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Kultur im Mittelalter/Völkerwanderung
03.12.2016, 12:38
Beitrag: #1
Kultur im Mittelalter/Völkerwanderung
In vielen Artikeln kann man lesen, das es im heutigen Deutschland einen kulturellen Rückschlag in der kulturellen Entwicklung gegeben hätte, welcher durch die Völkerwanderung ausgelöst worden sei.

Die Einwohnerzahl der größten Stadt nördlich der Alpen hielt sich in der Völkerwanderungszeit einigermaßen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Einwohnere..._von_Trier

Köln halbierte seine Einwohnerzahl von 30000 auf 15000 Einwohner. Es gab also in dieser dicht besiedelten Region einen Bevölkerungsrückgang z.B. durch Krieg und Abwanderung nach Gallien. Die Handwerke erhielten sich aber. So wurden in Köln und Trier und möglicherweise auch im Taunus weiter Glas hergestellt, welches im römisch-germanischen Museum zu bestaunen ist.

In den Städten an der Lahn ist kein Bevölkerungsrückgang o. kriegerische Phasen zu erkennen. Diese Region schloss sich wohl friedlich dem Frankenreich an und prosperierte eher. Der Bedarf an Eisenprodukten wuchs stetig und wurde in dieser Montanregion zwischen Sieg und Lahn hergestellt.
Die nördlichen germanischen Regionen entwickelten sich durch Einflüsse aus dem Frankenreich und dem Thüringerreich immer mehr und beeinflußten dann auch die Ostelbischen Gebiete. Unter dem Strich gab es in Deutschland eine positive kulturelle Entwicklung.

viele Grüße

Paul

aus dem hessischen Tal der Loganaha (Lahn)
in der Nähe von Wetflaria (Wetzlar) und der ehemaligen Dünsbergstadt
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03.12.2016, 14:56
Beitrag: #2
RE: Kultur im Mittelalter/Völkerwanderung
(03.12.2016 12:38)Paul schrieb:  In vielen Artikeln kann man lesen, das es im heutigen Deutschland einen kulturellen Rückschlag in der kulturellen Entwicklung gegeben hätte, welcher durch die Völkerwanderung ausgelöst worden sei.

Natürlich gab es einen Rückschlag nach dem Untergang Westroms und zwar im römischen Germanien links des Rheins und südlich der Donau.

Gut belegt ist die Besetzung und teilweise Zerstörung linksrheinischer Städte wie Köln, Mainz oder Trier durch fränkische Raub- und Plünderungszüge. Die gesamte römische Infrastrukzur brach zusammen oder wurde verwüstet: römische Verwaltungsgebäude, Wohnbauten, Straßen, Brücken, Kastelle und Legionslager.

Die Germanen siedelten zunächst außerhalb der Römerstädte und begannen erst langsam die alten römischen Stadtkerne zu bevölkern. Doch längst nicht immer gab es eine derartige Siedlungskontinuität. Manche Römerorte verschwanden auch endgültig von der Bildfläche.

Das ganze Geschehen beruhigte sich erst im 6./7. Jh. Südlich der Doanu entstand das Herzogtum der Agilolfinger, die vormals römischen Gebiete westlich des Rheins wurden fest in das entstehende Frankenreich eingebunden, das nach den Römern neue staatliche Strukturen aufbaute.
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03.12.2016, 17:28
Beitrag: #3
RE: Kultur im Mittelalter/Völkerwanderung
Zwischen der anriken Stadtmauer und dem Hafen entstand in der Spätantike eine Handwerkersiedlung/Gewerbegebiet. Dort wurde z.B. auf hohem Niveau kontinuierlich Glas und vieles andere produziert.

http://www.spp-haefen.de/de/die-projekte...r-glaeser/

viele Grüße

Paul

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03.12.2016, 19:43
Beitrag: #4
RE: Kultur im Mittelalter/Völkerwanderung
(03.12.2016 17:28)Paul schrieb:  Zwischen der anriken Stadtmauer und dem Hafen entstand in der Spätantike eine Handwerkersiedlung/Gewerbegebiet. Dort wurde z.B. auf hohem Niveau kontinuierlich Glas und vieles andere produziert.

http://www.spp-haefen.de/de/die-projekte...r-glaeser/

Natürlich bestanden Städte wie Mainz, Köln oder Trier fort. Aber der gewaltige Kulturbruch zwischen dem spätkaiserlichen römischen Rheinland und dem frühmittelalterlichen fränkisch-germanischem Umbruch ist offensichtlich.

