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Die frühere Sicht auf Byzanz
24.06.2012, 09:14
Beitrag: #1
Die frühere Sicht auf Byzanz
Warum wurde Byzanz in der früheren Geschichtswissenschaft so negativ als Despotie und als dekadent dargestellt?

Wäre ich Antiquar, ich würde mich nur für altes Zeug interessieren. Ich aber bin Historiker, und daher liebe ich das Leben. (Marc Bloch)
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24.06.2012, 09:18
Beitrag: #2
RE: Die frühere Sicht auf Byzanz
Also ein Grund wird sicherlich gewesen sein, dass Byzanz oft der Feind der Mitteleuropäer war. In den Kreuzzügen wurde Byzanz meist als Feind gesehen, und auch was die Religion anging, wurde Ostrom verachtet. Grund war die Kirchenspaltung seit dem Schisma von 1054, seitdem sich immer größtere Differenzen zwischen dem katholischen Papsttum (West- und Mitteleuropa) und der orientalisch geprägten orthodoxen Kirche (Byzanz, Russland etc.) bildeten.

Und schließlich wollte man die eigenen Verdienste zum Beispiel in der Schlacht von Tours und Poitiers (732) hochreden, und im Kontrast dazu die Leistung der Byzantiner schmälern.

Wäre ich Antiquar, ich würde mich nur für altes Zeug interessieren. Ich aber bin Historiker, und daher liebe ich das Leben. (Marc Bloch)
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24.06.2012, 12:59
Beitrag: #3
RE: Die frühere Sicht auf Byzanz
Kann sein, dass diese negative Sicht auf Byzanz mit dem Schisma begann. Hundert Jahre früher war die Byzantinerin Theophanu noch das sichtbare Zeichen, dass das weströmische Königtum halbwegs vom kulturell überlegenen Byzynz anerkannt wurde. http://de.wikipedia.org/wiki/Theophanu_(HRR)
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24.06.2012, 13:24
Beitrag: #4
RE: Die frühere Sicht auf Byzanz
(24.06.2012 12:59)Renegat schrieb:  Kann sein, dass diese negative Sicht auf Byzanz mit dem Schisma begann. Hundert Jahre früher war die Byzantinerin Theophanu noch das sichtbare Zeichen, dass das weströmische Königtum halbwegs vom kulturell überlegenen Byzynz anerkannt wurde. http://de.wikipedia.org/wiki/Theophanu_(HRR)

Das wird ein zentrales Zeitalter diesbezüglich gewesen sein.
Gleichzeitig - und schon früher, aber auch noch später - gerieten die herausragenden Leistungen von Byzanz, sowohl kulturell als auch auf dem Gebiet der Abwehr der Araber, in Vergessenheit.

Wäre ich Antiquar, ich würde mich nur für altes Zeug interessieren. Ich aber bin Historiker, und daher liebe ich das Leben. (Marc Bloch)
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24.06.2012, 13:32
Beitrag: #5
RE: Die frühere Sicht auf Byzanz
(24.06.2012 09:14)Maxdorfer schrieb:  Warum wurde Byzanz in der früheren Geschichtswissenschaft so negativ als Despotie und als dekadent dargestellt?

Auch bei positiver Betrachtung ist eine gewisse Erstarrung der byzantinischen Institutionen sowie der byzantinischen Kunst und Gesellschaft nicht zu übersehen. Sie wurzelt in einem ideologischen Beharrungsvermögen, das um so stärker wurde, je mehr sich gegnerische Fronten um das Byzantinische Reich schlossen. Staatsräson war somit der Rückgriff auf das antike Rom und die Beharrung auf den überkommenen politischen, künstlerischen, geistigen und gesellschaftlichen Strukturen.

