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Die Geschichte der Burgunder
24.02.2015, 05:39
Beitrag: #1
Die Geschichte der Burgunder
Geschichte der Burgunder

In diesem 3D möchte ich mich mit der Geschichte der Burgunder von ihren Anfängen bis zum Untergang des 2. Burgunderreichs im Jahr 534 beschäftigen. Ich hoffe, dass ich nachfolgende Fragen beantworten konnte.

(22.02.2015 20:09)Arkona schrieb:  Mal eine allgemeine Zwischenfrage: Laut Wiki waren die Burgunden während ihrer Etablierung am Rhein oder wenigstens gleich danach Christen (allerdings stammt die Angabe von einem christlichen Apologeten). Katholiken oder zuerst Arianer? Letzteres könnte erkären, warum Aetius ihnen die Hunnen auf den Hals hetzte.
Überhaupt sind sie trotz Nibelungensage recht stiefmütterlich behandelt, selbst der gute Felix Dahn hat sehr wenig über sie geschrieben.

(22.02.2015 23:12)zaphodB. schrieb:  Warum Aetius ihnen die Hunnen auf den Hals hetzte hatte andere Gründe.
Zum einen scheinen sie versucht haben ihren Einflussbereich auf seine Kosten auszudehnen-
Folgt man dem Nibelungenlied und dem Walthari-Lied hatten sie Vasallen in Strassburg,Metz,Reims Alzey,Speyer,beherrschten damit Bereiche,die weit über den Wormser Raum hinausgingen
Zum anderen mischte König Gundahar in der römischen Innenpolitik mit. So war er 411 zusammen mit dem Alanenführer Goar an der Erhebung des Gallorömers Jovinus zum Gegenkaiser beteiligt.

Als Literatur habe ich im Wesentlichen „Laetitia Boehm; Geschichte Burgunds; VMA-Verlag Wiesbaden; 2. Auflage 1998, ISBN 3-928127-62-4“ verwendet.

1. Teil

Frühe Geschichte bis 2. Jahrhundert n. Chr.

Vielleicht hat Felix Dahn nur wenig über die Burgunder geschrieben, weil es nicht genügend schriftliche Quellen über sie gibt. Es wurde offensichtlich für sie nichts Vergleichbares überliefert, wie z.B. Jordanes „Geschichte der Goten“ (Getica) oder die „Geschichte der Langobarden“ von Paulus Diaconus oder das Werk von Prokop von Caesarea, der ausführlich über die Vandalen in Nordafrika berichtete. Die Burgunder sind als Volk hauptsächlich nur bekannt, weil ihr Schicksal im Nibelungen- und Waltharilied behandelt wurde. Beide sind erst Jahrhunderte später entstanden und wir wissen nicht, ob den Verfasser neben den mündlichen Überlieferungen auch schriftliche, uns heute nicht mehr bekannte Quellen zur Verfügung standen.

Deshalb ist es schwierig, die Geschichte der Burgunder zu rekonstruieren. Plinius der Ältere berichtete über sie im Jahr 57 n. Chr.., dass sie zu diesem Zeitpunkt im Gebiet zwischen Oder- und Weichselmündung lebten. Tacitus berichtete aber nicht über sie. Da die Burgunder im Verband der vandalischen Völkergruppe gelebt haben, ist es denkbar, dass Tacitus die Burgunder ebenfalls für Vandalen gehalten hatte. Dagegen platzierte Ptolemäus in der Mitte des 2. Jahrhunderts die Burgunder im Raum zwischen mittlerer Oder und mittlerer Weichsel. Zusammengefasst bedeutet das, dass die Burgunder ca. 600 Jahre im Gebiet zwischen Oder und Weichsel gelebt haben, womöglich lag der Siedlungsschwerpunkt im heutigen Hinterpommern und im Warthe-Netze-Gebiet. Archäologische Funde lassen darauf schließen, dass zu dieser Zeit ländliche Lebensformen vorgeherrscht haben müssen.

Bornholm-Hypothese(n)

Einen wichtigen Bezugspunkt dieser Bevölkerung bildete aber die Insel Bornholm. Hierzu gibt es unterschiedliche Ansichten. Lange Zeit ging man davon aus, dass die Burgunder von Skandinavien aus kommend, die Insel Bornholm besiedelten und von dort aus zuerst Oder- und Weichselmündung besiedelten und von da aus das Gebiet zwischen den beiden Flüssen. Diese Ansicht ist aber heute umstritten, ähnlich wie bei der Herkunft der Goten, vermutet man eine bewusst gewollte Abstammung aus Skandinavien, die sich aber nicht eindeutig nachweisen lässt. Im 2. Jahrhundert mussten aber sehr intensive Beziehungen zur Insel Bornholm bestanden haben.

Nach der ersten Hypothese sollen die Burgunder ihren Namen auf die Insel übertragen haben, nach der zweiten Hypothese sollen sie den Namen der Insel für ihren Volksstamm übernommen haben oder der Inselname wurde auf sie einfach nur übertragen. Zumindest gibt es angelsächsische Quellen aus dem 9. Jahrhundert, die Bornholm als „Burgonderland“ und seine Einwohner als „Burgendas“ bezeichnen. In isländischen Sagen aus dem 13. Jahrhunderts wird Bornholm „Burgundarholm“ genannt. „Holm“ bedeutet Insel und „Borg/Burg“ wird mit Berg oder hoch liegend, evtl. auch Burg übersetzt. Andere Deutungen gehen davon aus, dass der Name „Burgunder“ das Wort „gund“ enthält, das wiederum Krieger, Kämpfer, Recke usw. bedeutet und das auch in den burgundischen Königsnamen Gunter/Gundahar, Gundioch oder Gundobad enthalten ist. Eine dritte Lesart geht davon aus, dass der Name Burgunder aus den nordischen Wörtern „bör“ (Wind) und „kundur“ (Sohn) hervorgegangen ist, sodass Burgunder „Sohn /Söhne des Windes“ bedeutet. Hier bestehen Ähnlichkeiten zu den späteren Normannen, die sich selbst gern als Leute des Nordwindes nannten.

Lebus-Lausitz-Kultur und Wanderung nach Osten

In den letzten Jahren des 2. Jahrhunderts zogen Teile der Burgunder südwärts in die Lausitz und nach Brandenburg. Dieser Abschnitt ihrer Geschichte (2. – 4. Jahrhundert) wird der Lebus-Lausitz-Kultur zugerechnet. Ein Teil der Burgunder muss aber weiter nach Osten gewandert sein, da Jordanes berichtete, dass im Jahr 245 die Gepiden die Burgunder fast vernichtet hätten, diese sich daraufhin von anderen ostgermanischen Stämmen (Goten?) trennten und sich an der unteren Donau um 256 niederließen und sich von dort aus bis ans Asowsche Meer ausbreiteten. Allerdings wanderte nach 245 nicht mehr der ganze (Teil-) Stamm geschlossen, sondern nur einzelne Gruppen oder Clans, denen sich auch andere Gruppen wieder anschlossen. Diese Burgundergruppen wurden 291 von den Goten geschlagen, die überlebenden Burgunder schlossen sich später den Hunnen an, mit denen sie schnell assimilierten.

