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Wie die Menschen früher lebten
11.05.2016, 20:10
Beitrag: #1
Wie die Menschen früher lebten
Bei den "Römischen Sklaven" kamen diese Beiträge, und ich denke es wäre mal interessant sich darüber Gedanken zu machen.

(09.05.2016 19:08)Suebe schrieb:  Man kann es wohl beschreiben, auch teilweise darstellen, wie die Menschen früher lebten.
Freilichtmuseen, Museumsdörfer leben vom Interesse an den Lebensumständen "früher".
Seis bei den "Römern", im Mittelalter oder im 19. Jahrhundert.

Und es ist irgendwie wie bei der "Tagesschau", die schlimmen Umstände werden am meisten beachtet.
In der Landwirtschaft noch vor ein paar Jahrzehnten, gab es Zeiten wo nur gearbeitet wurde, die stehen sehr im Focus, diese Zeiten.
Aber es gab Zeiten, im Winter oder auch nach der Heuernte im Sommer, da wurde in der Landwirtschaft im Prinzip gar nichts getan. Wochenlang. Davon redet und schreibt kein Mensch.
Heute haben wir 30 Tage bezahlten Urlaub, die Menschen früher gar keinen, dass die aber über das Jahr verteilt um die 30 Feiertage hatten, ist auch außerhalb jeder Wahrnehmung. Nicht die heutigen Feiertage, weitere, zusätzliche, kaum mehr zu fassen was da alle gefeiert wurde.

Dann ist noch etwas zu beachten, wie die Menschen zur jeweiligen Zeit ihre Lebensumstände empfanden, wissen wir nicht. Entzieht sich völlig unserer Kenntnis.
Ist aber entscheidend.

(10.05.2016 19:54)Suebe schrieb:  
(10.05.2016 18:23)Triton schrieb:  ./,
Völlig freie Tage kann ich mir in der Landwirtschaft unserer Vorfahren kaum vorstellen. Auch Kleinbauern hatten Vieh und die brauchen täglich Zuwendung. Für Kühe musste Heu gemacht werden und das ist Knochenarbeit ohne Maschinen.

Wie lange braucht man um 3 Kühe 5 Hühner und 2 Schweine zu versorgen?

Nach der Heuernte, bis zum Beginn der Getreideernte hat der Bauer kaum zu tun, dito im Winter, wenn gedroschen ist.

In den ersten Industriebetrieben, Krupp etc. hatten die Firmen riesige Fluktuationsprobleme, oft eine Jährliche Fluktuationsrate von 300 und mehr Prozent.
Die Leute waren die regelmäßige tägliche Arbeit nicht gewohnt, und haben dies oft nicht ausgehalten. Und nach kurzer Zeit "den Bettel hingeschmissen"
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts häufen sich Gesetze und Polizeivorschriften die alle nur ein Ziel hatten, die Menschen zur Arbeit zu disziplinieren.

Ach so, Quellen.
Tenfelde-Ritter "Arbeiter im Kaiserreich", Prophyläen Technikgeschichte, Band 5, und Ludwig Thoma der in seinen zahlreichen Bauernromanen und Kurzgeschichten die Praxis der Landwirtschaft in ihren "Arbeitsfreien" Zeiten ausführlich beschreibt.

(10.05.2016 20:26)Triton schrieb:  Die frühindustrielle Arbeitswelt war sicher eine der härtesten in der Menschheitsgeschichte. Damals nahm auch die Körpergröße ab. Kann mir auch vorstellen, dass die Menschen nicht gewohnt waren, dass so etwas wie Zeit eine wichtige Rolle spielt.

Wir wandeln durch Museumsdörfer, rekonstruierte römische Rustici, spätmittelalterliche Burgen. Rokkokoschlösser und und und

je nach Ort beneiden wir die Menschen die darin lebten, oder und viel öfter, bedauern wir sie.

Fallen mir aktuell die Pfahlbauten ein.
Da sollen Menschen gelebt haben? Für den Jetztmenschen eigentlich unvorstellbar.
Jedoch,
dem Interessierten empfehle ich einen Blick auf das neue entdeckte und rekonstruierte "Busen-Bild",
diesem Bild entströmt eine geradezu barocke Lebensfreude.
Und, um das Lutherwort umgekehrt zu benutzen,
aus einem "verzagten Allerwertesten ist dieser überaus fröhliche Furz" nun bestimmt nicht gekommen.

Soll heißen, wie die Menschen damals ihr Leben wahrgenommen haben, wissen wir nicht, werden wir nie erfahren.

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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12.05.2016, 10:53
Beitrag: #2
RE: Wie die Menschen früher lebten
(11.05.2016 20:10)Suebe schrieb:  Aber es gab Zeiten, im Winter oder auch nach der Heuernte im Sommer, da wurde in der Landwirtschaft im Prinzip gar nichts getan. Wochenlang. Davon redet und schreibt kein Mensch.

(10.05.2016 19:54)Suebe schrieb:  Wie lange braucht man um 3 Kühe 5 Hühner und 2 Schweine zu versorgen?

Nach der Heuernte, bis zum Beginn der Getreideernte hat der Bauer kaum zu tun, dito im Winter, wenn gedroschen ist.


