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Die "Schlimme Zeit, früher"
03.11.2015, 16:05
Beitrag: #1
Die "Schlimme Zeit, früher"
Ein Geschichtchen zur Einführung:

Ein Vater erzählt seinen Kindern, wie es ihm in seiner Jugend manchesmal gar nicht gut gegangen war.
Schließlich streichelt ihm sein Jüngster über den Arm: "Gell Vadder, da bist du aber froh, dass du jetzt bei uns sein darfst".

Die Erzälungen der Altvorderen waren in meiner Jugend reine Horrorstories. Alles fürchterlich, hunger, Krieg, Gefangenschaft, Bomben, Flucht, Vertreibung.
(Und der kleine Suebe hat sich trotzdem nicht überzeugen lassen, dass "gefälligst alles was auf den Tisch kommt gegessen wird" Die Folgen waren machmal auch fürchterlich, aber Spinat noch viel fürchterlicher...)

Nun war die 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts zweifellos insgesamt eine überaus schlimme Zeit.
Aber kann man von dem her überhaupt und pauschal auf die Vergangenheit schließen?
Oder war das ein mehr oder weniger gewaltiger Ausreisser nach unten?
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04.11.2015, 10:56
Beitrag: #2
RE: Die "Schlimme Zeit, früher"
Nein, kein Ausreißer. In den Städten ging´s zu Zeiten der Industrialisierung noch viel schlimmer zu, vor allem bei den Arbeitern. Die Pestzeiten und die Zeiten des 30jährigen Krieges will ich jetzt gar nicht mal noch dazu packen. Die 1.Hälfte des 20.Jahrhunderts brachte immerhin auch enormen technischen Fortschritt, auch wenn die ländliche Bevölkerung (= der überwiegende Teil der Bevölkerung) daran recht wenig Teil haben konnte. Hitler hatte u.a. deswegen so großen Zulauf, weil er den Menschen das GEFÜHL gab, es gehe ihnen besser als jemals zuvor (es war nur ein Gefühl, realerweise erreichten die Löhne unter Hitler erst recht spät wieder das Niveau von vor der Weltwirtschaftskrise).
Klarer Fall von verfälschender Erinnerung, wie´s im übrigen auch für die "guten alten Zeiten" zutrifft. Der Mensch neigt scheinbar dazu, sich vorzugsweise an Extreme zu erinnern...Wink

VG
Christian
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04.11.2015, 14:03
Beitrag: #3
RE: Die "Schlimme Zeit, früher"
Hmmmm,
ich habe echt Zweifel. Ohne die jetzt so aus der Hand belegt begründen zu können.

Aber, zB Krupp hat so um 1830 herum eine Fluktuations-Rate von 300% und mehr gehabt.
Die Leute haben zuerstmal das tägliche Arbeiten nicht aushalten können.

Fakt. In der Landwirtschaft gibt es Zeiten im Jahresverlauf wo fast rund um die Uhr gearbeitet werden musste, die sich aber mit Zeiten abwechseln, wo fast nichts zu tun war.
Ich habe auch schon mal gelesen, dass mit den einstigen vielen Feiertagen lässig und bequem die heute üblichen 30 Tage Jahresurlaub zusammen kamen.
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04.11.2015, 16:20
Beitrag: #4
RE: Die "Schlimme Zeit, früher"
Aber nicht auf dem Land, das Vieh musste z.B. jeden Tag versorgt werden...ok, viele kleinere Bauern hatten eine Kuh und ein paar Kleintiere, die machten nicht so viel Arbeit, dafür nagten die Kleinbauern aber auch das ganze jahr am Hungertuch und kamen nie auf einen grünen Zweig...
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04.11.2015, 19:55
Beitrag: #5
RE: Die "Schlimme Zeit, früher"
(04.11.2015 16:20)913Chris schrieb:  Aber nicht auf dem Land, das Vieh musste z.B. jeden Tag versorgt werden...ok, viele kleinere Bauern hatten eine Kuh und ein paar Kleintiere, die machten nicht so viel Arbeit, dafür nagten die Kleinbauern aber auch das ganze jahr am Hungertuch und kamen nie auf einen grünen Zweig...

