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Irak - Geschichte und Entwicklung
19.06.2014, 11:41
Beitrag: #1
Irak - Geschichte und Entwicklung
Servus!
Angesichts der Tatsache, dass der Staat Irak zu zerfallen droht und dass dabei verschiedene Ursachen genannt werden - Fehler der USA nach und bei dem Sturz Saddam Husseins, die kolonialen Grenzziehungen, konfessionelle Streitigkeiten - stellt sich mir die Frage, wo denn nun die eigentlichen Ursachen für den innerirakischen Konflikt liegen.
Höchstwahrscheinlich gibt es - mal wieder - nicht eine einzige Ursache, sondern mehrere, die ineinander greifen. Denzufolge gibt es auch mehrere Lösungen, von denen wiederum nicht eine einzige zum Frieden im Irak führen kann, sondern nur eine Kombination aus mehreren Lösungsansätzen.

Die erste Frage, die beantwortet werden muss: Wo liegen die Grundlagen für die aktuellen Konflikte?
Wenn diese Konflikte nämlich schon älter sind als der Sturz Saddam Husseins, oder die Herrschaft Saddam Husseins, oder das koloniale Königreich Irak oder überhaupt der Staat Irak in seinen heutigen Grenzen, dann muss man auch ganz anders ansetzen, um die Konflikte zu lösen.

Kurze Recherche bei Tante Wiki: Oha!!
Den Irak in seinen heutigen Grenzen gibt es schon seit Jahrhunderten! 1704 gründete der Mamelucke Hasan Pascha eine Dynastie von Paschas, die von Bagdad aus bis 1831 den heutigen Irak beherrschten. Dieses Herrschaftsgebiet wurde unter dem von den Osmanen entsandten Midhat Pascha um 1870 herum in die drei Provinzen Basra, Bagdad und Mossul aufgespalten, womit aber "nur" der (noch?) heute gültigen Aufteilung des Landes in einen kurdischen Norden, eine sunnitische bzw. gemischte Mitte (Bagdad war multiethnisch, mit großen jüdischen und christlichen Bevölkerungsanteilen) und einen schiitischen Süden Rechenschaft getragen wurde.

Wenn die heutigen Islamisten und Sunniten von der ISIS damit drohen, die schiitischen Heiligtümer in Kerbela und Nadschaf zu zerstören, dann treten sie auch da in ganz große historische Fußstapfen: Schon 1802 gelang es einem der Stammväter der heutigen Dynastie Saud, beide Heiligtümer zu zerstören (was von einem sunnitisch (!) - irakischen Historiker und Zeitgenossen heftigst verurteilt wurde!).
Dieser wahhabitische Anführer war Abd el-Aziz ibn Saud. Dessen Vater Muhammad war Emir von Diriyya (heute ein Vorort von Riad) und der hatte sich zusammen mit seinem Sohn vom Gründer des Wahhabismus missionieren lassen und anschließend ein erstes Saud- bzw.Wahhabiten-Reich eroberte.
Noch heute herrschen in Riad die Dynastie Saud und der Wahhabismus, also eine extreme Form des Islam, im Grunde eine Form des Islamismus. Die Einflussnahme des anti-schiitischen Islamismus im Irak ist also auch schon 200 Jahre alt.

Als die Osmanen den Irak im 16.Jh. eroberten, taten sie dies im Kampf mit den Persern. Der Irak wurde danach von Persien zurückerobert und von den Osmanen zurück-zurückerobert und blieb danach osmanisch. Wenn sich heute der Iran im Irak einmischt, hat dies also auch schon eine lange Tradition und der Iran beruft sich möglicherweise nicht nur darauf, die irakischen Schiiten schützen zu müssen, sondern auch auf historische Rechtfertigungen. Davon hab ich zwar noch nichts gehört, das liegt aber eventuell "nur" an den Informationen, die die westlichen Medien publizieren.

Alles in allem haben wir es im Irak also mit Strukturen zu tun, die in den vergangenen 300, vielleicht sogar 400 Jahren gewachsen sind!

Das hat natürlich Einfluss darauf, wie eine Lösung für die heutigen Konflikte in der Region gefunden werden kann. Nämlich SEHR schwer!!

Nur um die Schwere der Problematik mal zu verdeutlichen:

Man überlege sich, in Europa die Strukturen, die hier in den letzten 300 Jahren - also seit Ludwig XIV., Friedrich dem Großen und Maria Theresia - gewachsen sind, zu verändern.

Man überlege sich, das Wirken Napoelons (Zeitgenosse des wahhabitischen Überfalls auf den Irak) rückgängig zu machen.

Man überlege sich, was es bedeutet hätte, die Kriege, die aufgrund dieser Strukturen und Entwicklungen ausgebrochen sind (zuletzt waren das zwei Weltkriege, und noch die Jugoslawienkriege und der aktuelle Konflikt in der Ukraine lassen sich auf diese Strukturen zurückführen), von außen zu verhindern oder zu beenden. (man versetze sich also im Grunde z.B. in die Lage der USA während der Weltkriege oder auch Chinas zur Zeit Napoleons oder Ludwigs XIV.!).

Dann erst wird man in Ansätzen (!) eine Idee davon bekommen, was es bedeutet, von Europa aus oder von den USA aus die Konflikte im Nahen Osten (denn auch der Bürgerkrieg in Syrien hat eine ähnlich lange Vorgeschichte wie der im Irak und andere Konflikte in der Region) zu "bearbeiten". Und - nicht zu vergessen - alles, was im 20.Jh. im Nahen Osten passiert ist und sich entwickelt hat, muss natürlich auch noch in Rechnung gestellt werden.