Bist du sicher, dass es wirklich so ist? Für uns in unserer heutigen Wegwerfgesellschaft mag es so erscheinen, aber mein Nenn- Großvater hat mir erzählt, dass sie auf dem Bauerhof seiner Eltern nach der Ernte halt damit beschäftigt waren, das Instand zu halten, was sie zur Arbeit brauchten.
Das Werkzeug wurde also repariert und gepflegt, damit es für das kommende Jahr zur Verfügung stand, soweit es das Tageslicht zuließ.

mal abgesehen davon, dass die "Dame" des Hauses sicher kaum einen Tag Urlaub im Jahr hatte. Sie mußte jeden Tag ihre Familie bekochen, und Wäsche und Haus in Ordnung halten.

Weil kaputte Dinge nicht leicht zu ersetzen waren, dürfte die Pflege und Instandhaltung einen großen Teil der freien Zeit in Anspruch genommen haben. Ich habe mal einen Strumpf gestopft, einfach weil ich wissen wollte, wieviel Arbeit das ist. Gut, eine routinierte Strumpfstopferin macht das schneller und ganz sicher schöner als ich- aber heutzutage mit einem fünfer pack Socken bei tschibo für €9,90 ist es einfach lächerlich, Socken selbst stopfen zu wollen. Aber für Bauern früherer Zeit war das ganz sicher anders...

Und dann- was bedeutet "Freizeit?" Die Tage früherer Generationen waren auch bestimmt vom Licht. Im Winter konnte man ganz einfach nicht so viel machen, weil das Licht zum arbeiten fehlte. Aber es fehlte dann auch, um andere Dinge zu machen.
Die vielen Festlichkeiten im Winter waren dann wohl auch häufig auch der Tatsache geschuldet, dass man gar nichts anderes machen konnte.


(10.05.2016 19:54)Suebe schrieb:  Dann ist noch etwas zu beachten, wie die Menschen zur jeweiligen Zeit ihre Lebensumstände empfanden, wissen wir nicht. Entzieht sich völlig unserer Kenntnis.
Ist aber entscheidend.

Nein, wir wissen es tatsächlich nicht.
Aber es waren Menschen wie wir. Und warum sollten sie sich von uns so groß unterscheiden? Es wird welche gegeben haben, die damit zufrieden waren, was sie hatten. Es wird welche gegeben haben, die genausowenig zufrieden zustellen waren wie einige heutzutae. Es wird damals menschen gegeben haben, die nicht wußten, wie sie genug zu essen bekommen haben, und deren Leben jeden Tag ein Überlebenskampf war- genau wie heute auch. Vielleicht haben andere Zeiten andere Eigenschaften gefordert und gefördert (und davon würde ich ausgehen), aber grundsätzlich bleibt der Mensch doch Mensch.

(10.05.2016 19:54)Suebe schrieb:  In den ersten Industriebetrieben, Krupp etc. hatten die Firmen riesige Fluktuationsprobleme, oft eine Jährliche Fluktuationsrate von 300 und mehr Prozent.
Die Leute waren die regelmäßige tägliche Arbeit nicht gewohnt, und haben dies oft nicht ausgehalten. Und nach kurzer Zeit "den Bettel hingeschmissen"
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts häufen sich Gesetze und Polizeivorschriften die alle nur ein Ziel hatten, die Menschen zur Arbeit zu disziplinieren.

Auch das unterliegt ein Stück den heutigen Bewertungsmaßstäben. Dass sie das "regelmäßige tägliche Arbeiten" nicht gewohnt waren. Vielleicht hatten sie nur Schweirigkeiten mit der Eintönigkeit täglicher Arbeit. Mir geht es jedenfalls so. Der Gedanke, jeden Tag das gleiche machen zu müssen, ist entsetzlich. Jeden Tag Buchhaltung machen- ich würde durchdrehen. Aber nicht, weil ich nicht arbeiten will oder das regelmäßige Arbeiten nicht gewohnt bin.... Nur mal so als Anreiz zum Nachdenken...

(10.05.2016 19:54)Suebe schrieb:  Soll heißen, wie die Menschen damals ihr Leben wahrgenommen haben, wissen wir nicht, werden wir nie erfahren.

Da bin ich mir nicht so sicher. Wir werden es sicher nie ganz genau wissen, aber Psychologie und Soziologie lassen doch einige Rückschlüsse darauf zu, was Menschen antreibt und sie glücklich und zufrieden sein läßt, so dass man gewisse Schlüsse ziehen kann.

Aber dass die menschen von damals ihr Leben ganz anders beurteilen würden als wir das heute tun, unterschreibe ich sofort...

Und jetzt zum Schluss, aus rein persönlichem Interesse in diesem Zusammenhang, eine persönliche Frage, die du nicht beantworten mußt- welche religiösen Wurzeln hast du? Protestantisch oder katholisch?

Auf dem Grabstein dess Kapitalismus wird stehen: "Zuviel war nicht genug"
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12.05.2016, 11:41
Beitrag: #3
RE: Wie die Menschen früher lebten
Einen Aspekt habe ich noch gar nicht bedacht. Ich werde jetzt gleich aus Zeitmangel in mein Auto steigen und zum Supermarkt fahren, den ich auch in 20 Minuten zu Fuß erreichen könnte. (Was ich immer dann tue, wenn ich Zeit habe.)

ich denke, es ist klar, worauf ich hinaus will- Wege dauerten einfach länger und wollten sehr viel besser überlegt sein. Noch etwas, das an der "Freizeit" frißt.