Es gab überall einen Wechsel der Bevölkerung, denn die römischen oder romanisierten Bewohner verschwanden in großer Zahl und wichen einer neuen fränkischen Siedlerschaft. Andere romanisierte Guppen aus unteren Ständen blieben und verschmolzen mit den Franken. Es gab also einen großen Schmelztiegel der eines nicht mehr enthielt: römische Kultur und Zivilisation. Die waren nur noch fragmentarisch vorhanden.
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03.12.2016, 20:16
Beitrag: #5
RE: Kultur im Mittelalter/Völkerwanderung
Es gab alles weiterhin. Es wurden weiter Häuser gebaut - nunmehr mit Steinsockel o. ganz aus Stein, Tonwaren u. Glas hergestellt, Textilien aller Art, Schiffe, Eisenprodukte. Die Landwirtschaft behielt ihre Fruchtwechselwirtschaft bei und nahm dabei viele römische Anregungen auf. So breitete sich der Weinanbau aus. Die Fruchtwechselwirtschaft breitete sich unter dem Begriff Dreifelderwirtschaft aus. Mühlen wurden weiter betrieben. Der Deichbau entwickelte sich.

Es wurde etwas weniger geschrieben. Es wurden möglicherweise weniger Feigen angepflanzt. Dafür wurden immer mehr Kulturäpfel, Birnen und Zwetschgen angepflanzt.

Bei uns fanden Archäologen die erhaltenen Fundamente alter Kirchen, die als Fachwerkhäuser auf Steinfundamenten gebaut wurden, also nicht mehr als reine Holzhäuser u. nicht mehr als offne Freiluftgebetshaine.

viele Grüße

Paul

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04.12.2016, 14:49
Beitrag: #6
RE: Kultur im Mittelalter/Völkerwanderung
(03.12.2016 19:43)Dietrich schrieb:  Es gab überall einen Wechsel der Bevölkerung, denn die römischen oder romanisierten Bewohner verschwanden in großer Zahl und wichen einer neuen fränkischen Siedlerschaft. Andere romanisierte Guppen aus unteren Ständen blieben und verschmolzen mit den Franken. Es gab also einen großen Schmelztiegel der eines nicht mehr enthielt: römische Kultur und Zivilisation. Die waren nur noch fragmentarisch vorhanden.


Es ist halt so, dass die "romanisierten Bewohner" die in großer Zahl "verschwanden" seit langem allüberall im römischen Machtbereich gesucht werden.
Leider bis heute vergeblich.

Ich will also mal die These wagen: Die "romanisierte Bevölkerung" nahmen recht schnell das erstaunlich erfolgreiche "germanische Kulturmodell" an.
Übernahmen es so vollständig, dass die Archäologie bis heute gewisse Probleme hat diese ehemals Romanisierten aufzufinden.

Was ich mit folgendem Untermauern kann:
Es ist keineswegs so, dass die Archäologie bei ihrem Bemühen erfolglos geblieben wäre, in den letzten Jahrzehnten gab es an allerlei Plätzen den Nachweis eines Weiterbestehens Vorgermanischer Siedlungen.
2.
Im allgemeinen werden Bestattungen "Romanisierter" durch die Sitte identifiziert, ihnen römische Kleinmünzen mit ins Grab zu geben. Diese Sitte wurde aber schon deutlich vorher aufgegeben, mangels Kleingeld! Auch in römisch Italien!
3.
Seit langem schon gibt es Spekulationen, dass die römische Herrschaft rechtsrheinisch nach Aufhebung des Limes weiterbestand, auf anderer Basis.
Inzwischen wurde auf dem "Runden Berg" bei Urach eine Allemannen-Festung identifiziert, die offensichtlich, vermutlich mit anderen ähnlichen Befestigungen, die Vorfeldsicherung für die Römer übernahm.
4.
Ein weiters Kriterium ist der Steinbau. Aber auch dieser endet in der "kritischen Zeit" auch in Gallien.