Ein guter Kenner der byzantinischen Geschichte, der Byzantinist Ralph-Johannes Lilie, sagt dazu:

Zitat:ASo wirkt Byzanz, trotz aller Änderungen im einzelnen, insgesamt statisch; es blieb zeit seiner Existenz auf die Vergangenheit fixiert. Die wenigen Versuche, Erstarrung und Verkrustung zu durchbrechen - etwa der Bilderstreit (Ikonoklasmus) im 8. Jh, die angestrebte Westöffnung des Reiches unter Manuel Komnenos im 12. oder die Bemühungen während des 14. Jahrhunderts, das westliche Denkgebäude der Scholastik für Byzanz zu erschließen - brachten nicht den gewünschten Erfolg und führten im Gegenteil eher zu einem härteren Widerstand gegen solche Neuerungen: Byzanz versuchte um so verzweifelter, die Vergangenheit wiederzubeleben, um sich seiner Identität zu versichern, je trostloser die zeitgenössische Realität wurde. [...]

Dieses ideologische Beharrungsvermögen wird durch die Kontinuität der staatlichen Institutionen erleichtert: Byzanz hat nie eine echte Revolution erlebt, sondern seine Entwicklung vollzog sich in winzigen, unmerklichen Schritten. Die Trägheit dieser Prozesse förderte das Weiterbestehen und die Erstarrung in Tradition bis hin zum Selbstbetrug ... Unbestreitbar ist, dass die Begrenztheit und Langsamkeit der Entwicklung den Eindruck von Statik vermittelt. Die Fassade von Byzanz blieb gleich, und zwar deshalb, weil die Byzantiner wollten, dass sie gleich blieb.

(Ralph-Johannes Lilie, Byzanz. Geschichte des Oströmischen Reiches, München 1999, S. 10 f.)

Der letzte Satz dieser Einschätzung fasst den Tatbestand gut zusammen: Angesichts der bedrohlichen äußeren Entwicklung war Byzanz nur noch ein kleiner römischer Vorposten inmitten eines Meers von Arabern, Türken und Slawen. Deshalb koppelte es seine Identität fest an das antike Rom und die byzantinische Gesellschaft folgte diesem Staatskonzept bis zur Erstarrung - und zwar bewuss!
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24.06.2012, 15:24
Beitrag: #6
RE: Die frühere Sicht auf Byzanz
(24.06.2012 13:32)Dietrich schrieb:  
(24.06.2012 09:14)Maxdorfer schrieb:  Warum wurde Byzanz in der früheren Geschichtswissenschaft so negativ als Despotie und als dekadent dargestellt?

Auch bei positiver Betrachtung ist eine gewisse Erstarrung der byzantinischen Institutionen sowie der byzantinischen Kunst und Gesellschaft nicht zu übersehen. Sie wurzelt in einem ideologischen Beharrungsvermögen, das um so stärker wurde, je mehr sich gegnerische Fronten um das Byzantinische Reich schlossen. Staatsräson war somit der Rückgriff auf das antike Rom und die Beharrung auf den überkommenen politischen, künstlerischen, geistigen und gesellschaftlichen Strukturen.

Ein guter Kenner der byzantinischen Geschichte, der Byzantinist Ralph-Johannes Lilie, sagt dazu:

Zitat:ASo wirkt Byzanz, trotz aller Änderungen im einzelnen, insgesamt statisch; es blieb zeit seiner Existenz auf die Vergangenheit fixiert. Die wenigen Versuche, Erstarrung und Verkrustung zu durchbrechen - etwa der Bilderstreit (Ikonoklasmus) im 8. Jh, die angestrebte Westöffnung des Reiches unter Manuel Komnenos im 12. oder die Bemühungen während des 14. Jahrhunderts, das westliche Denkgebäude der Scholastik für Byzanz zu erschließen - brachten nicht den gewünschten Erfolg und führten im Gegenteil eher zu einem härteren Widerstand gegen solche Neuerungen: Byzanz versuchte um so verzweifelter, die Vergangenheit wiederzubeleben, um sich seiner Identität zu versichern, je trostloser die zeitgenössische Realität wurde. [...]