Wenn die eigene Landwirtschaft nicht reichte, haben sie beim nächsten Großbauern im Taglohn gearbeitet. Aber zB im Juli hat der Bauer traditionell allem nach nichts zu tun gehabt. Heu war drin, und Frucht noch nicht reif.

Ich habe zum "Mittagsschläfchen" kurz in Tenfelde/Ritter "Der Arbeiter im Kaiserreich" geschaut. Die Realeinkommen der Arbeiter sind von 1880 bis 1913 ganz erheblich in die Höhe gegangen. Nicht nur in Deutschland auch in England und den USA. So wird darin ausgeführt, dass es 1913 keine ungelösten "sozialen Konflikte" in Deutschland gab, der Arbeiter den steigenden Lebensstandart sehr wohl am eigenen Leibe verspürte, ein revolutionäres Potential nicht vorhanden war. Die Politik der Arbeiterparteien sich an den realen Möglichkeiten orientierte.

Auch für die Zeit ab dem spanisch/polnischen Erbfolgekriegen bis zu den Koalitionskriegen, stark 60 Jahre, wird in Süddeutschland von einer Zeit der wirtschaftlichen Blüte gesprochen.
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05.11.2015, 11:07
Beitrag: #6
RE: Die "Schlimme Zeit, früher"
Hmmm....als Bayern zusammen mit den Österreichern den 1866er Krieg verlor, bekam man von Preußen Reparationszahlungen aufgebrummt, die mW das Dreifache (!) des Staatshaushalts ausmachten...diese Gelder wurden von der Bevölkerung geholt...Glück für Bayern, dass in der Zeit Konzerne wie die spätere MAN entstanden und zumindest aus Nürnberg und Augsburg veritable Industriestädte machten...aber ich meinte mit meinen "für die Arbeiter düsteren Jahren" auch nicht primär die Zeit nach 1880, sondern DAVOR...die von der erwähnten Jahre zwischen 1880 und dem WWI sind die "gute alte Zeit", von der so oft die Rede ist. Die Kriegsjahre, vor allem die Hungerjahre gegen Ende des Kriegs, sind dann zusammen mit den Jahren der Wirtschaftskrise und der Infaltion(en) die "düsteren Jahre", auf die du dich anfangs bezogen hast...
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05.11.2015, 20:14
Beitrag: #7
RE: Die "Schlimme Zeit, früher"
Nocham auf den "Arbeiter im Kaiserreich" zurückzukommen.
Tenfelde/Ritter beschreiben darin den wachsenden Wohlstand/sinkende Armut der Arbeiterschaft zwischen 1880 und 1913 (vor 1880 gibt es wenig belastbare Zahlen) wobei sie darauf hinweisen, dass es sehr schwierig sei eine allgemeingültige Aussage zu machen, wie es die Betroffenen selbst gesehen haben.

War es tatsächlich so schlimm und wurde es so schlimm empfunden wie zB die Bilder Heinrich Zilles heute leicht glauben machen?

Es gab ja durchaus eine "Arbeiteraristokratie" schon damals.

Nochmal ein Beispiel aus eigenem.
Vor ca. 3 Jahrzehnten haben sie in Balingen ganz in der Nähe des Zollern-Schlosses den letzten Gerber mit einem "Goldenen Handschlag" aus der Innenstadt hinaus komplimentiert. Der Gestank um die Gerberei herum war für den Jetztmenschen fast nicht auszuhalten.

Nun war ein Herkunftszweig meiner Ahnen Jahrhunderte lang Gerber von Beruf. Allem nach mit die Wohlhabendsten. (Der Vater des Oberamtsrichters Dodel war übrigens auch Gerber)
Wenn ich heute, mit dem Wissen über die fürchterliche Belästigung meiner Nasenschleimhäute durch den einen Gerber, durch das frühere Gerberviertel meiner Vaterstadt schlendere, habe ich große Probleme mir das Leben da vorzustellen. Unmöglich, vollkommen unmöglich.
Aber doch.
Wobei die Bomben anscheinend einen kräftigen Bogen um jenes Viertel gemacht haben, die Häuser um den einstigen Mühlkanal herum sind alle gut 200 Jahre alt. Also man kann zumindest einen visuellen Eindruck bekommen. Unterlegt mit meinem einstigen Geruchserfahrungen.
Jedoch, die haben dort gelebt, über viele Generationen und waren recht gut "Betucht".