3. und 4. Jahrhundert

Ein anderer Teil der Burgunder wanderte von der Lausitz westwärts. Im 3. Jahrhundert siedelten sie im heutigen Thüringen und von dort aus drangen sie wohl bis zur Mainmündung vor. Zumindest überliefern dies römische Quellen, archäologische Funde können dies nicht bestätigen. Das bedeutet aber nicht, dass die Burgunder nicht in diesem Raum siedelten. Es wird davon ausgegangen, dass ihre (Grab-)Kultur sich nicht von den anderen Stämmen eindeutig unterschied, sodass eine einwandfreie Zuordnung nicht möglich ist. Fraglich ist auch, inwieweit diese Burgunder tatsächlich die Nachkommen der an Oder- und Weichselmündung siedelnden Ostgermanen waren. Es wird wohl ein anderer, neu entstandener Verband gewesen sein, der nur zum Teil aus Burgundern entstand, der Großteil des Stammes wird wohl aus assimilierten Gruppen bestanden haben, die sich während der Wanderschaft den Burgundern angeschlossen haben. Der Name Burgunder wurde wohl aus Prestigegründen und Tradition beibehalten. Fakt ist, dass die Burgunder die einzigen Ostgermanen waren, die sich im Innern Germaniens neue Siedlungsgebiete suchten und somit unmittelbare Nachbarn westgermanischer Stämme wurden.

Jedenfalls besetzten diese Burgunder um 260 das von den Alemannen verlassene Gebiet am Main, während die Alemannen selbst in das Dekumatland zogen. (Stichwort: Zurücksetzung Limes im Jahr 260). Belegt ist weiterhin, dass Kaiser Probus im Jahr 278 (oder zumindest um 280) die mit den Vandalen verbündeten Burgunder am Lech in der Nähe von Augsburg schlugen. Ebenso sollen die Burgunder mit den Alemannen und Herulern im Jahr 286 Raubzüge im linksrheinischen Gebiet unternommen haben. Bereits 291 sollten burgundische Angriffe auf das Gebiet der Alemannen erfolgt sein. Die Ende des 3. Jahrhundert entstandene Feindschaft erwies sich als dauerhaft. Im Jahr 359 unterstützen die Burgunder Kaiser Julian bei einer Strafexpedition gegen die Alemannen, 369/370 stellen sie Hilfstruppen für Kaiser Valentinian I. Der Historiker Hieronymus schätzte im Jahr 373 die Zahl ihrer Krieger auf 80.000, d.h. die Burgunder müssen zumindest in den 370er Jahren eine nicht zu unterschätzende politische und militärische Rolle gespielt haben. Regiert wurden die Burgunder noch durch lokale Häuptlinge (Clanchefs) und es existierte noch kein gemeinsames Stammesoberhaupt.

"Geschichte erleuchtet den Verstand, veredelt das Herz, spornt den Willen und lenkt ihn auf höhere Ziele." Cicero
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24.02.2015, 06:43
Beitrag: #2
RE: Die Geschichte der Burgunder
Nun kann es sein, das die wandernde Kriegerschaft, mit einem Teil Zivilisten den Namen mitnimmt und auf die Bevölkerung übertrug, die in ihren neuen Herrschaftsbereich kam. Wenn dann wieder ein Teil der Krieger auszog, gibt es immer nur eine Teilidentität. Die zurückbleibenden werden sogar in der Regel die Mehrheit ausgemacht haben.
So können die Burgunder als Oder-/Weichselgermanen aufgebrochen sein. In Frankreich kamen dann Germanen vom Main/Worms an, also eine Mischung aus Burgundern, Sueben, Hermunduren, Ubiern...

Die Havelsemnonen stammten dann auch noch zum großen Teil von Burgundern ab.
Von der Insel Bornholm können natürlich auch mal ein große Gruppe aufgebrochen sein, vielleicht nicht nur Krieger. Bornholmer kamen aber im heutigen Burgund fast keine an.

viele Grüße

Paul

aus dem hessischen Tal der Loganaha (Lahn)
in der Nähe von Wetflaria (Wetzlar) und der ehemaligen Dünsbergstadt
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24.02.2015, 06:54
Beitrag: #3
RE: Die Geschichte der Burgunder
2. Teil

Die Burgunder zwischen 407 und 436

An den Ereignissen zum Jahreswechsel 406/407 hatten die Burgunder zwar keinen direkten Anteil, aber sie nutzten danach die Situation, um wie Vandalen, Sueben oder Alanen über den Rhein nach Gallien zu setzen. Nachdem Konstantin III. 407 in Britannien zum (Gegen-)Kaiser ausgerufen wurde, schloss er auch Soldverträge mit Burgundern, die in linksrheinische Städte einquartiert worden. 411 wurde Konstantin III. besiegt und hingerichtet, aber noch im gleichen Jahr gelang es dem gallo-römischen Usurpator Jovinius sich mit Hilfe des Alanenfürsten Goar und des Burgunders Gundahar zum Kaiser auszurufen. Gundahar wurde als „phylarchos“ bezeichnet, was Stammesoberhaupt bedeutet. Als „phylarchos“ wurde auch Gundahars Zeitgenosse, der Westgote Alarich bezeichnet. Daraus kann man schließen, dass die Burgunder seit den 370er Jahren eine Entwicklung zum straff organisierten Stamm vollzogen haben. Dies war sicher eine Notwendigkeit infolge der zunehmenden Integration in die römische Politik.