Wer wohlfeile Ratschläge bereit hat, wie man den Irak (oder Syrien) befrieden könnte, möge sich die historischen (und aktuellen) Hintergründe vor Augen halten! Meines Erachtens ist der Sturz Saddam Husseins und die Demokratisierung des Irak durch die USA eben daran gescheitert, wie auch schon die "Neustrukturierung" des Nahen Ostens durch die Briten und Franzosen zuvor: Dass man eben nicht auf dem Bildschirm hatte, dass man es hier mit jahrhundertealten politischen und gesellschaftlichen Strukturen zu tun hat, die genauso schwer zu verändern und zu beherrschen sind wie die gleichalten Strukturen in Europa, Asien und sonstwo.

So. Punkt. Erst Mal. Wink
Dies alles ist natürlich nur MEINE Sicht der Dinge. Inwieweit liege ich richtig? Inwieweit falsch? Wie könnten Lösungen aussehen?
Einfach raushalten darf sich der Westen nämlich nicht (was angesichts der von mir skizzierten Komplexität der Situation - sofern diese Skizze zutreffend ist - allerdings verführerisch wäre; und Obama hat ja auch erkennbar die Schn... voll von der Region...). Aus humanitären Gründen, aber auch aus politischen Gründen. Wenn sich nämlich die (EU-)Europäer oder die USA nicht einmischen, tun das andere - Russland, China, Saudi-Arabien, Katar, die Türkei... und das könnte gegen die Interessen der USA und/oder der (EU-)Europäer sein...

Ich freue mich auf konstruktive Kritik eurerseits!

VG
Christian
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19.06.2014, 12:34
Beitrag: #2
RE: Irak - Geschichte und Entwicklung
Es ist nicht zu ändern, aber der Irak besteht aus drei Teilen: dem arabisch-schiitischen, dem arabisch-sunnitischen und dem kurdischen. Man kann natürlich noch viel mehr Teile konstruieren, aber die drei sind schon schlimm genug.
Der kurdische Teil, mit Sunniten, Schiiten, Yeziden, Turkmenen, Tscherkessen u.a.m., hat sich schon weitgehende Autonomie erkämpft und wird sie sich nicht mehr nehmen lassen.
Die Sunniten trauerten immer noch Saddam Hussein nach und legten Bomben. Gefühlte oder wirkliche Unterdrückung durch die Regierung Maliki trieb sie in die Arme von ISIS. Wenn man ISIS mit Waffengewalt zerschlägt, muß man etwas anderes an seine Stelle setzen, denn den zweifelhaften Herrn Maliki werden die Sunniten niemals als ihren Herrscher anerkennen. Auch hier hilft nur eine weitgehende sunnitische Autonomie, was zugleich die Teilung Bagdads, die tatsächlich schon vollzogen ist, bedeutet.
Das Ganze macht natürlich viel Arbeit, aber wenn man sich davor scheut, hat man auf ewig und drei Tage noch mehr Arbeit.
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19.06.2014, 13:04
Beitrag: #3
RE: Irak - Geschichte und Entwicklung
Schwieriges Thema, dass du gut dargestellt hast, Chris. Der Vergleich mit der jüngeren, europäischen Geschichte läßt erkennen, dass Besserwisserei und Arroganz nicht angebracht sind, meist dienen sie nur der Verbrämung von eigenen Interessen.
Zielführender wäre es, Irakern, Kurden, Syrern der verschiedenen Konfessionen und Gruppen zuzuhören.
Vor einiger Zeit las ich ein Buch des Syrers Rafik Schami, bes. über die syrischen 50/60er, mit vielen Rückblenden ins frühe 20. Jhdt.
Unter der Oberfläche, der von dir dargestellten, politischen Entwicklungen der letzten 300/400 Jahre schien bis ins späte 20. Jhdt. eine Familienclanstruktur zu bestehen.
Geburtsort, weitläufigste Familienbande, Heiratsverhalten innerhalb Konfession und Herkunft manifestierten diese Struktur über die Jahrhunderte, bes. auf dem Land. Aber ausstrahlend bis in die Großstädte, da man das Dorf, aus dem die Familie ursprünglich stammte, wegen der gutgepflegten Verwandtschaften nie ganz aus den Augen verlor. Das war jedenfalls mein Eindruck beim Lesen des Buches, die Verhältnisse könnten im Irak und vielen anderen, schwierigen Staaten ähnlich sein.
Die Menschen haben quasi lebenslang die Erfahrung gemacht, dass sie dem Staat/der Regierung nicht vertrauen können. Es gibt keine Rechtssicherheit und wenn von außen jemand eingesetzt, gefördert, unterstützt wird, so bedient dieser über kurz oder lang, den eigenen Familienclan, so lange er an der Macht ist.
Ob es was bringt, Irak, Syrien und andere schwierige Staaten wie Libanon und Israel auf bekannte Großgruppen zu zerschlagen, bezweifle ich. Diese Völkersortiererei kann ja nie mehr als eine Momentaufnahme sein und etliche religiöse Gruppen blieben dabei auf der Strecke, wodurch immer wieder neue Konflikte entstehen.
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19.06.2014, 13:53
Beitrag: #4
RE: Irak - Geschichte und Entwicklung
(19.06.2014 13:04)Renegat schrieb:  Ob es was bringt, Irak, Syrien und andere schwierige Staaten wie Libanon und Israel auf bekannte Großgruppen zu zerschlagen, bezweifle ich. Diese Völkersortiererei kann ja nie mehr als eine Momentaufnahme sein und etliche religiöse Gruppen blieben dabei auf der Strecke, wodurch immer wieder neue Konflikte entstehen.