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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04.12.2016, 15:27
Beitrag: #7
RE: Kultur im Mittelalter/Völkerwanderung
Sicherlich gibt es Berichte, das unter Odoaker Römer sich nach Italien zurückzogen. Ein Teil der Römer und Romanisierten aus verschiedenen Ethnien blieben. Es blieb vor allem auch die Germanische Bevölkerung dieser Gebiete, die teilweise romanisiert war und sich schon in römischer Zeit ansiedelten.
In den linksrheinischen Gebieten dominierte die germanische Bevölkerung schon vor der "Frankeneroberung".
Die linksrheinischen Sugambrer gehörten sogar zum Kern der Franken, aber auch die Ubier und germanisierten Keltischstämmigen z.B. Treverer und die Reste der Eburonen wurden in den Franken integriert. Wahrscheinlich siedelte sich ein Teil der linksrheinischen Bevölkerung mit den anderen Franken auch in Gallien nördlich der Saale an, einem Gebiet in welchem der Anteil der germanischen Einwanderer sehr hoch war.

viele Grüße

Paul

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04.12.2016, 19:44
Beitrag: #8
RE: Kultur im Mittelalter/Völkerwanderung
(03.12.2016 20:16)Paul schrieb:  Es gab alles weiterhin. Es wurden weiter Häuser gebaut - nunmehr mit Steinsockel o. ganz aus Stein, Tonwaren u. Glas hergestellt, Textilien aller Art, Schiffe, Eisenprodukte. Die Landwirtschaft behielt ihre Fruchtwechselwirtschaft bei und nahm dabei viele römische Anregungen auf.

Du kannst überall nachlesen, dass Köln und andere Städte im römischen Germanien im 4. und 5. Jh. schwere Zerstörungen erlitten.

"Nach dem Tod des Silvanus brachen Franken, Alemannen und Sachsen in breiter Front in Gallien ein und richteten schwere Verwüstungen an. Köln fiel nach zweimonatiger Belagerung den Feinden in die Hände und wurde nach zeitgenössischen Quellen mit Ausnahme eines Turmes zerstört ... 456 unternahm der Feldherr Ägidius einen letzten Versuch, Köln gegen die Franken zu verteidigen; die Kämpfe spielten sich bereits innerhalb der Stadt ab und hinterließen eine zerstörte Römerstadt."
(Handbuch der historischen Städten Deutschlands, Bd. 3 Nordrhein- Westfalen, S. 408)

(03.12.2016 20:16)Paul schrieb:  So breitete sich der Weinanbau aus. Die Fruchtwechselwirtschaft breitete sich unter dem Begriff Dreifelderwirtschaft aus. Mühlen wurden weiter betrieben. Der Deichbau entwickelte sich.

Du skizzierst die Entwicklung bis zum Hohen Mittelalter. Das war aber hier nicht die Ausgangsfrage. Beim Vorstoß der Germanen wurden alle römischen Gutshöfe links des Rheins audgelassen. Die römischen Gutsbesitzer wanderten ab, sofern sie nicht von den vordringenden Germanen erschlagen wurden, die Gutshöfe wurden von den Germanen geplündert, zerstört oder verfielen; es gab nirgendwo Kontinuität.
(vgl. hierzu: Jürgen Kunow, Die Militärgeschichte Niedergermaniens, in: Die Römer in Nordrhein-Westfalen, S. 27 f.)
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04.12.2016, 19:57
Beitrag: #9
RE: Kultur im Mittelalter/Völkerwanderung
Die Dimensionen dieses "Niedergangs" sollte man sich einmal klar machen.

Mit dem Untergang des Römischen Reichs im 5. Jh. verließen die meisten Römer - Beamte, Kaufleute, Gutsbesitzer, Soldaten - die Provinzen und kehrten in ihre Heimat zurück. Die Römerstädte an Rhein, Donau und Rhone verödeten, römische Gutshöfe verschwanden, Straßen und Brücken zerfielen. Der Untergang der römischen Zivilisation führte bei den germanischen Völkern zu einem Niedergang des Wissens und der Kultur und bewirkte einen Rückfall in barbarische Verhältnisse.

Dieser Verfallsprozes war so tiefgreifend, dass Karl der Große und seine Berater den Plan fassten, alle Bereiche des Wissens und der Kunst zu erneuern, was mit einem modernen Begriff als Karolingische Renaissance bekannt ist. In diesem Zusammenhang kam es u.a. zu einer Erneuerung des Gottesdienstes und der Liturgie und eine erneuerte Fassung der Bibel, da sich in die zahlreichen lateinischen Bibelabschriften Fehler eingeschlichen hatten, die manche Bibelstellen völlig entstellten.