Nachdem Jovinius 413 scheiterte, siedelte der legitime Kaiser Honorius die Burgunder als Föderaten beiderseits des Rheins an. Dies berichtete zumindest Prosper Tiro, eine andere Quelle gibt es darüber nicht. Trotzdem wird das Jahr 413 als Gründungsjahr des Ersten Burgundischen Reichs angesehen. Erstaunlich ist auch, dass Paulus Orosius um 417 schrieb, dass die Burgunder auf (linksrheinischen, römischen) Reichsgebiet zum Katholizismus übergetreten seien und nicht mehr wie Untertanen, sondern wie Brüder von den römischen Klerikern behandelt wurden. Ähnliches berichtete 430 der Kirchenhistoriker Sokrates Scholasticus, der über 3000 „freie“ (rechtsrheinische) burgundische Krieger schrieb, die von Hunnen hart bedrängt nach Gallien auswichen und dort von einem Bischof getauft wurden. Nach der Taufe schlugen sie Oktar, den Onkel Attilas. Letztere Überlieferung war sicher propagandistisch überspitzt, belegt aber auch, dass ein Teil der Burgunder bereits während des ersten Reiches zum Katholizismus konvertierten. Das Stammesoberhaupt Gunter/Gundahar war aber Arianer, ebenso die wohl meister Burgunder unter seiner Herrschaft. Zentrum seines am Mittelrhein gelegenen Reichs war sicher nicht Worms, sondern irgendein anderer Ort in der Nähe von Worms. Aber auch diese Fragen sind nicht eindeutig geklärt.

Im Wesentlichen war das Verhältnis der Burgunder zu den Römern gut. Deswegen ist der brutale Untergang des ersten Burgunderreiches schwer zu fassen, vielleicht ist dies ein Grund für den Fortbestand des Reiches in Sagen und Mythen. Zwar eskalierte die im Jahr 435 bereits vorher angespannte Situation zwischen Gunter/Gundahar und dem römischen Heermeister Aetius. Die Gründe für die plötzliche Eskalation sind nicht genau bekannt, aber sie sind sicher zu erklären mit dem zunehmenden Druck der Hunnen auf die Burgunder und der fehlenden Bereitschaft der Römer, zwischen Hunnen und Burgunder zu schlichten. Jedenfalls rebellierte der Burgunderkönig gegen die als Einkreisung empfundene Politik, indem er in die römische Provinz Belgica I einfiel. Über die darauf folgenden Ereignisse gibt es unterschiedliche Überlieferungen. Laut Prosper Tiro unterlagen die Burgunder den zahlenmäßig überlegenen Römern und es wurde ein Friede geschlossen, der aber auch nur wenige Wochen hielt. Danach wurden Gunter/Gundahar mit seinem gesamten Volke von den Hunnen ausgelöscht. Hydiatus bezeugt dagegen „nur“ 20.000 Tote und die Chronica Gallica schreibt den Sieg nur Aetius und nicht den Hunnen zu. Da Aetius selbst bei Hunnen aufwuchs, ursprünglich auch ein Freund oder zumindest Sympathisant der Hunnen war und diese erst seit 440/441 als einen der Hauptgegner des Weströmischen Reiches betrachtete, kann man davon ausgehen, dass 435/36 entweder hunnische Söldner oder Hunnen unter Bleda das erste burgundische Reich vernichteten. Der Hunnenkönig Attila (Etzel) spielte keine Rolle bei der Vernichtung des Burgunderreiches, 435 stand er noch im Schatten seines älteren Bruders.

Es ist schon sehr erstaunlich, dass dieses kurzlebige Reich so lange in Mythen und Erzählungen weiterlebte, obwohl zeitgenössische Chronisten und Historiker aus dem 5. Jahrhundert sehr wenig über das erste Burgunderreich am Rhein berichten.

Die Entstehung des Zweiten Burgunderreichs im Jahr 443

Dass die Burgunder nach ca. 7 Jahren umgesiedelt wurden, hat sicher viele Gründe. Ein wichtiger Grund ist sicher die geänderte politische Lage in Nordafrika, wo 439 Geiserichs Vandalen Karthago erobert hatte und 442 der erst seit 435 bestehende Föderatenvertrag zwischen Vandalen, Alanen und Westrom aufgelöst wurde und die staatliche Unabhängigkeit des Vandalenreichs anerkannt werden musste. Auch der Macht- und Generationswechsel im Hunnenreich trug sicher zum Kurswechsel bei. Aetius beginnende Feindschaft zu den Hunnen ist sicher der Hauptgrund, dass die Burgunder ihre neuen Siedlungsgebiete in der Sapaudia erhalten hatten. Ein Beweis für den Kurswechsel in der Hunnenpolitik ist auch, dass seit 441 keine neuen hunnischen Söldner für die römische Armee rekrutiert wurden.

Die Sapaudia ist fast identisch mit dem historischen Savoyen. Bereits um 500 umfasste der Siedlungsraum der Burgunder die gesamte Provinz Lugdunensis I, Teile der Maxima Sequanorum, den Norden der Viennensis, Narbonnensis II, der Alpes maritimae und Alpes Graia. Vereinfacht ausgedrückt, das Burgunderreich umfasste inzwischen Gebiete des heutigen Burgunds, der heutigen Franche-Comté, der Provence und die heutige französische Schweiz. Das ist schon eine erstaunliche Leistung, denn um 443 wurde das Volk der Burgunder auf nur 25.000 Personen geschätzt, einschließlich der 5.000 Krieger. Dass so wenige Personen ein relativ großes Gebiet mit 32 Civitas beherrschen bzw. kontrollieren konnten, zeigt auch, dass die Burgunder, wie auch andere Germanen, staatliche Strukturen geschaffen hatten. Die römischen Beamten mussten gut mit den Burgundern ausgekommen sein. Der Dichter Sidonius Apollinaris aus Lyon beschrieb die Burgunder um 470 einerseits überheblich als nach Knoblauch, Zwiebeln und ranziger Butter stinkende Barbaren, andererseits lobte er die burgundische Königsfamilie als die mildesten Barbaren unter denen Gallien je gelitten hatte.

Gundowech und Chilperich (443 bis 480)

Über die Herkunft Gundowechs/Gundioch und Chilperich I. gibt es unterschiedliche Ansichten. Ein Teil der Historiker gehen davon aus, dass beide Söhne von Gunter/Gundahar waren. Ein anderer Teil nimmt an, dass beide nur Neffen Gunters waren und die Söhne von dessen älteren Bruder Gislahar sind. Gislahar war der zweite bzw. mittlere Sohn, Gunter/Gundahar war der dritte bzw. jüngste Sohn eines Mannes namens Gibica. Der älteste Sohn des Gibica hieß Godomar. Einige Historiker nennen die Dynastie deshalb Gibikunger, obwohl es auch Überlieferungen gibt, die Gundowech/Gundioch und Chilperich als Vertreter einer neuen Dynastie westgotischer Herkunft beschreiben. Viel wichtiger erscheint mir aber, dass beide nicht nur als Stammesoberhäupter bzw. Könige der Burgunder, sondern auch Heermeister Galliens wurden.