Zerschlagen kann man einen Staat nur von außen. Irak und Syrien zerlegen sich grade selber.
Jetzt kann man fragen, ob sich da nicht etwa "natürliche" Grenzen entwickeln, die seit Jahrhunderten, bis zurück in die byzantinische Zeit von größeren politischen Strukturen nur überdeckt worden sind.
Wenn Alawiten, Assyrer, Schiiten, Sunniten, Syrer, Araber und wer da noch so alles in Syrien lebt, in Syrien nicht zusammenleben können, dann sollen sie sich doch trennen und jeder seinen Schmu machen. Dito im Irak.

Andererseits werden im Nahen Osten, gerade wegen der langen und komplizierten Geschichte "saubere" Trennlinien nie möglich sein; Streit wird es immer geben. Auch werden es diverse Völkerschaften schon allein wegen ihrer geringen Kopfzahl nie schaffen, einen lebensfähigen Staat auf die Beine zu stellen.
Weiters ist die dortige Gesellschaft in Clans organisiert. Durch die Entwicklung in der jüngeren Zeit sind diese Clans oft nicht nur über einen Staat zerstreut. Außerdem gibt´s da immer einen Clanführer, der, wenn es solche "Clan-Staaten" geben sollte, die Führerrolle beansprucht. Eventuell werden einige Clans andere dominieren bzw. erobern. Ein Rückfall ins (arabische) Mittelalter, d.h. in die Zeit, in der es nach dem Zerfall des (in dem Sinn "antiken") Islamischen Reichs bzw. Kalifats bzw. des Osmanischen Reichs und vor Beginn der "modernen" Zeit (mit Kolonialisierung und globaler Einbindung der Nahost-Staaten) zur Gründung von arabischen Königreichen bzw. Scheichtümern und Emiraten (meist von britischen Gnaden) kam, von denen eben die Reiche der Arabischen Halbinsel bis heute überlebt haben.
Die Zustände auf der Arabischen Halbinsel mit ihren mow konservativ-islamischen Königreichen würden dann auf den gesamten arabisch-islamischen Nahen Osten ausgeweitet.

Will das wer (im Westen)? Würde das mehr Ordnung, weniger Chaos, weniger Kriege bedeuten? Für die nächsten mindestens 100 Jahre wohl eher nicht...also aus unserer Sicht auch keine zufriedenstellende Lösung, ganz zu schweigen davon, dass da keine Demokratie nach westlichem Muster herauskäme, was aber wahrscheinlich sowieso eine utopische Vorstellung ist, betrachtet man die Entwicklung des "arabischen Frühlings" in den Staaten, die nicht total ins Chaos versunken sind und in denen es eine demokratische Entwicklung gegeben hat (Tunesien, Ägypten).

Syrien wird wohl auf absehbare Zeit zu einem zweiten Afghanistan werden, also Heimat extremislamistischer Bewegungen, die von hier aus ihren Terror gegen alles, was nicht in ihrem Sinn ist, richten werden. Assad wird sich vielleicht noch eine Zeitlang behaupten können und ein Rest-Syrien um Damaskus und Aleppo mit harter Hand beherrschen. Wie sich der Irak entwickeln wird - wahrscheinlich ein mow unabhängiges Kurdistan im Norden (mit wechselnder Begeisterung seitens der Türken und Iraner) und einem iranisch dominierten, wenn nicht beherrschten schiitischen Süden. Ob sich um Bagdad was Eigenständiges entwickeln wird, steht in den Sternen.

Insgesamt sehe ich da eine ganze Reihe von "failed States" in Entwicklung, quasi eine "Somalisierung" des Nahen Ostens. Angefangen bei Libyen bis hin zu Syrien, dem Libanon und Irak. Wie stabil Jordanien in dem ganzen Chaos bleiben kann - ich weiß nicht. Eher weniger. Und wegen Kurdistan sind auch die Kaukasusstaaten nicht außer Gefahr, hier hinein gezogen zu werden...wobei Kurdistan wegen seiner offenbar funktionierenden staatlichen und militärischen Strukturen ironischerweise qausi eine "Insel der Stabilität" werden könnte...

Schlimm. Vor allem für die Zivilbevölkerung, die ja einfach nur zwischen den Kriegsgegnern überleben will und zwangsweise mit der ein oder/und anderen Seite klarkommen muss bzw. was Syrien und den südlichen und mittleren Irak betrifft fast komplett zu Flüchtlingen werden kann (wird?).

VG
Christian
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20.06.2014, 00:52
Beitrag: #5
RE: Irak - Geschichte und Entwicklung
Nach Chris, Harald und Renegat möchte ich mich zu möglichen Ursachen der Krise im Nahen Osten äußern.

Eine Ursache der heutigen Situation der arabischen Welt ist die US-amerikanische Politik seit 1990. Besonders unter der Präsidentschaft von George W. Bush wurde der Nahe Osten massiv destabilisiert. Ich denke da an solche unsinnigen Behauptungen der Bush-Administration, wie z.B. dass der Irak mit al-Quaida zusammengearbeitet hat. Ebenso unsinnig, wie dem Irak als einen gefährlichen Feind der USA hoch zu stilisieren und gegen ihn Krieg zu führen, waren die ideologischen Kampagnen gegen den Iran, gegen Syrien und gegen Libyen oder der Black-Hawk-Krieg in Somalia.

Aus welchem Grund geschah das? Die fehlende Demokratie in diesen Staaten kann nicht der wirkliche Grund gewesen sein. Denn bis 1989 wurde z.B. die Diktatur in Somalia von der USA unterstützt, in den 80-er Jahren wurde Saddam Hussein im Irak-Iran-Krieg mit wohlwollender Neutralität behandelt und die Hilfe des Assad-Regimes wurde 1991 und seit 2003 im Golf-Krieg auch gern angenommen. Und wenn auch kein einziger dieser Staaten demokratisch (nach westlichen Vorstellungen) gewesen war, so sollte man beachten, dass z.B. in Libyen, im Irak oder in Syrien Frauen Schulen und Universitäten besuchen durften. Und der Iran ist nach dem Tod Khomeinis auch nicht mehr die klassische Diktatur, es gibt durchaus Gewaltenteilung und Möglichkeiten die Macht Einzelner einzudämmen und zeitlich zu begrenzen. Dies alles gibt es nicht in Saudi-Arabien, Kuwait, Katar oder im Jemen.

