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Guglerkrieg von 1375
03.03.2019, 20:38
Beitrag: #21
RE: Guglerkrieg von 1375
(03.03.2019 11:51)Teresa C. schrieb:  Katharina von Österreich hat nach dem Tod von Enguerrand (VI.) wieder geheiratet, diese Ehe wurde offensichtlich ohne Zustimmung ihres Onkels Albrecht (II.) geschlossen, inwieweit ihr zweiter Ehemann nicht standesgemäß war, lasse ich jetzt einmal dahingestellt. Inwieweit dies auf die Bestimmungen ihres Ehevertrages von Seiten ihres Onkels Auswirkungen hatte oder diesem als Vorwand oder Begründung diente, sich nicht mehr an die Bestimmungen des Ehevertrages gebunden zu sehen und diesen daher nicht einhalten zu müssen (wenn er nicht doch andere Regelungen gehabt hätte), wäre ebenfalls abzuklären.
Die Angelegenheit war, wahrscheinlich aufgrund unterschiedlicher Verträge und Regelungen und da sie bereits zwei Generationen zurücklag, strittig genug, dass sie für einen Konflikt genutzt werden konnte, und Enguerrand mag eine für ihn günstige Gelegenheit genutzt haben.

Es war selbstverständlich eine günstige Gelegenheit für Enguerrand - und zwar insofern, als Karl V die plündernden Söldner loswerden wollte. Coucys Forderungen - ob berechtigt oder nicht - bezogen sich auf die Morgengabe von Katharinas Mutter, Katharina von Savoyen, welcher im Ehevertrag von 1310 8'000 Mark Silber als Morgengabe zugesprochen wurde - in jährlichen Raten à 1'600 Mark, finanziert aus Einkünften der Städte (Aarau, Lenzburg, Sursee etc.), welche Coucy forderte. Ob die Morgengabe je oder zum Mindesten teilweise jemals ausbezahlt wurde, ist nicht bekannt. Offenbar nicht - oder Coucy war dreist genug, zu behaupten, dass das nie geschehen sei. Ein Indiz für eine nicht ausgerichtete Morgengabe sehe ich in der kurzen Ehe zwischen Katharina und Enguerrand VI .


(20.02.2019 19:11)Teresa C. schrieb:  Was mir auch in diesem konkreten Fall auch noch aufgefallen ist - durch die Ehe mit Enguerrand (VI.) de Courcy wechselte Katharina von Österreich nach damaliger Rechtsauffassung aus der Familie ihres Vaters in die ihres Ehemannes über. Interessant ist, dass weder in dem wissenschaftlichen Aufsatz von Barbara Gloor, den Aguyar hier verlinkt hat**, noch in den spärlichen Hinweise in Wikipedia-Artikel (falls sie zumindest auf Quellen zurückgehen, die als zulässig eingestuft werden können) und auch nicht auf ADB darauf eingegangen wird, wie die Familie de Courcy (oder jene Personen, die nach dem Tod ihres Ehemannes die Interessen ihres Sohnes und somit seiner Familie vertraten) auf Katharinas zweite Eheschließung reagiert hat.
Denn "de jure" gehörte Katharina aufgrund ihrer ersten Ehe nicht mehr zu dem "Haus Österreich", sondern zum "Haus Courcy" und daher wäre dieses bei der zweiten Eheschließung eigentlich die erste zuständige Instanz für Katharina gewesen.
Eine Bestätigung dafür könnte auch sein, dass sie ihren zweiten Ehemann auf dem Hoheitsgebiet der de Courcys beziehungsweise des französischen oder englischen Königs kennen gelernt und ihn auch dort geheiratet haben soll. Wenn Gloor mutmaßt, Katharina und ihr Ehemann hätten vor dem Habsburger Albrecht (II.) fliehen müssen, würde das allerdings bedeuten, dass dieser selbst in diesem Gebiet sehr einflussreich war, obwohl er nicht einmal irgendwelche Besitzungen (Eigengut, Lehen, Pfandschaften etc.) dort gehabt hat. Wenn dem nicht so war, sind jedoch eine ganze Reihe weiterer Spekulationen notwendig, um diese Verfolgung auch mit Blick auf die belegten Fakten schlüssig zu machen, was nach der Qualität einer seriösen Geschichtsforschung des 20. Jahrhunderts ein enormer Rückschritt hinter das, was bereits im 19. Jahrhundert Standard war, bedeutet. Um den Lebensweg von Katharina von Österreich nach dem Tod ihres ersten Ehemannes anhand von belegten Fakten nachzuweisen, wäre es notwendig, eine ganze Reihe von Fragen wissenschaftlich zu überprüfen.

