrag: #5
RE: Kinder kregen sie immer
(24.06.2016 18:40)Suebe schrieb:  Warum ist jenes Adenauer-Wort heute nich mehr wahr?
An was liegts?

Der Pille?
Der Freizeitgesellschaft?
Angst vor der Verantwortung?
Oder an was sonst?

Wie das immer so ist, wenn man mit einem Thema schlafen geht, findet sich die Antwort am nächsten Morgen...

Die Pille hat eine Riesenveränderung mit sich gebracht. Davor waren Schwangerschaft und Kinder zwangsläufig. Es passierte einfach, keiner hat darüber nachgedacht, sondern es war einfach Bestandteil des Lebens.

Und dann kam die Pille.
Und plötzlich war es nicht mehr zwangsläufig so, dass Kinder kamen.
Seit der Erfindung der Pille war es eine bewußte Entscheidung für oder gegen Kinder. (Und da, wo es beim ersten keine war, war es in der Regel spätestens beim zweiten so).

Heute fragt man sich- passen Kinder in das Leben, das ich mir vorstelle? Welche Bedingungen herrschen vor, um Kinder groß zu ziehen?

Ich bin intelligent und ein guter Beobachter. Ich habe mich dafür entschieden, für meine Kinder dazu sein, und das hat mich dazu verdonnert, dass meine geistigen Gaben für eine im wirtschaftlichen Sinne produktive Tätigkeit nicht mehr zur Verfügung stehen.
Aber der Geist will beschäftigt sein- und so habe ich genau diese Frage zu meiner Hauptaufgabe gemacht- welche Bedingungen herrschen vor, um Kinder großziehen?
Über 15 Jahre Beobachtungen gemacht, Artikel und Fachbücher gelesen, Diskussionen zu diesem Thema verfolgt. Und immer wieder das, was ich gehört und gelesen habe, mit dem abgeglichen, was ich tatsächlich erlebt habe.

Welche Bedingungen herrschen vor, um Kinder großzuziehen?
Die Antwort lautet: Keine guten.
Die einzelnen Punkte nehme ich mir dann später vor....

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26.06.2016, 10:01
Beitrag: #6
RE: Kinder kregen sie immer
Einer der wichtigsten Punkte, der sich ändern müßte, damit in Deutschland wieder mehr Kinder geboren werden, ist, dass Deutschland endlich kinderfreundlich werden muss.
Allen Beteuerungen zum Trotz, dass Kinder unsere Zukunft seien, und dass sie so wahnsinnig wichtig wären, ist Deutschland ein extrem knderfeindliches Land, in dem kindliche Bedüfnisse immer noch überhaupt keine Rolle spielen.
Kinder werden immer noch in erster Linie als Störenfriede wahrgenommen.

Interessanterweise haben hier alte autoritäre Vorstellungen, von Kindern, die zu funktionieren haben, und feministische Bestrebungen dass die weibliche Selbstbestimmungen sich nicht von Kindern stören lassen dürfte, zu einer unheilvollen Symbiose zusammengefunden- beide eint der Grundgedanke, dass Kinder zwar nötig, aber im Großen und Ganzen doch eher lästig sind.
Das ist der kleinste gemeinsame Nenner höchst unterschiedlicher Denkansätze, die beide zusammen aber die Mehrheit in der Bevölkerung ausmachen...

So, dass lass ich jetzt erst mal wirken...

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26.06.2016, 14:11
Beitrag: #7
RE: Kinder kregen sie immer
Laut einer Studie des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts hat Deutschland die niedrigste Geburtenrate der Welt - noch hinter Japan. Die Wissenschaftler verwendeten eine ungewöhnliche Maßzahl, die aber durchaus sinnvoll ist.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziale...36553.html

Das kann sicher nicht nur an den Gründen liegen, die Bunbury oben genannt hat. In den meisten Ländern sind die wirtschaftlichen Bedingungen für Frau und Kind um ein vielfaches schlechter als in Deutschland - und dennoch ist die Geburtenrate dort weitaus höher.

