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Existenz-Probleme des Kleinadels im Spätmittelalter
26.01.2017, 22:05
Beitrag: #21
RE: Existenz-Probleme des Kleinadels im Spätmittelalter
Zitat:Die Existenzprobleme waren jetzt weniger auf den Bevölkerungsrückgang durch die Pestwelle zurückzuführen,
Veto- sowohl die Landwirtschaft als auch die sonstige mittelalterliche Erwerbstätigkeit war normalerweise sehr personalintensiv
der dramatische Bevölkerungsrückgang durch die Seuchen bedingte neben geringerer Nachfrage nach den erzeugten Produkten auch einen dramatischen Arbeitskräftemangel -Grundbesitz wurde dadurch weniger ertragreich -
Hinzu kam natürlich,dass die Pandemien auch sicherlich Auswirkungen auf den Handel mit den erzeugten Produkten hatten, was eine Distribution und damit Verwertung zusätzlich erschwerte.
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27.01.2017, 09:19
Beitrag: #22
RE: Existenz-Probleme des Kleinadels im Spätmittelalter
(27.01.2017 09:18)Aguyar schrieb:  
(26.01.2017 22:05)zaphodB. schrieb:  Veto- sowohl die Landwirtschaft als auch die sonstige mittelalterliche Erwerbstätigkeit war normalerweise sehr personalintensiv
der dramatische Bevölkerungsrückgang durch die Seuchen bedingte neben geringerer Nachfrage nach den erzeugten Produkten auch einen dramatischen Arbeitskräftemangel -Grundbesitz wurde dadurch weniger ertragreich -
Hinzu kam natürlich,dass die Pandemien auch sicherlich Auswirkungen auf den Handel mit den erzeugten Produkten hatten, was eine Distribution und damit Verwertung zusätzlich erschwerte.

Das gilt aber nur für die Epoche unmittelbar nach der ersten Pestwelle. Der Personalmangel äusserste sich im Übrigen auch dadurch, dass die adligen Grundbesitzer ihren Bauern erstmals gewisse Freiheiten und Privilegien gewährten, um ihre Hörigen zu halten. Diese Freiheiten wurden ihnen z.T. aber im Verlauf des 15. und 16. Jahrhunderts wieder genommen, was mit ein Grund für die spätmittelalterlichen Bauernkriege gewesen sein dürfte. In der Zeit, als der Existenzkampf - eigentlich ein regelrechter Überlenbenskampf - des unabhängigen Kleidadels (die Freiherren) seinen Höhepunkt erreichte, war das ausgehende 15. Jahrhundert und der Beginn des 16. Jahrhundert. Es war die Zeit von Franz von Sickingen und Götz von Berlichingen (zwei prominente Beispiele) und damit auch die Zeit der Beginn der Reformation. Und in dieser Epoche war der Bevölkerungsrrückgang aufgrund der Pestwellen wieder ausgeglichen, die Einwohnerzahlen der grossen Städte war im Schnitt höher als derjenige vor dem Ausbruch der ersten Pest. Die Pest hatte das existientelle Problem des Kleinadels lediglich vorübegehend verschärft, untergangen wäre er auch ohne den Schwarzen Tod. Der spätmittelalterliche Landesausbau (Rodung der letzten Wälder) ging ja ebenfalls - trotz Unterbruch durch die Pest - ebenfalls weiter.
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28.01.2017, 10:44
Beitrag: #23
RE: Existenz-Probleme des Kleinadels im Spätmittelalter
(27.01.2017 09:19)Aguyar schrieb:  Und in dieser Epoche war der Bevölkerungsrrückgang aufgrund der Pestwellen wieder ausgeglichen, die Einwohnerzahlen der grossen Städte war im Schnitt höher als derjenige vor dem Ausbruch der ersten Pest. Die Pest hatte das existientelle Problem des Kleinadels lediglich vorübegehend verschärft, untergangen wäre er auch ohne den Schwarzen Tod. Der spätmittelalterliche Landesausbau (Rodung der letzten Wälder) ging ja ebenfalls - trotz Unterbruch durch die Pest - ebenfalls weiter.