Im Jahr 451 bestanden die Burgunder an der Seite Westroms unter Aetius und den Westgoten unter Theoderichs I. die Schlacht auf den Katalaunischen Feldern gegen die Hunnen unter Attila. Die burgundischen Könige Gundowech/Gundioch und Chilperich I. erwiesen sich als intelligente Politiker und Diplomaten. Der Tod von Attila und das darauf folgende Auseinaderbrechen des Hunnen-Verbandes nach 453 sowie der Tod von Aetius 454 und Valentinian III 455 erweiterte den Aktionsraum der Burgunderkönige. Sie unterstützten 455 die Kaiserproklamierung des Avitus von Arles ebenso wie den Kriegszug der Westgoten gegen die Sueben 456. Mit Duldung der Westgoten eroberten die Burgunder nach der Absetzung des Avitus und vor der Machtübernahme von Rikimer und Kaiser Majoran Lyon.
Zwar forderte Majoran die Rückgabe Lyons, aber nach dessen Ermordung war das Thema erledigt. Gundowech/Gundioch heiratete Rikimers Schwester und wurde 463 Heermeister für Gallien, ein Amt, das nach seinem Tod im Jahr 473 sein Bruder Chilperich übernahm. Gundowech residierte bis zu seinem Tod in Lyon, Chilperich regierte von Genf aus. Er starb 480 ohne Nachkommen. Dies erleichterte die Machtübernahme der Söhne Gundowechs.

Gundobad und Godegisel (480 bis 516)

Gundowechs ältester Sohn Gundobad wurde in Rom von Rikimer erzogen, nach dessen Ermordung im Jahr 472 nahm er den Titel „Patricius“ an und versuchte sich als Kaisermacher. Da sein Kandidat Glycerius, den er im März 473 in Ravenna zum Kaiser ausrief, vom oströmischen Kaiser Leo I. nicht anerkannt wurde und von Nepos 474 gestürzt wurde, entschloss er sich von Italien nach Gallien zurückzukehren. Dort gestaltete sich die politische Situation für die Burgunder schwierig, da im Jahr 476 die Westgoten die Provence besetzten und somit dem Zugang zum Mittelmeer abriegelten. Als katastrophal für die Burgunder erwies sich der Untergang des Weströmischen Reichs, von dessen Prestige als Patricius und Heermeister für Gallien das burgundische Königtum enorm profitierte. Odoaker, der neue Machthaber in Italien, unterstützte die Westgoten, dessen Eroberungen in der Provence er bestätigte. Damit stellte er sich eindeutig gegen die Interessen der Burgunder. Die Burgunder erhofften sich nun ein Schutzbündnis mit dem Oströmischen Reich, das aufgrund dessen eigener Probleme nicht gewährt wurde. Ebenso erwies sich die Annäherung an das Reich des Syagrius nicht als dauerhaft, da dieses Reich im Jahr 486 dem Ansturm der Franken unter Chlodwig zum Opfer fiel.

Gundobad und seine drei Brüder Godegisel, Godomar II. und Chilperich II. versuchten nach dem Tod ihres Vaters die Macht über das Reich oder zumindest über Teilreiche zu übernehmen. Dies gelang ihnen nicht, nur Gundobad gelang es als eine Art Kronprinz seines Onkels zu agieren, seine Brüder mussten sich als Titular-Unterkönige begnügen. Godomar II.. und Chilperich II. starben bereits 476/477, also vor ihrem Onkel. Über Chilperich II. berichtet Gregor von Tours, dass er gemeinsam mit seiner Frau in einem Brunnen ertränkt wurde. Ihre Tochter Chrodechild musste bei der Ermordung ihrer Eltern zusehen. Sie wurde dann von ihren Onkel Godegisel erzogen und heiratete später den Frankenkönig Chlodwig. Als Witwe stiftete sie 523 ihren Sohn Chlodomer an, das Burgunderreich anzugreifen.

Nach dem Tod Chilperichs I. herrschten dann dessen Neffen Gundobad und Godegisel. Beide waren miteinander verfeindet. Im größeren Teil Burgunds (Lyon) herrschte Gundobad, im kleineren Teil (Genf) Godegisel. Ihre Feindschaft ging soweit, dass Godegisel sich mit den Franken verband, sein Bruder Gundobad sich dagegen mit den Westgoten verbündete. Godegisel und Chlodwig besiegten im Jahr 500 bei Dijon Gundobad, dieser konnte nach Avignon flüchten, von dort aus kehrte er mit Unterstützung der Westgoten wieder zurück. Er besiegte seinen Bruder und ließ ihm ermorden.

Gundobad erkannte, dass Burgund nach dem Sturz Odoakers im Jahr 493 in eine gefährliche Lage zwischen Franken, West- und Ostgoten geriet. Um dies auszugleichen betrieb er eine raffinierte Heiratspolitik. Sein Thronfolger Sigismund wurde mit Ariane Ostrogota, der Tochter des Ostgotenkönigs Theoderich den Großen verheiratet. Und seine Nichte Chrodechild heiratete den Frankenkönig Chlodwig. Außerdem lavierte Gundobad geschickt zwischen den beiden bedeutenden Herrscher seiner Zeit. Er ist sich auch nicht zu schade, die Seiten zu wechseln. So kämpfte er 507 an der Seite Chlodwigs gegen die Westgoten, dessen König Alarich II. in der Schlacht von Vouillé fiel. Damit endete das Tolosianische Reich der Westgoten, ihre Hauptstadt wurde von Toulouse nach Toledo verlegt. Das neue Reich der Westgoten wird nach der Hauptstadt Toledanisches Reich genannt. Faktischer Herrscher des Westgotenreiches ist auch Theoderich der Große, der das Reich aber nie selbst betrat und durch ihm loyale Statthalter regieren lässt. Diese Personalunion führt nicht zur Vereinigung beider Reiche, nach dem Tode Theoderichs gehen beide Reiche wieder eigene Wege. Eine Frage besteht, was wäre geschehen, wenn die Burgunder nicht mit den Franken paktiert hätten, sondern weiterhin mit den Westgoten verbündet geblieben wären?

Lex Gundabada und Lex Romana Burgundionium

Die Lex Gundobada kann man als Kriterium eines burgundischen Staatsbewusstseins betrachten. Das Gesetzbuch wurde sicher nach dem Vorbild des 475 fertig gestellten westgotischen Codex Eurici geschaffen und es sind davon mehrere Handschriften aus der Zeit Gundobads und seines Nachfolgers Sigismund überliefert. Das Gesetzbuch umfasst 88 Titel, die überarbeiteten Version unter Sigismund bereits 105. Maßgeblicher Jurist bei der Erstellung des Werkes war Syagrius von Laon, der bereits die Westgoten beriet. Deshalb sind einige Titel des westgotischen Codex Eurici und der Lex Gundobada identisch oder ähnlich. Das Gesetzeswerk ist nicht nur als burgundisches Volksgesetzbuch zu sehen, sondern auch als Werk, in dem die burgundische Staatsstruktur festgelegt wurde.