In einer Umfrage wurden diese Gründe genannt:

1. Kinder kosten (zuviel) Geld (67 Prozent)
2. Wollen lieber frei und unabhängig sein (60 Prozent)
3. Karriere wichtiger als Familiengründung (57 Prozent)
4. Karriere nur schlecht mit Familie vereinbar (54 Prozent)
5. Staatliche Voraussetzungen (zum Beispiel Kita-Plätze) fehlen (45 Prozent)
6. Unsichere Zukunft für die eigenen Kinder (39 Prozent)
7. Der richtige Partner fehlt (39 Prozent)
8. Es ist nie der richtige Zeitpunkt für Nachwuchs (25 Prozent)
9. Kinder sind kein erfüllender Lebensinhalt (20 Prozent)
10. Angst vor Scheidung und Alleinerziehung (18 Prozent)

http://www.t-online.de/eltern/schwangers...inder.html

Es scheint so, als würden Frauen in anderen Ländern trotz solcher Gründe Kinder zur Welt bringen. Anders lässt sich das Problem nicht erklären.
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26.06.2016, 16:33
Beitrag: #8
RE: Kinder kregen sie immer
Dietrich, wie ich sehe, hast du überhaupt nichts von dem verstanden, was ich geschrieben habe.
Aber das ist das Ergebnis einer vollkommen rationalisierten Welt, in der nur das rational begründbare zählt.
Nur sind Kinder eines nicht- rational. Never.


Der wichtigste Punkt hierzulande ist:

Kinder werden als Störenfriede wahrgenommen.

Und genau das ist in anderen Ländern anders.

Und genau dies Wahrnehmung ist es, die dafür sorgt, dass alles andere zum Problem wird...

In anderen Ländern nimmt man Kinder erst gar nicht als Hemmnis für die karriere oder für die Freiheit und Selbstentfaltung wahr. Auch Alleinerziehend bedeutet in anderen Ländern nicht das, was es in Deutschland bedeutet. Aber in anderen Ländern geht man im Gegensatz zu Deutschland davon aus, dass Kinder eine Bereicherung sind- und zwar für alle- und dementsprechend geht man auch mit Eltern anders herum.

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26.06.2016, 16:50
Beitrag: #9
RE: Kinder kregen sie immer
(26.06.2016 16:33)Bunbury schrieb:  Kinder werden als Störenfriede wahrgenommen.

Da kam mir als erstes sowas in den Sinn ...

[Bild: 120901_114650_Bolzplatz_Schild.jpg]

Grundsätzlich ist es z.B. schwer, mit Kindern Wohnraum zu finden.

In Deutschland muß halt alles geregelt sein, sogar ob Kinder Lärm machen dürfen oder nicht ...

Und unter diesen griesgrämigen Leuten, die Kinder nicht mögen, stelle ich mir den durchschnittlichen AfD Wähler vor, welche Ironie, gelle ...

Nie darf man so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken....
Erich Kästner
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26.06.2016, 17:48
Beitrag: #10
RE: Kinder kregen sie immer
(26.06.2016 16:33)Bunbury schrieb:  Dietrich, wie ich sehe, hast du überhaupt nichts von dem verstanden, was ich geschrieben habe.
Aber das ist das Ergebnis einer vollkommen rationalisierten Welt, in der nur das rational begründbare zählt.
Nur sind Kinder eines nicht- rational. Never.


Der wichtigste Punkt hierzulande ist:

Kinder werden als Störenfriede wahrgenommen.

Und genau das ist in anderen Ländern anders.

Und genau dies Wahrnehmung ist es, die dafür sorgt, dass alles andere zum Problem wird...

In anderen Ländern nimmt man Kinder erst gar nicht als Hemmnis für die karriere oder für die Freiheit und Selbstentfaltung wahr. Auch Alleinerziehend bedeutet in anderen Ländern nicht das, was es in Deutschland bedeutet. Aber in anderen Ländern geht man im Gegensatz zu Deutschland davon aus, dass Kinder eine Bereicherung sind- und zwar für alle- und dementsprechend geht man auch mit Eltern anders herum.

@Bunbury: Alles, was du geschrieben hast, ist auch mir nicht neu. Da kenne ich auch so junge Mütter, die der gleichen Meinung sind wie du. Und den Eindruck hab ich auch im Ausland gewonnen, das dort Frauen bzw. Familien mit Kindern aus einem anderen Blickwinkel betrachtet werden als hier in DE. Ich habe erlebt, dass Familien sehr arm waren; aber Kinder seien das ganze Familienglück!

@: Flora: Auch wir wohnen hier in einem Stadtviertel, wo diese Ruhepausen (gleiche Zeiten wie auf deinem Bild) eingehalten werden müssen. Man sieht hier in den Ruhezeiten keine lärmenden, spielenden Kinder auf der Straße...