Deshalb bin ich der Meinung, dass die USA im Nahen Osten keine Politik zur Demokratisierung der Region betrieben hat, sondern eine Politik im Interesse ihrer Verbündeten. Das politische Bündnis zwischen den USA und den islamisch-konservativen Monarchien ist aus den Partnerschaften verschiedener und miteinander konkurrierender US-amerikanischer Ölkonzerne mit regionalen Clans wie den al-Saud, den al-Sabah oder den al-Thani entstanden. Diesen Monarchien standen seit den 1950/60er Jahren die arabischen Militärdiktaturen gegenüber, die häufig im Bündnis mit ursprünglich sozialistischen Bewegungen wie der Bath-Partei standen und im ägyptischen Präsidenten Nasser ihr Vorbild sahen. Da diese Staaten im Kalten Krieg mehr oder weniger Verbündete der Sowjetunion waren, könnte das in den USA bestehende Feindbild noch ein Relikt aus dem Kalten Krieg sein. Welche politischen Möglichkeiten bzw. Lösungen es nach 1990 gegeben hat, ist wohl nicht eindeutig und wäre wohl ein „Jonglieren mit fünf(zig) Bällen“.

Neben Gründen aus der jüngeren Zeitgeschichte sehe ich weitere Ursachen der heutigen politischen Situation in den Ereignissen von 1916 bis 1924. Das wichtigste Ereignis ist der Zerfall des Osmanischen Reiches. Neue Staaten entstanden, entweder aus ehemaligen osmanischen Provinzen oder aufgrund der Grenzfestlegungen des Sykes-Picot-Abkommen. Obwohl die Herrschaft des Sultans in Arabien, aber auch im Maghreb de facto nur nominell war, so regulierte die osmanische Herrschaft oft in regionalen Konflikten der Clans. Diese Clans herrschten tatsächlich in diesen Gebieten, sie bezahlten Steuern oder Tribute an den Sultan, der die Clans wiederum gewähren ließ. Wie gesagt nur bei Konflikten, egal ob die Clans gegeneinander kämpften oder sich gegen den Sultan erhoben, reagierte Konstantinopel. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass der Sultan nicht nur als weltliches Oberhaupt handelte, sondern auch als geistliches Oberhaupt. Immerhin fungierten die osmanischen Sultane bis 1924 auch als Kalif. Die Absetzung des letzten Sultans als Kalif bedeutet deswegen auch, dass seitdem dem (sunnitischen) Islam eine anerkannte oberste religiöse Instanz fehlt. Dies ist meiner Meinung eine Ursache dafür, dass der Islam sich radikalisierte, da sich viele Kleriker (und Laien) die Rolle des Kalifen angemaßt haben.

Die Radikalisierung des Islams begründet sich auch im Zustand der saudi-arabischen Gesellschaft. Als offizielle Religion gilt die wahhabitische Auslegung des Korans. Al-Wahhab begründete im 18. Jahrhundert den Wahhabismus, eine strenge, asketische und rigorose Form des sunnitischen Islam. Ganz grob und unwissenschaftlich: Der Wahhabismus ist so etwas wie die islamische Variante des Calvinismus. Das Bündnis der beiden Familien al-Saud und al-Wahhab brachte beiden Vorteile und es besteht bis heute, praktisch teilen sie sich die Herrschaft über Saudi-Arabien, wobei die al-Saud aufgrund ihrer zahlenmäßigen Stärke präsenter sind. Dabei steht ihr Leben im Luxus völlig im Gegensatz zu den wahhabitischen Idealen. Andere Familien sind von der politischen Macht ausgeschlossen, auch wenn sie bestimmte Branchen wirtschaftlich dominieren, wie die Bin Laden, die als Bauunternehmer (möglicherweise) zum drittreichsten Clan Saudi-Arabiens aufgestiegen sind. Auch hier liegt sicher ein Grund für die Destabilisierung des Nahen Osten durch radikale Islamisten.

"Geschichte erleuchtet den Verstand, veredelt das Herz, spornt den Willen und lenkt ihn auf höhere Ziele." Cicero
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20.06.2014, 10:45
Beitrag: #6
RE: Irak - Geschichte und Entwicklung
(20.06.2014 00:52)Sansavoir schrieb:  ..... Obwohl die Herrschaft des Sultans in Arabien, aber auch im Maghreb de facto nur nominell war, so regulierte die osmanische Herrschaft oft in regionalen Konflikten der Clans. Diese Clans herrschten tatsächlich in diesen Gebieten, sie bezahlten Steuern oder Tribute an den Sultan, der die Clans wiederum gewähren ließ. Wie gesagt nur bei Konflikten, egal ob die Clans gegeneinander kämpften oder sich gegen den Sultan erhoben, reagierte Konstantinopel. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass der Sultan nicht nur als weltliches Oberhaupt handelte, sondern auch als geistliches Oberhaupt. ....