Wobei die langen Fußwege auch wieder andererseits den Wohlfühlfaktor erhöht haben könnten. Zumindest bei denen, die das Laufen liebten...

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12.05.2016, 11:55
Beitrag: #4
RE: Wie die Menschen früher lebten
(12.05.2016 10:53)Bunbury schrieb:  Vielleicht hatten sie nur Schweirigkeiten mit der Eintönigkeit täglicher Arbeit. Mir geht es jedenfalls so. Der Gedanke, jeden Tag das gleiche machen zu müssen, ist entsetzlich. Jeden Tag Buchhaltung machen- ich würde durchdrehen.

Das sieht die Mehrheit der Menschen sicher anders. Die wollen eine Arbeit, die einem liegt, immer machen. Ständig neue Aufgaben bedeutet ständiges Lernen = Stress. Abwechslung im Rahmen der Tätigkeit ja, das natürlich schon.

Ich habe mal ein altes Haus renoviert und dabei etliche Berufe ausüben müssen und habe es die meiste Zeit gehasst. Kaum hatte man etwas Routine in einer Tätigkeit musste man die nächste erlernen und die Anforderungen sind immer anders. Zum Beispiel einen Betonboden erstellen ist grobe, körperlich schwere Arbeit. Mauern genauso. Flaschnerarbeiten oder Fenster einbauen dagegen erfordern eher Präzision.

So abwechslungsreich wird das Landleben auch nicht gewesen sein, ich kann mir eher vorstellen, dass den Menschen in der Frühindustrie es nicht gepasst hat, "angeleitet" und beobachtet zu werden.

Die Menschen in den Pfahlbauten lebten doch am Bodenseeufer. Wie heute die Superreichen. Warum sollen die nicht ganz zufrieden gewesen sein? Ich frage mich eher, was die Menschen in kargen Gegenden wie den Alpen gehalten hat.

"Es gibt nur eine Sache die größer ist als die Liebe zur Freiheit: Der Hass auf die Person, die sie dir weg nimmt."(Che Guevara)
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12.05.2016, 13:10
Beitrag: #5
RE: Wie die Menschen früher lebten
(12.05.2016 11:55)Triton schrieb:  
(12.05.2016 10:53)Bunbury schrieb:  Vielleicht hatten sie nur Schweirigkeiten mit der Eintönigkeit täglicher Arbeit. Mir geht es jedenfalls so. Der Gedanke, jeden Tag das gleiche machen zu müssen, ist entsetzlich. Jeden Tag Buchhaltung machen- ich würde durchdrehen.

Das sieht die Mehrheit der Menschen sicher anders. Die wollen eine Arbeit, die einem liegt, immer machen. Ständig neue Aufgaben bedeutet ständiges Lernen = Stress. Abwechslung im Rahmen der Tätigkeit ja, das natürlich schon.

Ich habe mal ein altes Haus renoviert und dabei etliche Berufe ausüben müssen und habe es die meiste Zeit gehasst. Kaum hatte man etwas Routine in einer Tätigkeit musste man die nächste erlernen und die Anforderungen sind immer anders. Zum Beispiel einen Betonboden erstellen ist grobe, körperlich schwere Arbeit. Mauern genauso. Flaschnerarbeiten oder Fenster einbauen dagegen erfordern eher Präzision.

Vielleicht hast du jetzt einfach Extreme rausgegriffen. Monotonie gilt als wichtiger Stress- und Unzufriedenheitsfaktor bei der Arbeit. Ich will auch nicht jeden Tag etwas Neues lernen und Neues machen müssen, aber heute mache ich Buchhaltung und nächsten Dienstag wieder, morgen mach ich andere Verwaltungssachen und am Wochenende ist die Flickwäsche dran... Also nicht jeden Tag das gleiche, aber auch nicht unbedingt jeden Tag etwas neues.
Neben der Monotonie kommt ja auch noch die einseitige körperliche Belastung dazu- nach einem Tag am Schreibtisch kann es schon mal gut tun, am nächsten morgen Fenster zu putzen...
Von daher kann ich mir schon vorstellen, dass es prinzipell etwas anderes ist, ob man 12 Stunden am Tag die gleiche monotone Handbewegung macht oder ob man an einem Tag 8 Stunden das eine und dann vielleicht am nächsten Tag 16 Stunden was anderes macht...

(12.05.2016 10:53)Bunbury schrieb:  So abwechslungsreich wird das Landleben auch nicht gewesen sein, ich kann mir eher vorstellen, dass den Menschen in der Frühindustrie es nicht gepasst hat, "angeleitet" und beobachtet zu werden.

Für den selbstständigen Bauer mag das richtig sein, aber wie sieht das mit den Knechten aus?

(12.05.2016 10:53)Bunbury schrieb:  Die Menschen in den Pfahlbauten lebten doch am Bodenseeufer. Wie heute die Superreichen. Warum sollen die nicht ganz zufrieden gewesen sein? Ich frage mich eher, was die Menschen in kargen Gegenden wie den Alpen gehalten hat.

Die Schönheit?