Einem Haus eine Bibliothek hinzuzufügen heißt, dem Haus eine Seele zu geben.

Marcus Tullius Cicero
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11.09.2016, 08:29
Beitrag: #11
RE: Kinder kregen sie immer
Ich habe eine kleine Geschichte zum Thema, die vielleicht verdeutlich, warum sich Frauen mit dem Kinder bekommen immer schwerer tun.

Einer der wenigen Jobs, bei dem sich Kinder und Beruf gut miteinander vereinbaren lassen, ist der Beruf des Lehrers. Und so ergab es sich in der fünften Klasse meines Sohnes, dass seine heißgeliebte Mathelehrerin schwanger wurde.
Als Ersatz kam eine Lehrerin, die vom Gymnasium der nachbarstadt abgeordnet gewesen war- und jeder, der sich ein bißchen damit auskennt, weiß, dass, wenn eine Schule einen Mathelehrer zu viel hat und ihn an die andere Schule abgeben muss, die Schule den Lehrer schickt, den sie gerne loswerden möchte.
Dementprechend groß waren die Probleme, die die ganze Klasse mit dieser Mathelehrerin hatte.
Ja, es war verdammt anstrenged, jeden Montag und Dienstag nach der Schule einen Sohn zu Hause zu haben, der vor Wut gekocht hat, seinen ranzen in die Ecke gefeuert hat, nie mehr zur Schule gehen wollte und überhaupt nicht mehr im Stande war, sich auf Mathe zu konzentrieren. Aber ich war da. Ich habe ihn getröstet, habe mit ihm geredet und alles, was so nötig war. Nach ein paar Wochen mochte er seine Mathelehrerin zwar nicht lieber, aber er war im Stande, sich auf das Fach zu konzentrieren.
Ganz anders bei einigen seiner Klassenkameraden. Ein Mädchen greife ich besonders heraus, weil ihre Mutter die Anführerin der Fraktion "Die Lehrerin muss weg" war. Die Mutter arbeitete, und jeden Nachmittag um halb zwei klingelte auf der Arbeit das Telefon. Das Mädchen heulte und war verzweifelt. Gut, das erste Mal ist die Mutter früher gegangen, um sich um die Tochter zu kümmern. Aber schon am nächsten Tag meinte die Kollegin "Wie, heult sie schon wieder? Ich dachte, das hättest du in Ordnung gebracht, du bist ja schließlich früher gegangen." Je häufiger die Anrufe wurden, umso schlimmer wurden die Kommentare, auch der Chef ließ sein Mißfallen durchblicken. Mit dem Resultat, dass die Mutter immer gestresster wurde, je öfter die Tochter anrief. Für sie gab es nur eine Möglichkeit- die Lehrerin muss weg.
Nun, das hat sie geschafft.
Aber wie wäre es gewesen, wenn die Kollegen nicht die Einstellung gehabt hätten "Warum darf die gehen? Nur weil sie Kinder hat? Das sehe ich überhaupt nicht ein, dass sie deswegen irgendwelche Privilegien genießt." Und wie wäre es gewesen, wenn sie zu ihrem Chef hätte gehen können "Kann ich die nächsten zwei, drei Wochen an den beiden Tagen früher gehen- es gibt da Schwierigkeiten?" Und der Chef hätte einfach gesagt "Ja klar, wir finden schon eine Möglichkeit, kümmern Sie sich mal um ihre Tochter."
Das wäre die Art von Kinderfreundlichkeit, die wir dringend bräuchten.

Kommt noch etwas dazu.
Mein Sohn hat gelernt, mit jemandem auszukommen, den er nicht mag. Und er hat gelernt, dass er sich aufs wesentliche konzentrieren muss.
Ihre Tochter hat gelernt, dass unbequeme Menschen aus dem Weg geräumt werden müssen. Und dass Mama sich darum kümmert.

So schaffen wir die Gesellschaft, in der wir morgen leben....

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11.09.2016, 12:00
Beitrag: #12
RE: Kinder kregen sie immer
Wenn eine gute und wie Du schreibst heißgeliebte Mathelehrerin geht und ersetzt werden muss, wird es für die Nachfolgerin oder den Nachfolger sehr schwer. Auch eine bessere Lehrerin hätte Probleme gehabt. Die Frage ist, warum die neue Lehrerin als schlecht empfunden wurde. War sie zu streng? Hatte sie zu hohe Ansprüche? Konnte sie nicht erklären? Bevorzugte sie einige Schüler? Oder behandelte sie die Klasse von oben herab, mit einem meist sarkastischen oder zynischen, auf alle Fälle beleidigenden Unterton?

