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Phryger = Seevölker in Anatolien?
26.02.2013, 19:43
Beitrag: #1
Phryger = Seevölker in Anatolien?
Es war schon eine Zeit lang her da haben sich Luki und ich darüber unterhalten ob nicht die Phryger die Seevölker sein könnten, die das Hethiterreich zerstört haben. So unlogisch ist das nicht, immerhin folgten die Phryger den Hethitern ja in Anatolien nach.

Also kann es sein das es sich bei den Seevölkern in Anatolien in Wahrheit um die Phryger gehandelt hat? Was spricht dafür, was dagegen?

Freue mich auf eine interessante Diskussion
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26.02.2013, 22:55
Beitrag: #2
RE: Phryger = Seevölker in Anatolien?
Das einzige Volk, daß mit großer Wahrscheinlichkeit zu den Seevölkern gehörte, waren die Philister im Gazastreifen, ganz verborte Antisemiten, gegen das die Juden (David) moderne fernwirkende Waffen einsetzen mußten (Steinschleuder).
Die Phrygier wären ein sehr untypisches "See"volk, da ihr Siedlungsgebiet und auch ihr Reich nirgends das Meer erreichte.
Es ist aber nicht von der Hand zu weisen, daß die Phrygier in Verbindung zu dem Sturm der Seevölker und dem Untergang des Hethiterreiches stehen können.
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27.02.2013, 13:03
Beitrag: #3
RE: Phryger = Seevölker in Anatolien?
(26.02.2013 19:43)WDPG schrieb:  Es war schon eine Zeit lang her da haben sich Luki und ich darüber unterhalten ob nicht die Phryger die Seevölker sein könnten, die das Hethiterreich zerstört haben. So unlogisch ist das nicht, immerhin folgten die Phryger den Hethitern ja in Anatolien nach.

Also kann es sein das es sich bei den Seevölkern in Anatolien in Wahrheit um die Phryger gehandelt hat? Was spricht dafür, was dagegen?

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Ich finde das eine höchst interessante Frage. Schade, daß ich momentan hier zeitlich etwas eingeshränkt bin.

Ich habe vor Jahren mal ein sehr interessantes Buch darüber gelesen, daß zumindest ein Teil der Seevölker aus Troja und von seinen verbündeten reichen stammte. Die Phryger waren ja laut Illias Verbündete der Trojaner im Trojanischen Krieg.
Das würde in die Richtung weisen...

Auf dem Grabstein dess Kapitalismus wird stehen: "Zuviel war nicht genug"
Volker Pispers
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21.03.2013, 22:08
Beitrag: #4
RE: Phryger = Seevölker in Anatolien?
Ganz kurz OT:

(26.02.2013 22:55)Harald1 schrieb:  die Philister im Gazastreifen, ganz verborte Antisemiten...

Wobei dieser Begriff negativ konnotiert wird. Der Antisemitismus des Mittelalters oder der Nazizeit war eine absurde und nicht rationale Theorie, während die Philister ganz einfach gegen die Juden kämpften, weil sie ihre Nachbarn waren.

Zum Thema:
Was auf jeden Fall dafür sprechen würde dass die Phryger die Seevölker waren, die das Hethiterreich vernichtet haben, ist die zeitliche Abfolge der Vormacht in Kleinasien: Auf die Hethiter folgten die Phryger.
Aber als Gegenargument fallen mir spontan die geographischen Begebenheiten auf.

Das Hethiterreich befand sich dort:

[Bild: Hittite_Empire.png]
http://upload.wikimedia.org/wikipedia/co...Empire.png

Die Hethiter saßen aber in der Troas (südöstlich der Dardanellen) und Thrakien.

Natürlich ist es möglich, dass sie die gesamte kleinasiatische Kiste umschippert haben und dann die Südküste des Hethiterreiches angegriffen haben. Aber es erscheint mir doch nicht so wahrscheinlich.
Möglich ist es, dass ihre Expansionsbestrebungen im kleinasiatisch-anatolischen Raum generell mit zum Untergang der Hethiter beigetragen haben. Doch würde ich ihnen weder eine Hauptrolle eingestehen noch sie mit den Seevölkern gleichsetzen.