Die Lex Romana Burgundionium war für den römischen Bevölkerungsteil geschaffen. Es ist das erste Werk, in dem ein germanischer Herrscher die Angelegenheiten der Römer gesetzlich zu regeln versucht. Gundobad übernahm sowohl römisches, als auch germanisches Recht. Dies kann man als Versuch ansehen, den Dualismus zwischen arianischen Burgundern und katholischen Römern zu entschärfen. Germanische Elemente wurden im Eigentums- und Erbrecht übernommen, im Strafrecht überwogen dagegen römische Regelungen. Ein wichtiger Punkt ist auch der als „pactum“ bezeichnete Abschnitt. Dort wird geregelt, dass ein Erlass vom König und den Grafen, als Vertreter des Volkes, unterzeichnet werden muss. Damit verpflichten sich beide Seiten gegenseitig die Einhaltung des Rechts als pactio, also als Vertrag. Ob man nun von einem aristokratischen Charakter eines Volkskönigtums sprechen kann, ist sicher Ansichtssache.

Typisch für Gundobads Gesetzgebung war die Verschmelzung von Zivil- und Militärrecht. Als wichtigste Säule des Staates erwiesen sich nach der Gesetzgebung die 31 bzw. 32 Grafen (comes), die in den Civitas residierten. Das burgundische Recht konnte sich bis ins Mittelalter behaupten, im 9. Jahrhundert wurde es noch von Agobard von Lyon bekämpft.

Sigismund und Godomar III. (516 bis 534)

Sigismund und Godomar III. waren die Söhne Gundobads. Sie wurden als Folge des Bündnisses mit den Franken zwischen 502 und 507 katholisch getauft. Ihr Vater blieb aber arianisch. Das war politisch begründet, da er zwischen den Franken und den beiden Gotenreiche lavieren wollte. Sigismund und Godomar III. hatten nicht diese Möglichkeiten zum Lavieren, sie mussten unter Druck ihr katholisches Bekenntnis beibehalten. Obwohl die beiden Könige katholisch waren, bedeutete dies nicht, dass die Burgunder zum Katholizismus konvertieren mussten.

Für Staat und Kirche bedeutete das, dass burgundischer Staatsapparat und römische Kirche zwei voneinander unabhängige Institutionen blieben, die sich infolge der königlichen Ausgleichspolitik gegenseitig respektierten. Religionsverfolgungen und Mischehenverbot wie bei den Vandalen und Westgoten hat es bei den Burgundern nicht gegeben. Eine Besonderheit war, dass Sigismund als Katholik de jure das Oberhaupt der arianischen Landeskirche war.

517 verheiratete Sigismund seine Tochter mit dem fränkischen Teilkönig Theuderich, dem ältestesten Sohn Chlodwigs. 523 stürzte Sigismund das Burgunderreich in eine gefährliche Krise. Da er seinen ältesten Sohn Sigerich verdächtigte, eine Verschwörung gegen ihn zu planen, ließ er ihn hinrichten. Dies stieß auf Unverständnis bei Sigismund Verbündeten Theoderich den Großen, der ihm jegliche Unterstützung entzog. Dies nutzte der fränkische Teilkönig Chlodomer, der auf Anstiften seiner Mutter Chrodehild das Burgunderreich angriff und Sigismund sowie dessen Ehefrau und Kinder gefangen nahm. Über das Ende Sigismunds berichtete Gregor von Tours, dass Sigismund, seine Ehefrau und seine beiden anderen Söhne zuerst in Orleans eingekerkert und dann getötet wurden. Ihre Leichen wurden danach in einen Brunnen geworfen. Dies ließ Chlodomer als Rache für die Ermordung seines Großvaters mütterlicherseits Chilperich II. im Jahr 477 ausführen.

Noch im 6. Jahrhundert entstand die Sigismundlegende, in der erstmals ein germanischer König liturgisch verehrt wurde. Weitere „heilige Könige“ waren Guntram († 593), König des fränkischen Burgund, Oswald († 642), König von Northumbria und der fränkische König Dagobert II. († 679). Sie alle stehen stellvertretend für die Verchristlichung des germanischen Königtums und der Entstehung eines germanisch-christlichen Herrscherideals.

Über Sigismunds Nachfolger Godomer III. gibt es nicht viel zu berichten. Er kehrte an der Seite der Ostgoten wider nach Burgund zurück. Er besiegte noch im Jahr 524 Chlodomer, der in der Schlacht von Vézeronce fiel. Seine Herrschaftszeit blieb bedeutungslos, vor allem nach dem Tod Theoderichs des Großen verschlechterte sich die Situation des Burgunderreichs. 532 unterlagen die Burgunder in der Schlacht von Autun. Damit wurde der im Jahr 534 vollzogene Untergang des Burgunderreiches eingeleitet. Godomer III. starb noch im gleichen Jahr.

"Geschichte erleuchtet den Verstand, veredelt das Herz, spornt den Willen und lenkt ihn auf höhere Ziele." Cicero
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24.02.2015, 09:31
Beitrag: #4
RE: Die Geschichte der Burgunder
Schöne Zusammenfassung, die manches beantwortet.
Das Volk wird übrigens Burgunden genannt, Burgunder ist etwas zum Trinken. ;-)

„Der Horizont der meisten Menschen ist ein Kreis mit dem Radius 0. Und das nennen sie ihren Standpunkt.“ (Albert Einstein)
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24.02.2015, 14:23
Beitrag: #5
RE: Die Geschichte der Burgunder
(24.02.2015 09:31)Arkona schrieb:  Schöne Zusammenfassung, die manches beantwortet.
Das Volk wird übrigens Burgunden genannt, Burgunder ist etwas zum Trinken. ;-)

Natürlich kenn ich den Burgunder zum Trinken. Big Grin

Gut, dass Du den Hinweis zu den Burgunden gibt. Darüber gibt es unterschiedliche Ansichten. Wikipedia hat sich nach einigen Diskussionen für die Bezeichnung "Burgunden" entschieden. Ich dagegegen habe mich an meiner Hauptquelle Laetitia Boehm gehalten, die die Bezeichnung "Burgunder" für das Volk verwendete. Ich hoffe trotzdem, dass die Fraktion der "Burgunden" meine Ausarbeitung als Geschichte des Volkes und nicht als Geschichte des Weines betrachtet.