Enguerrands VI Todesdatum ist nicht geklärt - er fiel entweder 1346 in der Schlacht von Crécy oder 1347 bei der Belagerung von Calais. Konrad von Hardeck, der zweite Mann Katharinas, nahm nachweislich an der Belagerung von Calais teil und zwar als Dienstmann von Philipp VI. Wenn Zurlauben spekuliert, dass sich die beiden dort kennen gelernt hatten, ist dies immerhin begründet. Ebenso gut begründet ist die Annahme, dass die Ehe zwischen Katharina und Konrad von Albrecht II nicht genehmigt wurde, und zwar weniger aufgrund von Standesunterschieden (die offenbar nicht gegeben waren) sondern aufgrund von Befürchtung allfälliger Forderungen seitens Konrad.

(20.02.2019 19:11)Teresa C. schrieb:  Wenn Gloor mutmaßt, Katharina und ihr Ehemann hätten vor dem Habsburger Albrecht (II.) fliehen müssen, würde das allerdings bedeuten, dass dieser selbst in diesem Gebiet sehr einflussreich war, obwohl er nicht einmal irgendwelche Besitzungen (Eigengut, Lehen, Pfandschaften etc.) dort gehabt hat
Die Mutmassung, dass Katharina und Konrad vor Albrecht II nach Böhmen (unter den Schutz Kalrs IV) flohen, stammt nicht von Gloor sondern sie verweist dabei lediglich auf Thesen Wissgrills (19. Jahrhundert) in dessen Werk "Schauplatz des landsässigen niederösterreichischen Adels vom Herren- und Ritterstand" (Band 4 https://archive.org/stream/bub_gb_XSgTAA...mode/2up). Ich verstehe hier deinen Einwand nicht ganz: Hatte Albrecht II in Niederösterreich keine Rechte ??


(20.02.2019 19:11)Teresa C. schrieb:  ...
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** Bei dem Aufsatz von Barbara Gloor ist zu berücksichtigen, dass ihre Hauptquelle (nach ihrer eigenen Angabe) ein bestimmter Chronist (der offensichtlich in positiver Beziehung zu Enguerrand (VII.) de Courcy gestanden hat) ist und sie ergänzend weitere Chroniken verwendet. Chroniken sind zwar seit Jahrhunderten als historische Quellen beliebt und werden gerne verwendet, aber dennoch handelt es sich bei ihnen um eine Quellenart, die in den meisten Fällen in Bezug auf Fakten und Tatsachen als nicht besonders zulässig einzustufen ist.

Ich sehe nicht, dass Gloor die Chroniken als Hauptquellen verwendet - sie geht lediglich auf deren Interpretationen der Geschehnisse ein. Die Hauptquelle ist der Ehevertrag von 1310 - und der ist eine Primärquelle.
Bei dem "bestimmten Chronisten" Teeth handelt es sich um Jean Froissart, dem Chronisten des Hundertjährigen Krieges überhaupt https://de.wikipedia.org/wiki/Jean_Froissart
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03.03.2019, 22:02
Beitrag: #22
RE: Guglerkrieg von 1375
(24.02.2019 09:22)Teresa C. schrieb:  Zur Familie der Burggrafen von Magdeburg habe ich übrigens einen Artikel über ein Familienmitglied auf der RegioWiki.AT gefunden: https://regiowiki.at/wiki/Michael_von_Maidburg. (Nicht wirklich aufregend, dürfte aber eine ganz brauchbare erste Information sein.) Aber die Frage nach Status und Stand innerhalb des Adels im Mittelalter wäre wohl doch etwas für einen eigenen Thread.

Michael von Maidburg war der letzte Graf von Hardegg aus der Familie der Burggrafen von Magdeburg (bzw. Maidburg).

Die Burggrafen von Magdeburg waren ein Zweig der Edlen von Querfurt.
Konrad von Querfurt, Erzbischof von Magdeburg, übertrug 1136 die Burggrafschaft Magdeburg seinem Bruder, nachdem Heinrich von Groitzsch kinder- und erbenlos verstarb. Heinrich von Groitzsch erbte das Amt von seinem Vater Wiprecht II. von Groitzsch. Die Herren von Querfurt sind bereits seit dem 10. Jahrhundert nachweisbar und wirkten im Dienst der Ottonen. Von ihnen gibt es verschiedene Zweige, so auch die Grafen von Mansfeld oder von Schraplau, die mit Burchard III. ebenfalls einen Erzbischof von Magdeburg stellten. Es gab außerdem verwandtschaftliche Beziehungen zu sächsischen oder thüringischen Adelsfamilien wie die Seeburg, Käfernburg/Kevernburg oder Rabenswald.