Ist aber nur mal so eine spontane Theorie von mir.

Wäre ich Antiquar, ich würde mich nur für altes Zeug interessieren. Ich aber bin Historiker, und daher liebe ich das Leben. (Marc Bloch)
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22.03.2013, 16:54
Beitrag: #5
RE: Phryger = Seevölker in Anatolien?
"Die" Seevölker waren ja ein ganzes Sammelsurium an Völkern, die in einer kombinierten Wanderung zu Land und zur See verrückten. Nicht unwahrscheinlich, dass die Phryger einen Teil dieses "Landheeres" darstellten. Aber bestimmt nicht das ganze Heer.

Diejenigen, die die Hethiter in Zentralanatolien "ersetzten", stammten ausweislich ihrer Keramik aus Nordwestanatlien - der Troas also. Durch Vermischung mit den Einheimischen entstanden dann die Phryger bzw. ihre Kultur.
Auch die Lydier stammten wohl in ihrem Kern aus Nordwestanatolien, wurden allerdings von den Phrygern nach Süden verdrängt.

So weit scheinen die beiden dominanten anatolischen Völker der präpersischen Zeit aus Anatolien selbst zu stammen und aus ihren Heimatsitzen abgewandert oder vertrieben worden zu sein - m.E. sind als Ursache hierfür eigentlich nur die Seevölker denkbar, was gleichzeitig bedeuten würde, dass Lydier und Phryger eben NICHT zu den Seevölkern gehören...

VG
Christian
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22.03.2013, 23:03
Beitrag: #6
RE: Phryger = Seevölker in Anatolien?
(22.03.2013 16:54)913Chris schrieb:  Diejenigen, die die Hethiter in Zentralanatolien "ersetzten", stammten ausweislich ihrer Keramik aus Nordwestanatlien - der Troas also. Durch Vermischung mit den Einheimischen entstanden dann die Phryger bzw. ihre Kultur.
Auch die Lydier stammten wohl in ihrem Kern aus Nordwestanatolien, wurden allerdings von den Phrygern nach Süden verdrängt.

So weit scheinen die beiden dominanten anatolischen Völker der präpersischen Zeit aus Anatolien selbst zu stammen und aus ihren Heimatsitzen abgewandert oder vertrieben worden zu sein - m.E. sind als Ursache hierfür eigentlich nur die Seevölker denkbar, was gleichzeitig bedeuten würde, dass Lydier und Phryger eben NICHT zu den Seevölkern gehören...

Ich nehme nicht an, daß ich dich für die Theorie begeistern könnte, daß der Trojanische Krieg daran schuld war? Nein?Wink

Und dennoch mag ich nicht wirklich daran glauben, daß zwei Ereignisse, die in recht kurzem Zeitabstand, wenn nicht sogar unmittelbar aufeinander folgend, im gleichen raum passiert sind, nichts miteinander zu tun gehabt haben sollen- wie eben die Niederlage Trojas und die Seevölkerinvasion...

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Volker Pispers
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22.03.2013, 23:15
Beitrag: #7
RE: Phryger = Seevölker in Anatolien?
(22.03.2013 16:54)913Chris schrieb:  "Die" Seevölker waren ja ein ganzes Sammelsurium an Völkern, die in einer kombinierten Wanderung zu Land und zur See verrückten. Nicht unwahrscheinlich, dass die Phryger einen Teil dieses "Landheeres" darstellten. Aber bestimmt nicht das ganze Heer.

Genauso (wie du es im ersten Absatz geschrieben hast) meinte ich es. Auch wenn es seltsam klingt, die Seevölker dürften nicht ausschließlich zur See agiert haben, denn sonst hätten sie das Hethiterreich nicht zerstören können bzw. an der Zerstörung von diesem beteiligt sein können.