Der spätmittelalterliche Landesausbau...
mir sind eigentlich eher die spätmittelalterlichen Wüstungen ein Begriff. Folge der Stadtgründungen.
Vielfach sind diese Wüstungen, obwohl urkundlich bekannt und nachgewiesen, lediglich über "Merkungsreste" und Wegverläufe zu Verorten.

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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28.01.2017, 11:05
Beitrag: #24
RE: Existenz-Probleme des Kleinadels im Spätmittelalter
(28.01.2017 10:44)Suebe schrieb:  Der spätmittelalterliche Landesausbau...
mir sind eigentlich eher die spätmittelalterlichen Wüstungen ein Begriff. Folge der Stadtgründungen.
Vielfach sind diese Wüstungen, obwohl urkundlich bekannt und nachgewiesen, lediglich über "Merkungsreste" und Wegverläufe zu Verorten.

Viele Wüstungen sind Folgen der Pest. Die Chattische Siedlung der Sippe der Büblinge bei Wetzlar verlor ihre gesante Bevölkerung durch die Krankheit. Die 3 letzten Frauen wurden dann in Wetzlar gepflegt. Die Gemarkung fiel an Wetflaria. Der Fleck diente im Krieg o. beiden Kriegen dann als Gefangenenlager für Russen und wurde nach dem Krieg durch Vertriebene, nun als Stadtteil von Wetzlar, wieder besiedelt.
Einige Wüstungen wurden durch Hugenotten wieder besiedelt.

viele Grüße

Paul

aus dem hessischen Tal der Loganaha (Lahn)
in der Nähe von Wetflaria (Wetzlar) und der ehemaligen Dünsbergstadt
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28.01.2017, 20:10
Beitrag: #25
RE: Existenz-Probleme des Kleinadels im Spätmittelalter
(28.01.2017 10:44)Suebe schrieb:  
(27.01.2017 09:19)Aguyar schrieb:  Und in dieser Epoche war der Bevölkerungsrrückgang aufgrund der Pestwellen wieder ausgeglichen, die Einwohnerzahlen der grossen Städte war im Schnitt höher als derjenige vor dem Ausbruch der ersten Pest. Die Pest hatte das existientelle Problem des Kleinadels lediglich vorübegehend verschärft, untergangen wäre er auch ohne den Schwarzen Tod. Der spätmittelalterliche Landesausbau (Rodung der letzten Wälder) ging ja ebenfalls - trotz Unterbruch durch die Pest - ebenfalls weiter.

Der spätmittelalterliche Landesausbau...
mir sind eigentlich eher die spätmittelalterlichen Wüstungen ein Begriff. Folge der Stadtgründungen.
Vielfach sind diese Wüstungen, obwohl urkundlich bekannt und nachgewiesen, lediglich über "Merkungsreste" und Wegverläufe zu Verorten.

Schätzungen über die Gesatmbevölkerung Europas:
650: 18 Mio.
1000: 38,5 - 42 Mio.
1200: 61 Mio.
1300: 71 Mio.
1340: 73,5 Mio.
1450: 53 - 55 Mio. (nach Pest)
1500: 76 - 80 Mio.

Natürlich sind das Schätzungen - verbindlich sind diese Angaben nicht und sind für das Mittelalter auch gar nicht möglich. In der Aufstellung wurden auch die slawischen Länder berücksichtigt.