Ich denke, dass Du richtig gehandelt, denn Kinder werden in ihrem späteren Leben Vorgesetzte oder Kollegen begegnen, die ähnlich ticken wie die neue Lehrerin. Mit diesen Leuten muss man aber klar kommen und das kann nicht früh genug gelernt werden. Über die andere Mutter kann man nur den Kopf schütteln, sie hat ihrer Tochter keinen Dienst erwiesen. Meines Erachtens ist es auch nicht richtig, dass die Tochter wegen solchen Nichtigkeiten bei ihr im Büro anruft. Solchen privaten Kram müssen weder der Chef noch die Kollegen wissen. Die Mutter hätte ihre Tochter dazu erziehen müssen, entweder erst nach Feierabend oder während ihrer nicht im Büro verbrachter Pausenzeit anzurufen.

"Geschichte erleuchtet den Verstand, veredelt das Herz, spornt den Willen und lenkt ihn auf höhere Ziele." Cicero
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11.09.2016, 17:49
Beitrag: #13
RE: Kinder kregen sie immer
(11.09.2016 12:00)Sansavoir schrieb:  Meines Erachtens ist es auch nicht richtig, dass die Tochter wegen solchen Nichtigkeiten bei ihr im Büro anruft. Solchen privaten Kram müssen weder der Chef noch die Kollegen wissen. Die Mutter hätte ihre Tochter dazu erziehen müssen, entweder erst nach Feierabend oder während ihrer nicht im Büro verbrachter Pausenzeit anzurufen.

Danke für das Kompliment, aber so richtig freuen kann ich mich darüber nicht.
An wen soll sich ein Kind bitte wenden, wenn es mit etwas nicht fertig wird, wenn es nicht einmal seine Mutter anrufen darf?

Für das Kind war es keine Nichtigkeit. Für die Erwachsenen vielleicht, aber nicht für das Kind.
In einer kinderfreundlichen Umgebung bekommt ein Kind nicht gesagt "Belästige mich in meinen wichtigen Angelegenheiten nicht mit deinen Nichtigkeiten." In einer kinderfreundlichen Umgebung bekommt eine Mutter die Unterstützung, die sie braucht, um ihr Kind richtig zu erziehen. Und nicht den Druck, versagt zu haben, weil sie es noch nicht perfekt erzogen hat und zuläßt, dass es stört....

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12.09.2016, 08:41
Beitrag: #14
RE: Kinder kregen sie immer
Ich merke schon: Es hat sich viel verändert seit den 80ern. Damals bestanden Elternabende aus Klagereden der Lehrer bezüglich des Verhaltens der Schüler und anschließenden Gardinenpredigten zu Hause. Schlechte Noten? Die Schüler sind faul, faul und natürlich faul und sollte das nicht stimmen, dann sind sie eben dumm und müssen runter vom Gymnasium.
Lehrer, die sich bei den Schülern einschmeichelten (Kumpeltyp, schlechtestmögliche Note eine 4 plus) wurden von den guten Schülern verachtet, die das Leistungsprinzip verrinnerlicht hatten.

An meiner Schule gab es den Fall, dass ein Vater sich sehr nachdrücklich über die schlechten Noten seines Sohnes beschwerte - wenig später war der Schüler auf einer anderen Schule. Das war damals so außergewöhnlich, dass man noch 10 Jahre später von Lehrern auf den Vorfall angesprochen wurde, weil man den gleichen Nachnamen hatte.

Die Lehrer sind heute nicht zu beneiden, auf den Umgang mit Helikoptereltern ist niemand scharf. Eltern sollten doch wissen, dass Lehrer eine lange Ausbildung und Prüfungen hinter sich haben, sich an Lehrpläne zu halten haben. Das wird gemacht, das Eltern eben nicht ständig sich einzumischen brauchen.