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12.05.2016, 15:32
Beitrag: #6
RE: Wie die Menschen früher lebten
Was man in Punkto Arbeitsbereitschaft der ersten Industriearbeiter auch nicht unterschätzen sollte, ist die Reizüberflutung. Für uns heute ist das sicherlich kein problem, wir sind ständig starken Reizen ausgesetzt, aber für Menschen zu Beginn der Industrialisierung muss allein die vielen ungewohnten Reize schwer wegzustecken gewesen sein. Maschinen, die einen Höllenlärm verursachen, stickige, heiße Fabrikgebäude, viele Menschen auf engem Raum. Das war kein Mensch gewohnt, und die Anpassung an diese letztendlich nicht artgerechte Umgebung muss für die ersten Industriearbeiter schon fast die Hölle gewesen sein...

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12.05.2016, 16:51
Beitrag: #7
RE: Wie die Menschen früher lebten
Zuerstmal und OT,
ich bin Protestant, lutherisch calvinistisch in der speziellen Ausprägung der württembergischen Landeskirche.
Das umumgängliche Fehler machen, bei ungewohnten Tätigkeiten nervt mich auch.

TT zum Thema
noch ein paar Gedanken unstrukturiert:

Zu den "Reenacter"-Bauten, die Burg in Frankreich oder das Kloster bei Meßkirch hatte Flo, ein mit Kirchenrestaurierungen befasster (inzwischen leider verstorbener) eine klare Meinung, "es geht nicht, respektive es bringt keinen Erkenntnisgewinn, denn schon ein Beil oder ein Säge heute hat ganz andere Eigenschaften als das selbe Werkzeug vor 100-500 oder noch mehr Jahren."
Es will heute zB nicht so richtig gelingen Eisenerz zu verhütten, wie man das den Funden nach vor 2.000 Jahren machte. Es fehlt schlicht das know how.

Ich habe Probleme mir die Hälfte meiner Vorfahren als "zusammengerammelte Hascherl" vorzustellen, soprich ich glaube das nicht. Keine Chance.
Und ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass die "Leibeigenschaft" unter der mit Sicherheit ein Teil meiner Vorfahren stand, nur Nachteile gehabt hat. So ist zB zu lesen, dass die "Leibeigenschaft" nicht in die Sozialgeschichte, sondern in die Steuergeschichte gehöre. Was zumindest eine Erklärung wäre.
Dann, der Name Abraham a Santa Clara wird ein Begirff sein. er stammt vom Heuberg, meiner weiteren Umgebung.
Sein Vater war ein gutsituierter Wirt, und Fürstenbergischer Leibeigener! Sein Onkel dagegen, der Bruder des Vaters! war geadelt. Den steuerakten nach hätte sich der Wirt die Freikaufsumme ohne weiteres leisten können. Dass er es nicht tat, muss einen Grund gehabt haben.

Zitat:Die Menschen in den Pfahlbauten lebten doch am Bodenseeufer. Wie heute die Superreichen. Warum sollen die nicht ganz zufrieden gewesen sein? Ich frage mich eher, was die Menschen in kargen Gegenden wie den Alpen gehalten hat.

Das Ding hat auch zwei SeitenThumbs_up
die "Superreichen" leben dort nur ein paar Monate im Jahr, und wissen warum.
Konstanz zB hat definitiv die höchste Selbstmordrate aller ähnlich großen Städte in Deutschland. Im Winter manches Jahr Monate lang keinen Strahl Sonne sehen, kann schwer aufs Gemüt drücken.
Wobei, wieder etwas was wir nicht wissen, vielleicht sind die dann in den Wintermonaten auf den Pfänder oder Säntis gezogen, evtl. Halbhöhenlage da weniger Schnee, Sonne genießen.

... offensichtlich bringt jede Antwort zusätzliche Fragen.
Aber ein zweifellos spannendes Thema.

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12.05.2016, 17:01
Beitrag: #8
RE: Wie die Menschen früher lebten
(12.05.2016 15:32)Bunbury schrieb:  ./.
Das war kein Mensch gewohnt, und die Anpassung an diese letztendlich nicht artgerechte Umgebung muss für die ersten Industriearbeiter schon fast die Hölle gewesen sein...

Es herrschte, laut Tenfelde/Ritterim 19. Jahrhundert eine Binnenwanderung die man sich heute kaum vorstellen kann. Die Leute waren über Jahrzehnte unterwegs, mit Sack und Pack, Kind und Kegel quer durch das Deutsche Reich, hatten in 30 Jahren 50 Arbeitsstellen an 20 verschiedenen Orten.
Immer den besseren Löhnen und Arbeitsbedingungen folgend.
Fakten die man sich selbst verdeutlichen muss.

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13.05.2016, 00:59
Beitrag: #9
RE: Wie die Menschen früher lebten
Zitat:Aber es fehlte dann auch, um andere Dinge zu machen.

Nicht unbedingt-das Ergebnis zeigte sich dann im folgenden spätsommer oder Herbst Big Grin

Aber im Ernst,die Arbeit war gerade auf dem Land vor der industriellen Revolution völlig anders strukturiert. Die meisten Höfe waren relativ autark,was umgekehrt bedeutete,dass die meisten Arbeiten und Erzeugnisse von den Bauer selbst gemacht werden mussten. Wenn es im Landbau nix zu tun gab wurde repariert oder der Ertrag des Feldbaus verarbeitet- z.B Schindeln gemacht,Wolle und Flachs gesponnen etc. Tiere waren das ganze Jahr über zu versorgen,Halbfertigprodukte wurden hergestellt und verkauft, Waldarbeiten erfolgten im Winter- das alles waren Dinge,die mit grossem Zeit- und Wegeaufwand verbunden waren,- und nicht zu vergessen, die frühkapitalistische Produktion im ausgehenden Mittelalter und das Manufakturenwesen im beginnenden Merkantilismus fussten vielfach auf den in Kleinserien in Heimarbeit hergestellten Halbfertigprodukten der Landbevölkerung.
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13.05.2016, 20:09
Beitrag: #10
RE: Wie die Menschen früher lebten
(13.05.2016 00:59)zaphodB. schrieb:  
Zitat:Aber es fehlte dann auch, um andere Dinge zu machen.