Schätzung von Opferzahlen europäischer Städte der ersten grossen Pestwelle von 1346 – 1352:

Avignon 120’000
Florenz 100’000
Siena 80’000
Nürnberg 60'000
Venedig 55’000
Paris 50’000
Pisa 40’000
Granada 30’000
Mallorca 30’000
Narbonne 30’000
Rom 25’000
London 20’000
Konstanz 14’000
Erfurt 12’000
Münster 11’000
Bristol 7’000
Dubrovnik 7’000
Lübeck 7'000
Bremen 7’000 (Angaben sehr wahrscheinlich zu hoch gegriffen)
Mainz 6’000
Norwich 4’000
Hannover 3’000
Zwickau 1’600

Die geschätzen Zahlen stammen aus den 80er Jahren. Möglich dass heute andere, abweichende Schätzungen aufgestellt wurden.
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28.01.2017, 20:29
Beitrag: #26
RE: Existenz-Probleme des Kleinadels im Spätmittelalter
(28.01.2017 20:10)Aguyar schrieb:  
(28.01.2017 10:44)Suebe schrieb:  Der spätmittelalterliche Landesausbau...
mir sind eigentlich eher die spätmittelalterlichen Wüstungen ein Begriff. Folge der Stadtgründungen.
Vielfach sind diese Wüstungen, obwohl urkundlich bekannt und nachgewiesen, lediglich über "Merkungsreste" und Wegverläufe zu Verorten.

Schätzungen über die Gesatmbevölkerung Europas:
650: 18 Mio.
1000: 38,5 - 42 Mio.
1200: 61 Mio.
1300: 71 Mio.
1340: 73,5 Mio.
1450: 53 - 55 Mio. (nach Pest)
1500: 76 - 80 Mio.

Natürlich sind das Schätzungen - verbindlich sind diese Angaben nicht und sind für das Mittelalter auch gar nicht möglich. In der Aufstellung wurden auch die slawischen Länder berücksichtigt.

Schätzung von Opferzahlen europäischer Städte der ersten grossen Pestwelle von 1346 – 1352:

Avignon 120’000
Florenz 100’000
Siena 80’000
Nürnberg 60'000
Venedig 55’000
Paris 50’000
Pisa 40’000
Granada 30’000
Mallorca 30’000
Narbonne 30’000
Rom 25’000
London 20’000
Konstanz 14’000
Erfurt 12’000
Münster 11’000
Bristol 7’000
Dubrovnik 7’000
Lübeck 7'000
Bremen 7’000 (Angaben sehr wahrscheinlich zu hoch gegriffen)
Mainz 6’000
Norwich 4’000
Hannover 3’000
Zwickau 1’600

Die geschätzen Zahlen stammen aus den 80er Jahren. Möglich dass heute andere, abweichende Schätzungen aufgestellt wurden.

Hab ich doch gar nicht zweifel gezogen

"Der Landesausbau" zdZ war mir neu.

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28.01.2017, 20:38
Beitrag: #27
RE: Existenz-Probleme des Kleinadels im Spätmittelalter
Wüstungen entstanden immer wieder - es lassen sich bereits im Frühmittelalter nachweisen. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts soll der Landesausbau gewissermassen abgeschlossen gewesen sein. Ich habe mal gelesen (leider weiss nicht mehr wo) dass der Waldbestand in Mitteleuropa damals kleiner gewesen sein soll als heute !

Wüstungen hatten vielfältige Ursachen. Ich denke, die Aussagen hier http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D7954.php dürften sich im Grossen und Ganzen auf viele Regionen Europas anwenden lassen. Im Alpenraum dürfte - abgesehen von der Abwanderung im 19. und 20. Jahrhundert - die sogenannte kleine Eiszeit von 1570 - 1640 die meisten Wüstungen hinterlassen haben.
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28.01.2017, 20:50
Beitrag: #28
RE: Existenz-Probleme des Kleinadels im Spätmittelalter
In der Martinskirche in Ebingen steht ein eindrucksvolles Grabmal.
Ritter Heinrich von Killer auf Ringelstein, genannt Affenschmalz.