"Es gibt nur eine Sache die größer ist als die Liebe zur Freiheit: Der Hass auf die Person, die sie dir weg nimmt."(Che Guevara)
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12.09.2016, 09:57
Beitrag: #15
RE: Kinder kregen sie immer
(12.09.2016 08:41)Triton schrieb:  Die Lehrer sind heute nicht zu beneiden, auf den Umgang mit Helikoptereltern ist niemand scharf. Eltern sollten doch wissen, dass Lehrer eine lange Ausbildung und Prüfungen hinter sich haben, sich an Lehrpläne zu halten haben. Das wird gemacht, das Eltern eben nicht ständig sich einzumischen brauchen.

Sagen wir es mal so- ich saß mit 18 Klassenkameraden in einer Klasse, siebte bis zehnte. War vielleicht ein Glücksfall, aber die Parallelklasse hatte auch nur 23 Kinder. Fünf bis Sechs Stunden am Vormittag. Wir sind nach der schule zum Mittagessen nach Hause gegangen, und bei 15 von 19 Kindern war die Mutter zu Hause und hat sich, zugegebenermaßen nicht immer richtig,angehört, was die Kinder zu sagen hatten. Nach einer Stunde Hausaufgaben ging es runter auf die Straße, mit anderen spielen. Die Lehrer haben von den Eltern erwartet, dass sie sich um bestimmte Dinge zu kümmern haben- und die Eltern haben es getan.

Heute sind 30 Kinder in einer Klasse. G8, Unterricht drei mal die Woche bis 16.00 Uhr. Wenig Möglichkeiten, sich nachmittags noch auszutoben. Spätestens nach der Grundschule wird von den Kindern absolute Selbstständigkeit verlangt. Zu der sie in dem Maße alleine mit 10 noch gar nicht fähig sind. Die Eltern sollen gar nichts machen, sollen sich raushalten. Aber wenn ich an die fünfte Klasse meines Sohnes zurückdenke- es waren die drei Kinder, deren Eltern nichts machen konnten, die am Ende der Klasse sitzengeblieben sind. Alle anderen haben irgendwann festgestellt- he moment, die Kinder packen das nicht alleine. Und damit meine ich nicht den Schulstoff, sondern sich zu organisieren. Das schaffen sie nicht.
Die Eltern haben das Versprechen, dass sie sich um nichts kümmern brauchen. Und stellen dann fest, dass ihr Kind auf der Strecke bleibt, wenn sie sich daran halten. Es heißt, dass G8 der Garant dafür ist, dass auch die Mütter arbeiten gehen können. Aber die Kinder schaffen G8 nicht alleine.
Mit dem Stress, der dadurch entsteht, werden die Familien aber alleine gelassen.

Und dann heißt es so lapidar "Jaja, die Eltern haben es falsch gemacht"
Wenn das Kind nicht funktioniert, dann haben es die Eltern vermasselt. Ist ja schön einfach....

(Wer übrigens gesehen hat, dass die Kinder das nicht schaffen, waren die Lehrer. Es waren die Lehrer unserer Schule, die entgegen dem Willen der politischen Führung darauf drängten, zu G9 zurückzukehren.)

Die Vergleiche mit "Früher" sind völlig daneben. Weil die Welt nicht wie früher funktioniert. Weil wir heute auf Leistung, auf Optimierung getrimmt werden....

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12.09.2016, 11:33
Beitrag: #16
RE: Kinder kregen sie immer
Ja das stimmt, früher war Vieles anders. Ich hatte 35 Unterrichtsstunden in der Oberstufe und samstags war auch Unterricht.

Zumindest für die 80er kann ich behaupten, dass es damals an den Schulen auch auf Leistung ankam und zum Beispiel Nachhilfe völlig unüblich war. Nachmittagsunterricht ganz normal.
Wer schlechte Noten hatte, der war eben selbst schuld.

Es gab zumindest in BaWü einen Bildungsreform unter dem ungeliebten Ex VfB-Präsident Mayer-Vorfelder, die das Abitur erheblich erschwerte. Ich zum Beispiel hatte beinahe doppelt so viele Fächer wie Verwandte 6 oder 7 Jahre vorher, die praktisch alle unbequemen Fächer loswerden konnten. Mit entsprechend hoher Stundenzahl. Beim G8 wurden Lehrpläne entrümpelt und das Pensum wirklich nur leicht erhöht. Eine andere Frage ist, ob es generell so gut ist, wenn junge Menschen heute ohne die früheren Reifeprozesse (auch Bundeswehr, Zivildienst) ins Berufsleben einsteigen. Hier bin ich der Meinung: Nein!