Nicht unbedingt-das Ergebnis zeigte sich dann im folgenden spätsommer oder Herbst Big Grin

Aber im Ernst,die Arbeit war gerade auf dem Land vor der industriellen Revolution völlig anders strukturiert. Die meisten Höfe waren relativ autark,was umgekehrt bedeutete,dass die meisten Arbeiten und Erzeugnisse von den Bauer selbst gemacht werden mussten. Wenn es im Landbau nix zu tun gab wurde repariert oder der Ertrag des Feldbaus verarbeitet- z.B Schindeln gemacht,Wolle und Flachs gesponnen etc. Tiere waren das ganze Jahr über zu versorgen,Halbfertigprodukte wurden hergestellt und verkauft, Waldarbeiten erfolgten im Winter- das alles waren Dinge,die mit grossem Zeit- und Wegeaufwand verbunden waren,- und nicht zu vergessen, die frühkapitalistische Produktion im ausgehenden Mittelalter und das Manufakturenwesen im beginnenden Merkantilismus fussten vielfach auf den in Kleinserien in Heimarbeit hergestellten Halbfertigprodukten der Landbevölkerung.

Der Verlag, klar, der Bauer im Schwarzwald hat Uhren für den Verleger gefertig, in der Zeit in der die Landwirtschaft keine Arbeit machte.
So kam die Kuckucksuhr in die Welt.
Einer meiner Urgroßväter war "Bauer und Gabelmacher". Der hat "nebenher" in den landwirtschaftlich arbeitsfreien Zeiten hölzerne Gabel angefertigt. Aber das war natürlich ein Zubrot.
Aber so ist die Industrie im Südwesten entstanden, Lästermäuler erzählen, dass ein rechter Tailfinger 3 "Geschäfte" hat, eine Geiß im Stall, also Viehwirtschaft, die Milch hat er verkauft, also Milchhandel, in den Keller hat er einen Rundstuhl gestellt, also Trikotfabrikant.
Der Onstmettinger Pfarrer Ph. Matth. Hahn hat in seiner Freizeit zusammen mit dem Lehrer Schaudt dem Herzog eine "Weltuhr" gebaut, eine Rechenmaschine, die funktioniert bis heute, gebaut und und und...

Aber, liebe Freunde, sowohl der Lehrer als auch der Pfarrer müssen die Freizeit dazu gehabt haben!
Und die, die ihre Freizeit zum "Saufen und Kartenspielen" benutzt haben, nennt keine Chronik, es wird aber die Mehrheit gewesen sein.
Behaupte ich mal so nassforsch. Cool

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15.05.2016, 18:06
Beitrag: #11
RE: Wie die Menschen früher lebten
Also, dass in der Frühindustrialisierung so eine hohe Fluktuation an Arbeitern dokumentiert ist, erkläre ich mir aus drei Gründen:
- wer krank war, wurde gefeuert. Wer das Maul aufmachte, weil ihm was nicht passte, wurde gefeuert. Es lag also einerseits an den Arbeitgebern, die "hire and fire"-Mentalität war damals sehr weit verbreitet.
- das dürfte auch der Grund gewesen sein, dass die frühen Arbeiter so viel "unterwegs" waren. Hier rausgeschmissen, woanders neu angefangen.
- und dann eben noch die Arbeitsumstände. Abgesehen von der Gefährlichkeit der frühen Industriearbeitsplätze dürfte noch hinzu gekommen sein, was schon erwähnt wurde: Als Knecht oder Kleinbauer auf dem Land war man mit 40 auch kaputtgearbeitet, aber anders: Es herrschte auf dem Land damals eine heute unbekannte Ruhe. Ich wohne hier absolut auf dem Dorf, aber Ruhe herrscht nie. Selbst mitten in der Nacht rauscht die Autobahn, Züge hallen meilenweit und auch die Flugzeuge hört man bis zum Boden. Und nun stelle man sich vor, ein Mensch, der diese Ruhe gewöhnt ist, kommt in eine frühmoderne Fabrikhalle. Der muss doch erst mal halb taub werden. Dazu noch die diversen Gestänke und die Unterbringung in winzigsten Wohnungen. Auf dem Hof hatte man immerhin noch eine Kammer, die man zwar auch (auf größeren Höfen) mit anderen Knechten teilen musste, aber es gab wenigstens einen Ansatz von Privatsphäre. Ist man aber "Schlafmieter", bezahlt also lediglich dafür, in einem Bett, das einer fremden Familie gehört und in dem ein halbes Dutzend fremder Menschen schlafen, wo bleibt dann auch dieser Rest an Privatsphäre? Dazu waren die hygienischen Verhältnisse ind en damaligen Städten schlimer als katastrophal, ich glaube, wir Heutigen würden solche Städte nicht mal betreten, geschweige denn in ihnen wohnen wollen. Das war auf dem Land damals auch anders, zumindest bei weitem nicht so schlimm wie in den Städten. Dass ein ehemaliges "Landei" da schnell wieder die Flucht ergriff, wenn möglich, erscheint mir SEHR plausibel...Wink
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15.05.2016, 18:58
Beitrag: #12
RE: Wie die Menschen früher lebten
(13.05.2016 20:09)Suebe schrieb:  Aber, liebe Freunde, sowohl der Lehrer als auch der Pfarrer müssen die Freizeit dazu gehabt haben!
Und die, die ihre Freizeit zum "Saufen und Kartenspielen" benutzt haben, nennt keine Chronik, es wird aber die Mehrheit gewesen sein.
Behaupte ich mal so nassforsch. Cool