Das die Phryger nicht die Seevölker waren ist mir klar, es erscheint mir aber gar nicht so unrealistisch das sie ein Teil von ihnen waren.
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22.03.2013, 23:41
Beitrag: #8
RE: Phryger = Seevölker in Anatolien?
Die Stoßrichtung des Trojanischen Krieges war genau entgegengesetzt, vom Pelopones nach Nordosten zur Troas. Die Stoßrichtung der Seevölker dagegen ging vom Ägäischen Meer nach Süden/Südosten bis Ägypten. Bei Homer ist auch nicht mit einer Silbe davon die Rede, daß der Krieg eine Wanderbewegung ausgelöst hätte.
Ich bezweifle nicht, daß die Phryger samt Lydiern das Hethiterreich zerstört haben können und daß ein Zusammenhang mit dem Zug der Seevölker bestehen kann (siehe oben), aber an einen Zusammenhang mit dem Trojanischen Krieg kann ich nicht glauben.
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23.03.2013, 00:27
Beitrag: #9
RE: Phryger = Seevölker in Anatolien?
(22.03.2013 23:41)Harald1 schrieb:  Die Stoßrichtung des Trojanischen Krieges war genau entgegengesetzt, vom Pelopones nach Nordosten zur Troas.

Richtig. Und was blieb nach dem Ende des Krieges in der Troas? Nichts. An einer Stelle, an der zuvor eine reiche Handelstadt gelegen hatte, die die Handelstrouten kontrollierte. Die Griechen blieben nicht in Troja- auch das sagt Homer.
So- was passierte nach dem Trojanischen Krieg in der Troas? Und was mit den verbündeten Völkern, die dort lebten?

(22.03.2013 23:41)Harald1 schrieb:  Die Stoßrichtung der Seevölker dagegen ging vom Ägäischen Meer nach Süden/Südosten bis Ägypten.

ja, und? Warum sollten sich Besiegte nicht nach Süden wenden? Gibt es da einen Grund, der dagegen spricht?

(22.03.2013 23:41)Harald1 schrieb:  Bei Homer ist auch nicht mit einer Silbe davon die Rede, daß der Krieg eine Wanderbewegung ausgelöst hätte.

Bei Homer ist überhaupt nicht von einer Völkerwanderung die Rede. Dmanch hat es also die Seevölkerinvasion gar nicht gegeben- Homer nennt sie nicht...Wink

Bei Homer ist allerdings sehr wohl die Rede davon, daß der Trojanische Krieg die Machtverhältnisse am Ende der Bronzezeit auf den Kopf gestellt hat. In mehreren Beispielen besingt Homer, wie eben noch erfolgreiche Könige, Anführer und Kriegsherren in ihren Königreichen entmachtet und entthront , ermordet oder vertrieben werden.
Also kann man als sicher annehmen, daß am Ende des Trojanischen Krieges eine Veränderung des Machtgefüges auch im Mykenischen Reich entstand.
Und die Seevölkerinvasion soll nichts, aber auch gar nichts damit zu tun haben?

Obwohl sie zur gleichen Zeit am gleichen Ort stattfand?

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23.03.2013, 15:24
Beitrag: #10
RE: Phryger = Seevölker in Anatolien?
Bunbury fragt: Was blieb nach dem Ende des Kriegs von Troja?
Es blieben die Ruinen, die Schliemann und andere deutsche Archäologen ausgruben, denn Troja wurde bald wieder aufgebaut, evt. gleich von den Griechen oder erst nach der nächsten Zerstörung. Sie brauchten die Stadt zur Kontrolle der Handelswege zum Schwarzen Meer, zur Krim und Georgien.
Heutige Linke würden sagen: Sie haben den krieg geführt weil es dort riesige Erdölvorräte und Seltene Erdengab.