In kann man getrost als Prototyp für den Niederadligen des 14.-15. Jahrhunderts nehmen.
Er war als Condottiere in Italien, wird dort mehrfach aktenkundig
Der Übername ist historisch, so wird er in einer päpstlichen Urkunde 1375 genannt.
In den 1390er Jahren kommt er zurück, ist saniert, arrondiert seinen Besitz. Aber schon wenige Jahre später geht es wieder abwärts. Müssen wieder Besitzungen und Rechte verkauft werden.
Er wird württ. Vogt in dem württ. Landstädtchen Ebingen.
Als solcher schießt ihn 1413 bei einem Dörflein im Hardt (heute würde man Heuberg sagen) ein Rottweiler Stadtknecht vom Pferd.

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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29.01.2017, 14:28
Beitrag: #29
RE: Existenz-Probleme des Kleinadels im Spätmittelalter
(28.01.2017 20:50)Suebe schrieb:  In der Martinskirche in Ebingen steht ein eindrucksvolles Grabmal.
Ritter Heinrich von Killer auf Ringelstein, genannt Affenschmalz.

In kann man getrost als Prototyp für den Niederadligen des 14.-15. Jahrhunderts nehmen.
Er war als Condottiere in Italien, wird dort mehrfach aktenkundig
Der Übername ist historisch, so wird er in einer päpstlichen Urkunde 1375 genannt.
In den 1390er Jahren kommt er zurück, ist saniert, arrondiert seinen Besitz. Aber schon wenige Jahre später geht es wieder abwärts. Müssen wieder Besitzungen und Rechte verkauft werden.
Er wird württ. Vogt in dem württ. Landstädtchen Ebingen.
Als solcher schießt ihn 1413 bei einem Dörflein im Hardt (heute würde man Heuberg sagen) ein Rottweiler Stadtknecht vom Pferd.

Eine interessante Gestalt mit tragischem Ende. Und tatsächlich ein Paradebeispiel.

Offenbar wurden von den Condottieri hauptsächlich diejenigen reich, welche auf eigene Rechnung eine Privatarmee unterhielten und diese meistbietend verliehen - im Gegensatz zu jenen, die sich lediglich als Condottiere anstellen liessen. Diese Condottieri waren m.E. auch massgeblich für die Einführung von taktischem Verhalten in der auf persönlichen Tapferkeit beruhenden mittelalterlichen Kriegsführung verantwortlich. Man wollte sein "Kapital" möglichst "ökonomisch" und Ressourcen-schonend zum Einsatz bringen.
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29.01.2017, 15:25
Beitrag: #30
RE: Existenz-Probleme des Kleinadels im Spätmittelalter
Vielleicht sollten wir nicht übersehen, dass ein Condottiere / Söldnerführer, der seine eigenen Mitteln einsetzen und anbieten konnte, einerseits wesentlich mehr Risiko für sich einging, andererseits aber sicher auch mehr Macht und mehr Verhandlungsspielraum hatte in Bezug auf "Arbeitgeber".

Abgesehen davon, bekannt und überliefert sind die, die Erfolg hatten. Ich bin sicher, dass es da eine ganze Reihe von Menschen gegeben hat, die letztlich Verlierer waren oder dabei draufgezahlt haben.

Daneben waren Condottiere, gerade wenn sie es zu etwas gebracht hatten, keineswegs ungefährdet.

Muzio Attendolo, der Vater von Francesco Sforza, wurde mindestens zweimal aufgrund der politischen Situation im Königreich Neapel inhaftiert, zu seinem Glück konnte er sich beide Male als Gefangener solange halten (weil z. B. Familienmitglieder, wie seine Schwester seine Besitzungen inzwischen verteidigten), bis sich die politischen Umstände wieder geändert hatten und das in einer Weise, die sich für ihn positiv auswirkte.

Francesco Bussone (Carmagnola) wurde wegen angeblichen Verrates von der Republik Venedig inhaftiert, gefoltert und nach dem er diesen auf der Folter gestanden hatte, hingerichtet. (Als ihm ein solches Schicksal bereits früher durch seinen damaligen Arbeitgeber, dem Herzog von Mailand, gedroht hatte, konnte er sich noch durch einen Wechsel zu einem anderen Arbeitsgeber retten.