Diese Familien waren im 12. und 13. Jahrhundert Anhänger der Staufer und stellten zum Teil auch die Erzbischöfe von Magdeburg. Die Käfernburg und ihre Seitenlinie Rabenswald hatten den gleichen Ahnen wie die Grafen von Schwarzburg.

Die Burggrafen von Magdeburg mussten 1269/70 das Burggrafenamt an den Herzog von Sachsen-Wittenberg verkaufen. Als Grund für den Verkauf können die hohen Kosten für die Kriegsdienste für die (zu diesem Zeitpunkt bereits verloren gegangene) Politik der Staufer betrachtet werden. Allerdings durfte die Familie den Titel behalten. Die Familie führte seitdem den Titel Burggraf von Maidburg. Maidburg hatte sich im 13. Jahrhundert für Magdeburg durchgesetzt, deshalb werden die faktischen Titular-Burggrafen oft als Burggrafen von Maidburg bezeichnet.

Die Grafschaft Hardegg an der niederösterreichisch-böhmischen Grenze gehörte bis 1260 den Grafen von Plain, der letzte Graf fiel kinderlos und so erbte seine Ehefrau Wilbergis von Helfenstein die Grafschaft. Wilbergis heiratete dann noch zweimal, jeweils aus Thüringen stammende Adlige. Ihr dritter Ehemann war Berthold von Rabenswald. Dessen Schwester Gisela war mit dem Burchard VIII. von Magdeburg/Maidburg verheiratet. Aus dieser Ehe entstammen mehrere Söhne, so auch Berrchtold/Perchtold von Maidburg. Berchtold hatte wiederum mehrere Söhne, einer der jüngeren Söhne war Konrad von Hardegg.

Ein Problem der Familie war, dass Berchtold mehrere Brüder und Söhne hatte, für die wohl die Grafschaft Hardegg bzw. der gesamte Besitz zu klein war. Teilungen fanden nicht statt, inwieweit eine gemeinsame Herrschaft geführt wurde, kann ich nicht erschließen. Fakt ist, dass Angehörige wie Konrad von Hardegg im Dienste des französischen Königs standen oder im Dienst der böhmischen Könige Johann oder Karl.

Vielleicht sind diese politischen Bindungen ausschlaggebend gewesen, dass die Habsburger die zweite Ehe bzw. das Verlöbnis von Katharina nicht billigten. Wie die Coucys zu Katharinas zweiter Ehe standen, habe ich bisher noch nicht erschlossen. Neben Enguerrand VII. lebte m.E. nur noch sein Onkel Raoul de Coucy. Dieser war mit einer Jeanne d'Harcourt verheiratet, deren Familie zum normanischen Adel gehörte und erst 1338 zu französischen Grafen erhoben wurde. Gottfried d'Harcourt fiel m.E. in Ungnade, da er in den 1340er Jahren zu den Engländern überlief, aber ich denke, dass dies keine Auswirkung auf Raoul oder Enguerrand VII. hatte.

"Geschichte erleuchtet den Verstand, veredelt das Herz, spornt den Willen und lenkt ihn auf höhere Ziele." Cicero
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04.03.2019, 22:46
Beitrag: #23
RE: Guglerkrieg von 1375
(03.03.2019 20:38)Aguyar schrieb:  
(03.03.2019 11:51)Teresa C. schrieb:  Katharina von Österreich hat nach dem Tod von Enguerrand (VI.) wieder geheiratet, diese Ehe wurde offensichtlich ohne Zustimmung ihres Onkels Albrecht (II.) geschlossen, inwieweit ihr zweiter Ehemann nicht standesgemäß war, lasse ich jetzt einmal dahingestellt. Inwieweit dies auf die Bestimmungen ihres Ehevertrages von Seiten ihres Onkels Auswirkungen hatte oder diesem als Vorwand oder Begründung diente, sich nicht mehr an die Bestimmungen des Ehevertrages gebunden zu sehen und diesen daher nicht einhalten zu müssen (wenn er nicht doch andere Regelungen gehabt hätte), wäre ebenfalls abzuklären.
Die Angelegenheit war, wahrscheinlich aufgrund unterschiedlicher Verträge und Regelungen und da sie bereits zwei Generationen zurücklag, strittig genug, dass sie für einen Konflikt genutzt werden konnte, und Enguerrand mag eine für ihn günstige Gelegenheit genutzt haben.