Bunbury fragt: Warum sollten sich Besiegte nicht nach Süden wenden?
Weil sie alle tod waren, siehe Homer. Einzige Ausnahme Äneas mit Vater und Sohn. Und die wandten sich zum westlichen Mittelmeer, aber das ist eine andere Geschichte.
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23.03.2013, 22:25
Beitrag: #11
RE: Phryger = Seevölker in Anatolien?
Bunbury sagt noch mehr.Big Grin

Zunächst zu der "anderen Geschichte". Aeneas ist es gelungen ist, einen Teil der Trojaner in Sicherheit zu bringen (ich nehme an, daß es sogar Harald klar sein dürfte, daß hier "Vater und Sohn" nicht wortwortlich zu nehmen ist) - und zwar ins Gebiet des heutigen Italiens.
Bemerkenswerter Weise haben genetische Untersuchungen jetzt gezeigt, daß die Menschen in dieser Gegend von anatolischen Vorfahren abstammen, die zum Ende der Bronzezeit nach Italien eingewandert seinen....

Aber zurück zur Hauptgeschichte- die Trojaner haben die Griechen nicht alleine bekämpft. Das hat Homer nicht behauptet. Sie hatten Verbündete. Unter anderem die Phryger, mit denen dieser Thread hier angefangen hat.

Was haben die Phryger also angestellt, als ihre Verbündeten, die Trojaner besiegt wurden? Denn diese Aussage ist eindeutig- die Griechen haben Troja durch eine List innerhalb der Stadtmauern erobert. Da waren keine verbündeten Völker mehr. Was also trieben die Phryger da? Sind sie also nach Hause abgezogen und haben darauf gewartet, daß die Seevölker vorbeikamen und sie vertrieben? Oder haben sie sich überlegt, daß es vielleicht eine ganz gute Gelegenheit wäre, selbst ein bißchen plündern zu gehen, wo doch die Mykener damit beschäftigt waren, 1. Troja niederzubrennen und 2.die Revolten im eigenen Reich niederzuschlagen- und es darüber hinaus auch Troja nicht mehr gab?

Irgendwie finde ich da die zweite Möglichkeit doch ein bißchen plausibler...

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24.03.2013, 12:57
Beitrag: #12
RE: Phryger = Seevölker in Anatolien?
Die Aeneis ist ein römischer Staatsmythos, viele Jahrhunderte nach Homer gedichtet, in dem Vergil vieles von Homer übernommen hat. Homer stand den Ereignissen der Ilias zeitlich noch ziemlich nahe. Bei Vergil ist alles übrige freie Dichtung.

Genetische Untersuchungen im Gebiet der alten Etrusker wären natürlich ein hochinteressantes Thema, wie die Etrusker als solche auch.

Die Phryger sind nach Hause gegangen und in das Innere Anatoliens abgezogen, wo sie das Hethiterreich zerstörten. Man kann da eine Verbindung zu den Seevölkern herstellen, aber vielleicht ist das auch an den Haaren herbeigezogen. Jedenfalls sind die Phryger alles andere als ein "Seevolk".
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24.03.2013, 22:33
Beitrag: #13
RE: Phryger = Seevölker in Anatolien?
Schauen wir uns doch mal die alten Quellen an. Sowohl Herodot als auch Strabo behaupten, die Karer hätten früher Leleger geheißen, Homer hingegen nennt sowohl Karer als Leleger als Verbündete der Trojaner. Er lokalisiert die Leleger südlich von Troja.
nach der Niederlage Trojas begaben sich die Leleger auf Wanderschaft und ließen sich schließlich in Karien nieder.

Wir haben hier also eine Wanderungsbewegung nach Süden als unmittelbares Ergebnis des Trojanischen Krieges.

Die Karer wiederum waren berühmte Seefahrer, die häufig als "Meeresleute" bezeichnet wurden.
Und wenn ich mir "Meeresleute" so im Wortlaut anschaue, stelle ich dann doch fest, daß das Wort "Seevölker" davon gar nicht so weit weg ist.