Der bekannte Historiker Henri Pirenne betont in einem vor Jahrzehnten geschriebenen aber immer noch aktuellen Werk:

"Obwohl die Kirche so tief gesunken war, blieb sie die einzige kulturelle Macht ihrer Zeit. Durch sie allein setzte sich die römische Tradition fort und dies verhinderte Europas Rückfall in völlige Barbarei. Die weltliche Macht wäre unfähig gewesen, die kostbare Erbschaft der Antike aus sich selbst heraus zu bewahren. Trotz des guten Willens der Könige war ihre rohe Verwaltung den Aufgaben nicht gewachsen ... Die Kirche blieb also inmitten der Anarchie ihrer Umgebung, und trotz der zersetzenden Wirkung, welche diese Anarchie auch auf sie selbst ausübte, unzerstört".
(Henri Pirenne, Geschichte Europas, Frankfurt 1961, S. 47)

Der Untergang des Imperium Romanum markiert auch das Erlöschen der Spätantike, wobei hier natürlich kein festes Datum zu nennen ist. Es gibt einen allmählichen Übergang von der Spätantike zum frühen Mittelalter, der von Historikern meist als breiter Grenzsaum gesehen wird, der von der Teilung des Römischen Reichs in einen Westen und Osten über das faktische Ende Westroms bis hin zur Expansion des Islam im 7. Jh. reicht. Manche sprechen dabei auch von einem "Transformationsprozess" der Antike.

Nach Auflösung der römischen Staats- und Ordnungsstrukturen erfolgte neben einem kulturellen Niedergang auch eine wirtschaftliche Verödung. Henri Pirenne berichtet vom Verschwinden der Städte und des Handels als Folge dieser Entwicklung:

"Vom sozialen Gesichtspunkt aus ist das bedeutendste Phänomen, das in die Zeit zwischen den muslimischen Eroberungen und der Herrschaft der Karolinger fiel, die schnelle Verminderung und nachher das fast völlige Verschwinden der städtischen Bevölkerung ... Die soziale und verwaltungsmäßige Struktur verlor nun ihren dem städtischen Charakter des römischen Staates entsprechenden Charakter: ein Phänomen, das in Westeuropa ganz neu und sehr erstaunlich war. Das Ende des städtischen Typus im frühen Mittelalter ergab sich zumindest für die Verwaltung daraus, dass die Eroberer des Römischen Reiches außerstande waren, dessen Institutionen in der alten Form weiterfunktionieren zu lassen; denn nur die Institutionen des römischen Staates hatten in den durch Barbaren eroberten Provinzen - in Gallien, Spanien, Italien, Afrika und Britannien - einst die Existenz der Städte gesichert. Nur noch einige Städte an den Küsten des Mittelmeers trieben auch noch nach den Völkerwanderungen einen mehr oder weniger bedeutenden Seehandel."
(Henri Pirenne, a.a.O., S. 81)

Pirenne beschreibt sehr eindringlich, dass Wirtschaft und Handel nach den Eroberungen des Islam im Mittelmeerraum völlig versandeten:

"Daraus aber musste sich ein fast vollkommener Stillstand des Handels ergeben; auch das Gewerbe verschwand fast ganz, wenn man von einigen lokalen Erscheinungen wie der in Flandern noch aufrechterhaltenen Tuchweberei absieht. Der Umlauf von Geld hörte beinahe auf. Seitdem verfielen in den fast entvölkerten Städten die verlassenen Viertel und dienten den wenigen Einwohnern, die sich auf einen Winkel des früheren Stadtinnern beschränkten und dort hausten, als Steinbrüche ... In Gallien erlosch das städtische Leben so völlig, dass die Herrscher nicht mehr in den Städten residierten, denn der vollkommenen Mangel eines Handelsverkehehrs ermöglichte es ihnen nicht mehr, dort genügend Lebensmittel für den Unterhalt des Hofes zu finden. Sie verbrachten das Jahr auf den Domänen und zogen von einer zur anderen."
(Henri Pirenne, a.a.O., S. 83)