Ich glaube, das Problem hier ist die Definition des Begriffes "Freizeit". Was bedeutet "Freizeit"?
Bei dir hört es sich so an, als sei alle Zeit, die nicht dem Hauptbroterwerb geschuldet war, "Freizeit". Nach der Definition hätte ich ziemlich viel Freizeit, weil ich nur 12 Stunden die Woche Buchhaltung mache.
Definiert man "Freizeit" aber so, dass es die Zeit ist, die man nur für sich selbst zur Verfügung hat und in der man sich nicht um andere oder den Lebensunterhalt kümmern, dann dürfte das bei den meisten und vor allem bei Frau Bäuerin, sehr wenig gewesen sein...

Der Pfarrer und der Lehrer zählen insofern nicht so recht, weil wir ja mit den Bauern angefangen haben. Und Pfarrer und Lehrer sind keine Bauern....Wink

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16.05.2016, 18:22
Beitrag: #13
RE: Wie die Menschen früher lebten
Es geht mir eigentlich weniger darum, frühere Zeiten "schönzureden" sondern ich will versuchen auch die andere Sicht aufzuzeigen.
Und eure Einlassungen lese ich mit großem Interesse, denn ich will mir natürlich selbst auch den "unbelasteteren" Blick mit weniger Vorurteilen auf vergangene Zeiten verschaffen.

Natürlich ging es dem Pfarrer besser als dem Bauern, was ich beim Lehrer aber eher verneinen würde, den hatten die Bauern zu besolden, und wenn die dachten der wird zu "fett" .....
Aber natürlich, da hat bunbury sehr recht, was ist eigentlich "Freizeit"?

Auch mir ist es irgendwie unverständlich, wieso die Menschen im 19. Jahrhundert zu 100tausenden in die Industriezentren zogen, wo doch das Leben auf dem Lande, zumindest für uns Jetztmenschen zweifellos gesünder und vermeintlich angenehmer war.
Hierzu habe ich auch noch keine so richtig überzeugende These gelesen, aber es kann eigentlich nur am pekuiären gelegen haben.
Oder aber, die haben die Umstände deutlich anders bewertet, wie wir.

Vielleicht kommen wir da gemeinsam weiter.

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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16.05.2016, 18:23
Beitrag: #14
RE: Wie die Menschen früher lebten
(15.05.2016 18:06)913Chris schrieb:  . Und nun stelle man sich vor, ein Mensch, der diese Ruhe gewöhnt ist, kommt in eine frühmoderne Fabrikhalle. Der muss doch erst mal halb taub werden. Dazu noch die diverhttp://geschichte-forum.forums.ag/forumsen Gestänke und die Unterbringung in winzigsten Wohnungen. Auf dem Hof hatte man immerhin noch eine Kammer, die man zwar auch (auf größeren Höfen) mit anderen Knechten teilen musste, aber es gab wenigstens einen Ansatz von Privatsphäre. Ist man aber "Schlafmieter", bezahlt also lediglich dafür, in einem Bett, das einer fremden Familie gehört und in dem ein halbes Dutzend fremder Menschen schlafen, wo bleibt dann auch dieser Rest an Privatsphäre?
Nun ist dieses speziell auf Deutschland gemünzt.
Die Umstände in Deutschland in den 60-ziger Jahren, in Stahlwerken waren alles andere wie angenehm. Finsternis, Dreck, Krawall , man wusste nicht von welcher Seite her die Bedrohung kam. Besonders unangenehm für jemand, der bisher in der freien Natur, sein täglich Brot verdiente.

In Punkto Privatsphäre. Im Ledigenwohnheim (Arbeiterunterkunft) und später dann beim Militär hielt sich dies Sphäre auch in sehr engen Grenzen.
Mehr als ein Bett und einen Schrank war da nicht.

In Ungarn, in den donauschwäbischen Dörfern hatten die meisten Kleinbauern und deren gab es viele, ein Haus, um nicht zu sagen ein Häuschen, mir 3 Zimmern. Ein Vorderes, was nur zu Paradezwecken diente, in der Mitte die Küche, in der sich das gesamte Leben abspielte und das hintere. Dort schliefen bis zu 3 Generationen. Auch die Mädchen, bis zu ihrer Heirat(oder bis sie in Stellung gingen ). Die Jungs, so ab 10 Jahren ,
hatten ihr "Stallbett"d.h. sie nächtigten mit dem Vieh.