Es gibt also durchaus Hinweise darauf, daß zumindest ein Teil der Seevölker tatsächlich mit der Niederlage Trojas in Verbindung stehen könnten...

Im übrigen hat auch Herodot behauptet, die Gründungen späterer etruskischer Siedlungen sei durch Auswanderer aus Lydien erfolgt... Es ist also keine reine Erfindung, daß es eine Einwanderung in Italien aus dem Raum Troja gab. Allenfalls eine "aufgehübschte" Geschichte.

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25.03.2013, 11:01
Beitrag: #14
RE: Phryger = Seevölker in Anatolien?
Troja war einfach strategisch zu wichtig, um nach dem Trojanischen Krieg als Ödnis dazulegen (sofern es den Trojanischen Krieg als solchen überhaupt gegeben hat, aber das ist ein anderes Thema; gehen wir mal davon aus, es hat ihn gegeben).
Der Trojanische Krieg á la Homer passt ins Szenario rund um die Seevölker, denn warum sollten die Mykener plötzlich Troja angreifen, das ihnen sicher schon lang ein Dorn im Auge war, wenn nicht die Mykener selbst in einer Situation waren, die einen Angriff auf die Macht am Bosporus als notwendig erscheinen ließ? In der allgemeinen Umbruchsituation gegen Ende der Bronzezeit (in der ja in einigen mykenischen Städten schon Zeichen des Niedergangs von der Archäologie belegt sind, lange bevor die Städte dann tatsächlich untergingen bzw. verlassen wurden) brachen den Mykenern offenbar ältere Handelsverbindungen weg, sie brauchten neue Handelsziele, die den Verlust der alten wett machen konnten, und da bot sich das von Troja quasi "bewachte" Schwarze Meer an.
Andere Völker, die sich nicht auf diese Weise "Luft" verschaffen konnten, machten sich auf die Wanderschaft und wurden zu den von den Ägyptern (!) so genannten "Seevölkern".
Vermutlich schlossen sich auf dem Zug der Seevölker immer wieder andere Völker an, die quasi "auf dem Weg" lagen und ebenfalls lieber auswanderten als mit der Situaiton zu Hause klar zu kommen.
Der Wegfall der nordwestanatolischen Macht, die wir mit Troja identifizieren, dürfte dort auch zu Verwerfungen geführt haben. Die Vorfahren der Phryger und Lydier stammten offensichtlich aus diesem Raum und stellten also quasi "Wirtschafts-" oder "Kriegsflüchtlinge" dar, die im Innern Anatoliens ihr Heil suchten.
Nachdem die Hethiter als Machtfaktor weggefallen waren - und angesichts der Fragilität des Hethiterreiches am Ende der Bronzezeit (Stichwort Machtkämpfe um den Thron) reichte eine Niederlage in einer Seeschlacht, um den ganzen Staat zu Fall zu bringen. Zogen dazu noch einige Völker auf dem Landweg durchs Land (und konnten nicht aufgehalten werden), war das Ansehen der Hethiter bei den beherrschten anatolischen Völkern dahin und damit ihre Macht. Reich zerstört. Von Ugarit wissen wir, dass zuerst die lebenswichtige Flotte vernichtet wurde (in einer Seeschlacht mit den Seevölkern, bei der auch gleich die ganzen anderen "Hilfsflotten" in hethitischen Diensten drauf gingen) und dann die Stadt erobert wurde. Da haben wir also einen Doppelschlag, der durchaus auch anderswo passiert sein könnte, nicht jedoch in Hattuscha, das offenbar planmäßig verlassen wurde und später von Trägern einer ganz anderen, viel primitiveren Kultur wieder besiedelt wurde, wenn auch in viel geringerem Umfang als zuvor.