Große Teile des einst von Römern beherrschten Europas verödeten zwischen dem 5. und 8. Jh., der Handel versiegte und man kehrte zur Naturalwirtschaft zurück. Es entstanden besonders in Gallien riesige Domänen, die nahezu autark waren, da der Fernhandel weithin zum Erliegen gekommen war. Es waren also "Dark Ages", die weite Teile Europas nach dem Untergang des römischen Imperiums erfassten, was auf eine Reihe von Faktoren zurückzuführen ist, die einander bedingen und immer neue Auswirkungen haben. Dieser Zustand beginnt sich erst mit den Karolingern und später den Ottonen und Kapetingern zu wandeln.
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04.12.2016, 20:45
Beitrag: #10
RE: Kultur im Mittelalter/Völkerwanderung
(04.12.2016 19:44)Dietrich schrieb:  
(03.12.2016 20:16)Paul schrieb:  Es gab alles weiterhin. Es wurden weiter Häuser gebaut - nunmehr mit Steinsockel o. ganz aus Stein, Tonwaren u. Glas hergestellt, Textilien aller Art, Schiffe, Eisenprodukte. Die Landwirtschaft behielt ihre Fruchtwechselwirtschaft bei und nahm dabei viele römische Anregungen auf.

Du kannst überall nachlesen, dass Köln und andere Städte im römischen Germanien im 4. und 5. Jh. schwere Zerstörungen erlitten.

"Nach dem Tod des Silvanus brachen Franken, Alemannen und Sachsen in breiter Front in Gallien ein und richteten schwere Verwüstungen an. Köln fiel nach zweimonatiger Belagerung den Feinden in die Hände und wurde nach zeitgenössischen Quellen mit Ausnahme eines Turmes zerstört ... 456 unternahm der Feldherr Ägidius einen letzten Versuch, Köln gegen die Franken zu verteidigen; die Kämpfe spielten sich bereits innerhalb der Stadt ab und hinterließen eine zerstörte Römerstadt."
(Handbuch der historischen Städten Deutschlands, Bd. 3 Nordrhein- Westfalen, S. 408)

(03.12.2016 20:16)Paul schrieb:  So breitete sich der Weinanbau aus. Die Fruchtwechselwirtschaft breitete sich unter dem Begriff Dreifelderwirtschaft aus. Mühlen wurden weiter betrieben. Der Deichbau entwickelte sich.

Du skizzierst die Entwicklung bis zum Hohen Mittelalter. Das war aber hier nicht die Ausgangsfrage. Beim Vorstoß der Germanen wurden alle römischen Gutshöfe links des Rheins audgelassen. Die römischen Gutsbesitzer wanderten ab, sofern sie nicht von den vordringenden Germanen erschlagen wurden, die Gutshöfe wurden von den Germanen geplündert, zerstört oder verfielen; es gab nirgendwo Kontinuität.
(vgl. hierzu: Jürgen Kunow, Die Militärgeschichte Niedergermaniens, in: Die Römer in Nordrhein-Westfalen, S. 27 f.)

Ein Rückgang der Bevölkerung auf die Hälfte in Köln ist ein drastischer Niedergang, aber kein totaler Ausfall. Die Ubier hatten Köln gegründet und Trier war eine Treverer Metropole, die germanisiert und romanisiert wurde. Die Gutshöfe wurden nicht weiter betrieben, aber die germanischen Bauern, die eine entwickelte Landwirtschaft hatten, nahmen weitere Inspirationen der Römer auf, insbesondere neue Kulturpflanzen. Für die germanischen Handwerker änderte sich wenig, ihre Produkte wurden mehr denn je nachgefragt, da weniger dazu importiert wurde. Der Fortzug betraf insbesondere Verwaltungsleute. Die Soldaten waren zum großen Teil Germanen, Straßen wurden schon vor den Römern gepflegt. Eine städtische Selbstverwaltung gab es auch schon vor den Römern. Vermutlich bestand neben der römischen Verwaltung eine parralele Stammesselbstverwaltung der Ubier u. Sugambrer. Es gab eine starke Händlerschaft der Ubier, welche die römischen Händler leicht kompensieren konnten. Der Handel mit Rom wird aber gelitten haben.