Der Hauptunterschied dürfte doch eher durch das Smartphone/Handy gekommen sein, die Menschen daran gewöhnt, alles nur noch nachzuschauen statt selbst etwas herauszufinden. Das ist praktisch und wir Erwachsene machen es genauso. Aber ob das langfristig so gut ist, bezweifle ich mal. Das merke ich schon bei mir selber.

Wenn ich heute jemand frage, wie er an einen bestimmten Ort gefahren ist, dann kommt nur Achselzucken. "Das Navi...."

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12.09.2016, 12:25
Beitrag: #17
RE: Kinder kregen sie immer
Entschuldige, dass ich dich hier gerade noch mal zitiere, aber manchmal braucht es etwas, bis die besten Antworten kommen. Genau dazu habe ich nämlich auch eine Geschichte....

(12.09.2016 08:41)Triton schrieb:  Die Lehrer sind heute nicht zu beneiden, auf den Umgang mit Helikoptereltern ist niemand scharf. Eltern sollten doch wissen, dass Lehrer eine lange Ausbildung und Prüfungen hinter sich haben, sich an Lehrpläne zu halten haben. Das wird gemacht, das Eltern eben nicht ständig sich einzumischen brauchen.

Mein älterer Sohn hatte eine ziemlich gute Grundchullehrerin, die sich aufgrund ihres Alters und ihrer Erfahrung über den einen oder anderen pädagogischen Ansatz hinweggesetzt hat- was ihr durchaus Kritik von einigen Eltern eingebracht hat. Aber um die geht es gar nicht.

Es geht um meinen jüngeren Sohn. Als der an der Grundschule eingeschult wurde, bekam er eine sehr sympathische Klassenlehrerin, die uns gleich ihr Konzept in Bezug auf die Selbstständigkeit der Kinder erklärte. Sie bat uns ausdrücklich, uns nicht in die Hausaufgaben der Kinder einzumischen, es sei denn sie fordere uns eindrücklich dazu auf.
Eingedenk der guten Erfahrungen mit der Klassenlehrerin meines älteren Sohnes war ich also auch voller Vertrauen. Dazu kam, dass an Sylvester seines ersten Schuljahres, der Vater die Familie verließ. Der Kleine kam damit besser zurecht als der Große- und von daher war ich ganz froh, dass ich mich um den Kleinen schulisch nicht zu kümmern brauchte.
Ende der dritten Klasse war ich dann aber doch beunruhigt wegen seiner schlechten Rechtschreibung. Er hatte gelernt, so zu schreiben, wie man sprach, also bsp. "Vata" statt Vater. Nach und nach wurden jetzt die Regeln geübt- und bei den Übungen ging es auch- aber im freien Schreiben war die Rechtschreibung katastrophal. Die Lehrerin beruhigte mich. Das wäre normal, er wäre ja clever, das würde schon noch kommen. Ich solle ihn nur machen lassen. Nein, da wäre nichts, worüber ich mir Gedanken machen müsse- das käme von allein.

Es kam nicht. Er kam in die fünfte Klasse und schrieb Aufsätze. Inhalt 1, Stil 1, Rechtschreibung 5. Je nachdem, welche Gewichtung die Rechtschreibung hatte, war die Gesamtnote eine 2 Minus oder eine 3. Extrem frustrierend für ihn. Er wollte sich dann unbedingt in der Rechtschreibung verbessern, weil er sich nicht ständig von der Rechtschreibung seine gute Note versauen lassen wollte. Zumal diese Drohung ja auch für später in der Luft hing- in der Oberstufe spätestens wird hervorragende Rechtschreibung verlangt, ansonsten fallen die Noten eben schlechter aus. (Und von der Mutter seines besten Freundes, der an ein christliches privates Gymnasium gewechselt hatte, erfuhr ich dann, dass die komplette 5. Klasse dort in den Deutsch Förderunterricht gesteckt wurde....) Die Deutschlehrerin, die übrigens absolut klasse war, konnte aber jetzt nicht mit mit der Klasse (bei der viele Probleme hatten) die rechtschreibung üben- aber wenigstens hat sie mir gesagt, was ich machen sollte.... Und ich bin Gott sei Dank in einer Position, dass ich Zeit dafür habe...
Kurze Zeit später fing mein Sohn an, über starke Schmerzen im rechten Arm zu klagen. Insbesondere nach langem Schreiben.
Ich ging mit ihm also zum Kinderarzt- und die behandelnde (Assistenzärztin) stellte fest, dass er den Stift nicht richtig hielt. Und pflaumte mich an, warum ich nicht früher gekommen wäre, jetzt wäre es ja ein bißchen spät, üblicherweise würde man sich darum ja im Grundschulalter kümmern.