Kurz: Das Auftauchen der Phryger und Lydier steht sicher in irgendeinem Zusammenhang mit dem Seevölkerzug, aber ob sie wirklich zu den Seevölkern gehörten, wage ich zu bezweifeln. Eher zähle ich sie zu den unter dem Seevölkerzug Leidenden, die nach dem Durchzug der Seevölker irgendwie wieder zurecht kamen. Und zwar in neuen Siedlungsplätzen.

VG
Christian
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25.03.2013, 11:09
Beitrag: #15
RE: Phryger = Seevölker in Anatolien?
(24.03.2013 22:33)Bunbury schrieb:  Schauen wir uns doch mal die alten Quellen an.

In Kappadokien war schon in hethitischer Zeit ein Zentrum der Pferdezucht, was wir auch aus Homer wieder bestätigt finden (das war also auch Jahrhunderte nach dem Trojanischen Krieg so). Die von Homer erwähnten "Maionier" dürften mit den späteren Lydiern identisch sein, so zumindest Wikipedia mit Berufung auf "antike Quellen", die hier allerdings nicht genannt werden.
Die Luwier saßen eh schon in Trojanischer Zeit im späteren lydischen Gebiet (und Troja hatte zu den Luwiern enge Beziehungen, die einzige Inschrift aus Troja ist auf luwisch...).
Nach Homer waren die Phryger Verbündete der Trojaner und stammten aus Thrakien. Auch hier also wieder ein Hinweis (wenn auch kein "Beleg" im eigentlichen Sinne), dass die Phryger aus Nordwestanatolien in ihre späteren Sitze wanderten, als Volk aber schon in vorhomerischer Zeit bestanden haben dürften und irgendwie - wohl im Sog des Seevölkersturms UND der trojanischen Niederlage - in Bewegung gerieten.

VG
Christian
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25.03.2013, 12:17
Beitrag: #16
RE: Phryger = Seevölker in Anatolien?
(24.03.2013 22:33)Bunbury schrieb:  Schauen wir uns doch mal die alten Quellen an. Sowohl Herodot als auch Strabo behaupten, die Karer hätten früher Leleger geheißen, Homer hingegen nennt sowohl Karer als Leleger als Verbündete der Trojaner. Er lokalisiert die Leleger südlich von Troja.
nach der Niederlage Trojas begaben sich die Leleger auf Wanderschaft und ließen sich schließlich in Karien nieder.

Wir haben hier also eine Wanderungsbewegung nach Süden als unmittelbares Ergebnis des Trojanischen Krieges.

Die Karer wiederum waren berühmte Seefahrer, die häufig als "Meeresleute" bezeichnet wurden.
Und wenn ich mir "Meeresleute" so im Wortlaut anschaue, stelle ich dann doch fest, daß das Wort "Seevölker" davon gar nicht so weit weg ist.

Es gibt also durchaus Hinweise darauf, daß zumindest ein Teil der Seevölker tatsächlich mit der Niederlage Trojas in Verbindung stehen könnten...

Im übrigen hat auch Herodot behauptet, die Gründungen späterer etruskischer Siedlungen sei durch Auswanderer aus Lydien erfolgt... Es ist also keine reine Erfindung, daß es eine Einwanderung in Italien aus dem Raum Troja gab. Allenfalls eine "aufgehübschte" Geschichte.

Die Karer sind ein gutes Stichwort. So etwas wie den Trojanischen Krieg muß es gegeben haben, denn die Griechen haben die dann jonische Küste besiedelt. Vorher lebten da die Karer. Es ist plausiebel, das ein Teil der Karer vor den Griechen z.B. als Folge der Enteignungen und aus Furcht vor Versklavung floh.

viele Grüße

Paul

aus dem hessischen Tal der Loganaha (Lahn)
in der Nähe von Wetflaria (Wetzlar) und der ehemaligen Dünsbergstadt
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25.03.2013, 13:47
Beitrag: #17
RE: Phryger = Seevölker in Anatolien?
(25.03.2013 12:17)Paul schrieb:  So etwas wie den Trojanischen Krieg muß es gegeben haben, denn die Griechen haben die dann jonische Küste besiedelt. Vorher lebten da die Karer.