Das römische Germanien verlor in den Großstädten etwas Einwohner, die anderen Teil Germaniens gewannen an Einwohnern.

viele Grüße

Paul

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05.12.2016, 10:25
Beitrag: #11
RE: Kultur im Mittelalter/Völkerwanderung
In der Archäologie ist in den letzten Jahrzehnten so veil gegangen, nicht zuletzt durch "Neuuntersuchungen" und Bewertungen älterer Funde, dass Pirenne einfach überholt ist.

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05.12.2016, 16:39
Beitrag: #12
RE: Kultur im Mittelalter/Völkerwanderung
(04.12.2016 20:45)Paul schrieb:  Das römische Germanien verlor in den Großstädten etwas Einwohner, die anderen Teil Germaniens gewannen an Einwohnern.

Das römische Germanien war im 5./6. jh. zunächst durch Plünderung- und Raubzüge der Franken, Alemannen und Sachen verwüster. Du kannst das oben nachlesen. Aus dem Chaos ging erst allmählich eine neue Kultur und staatliche Struktur hervor.
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05.12.2016, 17:50
Beitrag: #13
RE: Kultur im Mittelalter/Völkerwanderung
(05.12.2016 10:25)Suebe schrieb:  In der Archäologie ist in den letzten Jahrzehnten so veil gegangen, nicht zuletzt durch "Neuuntersuchungen" und Bewertungen älterer Funde, dass Pirenne einfach überholt ist.

Mit zu der Neubewertung gehört auch, dass sich die Definition von "römisch" allmählich verändert. In der Vergangenheit orientierte sich der Begriff vor allem auch daran, was die Römer an Schriftlichem hinterließen. Mittlerweile häufen sich die Hinweise, dass sich die Römer im wahrsten Sinne Dinge zugeschrieben haben, die in Wahrheit andere Wurzeln haben...

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Volker Pispers
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05.12.2016, 21:00
Beitrag: #14
RE: Kultur im Mittelalter/Völkerwanderung
(04.12.2016 20:45)Paul schrieb:  Die Soldaten waren zum großen Teil Germanen, Straßen wurden schon vor den Römern gepflegt.

Dann kannst Du sicher wenigstens eine germanische, vorrömische Strasse nennen, welche ausgegraben wurde. Strassen, die ihren Namen verdienen hinterliessen zum Mindesten in Teilstücken Spuren - Karrenwege nicht. Und die römischen Strassen nördlich der Alpen verfielen zum allergrössten Teil. Nur die Strassen über die Alpenpässe wurden weiter benutzt, da sie offenbar zu wertvoll waren, um sie verfallen zu lassen. Aber auch dort gibt es keine "vorrömische Strassen" (und wenn es sie gegeben hätten, wären es keltische und nicht germanische gewesen). Und noch im Frühmittelalter benutzte man nördlich der Alpen vornehmlich die Flüsse als Handelswege - gerade weil eben vernünftige Strassen fehlten. Nicht einmal Karl dem Grossen gelang, dies zu ändern.

Die germanischen Kulturen waren nun einmal definitiv keine antiken Hochkulturen.
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05.12.2016, 22:41
Beitrag: #15
RE: Kultur im Mittelalter/Völkerwanderung
Eine der ältesten Straßen Germaniens war die von der Wetterau über Butzbach, Wetflaria bis ins Eburonengebiet, zum späteren Köln(Wellerstraße). Die Quelle zählt viele Straßen auf - Hohe Straßen/Altwege.

http://www.altwege.de/roemer-und-kelten/...karte.html

http://www.altwege.de/roemer-und-kelten/...Keltenwege

http://www.altwege.de/mittelalter-handel...assen.html


Für Wetzlar(Wetflaria) waren natürlich die Wege nach Weilburg, zum Dünsberg, zum Stoppelberg-Opidium, nach Butzbach besonders wichtig. Im heutigen Wald von Finsterloh liegt ein riesiges Hügelgräberfeld.
Die Eisenprodukte wurden aber auch auf der Lahn Richtung Rhein verschifft, während Holz und Erze über die Dill nach Wetflaria-Dahlheim angeliefert wurden.

http://www.altwege.de/roemer-und-kelten/...telle.html

viele Grüße

Paul

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05.12.2016, 23:47
Beitrag: #16
RE: Kultur im Mittelalter/Völkerwanderung
Deine Links erwähnen "Römerstrassen" und "Keltenwege" - von "Keltenstrassen" ist nicht die Rede, und schon gar nicht von "Germanenstrassen". Soweit ist alles korrekt dargestellt, wenn auch die ein oder andere Römerstrasse (z.B. Lukmanierpass) fehlt.
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06.12.2016, 11:21
Beitrag: #17
RE: Kultur im Mittelalter/Völkerwanderung
(05.12.2016 23:47)Aguyar schrieb:  Deine Links erwähnen "Römerstrassen" und "Keltenwege" - von "Keltenstrassen" ist nicht die Rede, und schon gar nicht von "Germanenstrassen". Soweit ist alles korrekt dargestellt, wenn auch die ein oder andere Römerstrasse (z.B. Lukmanierpass) fehlt.