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24.02.2015, 16:36
Beitrag: #6
RE: Die Geschichte der Burgunder
(24.02.2015 09:31)Arkona schrieb:  Das Volk wird übrigens Burgunden genannt, Burgunder ist etwas zum Trinken. ;-)

In allen Publikationen der Fachwissenschaft wird nur von den "Burgundern" gesprochen und nicht von "Burgunden".

Vgl. z.B. Walter Pohl, Die Völkerwanderung, Stuttgart 2005
Peter Heather, Invasion der Barbaren, Stuttgart 2011
Lexikon des Mittelalters, Band 2, usw.usw.

Bleib also bei den vertrauten "Burgundern", Sansavoir! Smile
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24.02.2015, 18:40
Beitrag: #7
RE: Die Geschichte der Burgunder
Ich möchte die Geschichte des (Zweiten) Burgundischen Reiches noch kurz fortsetzen. Nach dem Sieg der Franken übernahm ein Sohn Chlothars I. namens Guntram das Reich als "burgundischen Reichsteil"; das war auch in Zukunft die Rolle des alten Burgunderreichs: Es war neben Austrasien und Neustrien der dritte Reichsteil des Fränkischen Reichs. Aus ihm sollte schließlich das (welfische) Königreich (Hoch-/Nieder-)Burgund hervorgehen, das wiederum in das Herzogtum Burgund, die Freigrafschaft Burgund (Franche-Comte), die Provence, Savoyen und die später schweizerischen Gebiete zerfiel.

Auffallend (und eigentlicher Grund für meine Fortsetzung) ist jedenfalls, dass Guntram einen Namen trägt, der verdächtig nach den Namen der Burgunderkönige klingt, die meist mit "Gund-" oder ähnlich begannen. Ob Chlothar schon bei der Geburt Guntram für eine Herrschaft im damals noch nicht eroberten Burgund vorgesehen hatte? Oder war die Namenswahl Zufall? Eventuell ein Nachhall aus früheren Zeiten, denn Guntrams Mutter war ein Thüringerprinzessin, eventuell mit burgundischen Vorfahren? Immerhin gab es in Austrasien mehrere Adlige mit Namen Gundo(w)ald, auch in Bayern war der Name in Adelskreisen geläufig. Sowohl Austrasien wie auch Bayern hatten relativ intensive Beziehungen zu Thüringen (so wurde der thüringische Herzog Radulf im 7.Jh. von einem Agilolfinger namens Fara unterstützt), und Renatus sah die "Toringi" im engen Zusammenhang mit Vandalen und Burgundern...

Guntram schaffte es jedenfalls, nicht nur Burgund als Einheit zu erhalten, sondern sogar (zumindest nominell) die Herrschaft über das Gesamtreich anzutreten. Er hatte keine Söhne, die ihn beerben konnten (die starben vor dem Vater), so dass er Childebert II., den Sohn der legendären Brunichild, adoptierte und als Erben einsetzte.

Der Name Guntram ist jedenfalls noch öfter zu finden: Im 9.Jh. gab es einen Robertiner namens Guntram, der im Wormsgau Graf war - wieder in Austrasien. Im alten Burgund schaffte es ein weiterer Guntram, genannt "der Reiche", im 10.Jh., im elsässischen Nordgau und in der heutigen Schweiz eine Herrschaft aufzubauen, die eine lange Tradition begründen sollte. Guntrams Enkel war nämlich der Erbauer der Habsburg, Guntram somit Stammvater der Habsburger.
Er gehörte zur Familie der Eberharde, die im Elsass begütert waren. diese Familie wiederum war ein Zweig der Etichonen, und Eticho (der Begründer dieser elsässischen Familie) war Sohn eines burgundischen Hausmeiers.

VG
Christian
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25.02.2015, 16:13
Beitrag: #8
RE: Die Geschichte der Burgunder
(24.02.2015 06:54)Sansavoir schrieb:  ./.

Die Entstehung des Zweiten Burgunderreichs im Jahr 443

Dass die Burgunder nach ca. 7 Jahren umgesiedelt wurden, hat sicher viele Gründe. Ein wichtiger Grund ist sicher die geänderte politische Lage in Nordafrika, wo 439 Geiserichs Vandalen Karthago erobert hatte und 442 der erst seit 435 bestehende Föderatenvertrag zwischen Vandalen, Alanen und Westrom aufgelöst wurde und die staatliche Unabhängigkeit des Vandalenreichs anerkannt werden musste. Auch der Macht- und Generationswechsel im Hunnenreich trug sicher zum Kurswechsel bei. Aetius beginnende Feindschaft zu den Hunnen ist sicher der Hauptgrund, dass die Burgunder ihre neuen Siedlungsgebiete in der Sapaudia erhalten hatten. Ein Beweis für den Kurswechsel in der Hunnenpolitik ist auch, dass seit 441 keine neuen hunnischen Söldner für die römische Armee rekrutiert wurden.

Die Sapaudia ist fast identisch mit dem historischen Savoyen. Bereits um 500 umfasste der Siedlungsraum der Burgunder die gesamte Provinz Lugdunensis I, Teile der Maxima Sequanorum, den Norden der Viennensis, Narbonnensis II, der Alpes maritimae und Alpes Graia. Vereinfacht ausgedrückt, das Burgunderreich umfasste inzwischen Gebiete des heutigen Burgunds, der heutigen Franche-Comté, der Provence und die heutige französische Schweiz. Das ist schon eine erstaunliche Leistung, denn um 443 wurde das Volk der Burgunder auf nur 25.000 Personen geschätzt, einschließlich der 5.000 Krieger. Söhne Gundowechs.

./.

Wenn ich hier auch noch eine kleine Einfügung machen darf:

Es sind bis ca. 500 immer wieder burgundische Nachzügler vom Rhein in die Sabaudia gezogen.
Woran man verschiedenes festmachen kann, so sind demnach nicht alle Burgunder zwangsumgesiedelt worden, gab es weiterhin über 60 Jahre hinweg, damals mindestens 2 Menschenalter, Kontakte

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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26.02.2015, 21:03
Beitrag: #9
RE: Die Geschichte der Burgunder
(24.02.2015 06:54)Sansavoir schrieb:  2. Teil

Die Burgunder zwischen 407 und 436
Die Gründe für die plötzliche Eskalation sind nicht genau bekannt, aber sie sind sicher zu erklären mit dem zunehmenden Druck der Hunnen auf die Burgunder und der fehlenden Bereitschaft der Römer, zwischen Hunnen und Burgunder zu schlichten. .......

Nur mal eine Überlegung: Vielleicht brauchte Aethius um sich zu beweisen einfach einen schnellen Sieg. Dieser war über die Burgunder leichter zu erringen als etwa über die Westgoten oder die Franken.