Städte wie Ephesos und besonders Milet waren aber schon lange vorher minoisch bzw. mykenisch, also letzten Endes auch griechisch...

VG
Christian
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25.03.2013, 13:52
Beitrag: #18
RE: Phryger = Seevölker in Anatolien?
[quote='Bunbury' pid='22831' dateline='1364157228']
Schauen wir uns doch mal die alten Quellen an. Sowohl Herodot als auch Strabo behaupten, die Karer hätten früher Leleger geheißen, Homer hingegen nennt sowohl Karer als Leleger als Verbündete der Trojaner. Er lokalisiert die Leleger südlich von Troja.
nach der Niederlage Trojas begaben sich die Leleger auf Wanderschaft und ließen sich schließlich in Karien nieder.

Wir haben hier also eine Wanderungsbewegung nach Süden als unmittelbares Ergebnis des Trojanischen Krieges.

Die Karer wiederum waren berühmte Seefahrer, die häufig als "Meeresleute" bezeichnet wurden.
Und wenn ich mir "Meeresleute" so im Wortlaut anschaue, stelle ich dann doch fest, daß das Wort "Seevölker" davon gar nicht so weit weg ist.

Es gibt also durchaus Hinweise darauf, daß zumindest ein Teil der Seevölker tatsächlich mit der Niederlage Trojas in Verbindung stehen könnten...

Im übrigen hat auch Herodot behauptet, die Gründungen späterer etruskischer Siedlungen sei durch Auswanderer aus Lydien erfolgt... Es ist also keine reine Erfindung, daß es eine Einwanderung in Italien aus dem Raum Troja gab. Allenfalls eine "aufgehübschte" Geschichte.
[/quote
Von einer Wanderschaft der mysteriösen Leleger ist nirgendwo die Rede. Sie blieben einfach da wo sie waren, in Karien. Und bei einer Wanderschaft nach Süden wären sie im Mittelmeer ertrunken.
Wenn sie am Zug der Seevölker teilgenommen haben sollten steht das jedenfalls in keinem Zusammenhang mit dem Trojanischen Krieg.
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25.03.2013, 17:17
Beitrag: #19
RE: Phryger = Seevölker in Anatolien?
(25.03.2013 13:52)Harald1 schrieb:  Von einer Wanderschaft der mysteriösen Leleger ist nirgendwo die Rede. Sie blieben einfach da wo sie waren, in Karien. Und bei einer Wanderschaft nach Süden wären sie im Mittelmeer ertrunken.

Doch. Wenn nämlich Homer recht hat. Wenn Homer recht hat und Leleger und karier nicht ein und das selbe Volk waren, dann müssen die Leleger gewandert sein- sie tauchen nämlich zunächst in der südlichen Troas auf und dann später in Karien.
Also waren sie entweder ein und dasselbe Volk (mit einem ziemlich großen Einzugsgebiet, wie man anmerken muss), oder die leleger sind gewandert.
Sonst fällt mir nämlich keine Möglichkeit ein, wie man in der damaligen zeit von A nach B gekomen wären.
Mit "beamen" hatte man es da noch nicht so.

Auf dem Grabstein dess Kapitalismus wird stehen: "Zuviel war nicht genug"
Volker Pispers
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25.03.2013, 17:20
Beitrag: #20
RE: Phryger = Seevölker in Anatolien?
(25.03.2013 12:17)Paul schrieb:  Die Karer sind ein gutes Stichwort. So etwas wie den Trojanischen Krieg muß es gegeben haben, denn die Griechen haben die dann jonische Küste besiedelt. Vorher lebten da die Karer. Es ist plausiebel, das ein Teil der Karer vor den Griechen z.B. als Folge der Enteignungen und aus Furcht vor Versklavung floh.

Erstaunlich, aber wahr- wir beide stimmen mal in einer Sache überein.Wink

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Volker Pispers
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