Also wieder mal alles falsch gemacht....

Wir haben also Ergotherapie gemacht- und tatsächlich besserte sich auch dadurch die Rechtschreibung. Die üben wir jetzt zusätzlich.

Fühle ich mich schuldig, weil ich der Lehrerin damals einfach geglaubt habe, dass es das beste für mein Kind wäre, wenn ich es alleine machen lassen würde?
Ja, tue ich. Ich hätte ihm und mir viel Ärger erspart, wenn ich mich eben doch eingemischt hätte. Der Lehrerin werfe ich das im übrigen nicht vor- sie war klasse und hat in anderer Beziehung viel für meinen Sohn getan. Aber das Konzept wird von der Grundschule immer noch unterrichtet. Auch wenn die Schüler auf der weiterführenden Schule damit Probleme haben.
Aber immerhin hält das den Absatz von Rechtschreiblernheften für die fünfte und sechste Klasse hoch, die man bei der Buchhändlerin vor Ort nicht einmal bestellen muss. Sie hat davon immer einer Stapel vorrätig....

Ich glaube an die Lehrer, wirklich. Die sind ja schließlich auch frustriert. Weil im Ministerium Dinge beschlossen werden, die für die Kinder nicht gut sind. Weil es dort nur da Ziel gibt, dass die Kinder immer früher immer mehr leisten müssen... Eltern und Lehrer müssen es ausbaden...

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12.09.2016, 12:42
Beitrag: #18
RE: Kinder kregen sie immer
(12.09.2016 11:33)Triton schrieb:  Ja das stimmt, früher war Vieles anders. Ich hatte 35 Unterrichtsstunden in der Oberstufe und samstags war auch Unterricht.

Zumindest für die 80er kann ich behaupten, dass es damals an den Schulen auch auf Leistung ankam und zum Beispiel Nachhilfe völlig unüblich war. Nachmittagsunterricht ganz normal.

Ich hatte in der Oberstufe auch Nachmittagsunterricht. Ja, das war normal. Aber nicht in der 5. und 6. Klasse. Da hatten wir nachmittags frei.


(12.09.2016 11:33)Triton schrieb:  Es gab zumindest in BaWü einen Bildungsreform unter dem ungeliebten Ex VfB-Präsident Mayer-Vorfelder, die das Abitur erheblich erschwerte. Ich zum Beispiel hatte beinahe doppelt so viele Fächer wie Verwandte 6 oder 7 Jahre vorher, die praktisch alle unbequemen Fächer loswerden konnten. Mit entsprechend hoher Stundenzahl. Beim G8 wurden Lehrpläne entrümpelt und das Pensum wirklich nur leicht erhöht.

Das mit dem Entrümpeln halte ich für ein Gerücht. Ich habe den Vergleich zwischen einem G8 und einem G9 Sohn. Der G8 hat nicht weniger lernen müssen- er hatte dafür nur sehr viel weniger Zeit.
Erschwerend kommt hinzu, dass die Lehrpläne den Kindern heute Dinge abverlangen, die sie mit ihrer geistigen Reife nicht leisten können.

So hatten meine Kinder in der Grundschule ein Mathematiklehrwerk, das auf dem Ansatz basierte, dass Kinder aus ihren Fehlern lernen sollten. Im Mathelehrwerk für 6- 10 jährige.
Neurobiologische Untersuchungen haben aber schon längst bewiesen, dass Kinder erst etwa im Alter von 11 die Fähigkeiten entwickeln, aus Fehlern zu lernen. Vorher lernen sie für das Wohlwollen der Eltern und Lehrer... Fehler wirken demotivierend... Wie seltsam, dass recht viele Kinder jetzt keinen Bock mehr auf Mathe haben....

In der dritten, manchmal schon in der zweiten Klasse mußten die Kinder alle Bundesländer auswendig lernen. Dabei sind sie in dem Alter nicht einmal im Stande, das Konzept der "grenze" zu verstehen. Nicht einmal zu einem fremden Land, geschweige denn zu dem noch viel willkürlicheren Beispiel der Bundeslandgrenze. Ja, gelernt haben sie die 16 Namen, aber keiner hat begriffen, was es war. Das kam irgendwann automatisch, ein Jahr später.