Es war selbstverständlich eine günstige Gelegenheit für Enguerrand - und zwar insofern, als Karl V die plündernden Söldner loswerden wollte. Coucys Forderungen - ob berechtigt oder nicht - bezogen sich auf die Morgengabe von Katharinas Mutter, Katharina von Savoyen, welcher im Ehevertrag von 1310 8'000 Mark Silber als Morgengabe zugesprochen wurde - in jährlichen Raten à 1'600 Mark, finanziert aus Einkünften der Städte (Aarau, Lenzburg, Sursee etc.), welche Coucy forderte. Ob die Morgengabe je oder zum Mindesten teilweise jemals ausbezahlt wurde, ist nicht bekannt. Offenbar nicht - oder Coucy war dreist genug, zu behaupten, dass das nie geschehen sei. Ein Indiz für eine nicht ausgerichtete Morgengabe sehe ich in der kurzen Ehe zwischen Katharina und Enguerrand VI .

Es stellt sich aber doch die Frage, was die Morgengabe von Katharinas Mutter damit zu tun hat, dass Katharinas Morgengabe möglicherweise nicht ausgezahlt wurde.

Das sind zwei unterschiedliche Dinge. Im Vertrag von 1310 wurde nicht festgelegt, dass die Morgengabe von Katharinas Mutter einmal die Morgengabe von Katharina, die damals noch nicht geboren war oder das ihre Verwendung ausdrücklich als Erbe für noch nicht geborene Töchter festgelegt war.

Abgesehen davon, gibt es offensichtlich bisher keine Belege dafür, ob Katharina ihre Mitgift oder ihre Morgengabe vollständig, nicht oder nur zum Teil ausgezahlt wurde. Eine kurze Ehe ist noch kein Beleg dafür, dass eine Mitgift oder Morgengabe nicht ausgezahlt worden war, selbst für eine Spekulation ist das als Grundlage sehr mager.

Beim Vergleich von Verträge zu Eheschließungen fällt immerhin auf, dass Mitgift, Morgengabe und Wittum bereits vor Abschluss der Ehe geregelt wurden und dass dort eine ganze Reihe weiterer Details wie Wohnsitze, Größe und Zusammenstellung des Hofes etc. ebenfalls geregelt wurden. Umso merkwürdiger, dass Enguerrand VII. seine vorgeblichen Ansprüche mit einem Vertrag begründete, der die Ehe seiner Großeltern betraf und einige Jahre vor der Heirat dieser geschlossen worden war, noch dazu zu einem Zeitpunkt, als seine Mutter noch gar nicht geboren war. Verträge, in denen es konkret um die Eheschließung seiner Eltern gegangen ist, wären aber als Grundlage viel aussagekräftiger und sinnvoller gewesen.

Für mich stellt sich jedenfalls die Frage, warum Enguerrand VII. sich nicht auf Dokumente berufen hat, welche tatsächlich die Ehe seiner Eltern betrafen.

Waren diese Dokumente nicht mehr erhalten?
Hatte er keine Zugriff mehr auf diese?
Hatte er Grund, sie nicht ins Spiel zu bringen und sie vielleicht sogar selbst vernichten lassen.?
etc.

--------

Fakt bleibt jedenfalls, dass Katharinas erste Ehe zwar nicht lange dauerte, aber doch lange genug, um einen Sohn zu bekommen, der offensichtlich noch zu Lebzeiten seines Vaters geboren wurde.

Das bedeutet aber, dass ihre Ehe jedenfalls vollzogen wurde, was gewöhnlich eine wesentliche Voraussetzung für die Auszahlung der Mitgift und der Morgengabe war. Mitgift, Wittum und Morgengabe bildeten außerdem auch die Grundlage für die Versorgung der Frau während der Ehe. Wenn Katharinas Mitgift nicht ausgezahlt und ihr die Morgengabe vorenthalten wurde, ergibt sich auch die Frage, aus welchen Einkünfte Katharina als Ehefrau von Enguerrand VI. ihren Lebensunterhalt bestritten hat.

