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Die Friedelehe
11.09.2017, 22:06
Beitrag: #21
RE: Die Friedelehe
Ist alles sehr schlüssig, obwohl sicher einige Punkte noch nicht zufriedenstellend geklärt sind. Dazu zählt für mich die Stellung der Chalpaida/Chalpais, die um 690 Karl Martell geboren hat. Pippin der Mittler soll bereits seit 675 mit Plektrudis verheiratet gewesen sein. Plektrudis wurde wahrscheinlich um 660 geboren und war eine Angehörige der Hugobertiner. Hugobert war sicher ein wichtiger Verbündeter Pippins, der 675 noch nicht über die Macht eines Hausmeiers verfügte. Diese erlangte er erst 679 in Austrasien bzw. 687 über das gesamte Frankenreich. Hugobert war nicht nur der Vater von Plektrudis, sondern auch von Bertrada der Älteren, deren Enkelin Bertrada die Jüngere die Mutter Karl des Großen war. Das zeigt, dass Plektrudis aus einer für die frühen Karolinger wichtigen Familie stand. Für Pippin stand nie die Frage Plektrudis wegen einer anderen Frau zu verstoßen, er hätte es sich auch nicht politisch leisten können. Die Herkunft der Chalpais ist nicht gesichert, möglicherweise war sie eine entfernte Verwandte von Plektrudis und Bertrada der Älteren.

Bei Pippin den Buckligen stellt sich die Frage, ob er nicht wegen seines Buckels als Behinderter von der Nachfolge ausgeschlossen wurde. Karl der Große beabsichtigte auch nicht das Reich einen Nachfolger zu übergeben. Nur der Tod der älteren Söhne Karl († 811) und Pippin von Italien († 810) verhinderten die Reichsteilung.

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12.09.2017, 07:23
Beitrag: #22
RE: Die Friedelehe
Eine Möglichkeit wäre allerdings, dass hier später einiges kaschiert wurde. Wenn sich Karl Martell aufgrund seiner Fähigkeiten, obgleich nur ein unehelicher Sohn, durchsetzen konnte, so hatte er bzw. seine Biographen und Chronisten Interesse daran, seine problematische Herkunft zu beschönigen.

Bei Pippin dem Buckligen könnten die Dinge ähnlich sein. Er war ursprünglich gar nicht missgestaltet oder irgendwie behindert, nachdem er jedoch politisch ausgeschaltet worden war, gab es Interesse daran, dies nachträglich sozusagen (durch Behauptungen von Unwahrheiten?) zu "legalisieren".

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13.09.2017, 20:11
Beitrag: #23
RE: Die Friedelehe
Eine Anmerkung:
Die "Kebse" ist im Schwäbischen Dialekt noch heute "vorhanden"
schafft sich da einer eine "Zweitfrau" an, und wird dies im Umfeld bekannt, heißt es "oh der Xxx hat ein Käpsele"

Das hier auch bemerkenswerte,
schafft sich eine Frau einen "Zweitmann" an, heute gar nicht so selten, zumindest kenne ich zwei mehr oder weniger Offizielle,
gibt es da kein Synonym.

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13.09.2017, 20:19
Beitrag: #24
RE: Die Friedelehe
(12.09.2017 07:23)Teresa C. schrieb:  Eine Möglichkeit wäre allerdings, dass hier später einiges kaschiert wurde. Wenn sich Karl Martell aufgrund seiner Fähigkeiten, obgleich nur ein unehelicher Sohn, durchsetzen konnte, so hatte er bzw. seine Biographen und Chronisten Interesse daran, seine problematische Herkunft zu beschönigen.

Bei Pippin dem Buckligen könnten die Dinge ähnlich sein. Er war ursprünglich gar nicht missgestaltet oder irgendwie behindert, nachdem er jedoch politisch ausgeschaltet worden war, gab es Interesse daran, dies nachträglich sozusagen (durch Behauptungen von Unwahrheiten?) zu "legalisieren".


Mal ein Versuch.

Die Ehe hat bis in die frühe Neuzeit hinein nur eine Bedeutung für das Erbrecht gehabt.
Es ist ja bis heute so, dass ein Erblasser gar nicht so geringe Einflussmöglichkeiten darauf hat, wer was und wieviel seiner Hinterlassenschaft beim Erbfall bekommt.
Tut einer der Erben "blöd" kriegt er den viel berufenen "Pflichtteil" und es hat sich.

Muss man da betr. dem "Eherecht" nicht umdenken, dass einer auch später aus Gründen des "Erbrechtes" eine andere zur "Hauptfrau" machte, um eben deren Abkömmlinge beim Erbe besser zu stellen. Die anderen bekamen den "Pflichtteil"

nur mal so als Gedankenmodell

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14.09.2017, 06:13
Beitrag: #25
RE: Die Friedelehe
Vielleicht sollten wir auch eines nicht übersehen, dass die einzelnen Stämme und auch die späteren Länder bzw. Landschaften, aus denen die Reiche entstanden, unterschiedliche Rechte (und zunächst auch unterschiedliche Glaubensformen) hatten, und vieles dürfte noch im Hochmittelalter nebeneinander gegolten haben. Das könnte auch Auswirkungen auf die damalige Form einer gültigen Eheschließung gehabt haben.

Je wichtiger eine Eheschließung war, desto wichtiger war auch, dafür zu sorgen, dass das auch für andere (vor allem für mögliche Gegner) ist.

Im Gegensatz zu heute war die Ehe außerdem etwas, was im Rahmen einer (Groß-)Familie ausgehandelt wurde.
Beispiele:
- In den Islandssagas ist ein Merkmal der gelungenen Ehen, dass sie zwar von den "Familienchefs" ausgehandelt sind, aber andere Personen (und auch weitere Familienmitglieder) sind einbezogen. (Auch wenn es sich dabei eher um "historische Romane" als Sachquellen handelt, sind sie interessant, da sie zumindest Hinweise auf das, was zu ihrer Entstehungszeit üblich war, geben.)
- Eine weiterer Punkt, der sich auch Rechtsprechungen zeigt, war das Ansehen. Auffallend ist, dass selbst bei Tötungen die Entschädigung mehr Bedeutung hatte als das Durchziehen eines Rechtsverfahrens mit ausdrücklicher Bestrafung des Täters. (Sachentschädigung statt Todesurteil, eine Eheschließung, mit der Hinterbliebene versorgt sind ...) Das ist vielleicht auch im Kontext von Ehen zu beachten.

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