Wobei in dem Zusammenhang erwähnenswert ist, dass die germanisch/allemannische Aufsiedelung Südwestdeutschlands genau den Römerstraßen folgte.
Allemannische Siedlungen des 3.+4. Jahrhunderts eigentlich nur entlang von Römerstraßen nachzuweisen sind.

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06.12.2016, 11:35
Beitrag: #18
RE: Kultur im Mittelalter/Völkerwanderung
(06.12.2016 11:21)Suebe schrieb:  Wobei in dem Zusammenhang erwähnenswert ist, dass die germanisch/allemannische Aufsiedelung Südwestdeutschlands genau den Römerstraßen folgte.
Allemannische Siedlungen des 3.+4. Jahrhunderts eigentlich nur entlang von Römerstraßen nachzuweisen sind.

Da es eine völlige Entvölkerung nicht gab, ist das eigentlich logisch. Selbst im ungepflegten Zustand war es eine hilfreich vorhandene Infrastruktur. Und da man den Römern vor allem Effizienz nachsagen kann, ist eigentlich auch anzunehmen, dass sie ihre Straßen so gebaut haben, wie es nach den geologischen Gegebenheiten am günstigsten war.
Wäre ziemlich dämlich und ressourcenvergeudend gewesen, Siedlungen abseits dieser Straßen zu bauen, nur weil es römische waren...Wink

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06.12.2016, 12:19
Beitrag: #19
RE: Kultur im Mittelalter/Völkerwanderung
(06.12.2016 11:21)Suebe schrieb:  
(05.12.2016 23:47)Aguyar schrieb:  Deine Links erwähnen "Römerstrassen" und "Keltenwege" - von "Keltenstrassen" ist nicht die Rede, und schon gar nicht von "Germanenstrassen". Soweit ist alles korrekt dargestellt, wenn auch die ein oder andere Römerstrasse (z.B. Lukmanierpass) fehlt.


Wobei in dem Zusammenhang erwähnenswert ist, dass die germanisch/allemannische Aufsiedelung Südwestdeutschlands genau den Römerstraßen folgte.
Allemannische Siedlungen des 3.+4. Jahrhunderts eigentlich nur entlang von Römerstraßen nachzuweisen sind.

Auch die Römerstraßen folgten schon den vorgegebenen keltischen und germanischen Wegen. Die Siedlungen lagen oft an wirtschaftlich günstigen Orten, die besiedelt blieben z.B. Wetflaria am Zusammenfluß von Lahn und Dill in einem fruchtbaren Tal, mit günstiger Rohstoffanlieferungsmöglichkeit.
Warum die germanischen Wege in Mittelhessen in der Literatur als keltische Wege bezeichnet werden verstehe ich allerdings nicht.
Ich nehme an, das schon vor den Römern zwischen Bonn und Köln eine aufwendig hergestellte Straße der germanischen Ubier bestand, also eine germanische Straße zwischen 2 germanischen Großstädten.

viele Grüße

Paul

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06.12.2016, 12:20
Beitrag: #20
RE: Kultur im Mittelalter/Völkerwanderung
(06.12.2016 11:35)Bunbury schrieb:  ./.
Wäre ziemlich dämlich und ressourcenvergeudend gewesen, Siedlungen abseits dieser Straßen zu bauen, nur weil es römische waren...Wink

Genau.
Je moderner die Methoden der Archäologie werden, desto mehr Funde werden gemacht, die den bisherigen Lehrmeinungen widersprechen.
So findet man in immer mehr längst bekannten Villen Spuren von nachrömischen Holzbauten, die eine Weiternutzung belegen.

Und, siehe oben, die müssten ja auch einen "Riß in der Schüssel" gehabt haben, hätten sie dies nicht getan.

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