Du beschreibst auch die Clanstruktur, Sansavoir. Bis Anfang des 20.Jhdt. war die arabische Region fremdbestimmt durch die osmanische Oberhoheit, die jedoch teilweise Raum ließ für eigene Strukturen, also nicht zu restriktiv eingriff. Das 20.Jhdt war fast weltweit das Jahrhundert der "einzigen, alleinigen Wahrheiten", sowohl bei den politischen als auch bei religiösen Systemen.
An der Stelle frage ich mich, ob es heute noch möglich wäre, die Clanstrukturen auf "Anfang zurückzusetzen" und davon ausgehend eine politisch/religiöse Schlichterstelle zu etablieren, um damit größtmögliche Freiheit, gegenseitige Toleranz und staatliche Ordnung zu gewährleisten.
Der Iran beispielsweise ist einen steinigen, harten Weg gegangen nach der "Unabhängigkeit von den USA. Könnte aber sein, dass es dort allmählich Lockerungen von innen heraus geben wird.
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20.06.2014, 10:55
Beitrag: #7
RE: Irak - Geschichte und Entwicklung
(20.06.2014 00:52)Sansavoir schrieb:  Eine Ursache der heutigen Situation der arabischen Welt ist die US-amerikanische Politik seit 1990. (...)Denn bis 1989 wurde z.B. die Diktatur in Somalia von der USA unterstützt, in den 80-er Jahren wurde Saddam Hussein (...)
(Den arabischen) Monarchien standen seit den 1950/60er Jahren die arabischen Militärdiktaturen gegenüber, (...)
Neben Gründen aus der jüngeren Zeitgeschichte sehe ich weitere Ursachen der heutigen politischen Situation in den Ereignissen von 1916 bis 1924. (...) Dabei sollte nicht vergessen werden, dass der Sultan nicht nur als weltliches Oberhaupt handelte, sondern auch als geistliches Oberhaupt. Immerhin fungierten die osmanischen Sultane bis 1924 auch als Kalif.
Du merkst selber, dass du immer weiter in der Geschichte zurück gehst und immer wieder auf Dinge stößt, die die Geschichte des Nahen Ostens bis heute beeinflussen. Geh noch bis ins 17.Jh. zurück, dann hast du im Grunde mein Eingangsposting vor dir...

(20.06.2014 00:52)Sansavoir schrieb:  Die Radikalisierung des Islams begründet sich auch im Zustand der saudi-arabischen Gesellschaft. Als offizielle Religion gilt die wahhabitische Auslegung des Korans. Al-Wahhab begründete im 18. Jahrhundert den Wahhabismus, eine strenge, asketische und rigorose Form des sunnitischen Islam. Ganz grob und unwissenschaftlich: Der Wahhabismus ist so etwas wie die islamische Variante des Calvinismus.
Der Calvinismus ist allenfalls in seinen radikaleren Anfangsjahren mit dem Wahhabismus vergleichbar. Der Wahhabismus IST Islamismus, während sich der Calvinismus entradikalisiert hat, zumindest in seinen Hauptströmungen.

Zum Islamismus als solchem vgl. Wiki: http://de.wikipedia.org/wiki/Islamismus

"Der deutsche Politologe Armin Pfahl-Traughber nannte 2011 in einem Dossier für die Bundeszentrale für politische Bildung folgende Punkte als typische Merkmale des Islamismus:

1. Absolutsetzung des Islam als Lebens- und Staatsordnung
2. Gottes- statt Volkssouveränität als Legitimationsbasis
3. der Wunsch nach ganzheitlicher Durchdringung und Steuerung der Gesellschaft
4. homogene und identitäre Sozialordnung im Namen des Islam
5. Frontstellung gegen den demokratischen Verfassungsstaat
6. Potential zu Fanatismus und Gewaltbereitschaft.

Der Islamwissenschaftler Tilman Nagel (* 1942) vertrat 2005 in seinem Essay Islam oder Islamismus? Probleme einer Grenzziehung die Meinung, eine Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus sei ,ohne Erkenntniswert'. ,Islam und Islamismus sind so lange nicht voneinander zu trennen, wie Koran und Sunna als absolut und für alle Zeiten wahr ausgegeben werden', so Nagel."

Und das Calvinismus? Noch einmal Wiki:http://de.wikipedia.org/wiki/Calvinismus
"Die Theologie Calvins betont die unbedingte Heiligkeit Gottes. Alles Menschenwerk, sogar die Glaubensentscheidung und nicht zuletzt der Kultus der katholischen Kirche mit Sakramenten, Reliquien oder Ablass galten ihm als Versuche, die Souveränität Gottes einzuschränken und an Irdisches zu binden. Die zum Teil schroffen Züge von Calvins Offenbarungs-, Gnaden- und Erlösungslehre – insbesondere seine Lehre von der doppelten Prädestination, wonach Gott ein für alle mal vorherbestimmt hat, ob der einzelne Mensch auf dem Weg zur ewigen Seligkeit oder zur ewigen Verdammnis ist, – wurden in der Auseinandersetzung der Calvinisten mit den „Arminianern“ im 17. Jahrhundert durch die Beschlüsse der Dordrechter Synode und durch das Bekenntnis von Westminster noch verschärft.

Die vier Soli als Basis
Wie bei allen Richtungen, die aus der Reformation hervorgingen, gehören die vier Soli zur Basis des Calvinismus:

sola scriptura – allein die Schrift ist die Grundlage des christlichen Glaubens (nicht die Tradition) [Folge: Keine calvinistische Kirche, nur calvinistische Gemeinden; Anm. von mir]
solus Christus – allein Christus (nicht die Kirche) hat Autorität über Gläubige [Folge: Basisdemokratie in den calvinistischen Gemeinden, später Demokratie auch in calvinistisch geprägten Staaten, z.B. Niederlande; Anm. von mir]
sola gratia – allein durch die Gnade Gottes wird der Mensch errettet (nicht wegen seiner eigenen Güte) [ob der Mensch die göttliche Gnade hat, erfährt er dadurch, dass seine Aktivitäten gelingen, daher der sog. "cavlinistische Arbeitsethos".; Anm. von mir]
sola fide – allein durch den Glauben wird der Mensch gerechtfertigt (nicht durch gute Werke) [Folge: Calvinisten geben keine Almosen; Anm. von mir]"
Was dem Calvinismus bei aller Absolutheit seiner religiösen Ansprüche fremd ist, ist die Gewaltbereitschaft des Islamismus. Wohl haben auch Calvinisten Kriege geführt, wohl auch Angriffskriege, aber sie waren dabei immer der Überzeugung, erstens Gottes Werk auszuführen (wenn etwa die Niederlande - resp. die Ostindische Kompagnie - ihren Einfluss ausweiteten) oder sich zu verteidigen (etwa gegen England und Spanien - beides anticalvinistische oder zumindest antiniederländische Staaten).
Was der Calvinismus im Gegensatz zum Islamismus auch unbedingt vertritt, ist die Trennung von Staat und Kirche sowie die Ablehnung von Hierarchien.