Dieses ideologische Beharrungsvermögen wird durch die Kontinuität der staatlichen Institutionen erleichtert: Byzanz hat nie eine echte Revolution erlebt, sondern seine Entwicklung vollzog sich in winzigen, unmerklichen Schritten. Die Trägheit dieser Prozesse förderte das Weiterbestehen und die Erstarrung in Tradition bis hin zum Selbstbetrug ... Unbestreitbar ist, dass die Begrenztheit und Langsamkeit der Entwicklung den Eindruck von Statik vermittelt. Die Fassade von Byzanz blieb gleich, und zwar deshalb, weil die Byzantiner wollten, dass sie gleich blieb.

(Ralph-Johannes Lilie, Byzanz. Geschichte des Oströmischen Reiches, München 1999, S. 10 f.)

Der letzte Satz dieser Einschätzung fasst den Tatbestand gut zusammen: Angesichts der bedrohlichen äußeren Entwicklung war Byzanz nur noch ein kleiner römischer Vorposten inmitten eines Meers von Arabern, Türken und Slawen. Deshalb koppelte es seine Identität fest an das antike Rom und die byzantinische Gesellschaft folgte diesem Staatskonzept bis zur Erstarrung - und zwar bewuss!

Stimmt. Aber die Sicht auf Byzanz, die zum Beispiel Gibbon vertrat, ist auch übertrieben.

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27.07.2012, 08:49
Beitrag: #7
RE: Die frühere Sicht auf Byzanz
Ich möchte dieses Thema noch einmal in Erinnerung rufen: Warum wurde Byzanz so negativ dargestellt?
Liegt es an der Überlieferung? Am Verhältnis von Byzanz zu Mitteleuropa?

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27.07.2012, 09:04
Beitrag: #8
RE: Die frühere Sicht auf Byzanz
(24.06.2012 15:24)Maxdorfer schrieb:  
(24.06.2012 13:32)Dietrich schrieb:  Auch bei positiver Betrachtung ist eine gewisse Erstarrung der byzantinischen Institutionen sowie der byzantinischen Kunst und Gesellschaft nicht zu übersehen. Sie wurzelt in einem ideologischen Beharrungsvermögen, das um so stärker wurde, je mehr sich gegnerische Fronten um das Byzantinische Reich schlossen. Staatsräson war somit der Rückgriff auf das antike Rom und die Beharrung auf den überkommenen politischen, künstlerischen, geistigen und gesellschaftlichen Strukturen.

Ein guter Kenner der byzantinischen Geschichte, der Byzantinist Ralph-Johannes Lilie, sagt dazu:


Der letzte Satz dieser Einschätzung fasst den Tatbestand gut zusammen: Angesichts der bedrohlichen äußeren Entwicklung war Byzanz nur noch ein kleiner römischer Vorposten inmitten eines Meers von Arabern, Türken und Slawen. Deshalb koppelte es seine Identität fest an das antike Rom und die byzantinische Gesellschaft folgte diesem Staatskonzept bis zur Erstarrung - und zwar bewuss!

Stimmt. Aber die Sicht auf Byzanz, die zum Beispiel Gibbon vertrat, ist auch übertrieben.

Kannst du zusammenfassen oder verlinken, was Gibbon vertrat?
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27.07.2012, 09:14
Beitrag: #9
RE: Die frühere Sicht auf Byzanz
(27.07.2012 09:04)Renegat schrieb:  
(24.06.2012 15:24)Maxdorfer schrieb:  Stimmt. Aber die Sicht auf Byzanz, die zum Beispiel Gibbon vertrat, ist auch übertrieben.
Kannst du zusammenfassen oder verlinken, was Gibbon vertrat?

Christentum als Hauptgrund für den Untergang Westroms. Byzanz stärker auf das Christentum gebaut --> noch maroder

Zitat:Die Hauptschuld am Untergang des Römischen Reiches gibt Gibbon dem Christentum, der Dekadenz sowie dem Einbruch der Germanen. Im Byzantinischen Reich (diese Bezeichnung wurde von ihm erst geprägt) sah er eine Fortsetzung und Steigerung dieser Dekadenz, weshalb es seiner Ansicht nach eine orientalische Despotie war, die den Namen „Römisches Reich“ nicht verdiente. Im Gegensatz dazu sah er die seiner Analyse nach naturhaft-gesunden jungen Reiche des mittelalterlichen Nord- und Westeuropa.