Niccolò Piccinino (1386, Perugia - 1444, Cusago) fiel in einer Schlacht.
------------------------

Beim Aufstieg von Francesco Sforza, vermutlich der erfolgreichste Aufsteiger unter den Condottieres, spielten eine Reihe für ihn günstiger Umstände mit. Er war angeblich der beste Condottiere seiner Zeit, und damit als solcher bei italienischen Herrscherhäusern sehr begehrt, sodass er für seine Dienste auch entsprechend hohe Forderungen stellen konnte.

Zu seinem Glück war gerade Herzog Filippo Maria von Mailand (der als eine sehr umstrittene Persönlichkeit gilt) selbst auf die Dienste eines fähigen Condottieres angewiesen. Der Herzog hatte keine legitimen Nachkommen, auch keine legitimen Töchter, deren Ehemänner sicher die besten Karten für eine Nachfolge gehabt hatten. Es gibt zudem Hinweise, dass er seine uneheliche Tochter Bianca Maria Visconti, mit der er letztlich Francesco Sforza verlobte (und die dieser letztlich auch heiratete) schon selbst als mögliche Erbin politisch eingesetzt hatte.

Francesco Sforza hatte außerdem gegenüber anderen Personen mit Erbanspruch den Vorteil, dass er vor Ort war.

Dank zahlreicher weiblicher Verwandte, die einst einflussreiche Ehen mit verschiedenen Herrscher- und Fürstenhäusern eingegangen waren, gab es außerdem sehr viele Dynastien die einen mehr oder weniger begründeten Erbanspruch geltend machen konnten. Aber gerade, dass es so viele Dynastien mit einem gewissen Erbanspruch gab, dürfte auch ein Grund gewesen sein, dass die letztlich ihre Ansprüche nicht wirklich durchzusetzen versuchten. Zudem die meisten dieser Dynastien keineswegs Nachbarn waren, sodass der Gewinn von Mailand für sie schon deshalb höchste Priorität gehabt hätte.

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Nur die Geschichtenschreiber erzählen uns, was die Leute dachten.
Wissenschaftliche Forscher halten sich streng an das, was sie taten.

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29.01.2017, 20:10
Beitrag: #31
RE: Existenz-Probleme des Kleinadels im Spätmittelalter
Eine Frage, die ich vor Jahren mal im Nirwana gestellt habe, aber die Antwort war nicht befriedigend: Konnten der Adelstitel auch verkauft werden? Ich rede jetzt vom 19. Jahrhundert, als es viele neureiche Bürgerliche gab und andererseits verarmten Landadel. Es soll so einen Fall in der eigenen Familie gegeben haben, wo das "von" im Namen für viel Geld vertickt wurde.

„Der Horizont der meisten Menschen ist ein Kreis mit dem Radius 0. Und das nennen sie ihren Standpunkt.“ (Albert Einstein)
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29.01.2017, 21:00
Beitrag: #32
RE: Existenz-Probleme des Kleinadels im Spätmittelalter
Da die Erhebung in den Adelsstand bzw. Verleihung eines Adeltitels gewöhnlich eine Angelegenheit des Landesfürsten, Königs oder Kaisers (oder auch des Papstes) war, wird es bei einem Verkauf des Titels vermutlich notwendig gewesen sein, seine Zustimmung einzuholen.

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29.01.2017, 22:42
Beitrag: #33
RE: Existenz-Probleme des Kleinadels im Spätmittelalter
(29.01.2017 20:10)Arkona schrieb:  Eine Frage, die ich vor Jahren mal im Nirwana gestellt habe, aber die Antwort war nicht befriedigend: Konnten der Adelstitel auch verkauft werden? Ich rede jetzt vom 19. Jahrhundert, als es viele neureiche Bürgerliche gab und andererseits verarmten Landadel. Es soll so einen Fall in der eigenen Familie gegeben haben, wo das "von" im Namen für viel Geld vertickt wurde.