Hinzu kommt noch, dass Katharina nach dem Tod ihres Ehemannes nicht nur dessen Witwe, sondern auch die Mutter des Erbens war, was zumindest ihre Zugehörigkeit zum Haus Courcy "de iure" verstärkte.

Damit stellen sich weitere Frage:
War sie in die Vormundschaft eingebunden? Warum war sie nicht in diese eingebunden?
Welche Rolle spielte das Haus Coucy beziehungsweise die Vormunde ihres Sohnes bei ihrer neuen Eheschließung? Eine weitere Ehe bedeutete nebenbei auch eine Gefahr für das Erbe ihres Sohnes, sollte es weitere Kinder geben?

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Nur die Geschichtenschreiber erzählen uns, was die Leute dachten.
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04.03.2019, 22:56
Beitrag: #24
RE: Guglerkrieg von 1375
(03.03.2019 20:38)Aguyar schrieb:  
(20.02.2019 19:11)Teresa C. schrieb:  Was mir auch in diesem konkreten Fall auch noch aufgefallen ist - durch die Ehe mit Enguerrand (VI.) de Courcy wechselte Katharina von Österreich nach damaliger Rechtsauffassung aus der Familie ihres Vaters in die ihres Ehemannes über. Interessant ist, dass weder in dem wissenschaftlichen Aufsatz von Barbara Gloor, den Aguyar hier verlinkt hat**, noch in den spärlichen Hinweise in Wikipedia-Artikel (falls sie zumindest auf Quellen zurückgehen, die als zulässig eingestuft werden können) und auch nicht auf ADB darauf eingegangen wird, wie die Familie de Courcy (oder jene Personen, die nach dem Tod ihres Ehemannes die Interessen ihres Sohnes und somit seiner Familie vertraten) auf Katharinas zweite Eheschließung reagiert hat.
Denn "de jure" gehörte Katharina aufgrund ihrer ersten Ehe nicht mehr zu dem "Haus Österreich", sondern zum "Haus Courcy" und daher wäre dieses bei der zweiten Eheschließung eigentlich die erste zuständige Instanz für Katharina gewesen.
Eine Bestätigung dafür könnte auch sein, dass sie ihren zweiten Ehemann auf dem Hoheitsgebiet der de Courcys beziehungsweise des französischen oder englischen Königs kennen gelernt und ihn auch dort geheiratet haben soll. Wenn Gloor mutmaßt, Katharina und ihr Ehemann hätten vor dem Habsburger Albrecht (II.) fliehen müssen, würde das allerdings bedeuten, dass dieser selbst in diesem Gebiet sehr einflussreich war, obwohl er nicht einmal irgendwelche Besitzungen (Eigengut, Lehen, Pfandschaften etc.) dort gehabt hat. Wenn dem nicht so war, sind jedoch eine ganze Reihe weiterer Spekulationen notwendig, um diese Verfolgung auch mit Blick auf die belegten Fakten schlüssig zu machen, was nach der Qualität einer seriösen Geschichtsforschung des 20. Jahrhunderts ein enormer Rückschritt hinter das, was bereits im 19. Jahrhundert Standard war, bedeutet. Um den Lebensweg von Katharina von Österreich nach dem Tod ihres ersten Ehemannes anhand von belegten Fakten nachzuweisen, wäre es notwendig, eine ganze Reihe von Fragen wissenschaftlich zu überprüfen.

Enguerrands VI Todesdatum ist nicht geklärt - er fiel entweder 1346 in der Schlacht von Crécy oder 1347 bei der Belagerung von Calais. Konrad von Hardeck, der zweite Mann Katharinas, nahm nachweislich an der Belagerung von Calais teil und zwar als Dienstmann von Philipp VI. Wenn Zurlauben spekuliert, dass sich die beiden dort kennen gelernt hatten, ist dies immerhin begründet. Ebenso gut begründet ist die Annahme, dass die Ehe zwischen Katharina und Konrad von Albrecht II nicht genehmigt wurde, und zwar weniger aufgrund von Standesunterschieden (die offenbar nicht gegeben waren) sondern aufgrund von Befürchtung allfälliger Forderungen seitens Konrad.

Wobei die Forderungen eines Konrad von Hardegg wohl auch das Haus Courcy betroffen hätten?