Aus Wikipedia.

W. E. H. Lecky schrieb:

Zitat:Die Geschichte dieses Reiches ist eine eintönige Geschichte von Intrigen und Machtspielen von Kirchenmännern, Eunuchen und Frauen, von Vergiftungen, Verschwörungen, allseitiger Treulosigkeit und ständiger Brudermorde.

Wäre ich Antiquar, ich würde mich nur für altes Zeug interessieren. Ich aber bin Historiker, und daher liebe ich das Leben. (Marc Bloch)
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28.07.2012, 12:35
Beitrag: #10
RE: Die frühere Sicht auf Byzanz
Wahrscheinlich beeinflußt die unterschiedliche Entwicklung der Landwirtschaft unsere heutige Sicht auf Byzanz nicht, weil wir in der Rückschau eher auf die politischen und religiösen Aspekte achten.
Im nördlichen Europa entwickelte sich ab dem frühen Mittelalter eine relativ autarke Form, stichpunktartig umschreiben mit
-Dreifelderwirtschaft mit integrierter Großviehhaltung ließ Böden nicht so schnell auslaugen, einschließlich des Pferdes, was wiederum zum mittelalterlichen Lehnswesen führte, Pferd + Ritter. Übertragung des Systems durch Kolonisation bes. des Ostens

In den frühislamischen Ländern wurde die Landwirtschaft ebenfalls verbessert mit
-neuen Nutzpflanzen aus dem indisch-iranischen Raum, 2 Ernten/Jahr, Bewässerungstechnik und im Unterschied zu Europa, Intensivierung des Handels

Zwischen diesen beiden landwirtschaftlichen Erneuerungszentren steckte Byzanz in seinen alten Strukturen fest und setzte auf Wein- und Obstbau, was auch bedeutet, dass das Bevölkerungswachstum begrenzt war.
Möglich, dass die zunehmend negative Sicht auf Byzanz auch mit dieser profanen Rückständigkeit zusammenhing.
http://othes.univie.ac.at/1220/1/2008-09-02_8874004.pdf
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28.07.2012, 13:21
Beitrag: #11
RE: Die frühere Sicht auf Byzanz
Man kann nur vermuten, worauf die negative Sicht einiger Geschichtsschreiber mit Blick auf Byzanz zurückzuführen ist, was sicher nicht durchgängig der Fall war. Immerhin war Kaiser Otto II. überaus stolz, als er die byzantinische Prinzessin Theophanu heiraten konnte, die durchaus auch Reichsgeschichte geschrieben hat.

Abwertende Einschätzungen basieren sicher vielfach auf dem Schisma von 1054, mit dem sich die orthodoxe Ostkirche von der lateinischen Westkirche trennte. Das hat die katholische Kirche des Westens publizistisch immer wieder gegeißelt, denn der Primat des Papstes verengte sich damit auf das Abendland. Erstaunlicherweise schlug dem russischen Staat, der sich ja als Nachfolger der byzantnischen Reichskirche sah, keine derartige Haltung entgegen.

Ein weiterer Aspekt mag das angeblich luxuriöse und "unsittliche" Leben im byzantinischen Staat gewesen sein. Realistische poltische und gesellschaftliche Tatsachen gelangten nur verstümmelt ins Abendland und sagenhafte Erzählungen über Reichtum und unermessliche Schätze mögen Neid und Vorurteile geweckt haben.
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31.07.2012, 13:07
Beitrag: #12
RE: Die frühere Sicht auf Byzanz
(24.06.2012 09:14)Maxdorfer schrieb:  Warum wurde Byzanz in der früheren Geschichtswissenschaft so negativ als Despotie und als dekadent dargestellt?