Bis 1805 Nobilitierungen nur durch den Kaiser und einige, nicht alle Kurfürsten.
Dann auch durch die Rheinbundfürsten. Ab 1815 durch alle deutschen Bundesfürsten.

Einer meiner Vorfahren bekam 1813 den damals höchsten württ. Militärorden mit dem der persönliche Adel verbunden war. Aber persönlich, d.h. nur er, keine Nachkommen!
Eine Praxis, die es meines Wissens noch im 1. WK gab.

Inwiefern dies damals durch Adoption (siehe Frederic von Anhalt) möglich war, weiß ich nicht. Ich bezweifle dies aber. Und würde vermuten, nur mit Zustimmung des Landesfürsten.

Solche Familienüberlieferungen stimmen in der Regel im Grundsatz schon, aber über ein Jahrhundert hinweg haben sich meist solche Unschärfen hineingeschmuggelt, dass man in die verschiedensten falschen Richtungen gehetzt wird.

Was mir jetzt einfällt, "mit viel Geld" vielleicht gab es ja eine ähnliche Praxis wie beim "Kommerzienrat", (auf den waren sie beim mir im Städtchen scharf wie die Henne auf einen ÄpfelbutzenDevil ) und der musste ja tatsächlich gegen viel Geld erkauft werden.

Ich würde da mal ansetzen

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30.01.2017, 09:43
Beitrag: #34
RE: Existenz-Probleme des Kleinadels im Spätmittelalter
(29.01.2017 20:10)Arkona schrieb:  Eine Frage, die ich vor Jahren mal im Nirwana gestellt habe, aber die Antwort war nicht befriedigend: Konnten der Adelstitel auch verkauft werden? Ich rede jetzt vom 19. Jahrhundert, als es viele neureiche Bürgerliche gab und andererseits verarmten Landadel. Es soll so einen Fall in der eigenen Familie gegeben haben, wo das "von" im Namen für viel Geld vertickt wurde.

Für das 19. Jahrhundert kann ich keine Angaben machen - das liegt etwas ausserhalb meines Interessensgebiet. Im Mittelalter insbesondere im Spätmittelalter konnten Adelstitel tatsächlich gekauft werden aber meist, wie Teresa es erwähnt hat, handelte es sich dabei um eine Verleihung seitens des jeweiligen Landesherrn. D.h. "verkaufen" konnte die Adelsrechte lediglich der Landesfürst (oder König/Kaiser) wobei es sich aber immer um "neue" Titel handelte: man wurde z.B. zum Baron von Krummau geadelt, wobei es vorher noch nie einen Baron von Krummau gegeben hatte. Im Spätmittelalter verkauften die Landesherren vermehrt auch sogenannte "Adelspatente". Das mit dem Titel verbundene Wappen wurde häufig ebenfalls von Landesherrn entworfen.

Gelegentlich scheint - im Zusammenhang mit dem spätmittelalterlichen Existenzkampf des Kleinadels interessant - ein Adelstitel auch gewissermassen "erschlichen" worden zu sein. Kaufleute oder sonstige reiche Stadtbürger kauften im Spätmittelalter Besitzungen und Burgen verarmter Lokaladliger auf und versuchten, die adlige Lebensweise zu imitieren. Es wurden sogar Ruinen und Burgställe gekauft, denn auch wenn die Burg längst abgegangen war, so waren mit ihr immer noch die ursprünglichen Herrschaftsrechte - etwa die Gerichtsbarkeit - verbunden. Hatte man auf diese Weise herrschaftliche Rechte erworben (interessant vor allem dann, wenn die Rechte von einem Freiherren-Geschlecht und damit von Eigen- und nicht von Lehensbesitz stammten) so lag es gewissermassen nahe, ein Familienwappen zu entwerfen und sich mit dem Zusatz "von" zu schmücken. Das war um so leichter, als dass "von" im Spätmittelalter noch keine Adelsmerkmal war - auch Bürger und Bauern konnten ein "von" (als Flurname) in ihrem Namen haben.