Gemeinsam ist beiden die strikte Auslegung der jeweiligen heiligen Schrift, die teils radikale Gegnerschaft zu Andersdenkenden (wobei die Calvinisten aber auch für unbedingte Religionsfreiheit eintraten), die oberste Souveränität Gottes (bei den Calvinisten allerdings "nur" in religiöser Hinsicht, siehe Trennung von Kirche und Staat) und der Wunsch, die komplette Gesellschaft zu durchdringen bzw. sie zu prägen, wenn nicht zu beherrschen (vgl. die Genfer Republik der Calvinisten).
Wie gesagt, nur in der Stellung gegenüber der Demokratie (Calvinismus pro, Islamismus contra) und Gewaltbereitschaft (Calvinisten konnten mindestens so fanatisch sein wie Islamisten, aber die jeweilige Gewaltbereitschaft ist eine andere Hausnummer) sind sich beide Strömungen ähnlich.

Aber jetzt bitte wieder zurück zum Irak, weitere Diskussionen zu Calvinismus / Islamismus bitte als neues Thema ausgliedern.

VG
Christian
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22.06.2014, 13:58
Beitrag: #8
RE: Irak - Geschichte und Entwicklung
Wow Devil

Die Calvinisten und der Irak-Krieg,
Ich protestiere aber in aller Form und vorbeugend dagegen, dass Martin Luther oder Philipp Schwarzerd etwas damit zu tun haben sollen. Angel

hmm, zurück zum Thema.

die heutigen Querelen und Konflikte im Nahen Osten gehen fast ausschließlich auf die völlig verfehlte "Friedensordnung" der Alliierten nach dem Ende des 1. WK zurück.
Im Irak schon auf den Bruch des Waffenstillstands von Mudros, die Tinte unter dem Vertrag war, und das kann man in dem Fall buchstäblich nehmen, noch nicht trocken, als die Briten bemerkten, dass sie ja noch einiges vielversprechende nicht in ihrem Besitz hatten (Mossul ), Da sind sie noch 2 geschlagene Wochen lang weiter vorgerückt...

Feisal ist im Oktober 1918 als König von Arabien in Damaskus gefeiert worden....
leider leider gehörte Damaskus den Franzosen... was Feisal nicht wusste....
Da wurde Feisal nach Bagdad "versetzt" wo er dann gar nicht gefeiert wurde........

Da braucht ihr wirklich nicht bis zu Abraham zurück gehen.Wink

Aber richtig ist, dass die Konflikte mehr oder weniger auf der Miste (Dunglege) Europas gewachsen sind.

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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22.06.2014, 19:12
Beitrag: #9
RE: Irak - Geschichte und Entwicklung
In der Geschichte zu forschen nutzt in der gegenwärtigen Situation überhaupt nichts. Erwiesenermaßen hat noch niemand jemals das geringste aus der Geschichte gelernt.
Ohne Gewaltanwendung wird es nicht gehen. Die Islamisten der ISIS verstehen nur diese Sprache. Aber man muß den Sunniten eine neue politische Heimat mit einem Mindestmaß an Demokratie geben, sonst kann das Land nicht zur Ruhe kommen. Wie gesagt werden sich die Sunniten niemals dieser zweifelhaften Figur Maliki unterordnen.
Die Kurden muß man vor der Fürsorge der Türkei schützen.
Viel Arbeit für Politiker, die gern den Weg des geringsten Widerstands gehen.
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22.06.2014, 21:44
Beitrag: #10
RE: Irak - Geschichte und Entwicklung
(22.06.2014 19:12)Harald schrieb:  In der Geschichte zu forschen nutzt in der gegenwärtigen Situation überhaupt nichts. Erwiesenermaßen hat noch niemand jemals das geringste aus der Geschichte gelernt.
Ohne Gewaltanwendung wird es nicht gehen. Die Islamisten der ISIS verstehen nur diese Sprache. Aber man muß den Sunniten eine neue politische Heimat mit einem Mindestmaß an Demokratie geben, sonst kann das Land nicht zur Ruhe kommen. Wie gesagt werden sich die Sunniten niemals dieser zweifelhaften Figur Maliki unterordnen.
Die Kurden muß man vor der Fürsorge der Türkei schützen.
Viel Arbeit für Politiker, die gern den Weg des geringsten Widerstands gehen.

Das hört man oft.
Wahr ist es trotzdem nicht.

Der bekannteste Aktenkundige Fall:
Kennedy hat unmittelbar vor der Kubakrise des Werk Barbara Tuchmans über den Ausbruch des 1.WK gelesen. Was ihn veranlasste seine Militärs an die kurze Kette zu nehmen und nichts auf die vielen Worte von "weit überlegen" usw. zu geben.

http://en.wikipedia.org/wiki/The_Guns_of_August
dt. Titel: August 1914

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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22.06.2014, 22:58
Beitrag: #11
RE: Irak - Geschichte und Entwicklung
(19.06.2014 12:34)Harald schrieb:  Die Sunniten trauerten immer noch Saddam Hussein nach und legten Bomben. Gefühlte oder wirkliche Unterdrückung durch die Regierung Maliki trieb sie in die Arme von ISIS. Wenn man ISIS mit Waffengewalt zerschlägt, muß man etwas anderes an seine Stelle setzen, denn den zweifelhaften Herrn Maliki werden die Sunniten niemals als ihren Herrscher anerkennen.