Das die Hunnen an dem ganzen beteiligt waren erscheint logisch. Einerseits aufgrund der Vorgeschichte und andererseits weil Aethius gerne auf sie als verbündete setzte. Die Heermeister nach 410 die erfolgreich waren beherrschten es meist Völker für sich zu gewinnen oder mehrere gegeneinander auszuspielen.
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27.02.2015, 16:46
Beitrag: #10
RE: Die Geschichte der Burgunder
(24.02.2015 06:54)Sansavoir schrieb:  Gundobad und Godegisel (480 bis 516)

Gundowechs ältester Sohn Gundobad wurde in Rom von Rikimer erzogen, nach dessen Ermordung im Jahr 472 nahm er den Titel „Patricius“ an und versuchte sich als Kaisermacher. Da sein Kandidat Glycerius, den er im März 473 in Ravenna zum Kaiser ausrief, vom oströmischen Kaiser Leo I. nicht anerkannt wurde und von Nepos 474 gestürzt wurde, entschloss er sich von Italien nach Gallien zurückzukehren.

Habe es auch schon anders gelesen, das Julius Nepos erst auf den Thron gekommen ist als Gundobad seinen Kandidat fallen gelassen hat, weil er sich nach Burgund zurückgezogen hat.
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27.02.2015, 17:13
Beitrag: #11
RE: Die Geschichte der Burgunder
(24.02.2015 18:40)913Chris schrieb:  ./.

Im alten Burgund schaffte es ein weiterer Guntram, genannt "der Reiche", im 10.Jh., im elsässischen Nordgau und in der heutigen Schweiz eine Herrschaft aufzubauen, die eine lange Tradition begründen sollte. Guntrams Enkel war nämlich der Erbauer der Habsburg, Guntram somit Stammvater der Habsburger.
Er gehörte zur Familie der Eberharde, die im Elsass begütert waren. diese Familie wiederum war ein Zweig der Etichonen, und Eticho (der Begründer dieser elsässischen Familie) war Sohn eines burgundischen Hausmeiers.

VG
Christian

Hier kann man den Bogen noch weiter spannen.
Die Habsburg nämlich liegt in einem Gebiet, das ziemlich sicher zum Herrschaftsbereich der Burgunder um ca. 500 gehörte.
Bis an den Hochrhein bei Basel und an die Aare reichte zdZ der Herrschaftsbereich der Burgunder.
Und nochmals ist zu spannen, Wink
der Aufstieg der Habsburger in die absolute Spitze des Welthochadels ist durch die Burgundische Heirat Fakt geworden.
Als Maximilian die Erbin und tochter Karls des Kühnen Maria heiratete.

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27.02.2015, 18:54
Beitrag: #12
RE: Die Geschichte der Burgunder
(27.02.2015 17:13)Suebe schrieb:  Als Maximilian die Erbin und tochter Karls des Kühnen Maria heiratete.
DIE hätte ich als Zeitgenosse auch gern geheiratet, selbst ohne das dicke Erbe. Big Grin

„Der Horizont der meisten Menschen ist ein Kreis mit dem Radius 0. Und das nennen sie ihren Standpunkt.“ (Albert Einstein)
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27.02.2015, 19:05
Beitrag: #13
RE: Die Geschichte der Burgunder
(24.02.2015 06:54)Sansavoir schrieb:  532 unterlagen die Burgunder in der Schlacht von Autun. Damit wurde der im Jahr 534 vollzogene Untergang des Burgunderreiches eingeleitet. Godomer III. starb noch im gleichen Jahr.

Neben dieser ereignigeschichtlich orientierten Darstellung wären noch eine Reihe anderer Fragen von Interesse.

So beispielsweise,

* was denn aus der burgundischen Bevölkerung im Frankenreich wurde;

* gab es nach dem Fall des burgundischen Staates noch eine burgundische Identität und wie lange hielt die an?

* Haben die Burgunder des zweiten Reichs archäologische und kulturelle Spuren hinterlassen? Vielleicht noch welche, die bis heute wirksam sind?

Das sind Fragen, deren Beantwortung zwar mühsam ist - weil seltener publiziert -, aber dennoch von kulturgeschichtlichem und ethnografischen Interesse.
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27.02.2015, 19:26
Beitrag: #14
RE: Die Geschichte der Burgunder
Willst Du Deine Fragen selbst beantworten, oder wirfst Du sie hier in die Diskussion, in Erwartung von Antworten?

Einiges könnte ich aus der Hand dazu bringen, fundierter nach Literaturbeiholung.

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28.02.2015, 01:15
Beitrag: #15
RE: Die Geschichte der Burgunder
(26.02.2015 21:03)WDPG schrieb:  Nur mal eine Überlegung: Vielleicht brauchte Aethius um sich zu beweisen einfach einen schnellen Sieg. Dieser war über die Burgunder leichter zu erringen als etwa über die Westgoten oder die Franken.

Das ist durchaus denkbar. Aetius wurde 430 Nachfolger des Heermeisters Felix. Seine Machtstellung wurde jedoch durch die Konkurrenz des ebenfalls um 430 zum Heermeister aufgestiegenen Bonifatius eingeschränkt. Bonifatius wurde von Galla Placida unterstützt. Erst nach dessen Ermordung im Jahr 432 konnte Aetius als Heermeister uneingeschränkt agieren. Deshalb war der schnelle Sieg über die Burgunder sehr wichtig für Aetius. Er konnte nach 432 noch einmal im Jahr 437 Konsul werden. Ebenso ist die Brutalität und Gnadenlosigkeit, mit denen die Burgunder bekämpft wurden, zu erklären. Bis zu ihrer Rebellion und ihrem Überbegriff auf Belgica I hatten sich die Burgunder seit Jahrzehnten romfreundlich gezeigt, es hat keinen Grund für Rache usw. gegeben. Das heißt letztlich, dass wie Du oben richtig vermutest, Aetius brauchte einen Sieg, um seine innenpolitische Stellung zu festigen. Ein Krieg gegen die Franken oder Westgoten wäre zu riskant gewesen, die Rebellion der Burgunder gab Aetius die Möglichkeit, sich als harter Politiker darzustellen.

"Geschichte erleuchtet den Verstand, veredelt das Herz, spornt den Willen und lenkt ihn auf höhere Ziele." Cicero
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28.02.2015, 01:43
Beitrag: #16
RE: Die Geschichte der Burgunder
(27.02.2015 19:05)Dietrich schrieb:  Neben dieser ereignigeschichtlich orientierten Darstellung wären noch eine Reihe anderer Fragen von Interesse.

So beispielsweise,

* was denn aus der burgundischen Bevölkerung im Frankenreich wurde;

* gab es nach dem Fall des burgundischen Staates noch eine burgundische Identität und wie lange hielt die an?