Alles eine Frage der persönlichen Einstellung????
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05.11.2015, 20:42
Beitrag: #8
RE: Die "Schlimme Zeit, früher"
(05.11.2015 11:07)913Chris schrieb:  Hmmm....als Bayern zusammen mit den Österreichern den 1866er Krieg verlor, bekam man von Preußen Reparationszahlungen aufgebrummt, die mW das Dreifache (!) des Staatshaushalts ausmachten...diese Gelder wurden von der Bevölkerung geholt...Glück für Bayern, ./.

Die Württemberger haben Anno sechsundsechzge die Burg Hohenzollern besetzt, und die Fahne mit den Hirschhörnern gehisst.
Was den Kartätschenprinzen in Berlin besonder geärgert hat, und er seinen eisernen Otto noch einen Extra-Betrag auf die Reparationen aufschlagen ließ.

Der Mayer, Redakteur des Beobachters, hat schon recht gehabt, als er einen Guerillakrieg nach spanischem Vorbild gegen die Preußen forderte.
Drei Jahre später forderte er vehement einen Preußisch/südd. Präventivkrieg gegen Frankreich....
Manchmal ändern sich die ZeitenIdea
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05.11.2015, 20:57
Beitrag: #9
RE: Die "Schlimme Zeit, früher"
Also nicht ganz unbekannt ist auch das Gegenteil der "schlimmen Zeit", die "gute alte Zeit".

Ich denke was den Alltag der Menschen betrifft kann man das nicht so pauschal sagen. Selbst in tatsächlich schrecklichen Zeiten, wird es vorgekommen sein das z.B. Kinder oder Jugendliche auch mal Spaß gehabt haben. Und in tollen Wohlstandszeiten ist es vielleicht auch für manche Entwicklungen und Situationen die schrecklich für die Betroffenen sind.

Also gesamt gab es diese "schrecklichen Zeiten" wohl, etwa Zeiten in denen Krieg und Armut herrschte. Aber erstens war nicht jeder gleich betroffen und zweitens empfand nicht jeder alles gleich schrecklich.
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08.11.2015, 22:46
Beitrag: #10
RE: Die "Schlimme Zeit, früher"
"Gute Zeiten" sind wohl eher die ereignislosen, unspektaktulären Zeiten, in denen irgendwie alles seinen gewohnten Gang geht. "Schlimme Zeiten" sind wohl die Zeiten von Kriegen, Seuchen, Verfolgungen, Vertreibungen, Revolutionen usw. Russen sprechen zum Beispiel über die Jahre der Breschnew-Ära über die goldenen Jahre der Stagnation.

"Geschichte erleuchtet den Verstand, veredelt das Herz, spornt den Willen und lenkt ihn auf höhere Ziele." Cicero
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09.11.2015, 12:56
Beitrag: #11
RE: Die "Schlimme Zeit, früher"
(08.11.2015 22:46)Sansavoir schrieb:  "Gute Zeiten" sind wohl eher die ereignislosen, unspektaktulären Zeiten, in denen irgendwie alles seinen gewohnten Gang geht. "Schlimme Zeiten" sind wohl die Zeiten von Kriegen, Seuchen, Verfolgungen, Vertreibungen, Revolutionen usw. Russen sprechen zum Beispiel über die Jahre der Breschnew-Ära über die goldenen Jahre der Stagnation.


Es ist ein sehr sehr komplexes Kapitel. Und beim näheren Betrachten wird es immer noch komplexer.
Die von mir genannte Zeit 1730 bis ca. 1790 wurde in Süddeutschland allem nach als prosperierende Zeit des Aufschwungs gesehen. Für Schlesien und Mitteldeutschland stellen sich da aber die ersten dreißig Jahre anders dar.
Als jener Fritze sich einen Namen machen wollte.