Grundsätzlich hast du mit dieser Aussage recht, es ist auch die Frage ob der Staat überhaupt zusammengehalten werden kann. Andererseits: Kann die Lage natürlich schwer einschätzen, aber nur weil jemand etwas gegen den Präsidenten hat möchte er ja nicht einen "Talibanartigen Staat" wie ihn die ISIS wohl möchte. Vielleicht könnte man da ansetzen.
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22.06.2014, 23:04
Beitrag: #12
RE: Irak - Geschichte und Entwicklung
(19.06.2014 13:53)913Chris schrieb:  Andererseits werden im Nahen Osten, gerade wegen der langen und komplizierten Geschichte "saubere" Trennlinien nie möglich sein; Streit wird es immer geben.

Gebe dir in Weiten Teilen Recht, aber der oben zitierte Satz ist mir dann doch etwas zu pessimistisch. Auch zwischen den Staaten Europas gab es immer wieder etliche "unlösbare Konflikte" und dennoch gibt es keine Kriege mehr.

Wohl ein Beispiel das es irgendwann dann doch geht. Aber für die nähere und mittlere Zukunft bin ich da auch nicht wirklich optimistisch.
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23.06.2014, 16:21
Beitrag: #13
RE: Irak - Geschichte und Entwicklung
(20.06.2014 10:45)Renegat schrieb:  
(20.06.2014 00:52)Sansavoir schrieb:  ..... Obwohl die Herrschaft des Sultans in Arabien, aber auch im Maghreb de facto nur nominell war, so regulierte die osmanische Herrschaft oft in regionalen Konflikten der Clans. Diese Clans herrschten tatsächlich in diesen Gebieten, sie bezahlten Steuern oder Tribute an den Sultan, der die Clans wiederum gewähren ließ. Wie gesagt nur bei Konflikten, egal ob die Clans gegeneinander kämpften oder sich gegen den Sultan erhoben, reagierte Konstantinopel. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass der Sultan nicht nur als weltliches Oberhaupt handelte, sondern auch als geistliches Oberhaupt. ....

Du beschreibst auch die Clanstruktur, Sansavoir. Bis Anfang des 20.Jhdt. war die arabische Region fremdbestimmt durch die osmanische Oberhoheit, die jedoch teilweise Raum ließ für eigene Strukturen, also nicht zu restriktiv eingriff. Das 20.Jhdt war fast weltweit das Jahrhundert der "einzigen, alleinigen Wahrheiten", sowohl bei den politischen als auch bei religiösen Systemen.
An der Stelle frage ich mich, ob es heute noch möglich wäre, die Clanstrukturen auf "Anfang zurückzusetzen" und davon ausgehend eine politisch/religiöse Schlichterstelle zu etablieren, um damit größtmögliche Freiheit, gegenseitige Toleranz und staatliche Ordnung zu gewährleisten.
./.

Der Irak blieb bis mindestens 1958 "fremdbestimmt" als die Irakis König Faisal II mitsammt der kpl. Familie so weit sie sie erwischten, umbrachten.
Faisal entstammt der Haschemiten-Dynastie die "eigentlich" als Scherifen Mekka beherrschten, von wo sie in den 20ern von Ibn Saud verjagt wurden.
Im 1. WK schlugen sich die Haschemiten auf die Seite der Briten, und herrschten anschließend als deren Marionettenkönige in Transjordanien (bis heute) und in Bagdad, dem Irak bis 1958, als 1920 das eigentlich versprochene Damaskus an die Franzosen ging.
Der Onkel des Saddam Hussein der nach dem letzten Golf-Krieg am Galgen endete, war übrigens 1941 der Oberputschist gegen die Briten.

Die Türken haben übrigens den Bruch des Waffenstillstands von Mudros 1918, der ihnen Mossul nahm, nicht akzeptiert, und wurden in den 30ern schließlich mit einem Anteil an den Ölgewinnen aus dem Gebiet entschädigt.

Die Gemengelage im Irak ist überaus kompliziert. Eine typische Spätkoloniale Schöpfung in der alles mögliche zusammengeschmissen wurde, ob es passte oder nicht.
Dass Sadam Hussein dies alles relativ unter Kontrolle hielt, ist ziemlich sicher der Grund, dass man ihn so lange gewähren ließ.

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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24.06.2014, 21:22
Beitrag: #14
RE: Irak - Geschichte und Entwicklung
Hallo Suebe: Steht in dem Buch der Mrs. Tuchmann nichts über Vietnam? Dann hätte der gottesfürchtige Kennedy daraus lernen müssen, daß man gegen dieses Volk keinen Krieg führen darf, und wenn man es noch so grausam macht.
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24.06.2014, 22:11
Beitrag: #15
RE: Irak - Geschichte und Entwicklung
(23.06.2014 16:21)Suebe schrieb:  Die Gemengelage im Irak ist überaus kompliziert. Eine typische Spätkoloniale Schöpfung in der alles mögliche zusammengeschmissen wurde, ob es passte oder nicht.
Dass Sadam Hussein dies alles relativ unter Kontrolle hielt, ist ziemlich sicher der Grund, dass man ihn so lange gewähren ließ.

Stimmt ich beschäftige mich im Moment wieder mal mit Afrika, da gibt es auch etliche Staaten in denen zahlreiche Völker, Reiche und Kulturen einfach zusammengepresst wurden, wo man sich fragt wie soll das langfristig funktionieren. Ähnlich kommt es mir im Irak auch vor. so etwas kann über Jahrzehnte (wenn nicht länger) Probleme mit sich bringen.