In heutiger Zeit liest es sich schon sehr exotisch aber so lang ist es noch nicht her.
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16.05.2016, 18:24
Beitrag: #15
RE: Wie die Menschen früher lebten
(15.05.2016 18:06)913Chris schrieb:  . Und nun stelle man sich vor, ein Mensch, der diese Ruhe gewöhnt ist, kommt in eine frühmoderne Fabrikhalle. Der muss doch erst mal halb taub werden. Dazu noch die diverhttp://geschichte-forum.forums.ag/forumsen Gestänke und die Unterbringung in winzigsten Wohnungen. Auf dem Hof hatte man immerhin noch eine Kammer, die man zwar auch (auf größeren Höfen) mit anderen Knechten teilen musste, aber es gab wenigstens einen Ansatz von Privatsphäre. Ist man aber "Schlafmieter", bezahlt also lediglich dafür, in einem Bett, das einer fremden Familie gehört und in dem ein halbes Dutzend fremder Menschen schlafen, wo bleibt dann auch dieser Rest an Privatsphäre?
Nun ist dieses speziell auf Deutschland gemünzt.
Die Umstände in Deutschland in den 60-ziger Jahren, in Stahlwerken waren alles andere wie angenehm. Finsternis, Dreck, Krawall , man wusste nicht von welcher Seite her die Bedrohung kam. Besonders unangenehm für jemand, der bisher in der freien Natur, sein täglich Brot verdiente.

In Punkto Privatsphäre. Im Ledigenwohnheim (Arbeiterunterkunft) und später dann beim Militär hielt sich dies Sphäre auch in sehr engen Grenzen.
Mehr als ein Bett und einen Schrank war da nicht.

In Ungarn, in den donauschwäbischen Dörfern hatten die meisten Kleinbauern und deren gab es viele, ein Haus, um nicht zu sagen ein Häuschen, mit 3 Zimmern. Ein Vorderes, was nur zu Paradezwecken diente, in der Mitte die Küche, in der sich das gesamte Leben abspielte und das hintere. Dort schliefen bis zu 3 Generationen. Auch die Mädchen, bis zu ihrer Heirat(oder bis sie in Stellung gingen ). Die Jungs, so ab 10 Jahren ,
hatten ihr "Stallbett"d.h. sie nächtigten mit dem Vieh.

In heutiger Zeit liest es sich schon sehr exotisch aber so lang ist es noch nicht her.
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16.05.2016, 21:40
Beitrag: #16
RE: Wie die Menschen früher lebten
(16.05.2016 18:22)Suebe schrieb:  Natürlich ging es dem Pfarrer besser als dem Bauern, was ich beim Lehrer aber eher verneinen würde, den hatten die Bauern zu besolden, und wenn die dachten der wird zu "fett" .....

Mir fällt nur auf, dass der Lehrer und der Pfarrer immer gemeinsam auftreten. nicht nur in deiner Geschichte.
Immer werden Lehrer und Pfarrer im Zusammenhang erwähnt, wohl weil sie lange Zeit die geistige Elite des Dorfes darstellten, was sie dann ja beide wieder vom Bauern abhob...

Auf dem Grabstein dess Kapitalismus wird stehen: "Zuviel war nicht genug"
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17.05.2016, 08:17
Beitrag: #17
RE: Wie die Menschen früher lebten
(16.05.2016 21:40)Bunbury schrieb:  
(16.05.2016 18:22)Suebe schrieb:  Natürlich ging es dem Pfarrer besser als dem Bauern, was ich beim Lehrer aber eher verneinen würde, den hatten die Bauern zu besolden, und wenn die dachten der wird zu "fett" .....

Mir fällt nur auf, dass der Lehrer und der Pfarrer immer gemeinsam auftreten. nicht nur in deiner Geschichte.
Immer werden Lehrer und Pfarrer im Zusammenhang erwähnt, wohl weil sie lange Zeit die geistige Elite des Dorfes darstellten, was sie dann ja beide wieder vom Bauern abhob...


Der Pfarrer war der "Chef" vom Lehrer, die klerikale Schulaufsicht ging noch lange ins 20. Jahrhundert hinein.
Wobei in dem Fall die beiden sich ergänzten, der Hahn hatte die Ideen und der Lehrer Schaudt war der Mechaniker, konnte sie ausführen.

Interessant in dem Zusammenhang, der Lehrer Schaudt hat seinen Vater als Provisor eingestellt. Der Provisor musste vom Lehrer bezahlt werden.
maW er hat sich die Freizeit zum Uhrenbauen "erkauft"

Disclaimer: Der Provisor war vom Lehrer angestellter Lehrer, der Lehrer eigentlich eher als Rektor anzusprechen ist.

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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17.05.2016, 16:02
Beitrag: #18
RE: Wie die Menschen früher lebten
(16.05.2016 18:22)Suebe schrieb:  Auch mir ist es irgendwie unverständlich, wieso die Menschen im 19. Jahrhundert zu 100tausenden in die Industriezentren zogen, wo doch das Leben auf dem Lande, zumindest für uns Jetztmenschen zweifellos gesünder und vermeintlich angenehmer war.
Hierzu habe ich auch noch keine so richtig überzeugende These gelesen, aber es kann eigentlich nur am pekuiären gelegen haben.
Oder aber, die haben die Umstände deutlich anders bewertet, wie wir.

Vielleicht kommen wir da gemeinsam weiter.

