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Konstantinopel fällt:
22.12.2015, 02:07
Beitrag: #34
RE: Konstantinopel fällt:
Der wesentliche Unterschied wären die verschiedenen Dynastien gewesen. Statt der Palaiologen hätten eben die Angeloi oder die Komnenen geherrscht. Epiros, Trapezunt und Nikea haben sich alle drei als Nachfolgestaaten des Byzantinischen Reiches gesehen. In allen drei Staaten wurden die alten Strukturen übernommen und die herrschenden Familien gehörten zu den Eliten des 1204 untergegangenen Byzantinischen Reichs.

Hätte Trapezunt anstsatt Nicäa die Restauration des Byzantinischen Reiches vollzogen, wäre die Geschichte ähnlich verlaufen, es hätten statt der Palaiologen die Komnenen geherrscht. Tatsächlich waren die Bindungen zwischen Konstantinopel und Trapazunt eng. Die Herrscherfamilien waren miteinander eng verwandt. Es hat viele Parallelereignisse gegeben, z.B. färbte der Bürgerkrieg zwischen Andronikus II. und seinem Enkel Andronikus III. Ebenso versuchten beide Staaten im 14. Jh. ein gutes Auskommen mit Osman und Orchan aufzubauen.

Dem Despotat Epirus ist es zu verdanken, dass die Existenz des lateinischen Königreiches Thessaloniki nach ca. 20 Jahren endete. Damit verlor das Lateinische Kaiserreich, dessen Vasall Thessaloniki war, die Kontrolle über die Ägäis und somit eine wichtige Verbindung nach Italien. Bis 1224/25 war Epirus ein durchaus erfolgreicher Staat, der sogar den Venezianer Korfu und Durazzo entreißen konnte. Michael I. war ein durchaus pragmatischer Herrscher, der eine geschickte Bündnispolitik betrieb, die hauptsächlich gegen die Venezianer gerichtet war. Man kann darüber diskutieren, ob sein Bündnis mit Papst Innozenz III. seinem Staat langfristig geschadet hat.

Fakt ist aber, dass Innozenz III. der mächtigste Mann in Italien war und er war der Lehnsherr über Sizilien. Mit dem Bündnis sicherte Michael I. seinen Staat gegen Einfälle feindlicher Truppen aus Italien ab. Langfristig bedeutete das Bündnis mit dem Papst, dass die verprellte orthodoxe Kirche sich mehr auf Nicäa konzentrierte. Dank der Ostkirche konnte sich Nicäa propagandistisch als Erbe des Byzantinischen Reiches darstellen. Dies war sicher nachteilig für Epirus.

Der Bruch mit Bulgarien um 1225 führte unter Michaels I. Nachfolger und Bruder Theodor I. zum Zerfall von Epirus in bedeutungslose Einzelstaaten. Dieser Niedergang konnte auch nicht aufgehalten werden, nachdem Michael II. die einzelnen Gebiete wieder vereinigte. Die 1250er Jahre waren geprägt von den Kämpfen zwischen Epirus und Nicäa, die Nicäa vor allem nach der Schlacht von Pelagonia von 1259 für sich entschied. Ob nun die bereits 1257 statt gefundenen Niederlagen gegen Manfred von Sizilien Epirus wesentlich schwächten oder Nicäa einfach zu stark geworden war bzw. mit Theodor Laskaris oder Michael VIII. die geschickteren Politiker und Militärs gehabt hatte, lassen wir mal offen.

Fakt ist, dass Epirus seine Unabhängigkeit behielt und sich m.E. mit Sizilien verband, zumindest lässt die Eheschließung der Helena von Epirus mit Manfred von Sizilien darauf schließen. Hätte sich Epirus anstatt Nicäa durchgesetzt und danach das Byzantinische Reich erneuert, hätte sich dieser Staat sich gegen Karl von Anjou behaupten müssen. Inwieweit das Papsttum diplomatisch für einen Ausgleich gesorgt hätte, ist fraglich. Ebenso hätte der byzantinische Kaiser für einen Ausgleich mit der orthodoxen Kirche sorgen müssen!

Fraglich ist es auch, ob ein Angehöriger des römischen Clans Orsini Kaiser des Byzantinischen Reichs geworden wäre. Vorstellbar ist zumindest, dass sich ein im wesentlich auf die europäischen Gebiete und evtl. auf die kleinasiatische Küste beschränkter Staat sich im 14. Jahrhundert gehalten hätte, der möglicherweise vom aragonesischen Sizilien oder vom angevinischen Neapel (vielleicht sogar vom angevinischen Ungarn) aus unterstützt wurde. Die Herrschaft der Katalanischen Kompagnie in Griechenland wäre ebenso möglich geworden. Im 15. Jahrhundert wäre dieser Staat aber aufgrund der osmanischen Eroberungen untergegangen. D.h. hätte Epirus Nicäa besiegt, wäre einiges anders verlaufen, aber der Untergang des Byzantinischen Reiches wäre schließlich auch im 15. Jh. gekommen.

Das Lateinische Kaiserreich hätte weiter bestehen können, wenn es sich gegenüber Nicäa und Epirus durchgesetzt hätten und sich auch mit Trapezunt diplomatisch geeinigt hätte. Spekulativ wäre naürlich, ob die Valois gleichzeitig Könige von Frankreich und Lateinische Kaiser hätten sein können. Auf alle Fälle wäre das Lateinische Kaiserreich auf die Hilfe des Papstes, der süditaliensichn Herrscher u.a. angewiesen. Avignon und das Schisma der katholischen Kirche hätten sicher den Fortbestand des Lateinischen Kaiserreiches im 14. Jh. gefährdet. Vielleicht wäre das angevinische Neapel oder gar Ungarn ein Partner dieses Reiches geworden. Es ist aber schwer vorstellbar, dass dieser Staat einer osmanischen Eroberung zum Ende des 14. Jh. widerstanden hätte.

"Geschichte erleuchtet den Verstand, veredelt das Herz, spornt den Willen und lenkt ihn auf höhere Ziele." Cicero
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