Die Frage ist wohl mal welche Quellen hatte man am schnellsten zur Verfügung. Das waren wohl westliche Berichte aus dem Mittelalter. Wie wir wissen gab es zwischen Byzanz und dem Westen häufig Spannungen.
Byzanz sah sich als Überlegen an, vor allem die Bevölkerung war wohl alles andere als begeistert, wenn wieder mal eine Kreuzzugshorde durchs Land zog. Diese beiden Dinge lies man die Kreuzritter spüren, was sich natürlich auch auf die Berichterstattung über Byzanz durch diese negativ auswirkte. Ein gewisser Neid und die Frage wie man so einen Reichtum anhäufen kann, wird vielleicht auch eine Rolle gespielt haben. Und so kam bald das Klischee des dekadenten und intriganten (vor allem letzteres) Byzantiniers auf.
Im 4. Kreuzzug wurden dann die Byzantiner noch misstrauischer. Der Graben zwischen Byzanz und dem Westen blieb bis zum Untergang bestehen (und spielte auch dabei eine Rolle warum eben dann keine großflächige Hilfe eintraf). Es gab so um 1400 sogar mal ein Umdenken im Westen, Byzanz wurde nicht mehr so als Feind, sondern eher als Vorkämpfer gegen die Osmanen gesehen.
Doch schließlich setzte sich das negative Geschichtsbild durch. Das Misstrauen war wohl zu alt um es einfach zu vergessen. Dieses, gepuscht durch skeptische Berichte führte wohl zum negativen und wenig objektiven Byzanzbild, das es lange Zeit gab.

Mittlerweile wird das Thema wohl objektiver gesehen. Was mich oft mehr wundert ist das es noch immer ein gar nicht so bekanntes Thema ist. Einerseits stößt man im Mittelmeerraum sehr oft auf Byzanz, andererseits hört man z.B. in der Schule meist kaum etwas über diese einstige Großmacht des Ostens.
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31.07.2012, 13:11
Beitrag: #13
RE: Die frühere Sicht auf Byzanz
(28.07.2012 13:21)Dietrich schrieb:  Man kann nur vermuten, worauf die negative Sicht einiger Geschichtsschreiber mit Blick auf Byzanz zurückzuführen ist, was sicher nicht durchgängig der Fall war. Immerhin war Kaiser Otto II. überaus stolz, als er die byzantinische Prinzessin Theophanu heiraten konnte, die durchaus auch Reichsgeschichte geschrieben hat.

Auch wenn es zwischen dem Heiligen Römische Reich und Byzanz in der Zeit der Ottonen und Salier immer wieder mal zu Spannungen, vor allem um Süditalien gekommen ist, würde ich die Ursachen der negativen Berichterstattung erst in der Zeit der Kreuzzüge sehen.
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31.07.2012, 15:45
Beitrag: #14
RE: Die frühere Sicht auf Byzanz
(31.07.2012 13:07)WDPG schrieb:  Mittlerweile wird das Thema wohl objektiver gesehen. Was mich oft mehr wundert ist das es noch immer ein gar nicht so bekanntes Thema ist. Einerseits stößt man im Mittelmeerraum sehr oft auf Byzanz, andererseits hört man z.B. in der Schule meist kaum etwas über diese einstige Großmacht des Ostens.


Wie Historiker das Thema Byzanz heute sehen, zeigt der hier nochmals von mir zitierte Beitrag:

Zitat:So wirkt Byzanz, trotz aller Änderungen im einzelnen, insgesamt statisch; es blieb zeit seiner Existenz auf die Vergangenheit fixiert. Die wenigen Versuche, Erstarrung und Verkrustung zu durchbrechen - etwa der Bilderstreit (Ikonoklasmus) im 8. Jh, die angestrebte Westöffnung des Reiches unter Manuel Komnenos im 12. oder die Bemühungen während des 14. Jahrhunderts, das westliche Denkgebäude der Scholastik für Byzanz zu erschließen - brachten nicht den gewünschten Erfolg und führten im Gegenteil eher zu einem härteren Widerstand gegen solche Neuerungen: Byzanz versuchte um so verzweifelter, die Vergangenheit wiederzubeleben, um sich seiner Identität zu versichern, je trostloser die zeitgenössische Realität wurde. [...]