Zurlaubens Spekulation, wie sich Katharina und Konrad kennen gelernt haben, könnte zutreffen, aber was mir fehlt, sind konkrete Informationen zu diesem Eheprojekt. Welche Zielsetzungen steckten dahinter, wer war am Zustandekommen einer Ehe zwischen Katharina und Konrad beteiligt, wer hätte von dieser Ehe profitiert?

Gerade deswegen wäre auch wichtig, wie Katharinas Position als Witwe ausgesehen hat und welche Rolle ihr das Haus Courcy beziehungsweise die Vormunde ihres Sohnes zustanden?

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04.03.2019, 23:36
Beitrag: #25
RE: Guglerkrieg von 1375
(03.03.2019 20:38)Aguyar schrieb:  [quote='Teresa C.' pid='65519' dateline='1550682711']
Wenn Gloor mutmaßt, Katharina und ihr Ehemann hätten vor dem Habsburger Albrecht (II.) fliehen müssen, würde das allerdings bedeuten, dass dieser selbst in diesem Gebiet sehr einflussreich war, obwohl er nicht einmal irgendwelche Besitzungen (Eigengut, Lehen, Pfandschaften etc.) dort gehabt hat
Die Mutmassung, dass Katharina und Konrad vor Albrecht II nach Böhmen (unter den Schutz Kalrs IV) flohen, stammt nicht von Gloor sondern sie verweist dabei lediglich auf Thesen Wissgrills (19. Jahrhundert) in dessen Werk "Schauplatz des landsässigen niederösterreichischen Adels vom Herren- und Ritterstand" (Band 4 https://archive.org/stream/bub_gb_XSgTAA...mode/2up). Ich verstehe hier deinen Einwand nicht ganz: Hatte Albrecht II in Niederösterreich keine Rechte ??

Ich fürchte, dass Du mich da falsch verstanden hast.
Wenn Katharina und Konrad vor Albrecht (II.) nach Böhmen (unter den Schutz von Karl IV.) flüchteten, zu dem Albrecht gewöhnlich gute Beziehungen hatte, macht das eigentlich nur Sinn, wenn beide sich nach ihrer Hochzeit in der Grafschaft Hardegg, damals dem Herzogtums Österreich zugehörig, niedergelassen haben.

Dass Konrad nach seiner Hochzeit mit Katharina nach Hardegg ging, um dort zu leben, ist zwar vorstellbar, allerdings fehlen dafür die Belege, wo sich die beiden tatsächlich aufgehalten haben.

(20.02.2019 19:11)Teresa C. schrieb:  ...
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** Bei dem Aufsatz von Barbara Gloor ist zu berücksichtigen, dass ihre Hauptquelle (nach ihrer eigenen Angabe) ein bestimmter Chronist (der offensichtlich in positiver Beziehung zu Enguerrand (VII.) de Courcy gestanden hat) ist und sie ergänzend weitere Chroniken verwendet. Chroniken sind zwar seit Jahrhunderten als historische Quellen beliebt und werden gerne verwendet, aber dennoch handelt es sich bei ihnen um eine Quellenart, die in den meisten Fällen in Bezug auf Fakten und Tatsachen als nicht besonders zulässig einzustufen ist.

Der Vertrag von 1310 wird zwar von Gloor einbezogen, aber viele Aspekte, die sie verwendet, hat sie sicher nicht aus dem Vertrag genommen. Außerdem führt sie selbst Chroniken als Quelle an, wobei Jean Froissart die Hauptquelle ist.

Jean Froissart gilt zwar als Chronist des Hundertjährigen Krieges und es gibt keinen Grund, seine Bedeutung als Chronist in Frage zu stellen. Chroniken sind meistens unterhaltsame Werke und können sogar literarische Qualität haben, aber als Geschichtsquellen sind sie mit Vorsicht zu betrachten, wenn es tatsächlich um die Fakten und um die Zulässigkeit geht. Gründe, in Jean Froissart eine Ausnahme zu sehen, lassen sich für mich nicht erkennen.

Nach Gloor war Enguerrand (VII.) de Coucy ein Zeitgenosse und Bekannter von Jean Froissart, Enguerrand wird allerdings von anderen Autoren auch als Förderer von Froissart bezeichnet. (Mit Blick auf die Ideologie und Zielsetzung von Gloors Aufsatz schließe ich nicht aus, dass sie die Information mit dem Förderer mit Absicht weggelassen hat.)

Jedenfalls ist es naheliegend, dass die Darstellung von Froissarts im Sinne von Enguerrand de Coucy ist und somit als parteiisch eingestuft werden muss.

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