Der "Von"-Zusatz als Adelsnachweis ist eine nachmittelalterliche Erfindung und die nachmittelalterliche Adelsverleihung indem man dem Familiennamen einfach ein "von" voransetzte, entbehrt (aus mittelalterlicher Sicht), nicht einer gewissen Komik. Beispielsweise beim ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker: Der Name "Weizsäcker" weisst auf einen Müllersknecht hin, der den Weizen zu verpacken (in Säcke abzupacken) hatte. Der Nachkomme dieses Weizsäckers (als Müllersknecht der sozialen Unterchicht resp. dem Bauerntum angehörend) wird geadelt und heisst jetzt aber nicht zum Mindesten "von der Mühle" (im französischen mit Dumoulin verbreitet) sondern "von Müllersknecht". Das wäre in etwa wie ein Adliger "von Bauer" oder "von Bader" heissen würde.
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30.01.2017, 10:41
Beitrag: #35
RE: Existenz-Probleme des Kleinadels im Spätmittelalter
Nun, vielleicht hab ich mich etwas unklar ausgedrückt: Die Vorfahren hießen "von Pornhagen", keine Ahnung ob das mit Adel verbunden war oder nur sogenannter "Bauernadel" war. Das "von" haben sie angeblich im frühen 19. Jahrhundert an Neureiche vertickt.
Ich habe im Bekanntenkreis eine Familie "...von der....". Nix mit Adel, womöglich aus Holland stammend, wo das ziemlich verbreitet ist.

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30.01.2017, 11:34
Beitrag: #36
RE: Existenz-Probleme des Kleinadels im Spätmittelalter
(30.01.2017 09:43)Aguyar schrieb:  ./,
Beispielsweise beim ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker: Der Name "Weizsäcker" weisst auf einen Müllersknecht hin, der den Weizen zu verpacken (in Säcke abzupacken) hatte. Der Nachkomme dieses Weizsäckers (als Müllersknecht der sozialen Unterchicht resp. dem Bauerntum angehörend) wird geadelt und heisst jetzt aber nicht zum Mindesten "von der Mühle" (im französischen mit Dumoulin verbreitet) sondern "von Müllersknecht". Das wäre in etwa wie ein Adliger "von Bauer" oder "von Bader" heissen würde.

Die Weizsäcker (ich habe einige Ahnen mit denen gemeinsam, was aber in Württ. nichts besonderes ist, da sind alle irgendwie Vettern Wink)
sind typischer Beamtenadel des 19. Jahrhunderts..
wobei du mit den Müllern richtig liegst, da gibt im Hohenlohischen eine Mühle, die noch heute im Besitz eines Zweiges der Weisäckers ist. In dem Fall natürlich bürgerlicher. Der Ex-Bundespräsident ist übrigens im Stgt. Neuen Schloss geboren wo sein Opa zdZ Regierungschef war. Geredet hat er privat aber typischen Potsdamer Offiziersjargon.
Opportunisten über mindestens 4 Generationen weg. Könnte ich noch ein paar Details dazu bringen, hier aber natürlich OT

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30.01.2017, 11:49
Beitrag: #37
RE: Existenz-Probleme des Kleinadels im Spätmittelalter
(30.01.2017 10:41)Arkona schrieb:  Nun, vielleicht hab ich mich etwas unklar ausgedrückt: Die Vorfahren hießen "von Pornhagen", keine Ahnung ob das mit Adel verbunden war oder nur sogenannter "Bauernadel" war. Das "von" haben sie angeblich im frühen 19. Jahrhundert an Neureiche vertickt.
Ich habe im Bekanntenkreis eine Familie "...von der....". Nix mit Adel, womöglich aus Holland stammend, wo das ziemlich verbreitet ist.

Vielleicht kann sich noch der eine oder andere an den Sportmoderator "von der Wülbecke" erinnern, das ist dorten Namensbestandteil.