Was Sadam Hussein betrifft hast du vermutlich recht.
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24.06.2014, 22:24
Beitrag: #16
RE: Irak - Geschichte und Entwicklung
(22.06.2014 19:12)Harald schrieb:  In der Geschichte zu forschen nutzt in der gegenwärtigen Situation überhaupt nichts. Erwiesenermaßen hat noch niemand jemals das geringste aus der Geschichte gelernt.

Ob wirklich noch nie jemand aus der Geschichte gelehrnt hat? Bezweifle ich. Ich persönlich kenne das schon das man aus Fehlern der Vergangenheit dazu lehrnt und etwas beim nächsten mal anders macht (zumindest bei manchen Dingen).
Denke nicht das ich da der einzige auf der Welt bin, insofern kann man zumindest aus der eigenen Geschichte etwas lehrnen.

Beim anderen gebe ich dir auch nicht wirklich recht. Staaten wie der Irak sind ein kompliziertes Gemisch, nur wenn man dieses zumindest etwas versteht kann man Lösungen finden. Verstehen kann man es aber nur wenn man auch die Geschichte kennt.
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25.06.2014, 20:07
Beitrag: #17
RE: Irak - Geschichte und Entwicklung
(24.06.2014 21:22)Harald schrieb:  Hallo Suebe: Steht in dem Buch der Mrs. Tuchmann nichts über Vietnam? Dann hätte der gottesfürchtige Kennedy daraus lernen müssen, daß man gegen dieses Volk keinen Krieg führen darf, und wenn man es noch so grausam macht.


Nein,
es steht nichts drin über Vietnam.

Das Buch handelt ausschließlich von der "fast" versehentlichen Auslösung des 1.WK.
Als die Militärs in "allen" Staaten meinten, jetzt wäre man noch "Überlegen".
Was Kennedy dazu veranlasste, seine Militärs die auch "jetzt noch" überlegen waren, an die kurze Leine zu nehmen. Und deren Einflüsterungen vom Tisch wischte.

OT:
Vietnam war keineswegs der grausamste dieser ganzen Pripheriekriege.
Schon Korea war wesentlich grausamer.

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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26.06.2014, 21:38
Beitrag: #18
RE: Irak - Geschichte und Entwicklung
Man konnte es beinahe erwarten. Dieser unsägliche Maliki legt sich quer und fördert damit weiter ISIS. Von den Amerikanern kann man sowieso nicht viel erhoffen.
Ich komme zurück auf meinen Plan B: Jede Partei bekommt soviel Waffen wie möglicj, ISIS vielleicht ein bißchen weniger, und die NATO zieht sich völlig aus allem zurück.
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27.06.2014, 07:13
Beitrag: #19
RE: Irak - Geschichte und Entwicklung
Kann ja auch nicht die Lösung sein. Erstens wird die ISIS keinen Mangel an Waffen haben. Die haben hunderte von Millionen Dollar erbeutet, und durch die Eroberung diverser Großraffinerien Zugang zu weiteren Millionen.

Außerdem werden nach deinem "schau´n mer mal"-Szenario Millionen von Menschen sterben, die ganze Region wird zu einem hochgehenden Pulverfass, was die ganze Mittelmeerwelt und Südwestasien (mindestens! Zentralasien ist höchstwahrscheinlich dann auch noch "drin") destabilisieren würde - das kann´s nicht sein. Das würde richtig gefährlich für die ganze Welt, weil sich die Chinesen irgendwann auch nicht mehr nur hinter den Kulissen einmischen - siehe Syrien - sondern aktiver werden (müssen), um ihre Interessen zu verteidigen.

Ich vermute eher mal, dass die ISIS implodieren wird. Da sind ja auch zahlreiche Saddam-Anhänger dabei, die mit dem Islamismus wenig anfangen können, dafür umso mehr mit den Millionen Dollars. Die Karte mit den territorialen Plänen von Isis, die einen Staat skizzierte, der von Mittel- und Nordsyrien über den mittleren und südlichen Irak reicht, wird so nicht Wirklichkeit werden, da ist für den südlichen Irak schon der Iran ein massives Hindernis, denn dort leben Schiiten und befinden sich wichtige schiitische Heiligtümer.
Die Kurden im Nordirak werden sich hoffentlich gegen ISÍS wehren können, und Bagdad wird die ISIS vielleicht einnehmen können, aber halten? nur dann, wenn sich die Saddam-Anhänger durchsetzen.

Meine (derzeitige) Voraussage: ISIS/Saddam-Leute werden "ihre" Teile Syriens und des Irak erobern, Jordanien wird mindestens kurz vor dem Implodieren stehen, wenn Jordanien zusammenbricht, wird es wahrscheinlich der ISIS in die Hände fallen (die damit an den Grenzen Israels stehen würden!!! Auauauau....brandgefährlich!). Danach hängt die weitere Entwicklung davon ab, wieweit sich in der ISIS Islamisten und Saddam-Leute einigen. Gut möglich, dass sich zwei neue Staaten entwickeln: Ein ISIS-Staat in Syrien, ein Saddam-Staat im mittleren Irak. Beide im Dauerclinch mit allen möglichen Nachbarn (und miteinander), also keine wirklich stabile Lage.
Die Minderheiten Nordsyriens - christliche Assyrer, Kurden, Alawiten etc. - sind eh schon geflüchtet, ich glaub kaum, dass da noch welche übrig sind in Syrien. Aber wenn noch welche da sind, werden sie´s kaum überleben.

VG
Christian
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27.06.2014, 12:39
Beitrag: #20
RE: Irak - Geschichte und Entwicklung
Da kann man nur den alten Satz des kuk-Militärs anwenden: Die Lage ist hoffnungslos, aber net ernst.
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