Dieses ideologische Beharrungsvermögen wird durch die Kontinuität der staatlichen Institutionen erleichtert: Byzanz hat nie eine echte Revolution erlebt, sondern seine Entwicklung vollzog sich in winzigen, unmerklichen Schritten. Die Trägheit dieser Prozesse förderte das Weiterbestehen und die Erstarrung in Tradition bis hin zum Selbstbetrug ... Unbestreitbar ist, dass die Begrenztheit und Langsamkeit der Entwicklung den Eindruck von Statik vermittelt. Die Fassade von Byzanz blieb gleich, und zwar deshalb, weil die Byzantiner wollten, dass sie gleich blieb.

(Ralph-Johannes Lilie, Byzanz. Geschichte des Oströmischen Reiches, München 1999, S. 10 f.)
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24.09.2012, 08:50
Beitrag: #15
RE: Die frühere Sicht auf Byzanz
Wieder mal eine Zusammenfassung:
  • Ein Grund wird sicherlich gewesen sein, dass Byzanz oft der Feind der Mitteleuropäer war. In den Kreuzzügen wurde Byzanz meist als Feind gesehen.
  • Auch was die Religion anging, wurde Ostrom verachtet. Grund war die Kirchenspaltung seit dem Schisma von 1054, seitdem sich immer größtere Differenzen zwischen dem katholischen Papsttum (West- und Mitteleuropa) und der orientalisch geprägten orthodoxen Kirche (Byzanz, Russland etc.) bildeten.
  • Schließlich wollte man die eigenen Verdienste zum Beispiel in der Schlacht von Tours und Poitiers (732) hochreden, und im Kontrast dazu die Leistung der Byzantiner schmälern.
  • Eine gewisse Erstarrung durch das krampfhafte Festhalten an der römischen Vergangenheit ist unverkennbar. Das zeigt sich in Kunst und Kultur, in Gesellschaft, aber auch in Staatswesen und Politik.
  • In der Aufklärung war man der Meinung, das Christentum sei der Hauptgrund für den Untergang Westroms gesehen. Das byzantinische Reich mit seinem engen Festhalten an der christlichen Tradition (siehe voriger Punkt) und der genauso engen Verbindung von Kirche und Staat wurde dementsprechend als noch dekadenter angesehen.
  • "Die Geschichte dieses Reiches ist eine eintönige Geschichte von Intrigen und Machtspielen von Kirchenmännern, Eunuchen und Frauen, von Vergiftungen, Verschwörungen, allseitiger Treulosigkeit und ständiger Brudermorde." (W. E. H. Lecky) Bei einer negativen Grundeinstellung wird die oströmische Geschichte schnell zu solch einem Ablauf von den Dingen, die während der Aufklärung, also dem Beginn der Geschichtswissenschaft, verachtet wurde.
  • Vielleicht sah man in der auf Obst- und Weinanbau fokussierten Landwirtschaft eine wirtschaftliche Rückständigkeit.
  • Immer wieder spielte wohl auch die Rivalität zwischen dem west- und dem oströmischen Kaisertum eine Rolle.
  • Die berichte von märchenhaftem Reichtum werden Neid erzeugt haben, und mit anderen Argumenten wollte man dann seine eigene Situation schönreden.
  • Dinge, die in der katholischen Kirche verpönt waren, waren vielleicht im orthodoxen Christentum keine Außergewöhnlichkeit, was man verständlicher Weise seltsam fand.

Wäre ich Antiquar, ich würde mich nur für altes Zeug interessieren. Ich aber bin Historiker, und daher liebe ich das Leben. (Marc Bloch)
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24.09.2012, 11:24
Beitrag: #16
RE: Die frühere Sicht auf Byzanz
(24.09.2012 08:50)Maxdorfer schrieb:  [*]Ein Grund wird sicherlich gewesen sein, dass Byzanz oft der Feind der Mitteleuropäer war. In den Kreuzzügen wurde Byzanz meist als Feind gesehen.

Stimmt, man könnte sagen Byzanz wurde aus der Sicht der Kreuzritter, entweder als Verbündeter den man nicht trauen kann oder als Feind gesehen.