Ich habe auch einen Bekannten Big Grin, der ist mit seiner Mutter überaus beleidigt, die war mit einem "von" verheiratet, er stammt aus der Ehe, und die Mutter hat als "Mesalliance" nach der Scheidung gegen Bares für sich und die Nachkommen auf den "von" zzgl. Namen verzichtet, und hat den Mädchennamen für sich und den Sohn wieder angenommen.
Inwiefern sowas unumkehrbar ist, weiß ich nicht.

Wenn du da Gewissheit haben willst, wirst du wohl die Ochsentour über die Pfarrämter einschlagen müssen.
Ich schrieb ja, da ist eigentlich immer was dran, an solchen Familiengeschichten. Nur halt "immer" anders.
Als ich meinem 1814 geadelten Major nachforschte hats mir mehrfach die Schuhe ausgezogen, im Grundsatz stimmt alles aus der Familienhistorie, im Detail gar nix...

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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03.02.2017, 22:32
Beitrag: #38
RE: Existenz-Probleme des Kleinadels im Spätmittelalter
Im heutigen Wien gibt es einen recht interessanten Fall eines Aufsteigers, der sich selbst in den Adelsstand de facto erhoben hat.

Im 15. Bezirk in Wien gibt es die Dadlergasse, die nach Franz Wenzel Tadler (gest. 1935) benannt ist. Wenzel Tadler war ursprünglich Verwalter einer gräflichen Familien und brachte es dann als Pottasche-Fabrikant zu einem großen Vermögen. In der Folge erwarb er eine ganze Menge Grundbesitz und Grundherrschaften und schließlich aus der Verlassenschaft der gräflichen Familie die Grundobrigkeit der Herrschaft Braunhirschen (damals ein Dorf bzw. ein Vorort der Stadt Wien, heute Teil des 15. Bezirks von Wien).

In der Folge änderte er seinen Namen in Dadler und wenig später in D'Adler (de Adler bzw. von Adler). Sein Neffe und Nachfolger wählte die Schreibweise Dadler, in dieser Form ist der Name heute als Straßenname erhalten geblieben.

Link für Erstinformation im WienWiki nach dem Wien Lexikon von Felix Czeike (1990er Jahre): https://www.wien.gv.at/wiki/index.php?ti...zel_Dadler

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Während des Herrn Wenzel von Adler eher in die Kategorie historischer Jux fällt, gibt es jedoch auch Versuche adelig zu werden, die dem Betroffenen teuer zu stehen kamen. Ein solcher Fall ist der Topograf Franz Schweyckhardt, der einige der plastischsten, wenn gleich nicht besonders genauen Karten im 19. Jahrhundert geschaffen hat. Als Künstler nannte er sich Franz Ritter Schweyckhardt von Sickingen. Sein Versuch, diesen Namen zu seinem tatsächlichen Namen zu machen, kam ihm teuer zu stehen. Er landete als Hochstapler im Gefängnis.

Link für Erstinformation bei Tante Wiki: Franz Xaver Schweickhardt.

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Josephine Tey, Alibi für einen König
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07.02.2017, 00:42
Beitrag: #39
RE: Existenz-Probleme des Kleinadels im Spätmittelalter
nun das "von" als Adelstitel war nicht mal notwendig- wenn ich mir das Patriziat der meisten Reichsstädte anschaue, so war das eine Mischung aus lokalem Adel und bürgerlichen Großkaufleuten , die sich primär über wirtschaftlichen Erfolg und nicht über die Abstammung definierten
Paradebeispiele sind die Fugger und die Welser, die sich erst später den Adelstitel kauften bzw diesen als Gegenleistung für das Sponsoring des Kaiserhauses erhielten,
Jacques Coeur ist ein änliches Beispiel , wie die Verflechtung von persönlichen Beziehungen und geschäftlichen Erfolgen zum Adelstitel führte . Ein Teil der geadelte Familie "de Coeur", die trotz des Haftbefehl gegen ihren Stammvater den Adelstitel übrigens behielt, wanderte ins Heilige Römische reich aus, nannte sich hier "von Herz" und existiert unter dem Namen heute noch.
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