Im 19. Jahrhundert haben wir ja den "Indiz" der Auswandererzahlen. die aber immer erst dann besonders hoch sind, wenn die Krise vorbei ist. Zuzerst mal verwunderlich.
Nun habe ich dazu schon gelesen, dass zur Auswanderung ein gewisses Kapital da sein muss, insbesondere zur geregelten Auswanderung ganzer Familien. Die hat man ja nur gehen lassen, wenn alle Verbindlichkeiten beglichen waren. (evt. Gläubiger wurden von Amtswegen per Zeitungsanzeige aufgefordert ihe Forderungen bis da und da zu bennen, sonst wäre es zu spät)
Für die illegale Auswanderung gilt dies natürlich nicht, da gibt es aber halt auch keine Zahlen.
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09.11.2015, 14:00
Beitrag: #12
RE: Die "Schlimme Zeit, früher"
(08.11.2015 22:46)Sansavoir schrieb:  "Gute Zeiten" sind wohl eher die ereignislosen, unspektaktulären Zeiten, in denen irgendwie alles seinen gewohnten Gang geht. "Schlimme Zeiten" sind wohl die Zeiten von Kriegen, Seuchen, Verfolgungen, Vertreibungen, Revolutionen usw. Russen sprechen zum Beispiel über die Jahre der Breschnew-Ära über die goldenen Jahre der Stagnation.

Würde ich so nicht unbedingt sagen. Erstens kommt es mal darauf an wer derjenige ist, der die Zeit erlebt. Ist man etwa derjenige der ein Unternehmen führt kann man durchaus einen Wirtschaftsaufschwung als "gute Zeit" sehen. Denke schon das es auch Zeiten des Aufbruchs gegeben hat. Denke da z.B. an die Zeit des Wirtschaftswunders.

Aber wie gesagt es gibt das große politische Umfeld, es gibt regionale Ereignisse und es gibt dann auch noch das individuelle Leben und das Empfinden des Einzellnen, die dann später an die "schlechten Zeit" oder auch dem "Goldenen Zeitalter" erinnern.
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09.11.2015, 20:04
Beitrag: #13
RE: Die "Schlimme Zeit, früher"
Um hier auch mal ein bißchen u filosofieren:

Glück
ist viel individueller und lässt sich von dem her kaum vergleichbar konkretisieren.
Unglück dagegen ist relativ gut, jedenfalls deutlich besser zu definieren.

Von dem her ist es vermutlich nicht weiter verwunderlich, wenn "historisch" immer wieder auf den "schlechten alten Zeiten" herumgeritten wird.


Zu den "guten Zeiten":
Wenn Anno 1965 einer von der "Guten alten Zeit" berichtet hat, meinte er die Zeit bis in den Juli 1914. Definitiv.
Wobei wirtschaftlich ging es den BRD-Deutschen 1965 verhältnismäßig sehr gut.
Aber politisch, politisch war kacke, die Wunden von Flucht und Vertreibung kaum vernarbt. Die ständige Angst vor dem Dritten Weltkrieg.
Die SBZ und West-Berlin haben sehr auf der Seele gelastet. Das Gefühl, dass man einen Teil der Deutschen sehr viel mehr für die verfluchten 12 Jahre bezahlen lässt, durchaus umfassend vorhanden.

Von dem her, es wird dem Jetztmenschen kaum mehr verständlich sein, die "Goldenen 20er Jahre" feierten eine gewaltige Renaissance damals. "Wochenend und Sonnenschein" oder "Ausgerechnet Bananen" waren beliebte Schlager, man tanzte wieder Charleston...
maW die Sehnsucht nach der Zeit als man noch "ein einig Volk von Brüdern" war und alle Not und Gefahr gemeinsam trug, war groß.
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10.11.2015, 14:28
Beitrag: #14
RE: Die "Schlimme Zeit, früher"
(09.11.2015 20:04)Suebe schrieb:  Unglück dagegen ist relativ gut, jedenfalls deutlich besser zu definieren.
Wenn etwas nur in der Negation eines Begriffs existiert, dann kann es schwerlich einfacher zu definieren sein als der Begriff selbst.

Wie die "alte" Zeit war, hängt wohl mehr vom urteilenden Individuum ab als von der Zeit. Da in unserem Kulturkreis eine ausgeprägte Jammerkultur vorherrscht, wird wohl inzwischen überwiegend das Negative gesehen, auch in der Vergangenheit. Was ich seltsam finde, weil sich das nur Menschen leisten können, die gar nicht viel Schlechtes erlebt haben. Wer wirklich Schlimmes durchmachen musste, muss wohl viel verdrängen und vergessen, um den Alltag meistern zu können.

"Es gibt nur eine Sache die größer ist als die Liebe zur Freiheit: Der Hass auf die Person, die sie dir weg nimmt."(Che Guevara)
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