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Antiochos VII. und der Untergang des Seleukidenreiches
26.08.2016, 16:50
Beitrag: #1
Antiochos VII. und der Untergang des Seleukidenreiches
Vorbemerkung: Zu dieser Beitragsreihe, die zugegebenermaßen kein übermäßiges Diskussionspotenzial bietet, siehe hier: http://www.forum-geschichte.at/Forum/sho...1#pid50931

Antiochos VII., obwohl in der Öffentlichkeit völlig unbekannt, wird immer wieder als letzter fähiger König eines Reiches bezeichnet, das in seiner Blütezeit einen Großteil des ehemaligen Alexander-Imperiums einnahm. Die Rede ist vom Seleukidenreich, das im Jahr 312 v. Chr. begründet wurde und nach einer reichlich wechselhaften Geschichte 63 v. Chr. dem römischen Reich einverleibt wurde – zu dieser Zeit längst zu einem Kleinstaat herabgesunken. Wie es dazu kam, und welche Rolle Antiochos VII. (reg. 138-129 v. Chr.) dabei spielte, versuche ich in nächster Zeit zu beantworten. Folgende Beiträge sind für die kommenden Wochen geplant:
1.) Überblick über das Seleukidenreich und seine Problematik
2.) Antiochos VII. und der Thronkonflikt im Seleukidenreich
3.) Die Israelpolitik Antiochos’ VII. im historischen Kontext
4.) Der Feldzug Antiochos’ VII. gegen die Parther
5.) Ausblick auf die letzten Jahrzehnte des Seleukidenreiches
6.) Abschließende Beurteilung

Literaturhinweise zum Seleukidenreich zu geben, ist nicht einfach, aktuelle deutschsprachige Literatur kaum vorhanden. Einen guten (wissenschaftlichen) englischsprachigen Überblick bieten Susan Sherwin-White und Amélie Kuhrt in ihrem Werk „From Samarkhand to Sardis. A new approach to the Seleucid empire“ (1993, nicht mehr für einen vertretbaren Preis im Handel). Für die Geschichte des späten Seleukidenreiches hat Kay Ehling mit seinen „Untersuchungen zur Geschichte der späten Seleukiden (164-63 v. Chr.)“ (2008) wichtige Arbeit geleistet. Und was Antiochos VII. selbst angeht, werde ich mich neben den antiken Quellen besonders auf Thomas Fischer stützen, der neben einer Dissertation zu dessen Partherfeldzug (1970) mehrere Aufsätze zur Münzprägung und Israel-Politik dieses Herrschers publiziert hat.
Der ausgewiesene Experte John D. Grainger, dessen „Seleukid Prosopography and Gazetteer“ (1997) mir als Nachschlagewerk gute Dienste leistet, hat jüngst eine Trilogie zur Geschichte des Seleukidenreiches veröffentlicht, die sich aus den Bänden „The Rise of the Seleukid Empire“ (2014), „The Seleukid Empire of Antiochus III“ (2015) und „The Fall of the Seleukid Empire“ (2015) zusammensetzt. Dabei scheint es sich aber um populärwissenschaftliche Bücher zu handeln, die einer Fachrezension zufolge nicht einmal den aktuellen Forschungsstand widerspiegeln.

Liebe Grüße,
der Maxdorfer

Wäre ich Antiquar, ich würde mich nur für altes Zeug interessieren. Ich aber bin Historiker, und daher liebe ich das Leben. (Marc Bloch)
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26.08.2016, 19:43
Beitrag: #2
RE: Antiochos VII. und der Untergang des Seleukidenreiches
So manches wirst du wohl eh noch schreiben. Besonders erstaunlich finde ich das es ihm nochmals gelungen ist für kurze Zeit Mesopotanien zurückzugewinnen. Bin schon gespannt ob wir hierzu mehr erfahren werden.

Ob er der letzte fähige war ist schwer zu sagen. Jede Herrschaftszeit hängt auch von den jeweiligen Umständen ab und die wurden immer schlechter und so taten sich die Herrscher nach ihn noch schwerer sich dem Untergang des Seleukidenreich entgegenzustellen.

Die Erfahrung das gute deutschsprachige Bücher über diese Zeit fehlen habe ich auch schon gemacht.
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27.08.2016, 13:43
Beitrag: #3
Das Seleukidenreich und seine Problematik - Teil 1
Das Seleukidenreich, in den Jahrzehnten nach dem Tod Alexanders des Großen durch dessen ehemaligen General Seleukos begründet, übernahm im 3. Jahrhundert v. Chr. territorial die Nachfolge des alten Perserreiches. Unter einigen fähigen Königen aus der Dynastie der Seleukiden erstreckte es sich als größtes der hellenistischen „Diadochenreiche“ zeitweise vom Indus bis zum Hellespont. Schnell machten sich aber strukturelle Probleme der Herrschaft bemerkbar, die im 2. Jahrhundert zur dauerhaften Krise wurden. Dabei sind meiner Ansicht nach zwei Kernaspekte zu bemerken:

Der makedonische König Alexander der Große hatte in einem wahnsinnigen Tempo einen Großteil der bekannten Welt „erobert“, also zumindest in nominelle Abhängigkeit gebracht. Aber schon zu seinen Lebzeiten zeigten sich Probleme zwischen den Makedonen/Griechen, denen er seine Macht verdankte, und der meist nichtgriechischen Bevölkerung, die Alexander beherrschte. Bekannt ist beispielsweise die Übernahme persischer Hofrituale, die dem makedonischen Herrschaftsverständnis völlig widersprach und entsprechend auf Kritik bei seinen alten Gefolgsleuten stieß.
Diese Problematik fand ihre Fortsetzung in den Diadochenreichen, die nach dem Zerfall des Alexanderreiches entstanden, und ganz besonders bei den Seleukiden: Dort herrschte ein König, der einer makedonischen Familie entstammte, mithilfe makedonischer Freunde, makedonischer Beamter, griechischer Kultur und griechisch-makedonischen Gebräuchen über einen Flickenteppich von Babyloniern, Persern, Medern, Baktrern, Juden, Arabern, Syrern, Kleinasiaten, aber kaum Griechen und Makedonen…
Zwangsläufig musste lokalen Traditionen ein großer Raum gegeben werden, viele Gebiete konnten bei Anerkennung der seleukidischen Oberhoheit traditionelle Herrschaftsformen beibehalten. Gerade in Krisen- und Kriegszeiten oder nach Herrscherwechseln bekamen dadurch separatistische Bewegungen Aufwind, wenn die Zentralgewalt nicht genug Präsenz zeigte. Dies umso mehr, als sich die Satrapen – Statthalter der noch aus persischer Zeit stammenden Provinzen – teils sehr selbstständig und individuell um die Verwaltung ihrer Zuständigkeitsbereiche kümmern durften und mussten.

(Fortsetzung folgt später.)

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27.08.2016, 22:55
Beitrag: #4
RE: Antiochos VII. und der Untergang des Seleukidenreiches
Als zweites Merkmal hellenistischer Herrschaft ist die Vorstellung des Königtums wichtig, die sich gut mit dem Herrschaftskonzept Max Webers beschreiben lässt. Weber unterschied zwischen legaler Herrschaft (die durch den Glauben an ihre z. B. gesetzliche Verankerung legitimiert wird), traditionaler Herrschaft (die durch Tradition legitimiert wird, vgl. die absolutistischen Monarchien der Neuzeit) und charismatischer Herrschaft (die durch die persönliche Fähigkeiten des Macht Ausübenden legitimiert wird). So beruhte der Gehorsam der Soldaten Alexanders des Großen auf dessen Fähigkeiten und seiner Persönlichkeit – wie das bei vielen „großen Persönlichkeiten“ der Weltgeschichte ist.
Nach dem Tod Alexanders konnte sich keiner der um die Macht konkurrierenden Generäle anders als durch seine Fähigkeiten legitimieren. Die letzten Angehörigen des makedonischen Königshauses, die eine gewisse traditionale Herrschaft für sich in Anspruch nehmen konnten, wurden schnell getötet. Charakteristisch ist nun, dass diese Legitimation eines Herrschers durch seine persönlichen Eigenschaften die ganze hellenistische Zeit hindurch erforderlich blieb. Interessant finde ich da eine wohl noch aus hellenistischer Zeit stammende Aussage, die später im byzantinischen Lexikon Suda überliefert wurde:
„Es sind weder Natur [= Abstammung] noch Gerechtigkeit [= Legalität, Recht], die das Königtum Menschen geben, sondern die Fähigkeit, ein Heer zu führen und die Angelegenheiten des Staates mit Verstand zu handhaben: Dies war der Fall mit Philipp [Halbbruder Alexanders des Großen] und den Nachfolgern Alexanders. Für den natürlichen Sohn bestand nämlich kein Nutzen in der Verwandtschaft wegen seiner Geistesschwäche. Diejenigen aber, die in keiner [verwandtschaftlichen] Beziehung zu ihm [Alexander] standen, wurden Könige fast der gesamten bewohnten Welt.“ (Übersetzung von Matthias Haake)

Natürlich festigten früher oder später Dynastien ihre Herrschaft in der hellenistischen Welt, wie die Seleukiden, Ptolemäer und Attaliden. Und jeder spätere Angehörige dieser Familien konnte gleichzeitig auch auf seine erfolgreichen und machtvollen Vorfahren verweisen. Hans-Joachim Gehrke spricht daher bei dem hellenistischen Königtum (in Anlehnung an die Weber’schen Kategorien) auch von einer „erbcharismatischen Herrschaft“. Denn trotzdem musste jeder König aufs Neue Verstand, körperliche Tüchtigkeit, Großzügigkeit und ganz besonders militärisches Können unter Beweis stellen. Er stand nach Herrschaftsantritt immer unter dem Druck, einen Krieg zu beginnen, um sich zu beweisen – und eröffnete diesen Krieg im Notfall eben gegen das benachbarte hellenistische Königreich (ich verweise auf die sechs Syrischen Kriege zwischen Seleukiden und Ptolemäern). Er zog persönlich und heroisch an der Spitze seiner Truppen in die Schlacht, um sich zu legitimieren, und ließ dabei nicht selten auch sein Leben (dafür ist Antiochos VII. ein gutes Beispiel). Er zeigte Freigiebigkeit, Reichtum und „persönliche Größe“, was auf Dauer finanziell nicht gerade entlastend war. Und ein jüngerer Sohn oder sonstiger Verwandter konnte nach dem Tod eines Königs unter Verweis auf persönliche Fähigkeiten dessen ältesten Sohn die Herrschaft streitig machen und einen Bürgerkrieg anzetteln (Antiochos Hierax als zufälliges Beispiel).
Anhand dieser Beispiele sollte deutlich geworden sein, dass der hellenistischen Herrschaft als solcher schon gewisse Schwächen innewohnten, die in der Geschichte des Seleukidenreiches immer deutlicher zu Tage traten.

Literaturhinweis dazu: Hans-Joachim Gehrke: Der siegreiche König. Überlegungen zur hellenistischen Monarchie. In: Archiv für Kulturgeschichte, Band 64, 1982, S. 247-277.

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