Der Wegzug vom Land in die Industriestädte war sicher durch finanzielle Anreize begünstigt, hatte aber sicher auch andere Ursachen. Ein Grund dafür war die Bevölkerungsentwicklung - es gab auf dem Land nicht mehr genügend Stellen, dass jeder junge Mann oder jede junge Frau eine Stelle auf einem Hof fand. Es gab zusätzlich Einwanderer aus Osteuropa, Polen arbeiteten nicht nur im Bergbau, sondern auch auf dem Land - die polnische Schnitterin war halt genügsamer und wohl auch gefügsamer...

Ein weiterer Grund waren sicher die verkrusteten Strukturen und die damit verbundenen Wert- und Moralvorstellungen. Die Dorfobrigkeit, bestehend aus Junker, einigen Großbauern und Pastoren/Priestern führten ein konservatives Regime, den sich der Rest fügen musste. Wer das nicht aushielt, wanderte seit dem 18. Jahrhundert nach Amerika, Russland usw. aus, seit den 1860er Jahren boten sich zusätzlich die rasant wachsenden Industriezentren in Deutschland an. Ich will damit sagen, dass die Industrialisierung den Menschen den Ausbruch aus der dörflichen Enge ermöglichte.

Dass die einzelnen Hoffnungen oft brutal ernüchtert wurden, ist eine andere Frage. Leipzig erlebte zwischen 1860 und 1900 einen Bauboom.
Neuangekommene Arbeiter bekamen Wohnungen, entweder mietfrei oder für wenig Miete, die sie trocken wohnen mussten. Die Frage "Du hast wohl eine feuchte Wohnung?" hat hier einen realen Bezug. Der häufige Umzug der Arbeiter hatte aber auch mit dem Bauboom und den unstetigen, einer Fieberkurve gleichenden Mietpreisen zu tun. Eine typische Erscheinung dieser Zeit war der Schlafgast, der für viele Familien der Zweitversorger war und so manches Kuckuckskind zeugte.

Viele Menschen haben sich letztlich mit den Lebensbedingungen arrangiert.
Eine Sehnsucht nach dem Land wird wohl geblieben sein, es entstanden ja nicht nur Industriegebiete und Arbeiterwohngegenden, sondern auch Schrebergärten, Kaninchen- oder Taubenzüchtervereine usw. Nach dem Fall des Sozialistengesetzes konnten sich die Arbeiter und Arbeiterinnen versammeln, sie konnten in politischen Organisationen mitwirken, sie konnten sich in Vereinen sportlich betätigen, es entstanden Arbeiterchöre, Lesezirkel usw. Diese selbstgewählten Gemeinschaften, die Möglichkeiten, vielfältige Kontakte zu pflegen und Freundschaften aufzubauen und somit (theoretisch) ein selbst bestimmtes Leben zu führen, war sicher nach 1890 auch ein Grund das Dorf zu verlassen. Zumindest für die, die sich nicht den Lebensentwürfen der Eltern unterordnen wollten.

"Geschichte erleuchtet den Verstand, veredelt das Herz, spornt den Willen und lenkt ihn auf höhere Ziele." Cicero
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17.05.2016, 19:16
Beitrag: #19
RE: Wie die Menschen früher lebten
(16.05.2016 18:22)Suebe schrieb:  ./.
Auch mir ist es irgendwie unverständlich, wieso die Menschen im 19. Jahrhundert zu 100tausenden in die Industriezentren zogen, wo doch das Leben auf dem Lande, zumindest für uns Jetztmenschen zweifellos gesünder
./.

Ich habe es mal bei Tenfelde/Ritter "Arbeiter im Kaiserreich" nachgelesen.
Deutschland zeichnete sich im 19. Jahrhundert durch eine sehr hohe "Gebürtigkeit" aus, im Zusammenspiel mit einer erheblich steigenden Überlebensrate der Neugeborenen ist die Bevölkerung innerhalb 50 Jahren 1860-1910 um 50 % gestiegen, trotz der in dem Zeitraum immer noch recht hohen Auswanderung.

Als Pullfaktor in die Industriezentren sind tatsächlich die wesentlich höheren Löhne, und man lese und staune, die besseren Lebensbedingungen angeführt.
Der maßgebliche Pushfaktor die "höchstens patriarchalische" (Ritter) Behandlung der Landarbeiter insbesondere im Osten des Reiches.

Was letztlich zu "Leutemangel" in der ostelbischen Landwirtschaft führte, der hauptsächlich durch polnische Landarbeiter ausgeglichen wurde. Denen Behördenseits allerdings alle möglichen Steine in den Weg gelegt wurden, da so die angestrebte "Germanisierung" wieder konterkariert wurde. Zeitweilig waren 20 % der Landarbeiter "illegale" die ohne Papiere im Reich waren und arbeiteten.

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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18.05.2016, 12:59
Beitrag: #20
RE: Wie die Menschen früher lebten
War nicht zuletzt auch die Eisenbahn ein Faktor für das Anwachsen und die zunehmende Attraktivität der Städte? Ich meine, plötzlich konnte man auch "weit" entfernte Städte relativ bequem erreichen. Und vor allem kamen auch Menschen und Güter in die Stadt mit Eisenbahnanschluß.

"Es gibt nur eine Sache die größer ist als die Liebe zur Freiheit: Der Hass auf die Person, die sie dir weg nimmt."(Che Guevara)
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