* Haben die Burgunder des zweiten Reichs archäologische und kulturelle Spuren hinterlassen? Vielleicht noch welche, die bis heute wirksam sind?

Das sind Fragen, deren Beantwortung zwar mühsam ist - weil seltener publiziert -, aber dennoch von kulturgeschichtlichem und ethnografischen Interesse.

Ich habe vor, mich weiter mit dem Thema "Burgunder/Burgund" zu beschäftigen und noch einige Artikel zu schreiben. Aber ich weiß noch nicht, wann ich den nächsten Artikel schaffen werde. Ich hoffe, dass dann Deine Fragen beantwortet werden.

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28.02.2015, 12:31
Beitrag: #17
RE: Die Geschichte der Burgunder
(27.02.2015 19:05)Dietrich schrieb:  ./:

* was denn aus der burgundischen Bevölkerung im Frankenreich wurde;

* gab es nach dem Fall des burgundischen Staates noch eine burgundische Identität und wie lange hielt die an?

* Haben die Burgunder des zweiten Reichs archäologische und kulturelle Spuren hinterlassen? Vielleicht noch welche, die bis heute wirksam sind?
Nach Beiholung der Literatur Innocent

Die burgundische Bevölkerung die vom Rhein her kam, war bereits stark multikulti eingefärbt. Insofern ist es archäologisch schon schwer die Einwanderer-Generation zweifelsfrei zu identifizieren.Separate Friedhöfe gab es in der Sabaudia nie. Grabbeigaben unterblieben sehr schnell, dafür wurde die römische Sitte der Grabdenkmäler, mit lateinischen Inschriften, übernommen.
Heiraten zwischen dem gallorömischen Bevölkerungsteil und den Burgundern waren nie untersagt, und auch nicht selten.
Aufgrund der recht maßvollen Herrschaftsausübung der Burgunder die sich insbesondere sehr positiv von der gleichzeitigen spätrömischen Praxis unterschied, gab es keine Konflikte.
Die Ansiedlung der Burgunder geschah unter dem Gesetz der "hospitalitas" bei der die einheimische Bvölkerung ein Drittel ihrer Räumlichkeiten dem Militär (hier den Burgundern) abtreten musste.
Womit Konflikte eigentlich vorprogrammiert waren.
Aber siehe oben.

Um 500 herum standen den Burgundern in der Sabaudia en Drittel aller Abhängigen und zwei Drittel von Grund und Boden zu. Wobei es unsicher ist, ob es sich lediglich um den Bodenertrag oder um tatsächliche Abtretungen handelte.
Im spätrömischen Reich waren die Steuereinnahmen Gedrittelt, ein Drittel Militär, ein Drittel für die Zentralbehörden, ein Drittel für die lokale Verwaltung. Woran abzulesen ist, dass die Burgunder neben dem Militärdienst auch den Wiederaufbau der Zentralbehörden übernommen hatten.

Es ist hier eine allmähliche Verschiebung des Burgunderbegriffes festzuhalten, vom Personenverband der Völkerwanderung zum territoril definierten Staatsgebilde spätrömischer Prägung.
Diese neugeschaffene Idendität hielt sich weit über die Zeit des Frankenreiches hinaus noch für Jahrhunderte.

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28.02.2015, 13:24
Beitrag: #18
RE: Die Geschichte der Burgunder
(28.02.2015 12:31)Suebe schrieb:  Diese neugeschaffene Idendität hielt sich weit über die Zeit des Frankenreiches hinaus noch für Jahrhunderte.

Die Verhältnisse zur Zeit des zweiten Reichs sind oft publiziert worden.

Spannender ist jetzt die Frage der Kontinuität. Wie und wann erlosch die burgundische Identität? Welche historischen oder kulturellen Spuren hinterließen die Burgunder?
Diese Fragen werden vermutlich nur in fachwissenschaftlicher Spezialliteratur beantwortet, wobei sicher vieles hypothetisch bleiben muss.
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28.02.2015, 18:10
Beitrag: #19
RE: Die Geschichte der Burgunder
(28.02.2015 13:24)Dietrich schrieb:  
(28.02.2015 12:31)Suebe schrieb:  Diese neugeschaffene Idendität hielt sich weit über die Zeit des Frankenreiches hinaus noch für Jahrhunderte.

Die Verhältnisse zur Zeit des zweiten Reichs sind oft publiziert worden.

Spannender ist jetzt die Frage der Kontinuität. Wie und wann erlosch die burgundische Identität? Welche historischen oder kulturellen Spuren hinterließen die Burgunder?
Diese Fragen werden vermutlich nur in fachwissenschaftlicher Spezialliteratur beantwortet, wobei sicher vieles hypothetisch bleiben muss.

Tja, und jetzt soll ich fachwissenschaftliche Spezialliteratur auftreiben, durcharbeiten und dann für dich in verständlichen Worten aufbereiten?

Tut mir aber leid.
Mein Interesse am Thema erschöpft sich zZ bei der ausgehenden Völkerwanderungszeit.

Nur noch dies zum Thema, die Franche Comté wurde erst am Ausgang des 17. Jahrhunderts französisch und führt auch heute noch ein gewisses Eigenleben im Zentralstaat. Also wenn die burgundische Idendität tatsächlich untergegangen ist, woran Zweifel durchaus angebracht sind, dann frühestens während der franz. Revolution.

Noch eins, über den Untergang des Herzogtums Burgund der Valois habe ich unter "Herter von Hertneck" schon mal einiges geschriben, falls von Interesse.

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01.03.2015, 11:19
Beitrag: #20
RE: Die Geschichte der Burgunder
Ich glaub, da muss man trennen zwischen einer eignen Identität der Landschaft Burgund und der des Volkes der Burgunder.
Erstere dürfte es noch heute geben, letztere wird in der Zeit langsam verschwunden sein, in der das ehemalige Königreich Burgund erst integrer Teil des Frankenreichs war und dann welfisches ("Drittes") Königreich inklusive Savoyen, Provence und Elsass. Die "alten" Burgunder sind aufgegangen in der Masse der Bevölkerung - wobei die Adligen wichtiger gewesen sein dürften - und nur die Einstellung, innerhalb des Frankenreiches noch etwas anderes zu sein wie eines der drei Kernreiche, dürfte sich erhalten haben. In Zeiten von Hoch- und Niederburgund wird sich das aber wieder abgeschliffen haben; ich kenne zumindest keine Berichte darüber, dass sich die Bevölkerung darüber aufregte, per Erbfall auf dem Königsthron plötzlich Teil des HRR geworden zu sein...

VG
Christian
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