Die Berichte der Kreuzritter kamen nach Europa, sorgten dort für ein negaitves Byzanz-Bild. Diese Berichte waren wohl auch am schnellsten als Quelle für die ersten Historiker die sich mit der Thematik auseinandersetzten zur Verfügung. So begann schon alles mit einem relativ negativen Bild.
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24.09.2012, 11:28
Beitrag: #17
RE: Die frühere Sicht auf Byzanz
(24.09.2012 08:50)Maxdorfer schrieb:  [*]"Die Geschichte dieses Reiches ist eine eintönige Geschichte von Intrigen und Machtspielen von Kirchenmännern, Eunuchen und Frauen, von Vergiftungen, Verschwörungen, allseitiger Treulosigkeit und ständiger Brudermorde." (W. E. H. Lecky)

Da muss ich dir als Byzanz-Interessierter widersprechen. Finde die Geschichte von Byzanz ist eine sehr interessante und absolut nicht eintönige.
Aber zu deiner Verteidigung, das Zitat stammt ja nicht von dir, wie du selbst angegeben hast. Ich finde Leckys Beurteilung da übertrieben und nicht ganz richtig. Denn Intrigen und Machtspiele findet man in der Geschichte von anderen Reichen ebenfalls sehr oft.
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24.09.2012, 19:51
Beitrag: #18
RE: Die frühere Sicht auf Byzanz
Wenn statt dem Wörtchen "eintönige" "interessante" stehen würde, hätte Lecky die Geschichte von Byzanz besser beurteilt.

"Geschichte erleuchtet den Verstand, veredelt das Herz, spornt den Willen und lenkt ihn auf höhere Ziele." Cicero
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24.09.2012, 20:18
Beitrag: #19
RE: Die frühere Sicht auf Byzanz
(24.09.2012 11:28)WDPG schrieb:  Da muss ich dir als Byzanz-Interessierter widersprechen. Finde die Geschichte von Byzanz ist eine sehr interessante und absolut nicht eintönige.
Aber zu deiner Verteidigung, das Zitat stammt ja nicht von dir, wie du selbst angegeben hast. Ich finde Leckys Beurteilung da übertrieben und nicht ganz richtig. Denn Intrigen und Machtspiele findet man in der Geschichte von anderen Reichen ebenfalls sehr oft.

Ist nicht meine Sicht, ich bin sicherlich genauso an Byzanz interessiert wie du, auch wenn ich bei weitem nicht das Wissen habe, das du hier an den Tag legst.

Aber es ist halt schon so, dass es - ähnlich wie im merowingischen Reich - sehr oft Palastbedienstete, Frauen und Mitglieder des Königshauses waren, die um die Macht kämpften. Und das dauerte halt Jahrhunderte an.

Ich persönlich finde das umso interessanter, Lecky halt nicht.

Wäre ich Antiquar, ich würde mich nur für altes Zeug interessieren. Ich aber bin Historiker, und daher liebe ich das Leben. (Marc Bloch)
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24.09.2012, 21:27
Beitrag: #20
RE: Die frühere Sicht auf Byzanz
(24.09.2012 20:18)Maxdorfer schrieb:  Ist nicht meine Sicht, ich bin sicherlich genauso an Byzanz interessiert wie du, auch wenn ich bei weitem nicht das Wissen habe, das du hier an den Tag legst.

Aber es ist halt schon so, dass es - ähnlich wie im merowingischen Reich - sehr oft Palastbedienstete, Frauen und Mitglieder des Königshauses waren, die um die Macht kämpften. Und das dauerte halt Jahrhunderte an.

Ich persönlich finde das umso interessanter, Lecky halt nicht.

Wollte mit deinem Zitat nicht deine Interesse in Frage stellen. Genau im Gegenteil, ich freue mich, das es auch noch andere interessierte an dem Thema gibt und das dein Wissen in dem Bereich auch nicht ohne ist, beweißt du immer wieder.

Meinte eher das ich die Meinung von Lecky nicht teile. Ich habe auch nicht das Gefühl das es soo viel mehr Intriegen als in anderen Ländern waren.
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