Aber wir lassen den Kindern ja keine Zeit mehr. Sie müssen Leistung zeigen. Immer früher, immer schneller.

In Großbritannien werden Kinder mit 4 1/2 eingeschult- und mit 4 1/2 Jahren lernen sie Buchstaben.
Lesen können sie dann in der dritten Klasse. Wenn sie 61/2 bis sieben sind. Also genau in dem Alter, in dem es die deutschen Kinder lernen. Die zwei Jahre später anfangen.
Es gibt einfach Dinge, die man nicht beschleunigen kann. Chris hatte da mal ein schönes Beispiel mit Erörterungen und den Schültern in der Mittelstufe.


(12.09.2016 11:33)Triton schrieb:  Eine andere Frage ist, ob es generell so gut ist, wenn junge Menschen heute ohne die früheren Reifeprozesse (auch Bundeswehr, Zivildienst) ins Berufsleben einsteigen. Hier bin ich der Meinung: Nein!

Volle Zustimmung.Wobei ich als Mädchen weder das eine noch das andere gemacht habe- aber ich hatte ja ohnehin ein Jahr mehr Zeit...

(12.09.2016 11:33)Triton schrieb:  Der Hauptunterschied dürfte doch eher durch das Smartphone/Handy gekommen sein, die Menschen daran gewöhnt, alles nur noch nachzuschauen statt selbst etwas herauszufinden. Das ist praktisch und wir Erwachsene machen es genauso. Aber ob das langfristig so gut ist, bezweifle ich mal. Das merke ich schon bei mir selber.

Wenn ich heute jemand frage, wie er an einen bestimmten Ort gefahren ist, dann kommt nur Achselzucken. "Das Navi...."

Auch hier wirst du von mir keinen Widerspruch bekommen. Wobei ich der meinung bin, dass das Smartphone ein Symptom ist und nicht die Ursache. Das Handy steht genauso für "immer schneller, immer besser, immer weiter" wie die immer ausgefeilteren Lehrpläne...

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12.09.2016, 13:01
Beitrag: #19
RE: Kinder kregen sie immer
Achso, noch etwas.

Mein Großer ist inzwischen in der Oberstufe. Das, was er in der Mittelstufe gemacht hat, hatte ich z.T. nicht mal in der Oberstufe. In der achten Klasse Adam Smith diskutieren... Das habe ich erst im Studium gemacht... Wahrscheinlichkeitsrechnung kam in der siebten, das hatte ich im jahr vorm Abi. Und in der achten eine Bewerbung auf Englisch und eine auf Französisch geschrieben habe ich damals auch nicht (Gut zugegeben, ich hatte Latein. Von daher zählt Französisch nicht....)

Nur mal so zum Vergleich von wegen "früher"...

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12.09.2016, 17:33
Beitrag: #20
RE: Kinder kregen sie immer
"Früher" wurden in den Fremdsprachen oft Klassiker der Weltliteratur durchgekaut und dann wurde der fehlende Praxisbezug und das unnötig hohe Niveau, das niemand im Alltag brauche, bekrittelt.
You can't please everybody.

Wenn man mit Menschen aus der freien Wirtschaft redet, wird wohl kaum einer behaupten, dass die heutigen Abiturienten fähiger für das Berufsleben als früher sind. Das passt nicht zu den steigenden Ansprüchen.

Den Sinn des kürzeren Gymnasiums habe ich zwar verstanden (Geld sparen, schneller in den Beruf) aber es ist doch schade, die eigentlich auch lehrreiche und für die Sozialkompetenz wichtige Lebensphase nur materiellen Kriterien zu unterwerfen. Übrigens war auch die Bundeswehr eine wichtige Erfahrung, für Abiturienten zuerst natürlich ein Schock aber man lernte schnell, dass Pflichterfüllung zum Leben dazugehört und nicht immer ein Zuckerschlecken ist. Und ich persönlich habe dort auch die Kameraden mit Lehrberufen zu schätzen gelernt, die genauso talentiert waren wie man selbst, nur auf anderem Gebiet.

Der Wegfall des Samstags bedingt nun einmal mehr Nachmittagsunterricht. Ganz normal. Hätte ich als Schüler klar vorgezogen.

"Es gibt nur eine Sache die größer ist als die Liebe zur Freiheit: Der Hass auf die Person, die sie dir weg nimmt."(Che Guevara)
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