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Konstantinopel fällt:
21.08.2014, 01:17
Beitrag: #29
RE: Konstantinopel fällt:
(20.08.2014 13:29)WDPG schrieb:  Ich denke wenn man Konstantinopel erobert hätte, wäre sehr schnell der Balkan dran gewesen, ein Indiz dafür war auch das Eingreifen der Bulgaren bei der 2. Belagerung, sie wussten das sie die nächsten sein würden. Da würde man auch den Kontakt zu den diversen slawischen Völkern aufnehmen. Vielleicht hätte es eine Bekehrung in diese Richtung gegeben. Von Byzanz wäre es nicht so weit weg Richtung Italien und damit Rom. Schiffe hatte man ja. Und was Beute betrifft wären auch die Awaren eine lohnende Beute gewesen, hatten ja auch viele Reichtümer angesammelt. Also denke eine weitere Expansion hätte durchaus für die Araber ihren Reiz gehabt. Ob sich, wenn alle diese Eroberungen gegen keineswegs übermächtige Gegner erfolgt wären die, dann von Ost- und West umzingelten Franken halten hätten können ist zu bezweifeln. Kurz Europa könnte heute vor allem im Bereich Religion/Kultur anders aussehen. Sahen die Araber die Expansion nicht sogar als eine Art Pflicht an? Bin mir also nicht so sicher ob du recht hast (wissen können wir es natürlich nicht).

Das sind sehr interessante Ausführungen. Du hast zumindest dahingehend Recht, dass die Araber es als eine Pflicht betrachten, zu expandieren, um ihren Glauben zu verbreiten. Deshalb begannen ja die arabischen Expansionen bereits unter Kalif al-Bakr kurz nach dem Tod von Mohammed. Die Bedeutung des Scheiterns der arabischen Eroberungen für Europa ist immens, besonders das Scheitern des 2. Versuches von 717/18. Einerseits wurden die Araber der Weg nach Südosteuropa versperrt, andererseits wurde ihre Flotte zerstört, so dass sie einige Zeit nicht als Seemacht agieren konnten. Ich denke auch, dass das Scheitern der Flotte den Kalifen Suleiman bzw. den Umayyaden angelastet worden ist und eventuell sogar den Untergang der Umayyaden einleitete. Es ist deshalb auch schwierig einzuschätzen, was wäre geschehen, hätten die Araber Konstantinopel erobert?

Denn die Araber hatten bereits in den 720er Jahren genügend Schwierigkeiten. Sie mussten Angriffe der Chasaren (725) abwehren, sie hatten Aufstände von Kopten (725), Schiiten (740) und Berbern (740-742) niederzuschlagen, sie verloren erneut gegen Byzanz in der Schlacht von Akroinom (740) und sie wurden von den Franken in der Schlacht von Tours und Poitiers (732) geschlagen. Ebenso gelten die letzten Umayyaden auch als schwache Kalifen. Aus dem Grund ging ich davon aus, dass bei den Arabern „Verschleißerscheinungen“ eingetreten sind und sie nach der Eroberung Konstantinopels erst einmal ihre Expansionen beendet hätten.

Trotzdem sind Deine Gedanken zu Bulgarien richtig. Khan Terwel führte eine pro-byzantinische Politik, er trug den byzantinischen Titel "Baisleus" und mischte kräftig bei den verschiedenen byzantinischen Kaisern mit. Er wäre nach der Eroberung Konstantinopels ein politisch erledigter Mann gewesen, seine Herrschaft wäre in Bulgarien von einen Konkurrenten aus seiner Dynastie oder einer fremden Adelsfamilie beendet worden. In diesem innerbulgarischen Machtkampf hätten die Araber eingegriffen und einen Kandidaten unterstützt, der bereit war, zum Islam überzutreten. Dieser Vasall hätte Sinn gehabt, er hätte die Donau abgesichert und so den Einfall von Steppenvölkern verhindert oder verzögert und natürlich der islamischen Geistlichkeit die Möglichkeit gegeben, ihren Glauben zu verbreiten.

Sizilien und Italien hatte ich auch schon in meinem ersten Artikel zu dieser Problematik erwähnt. Das läge nämlich am nächsten, die Araber hätten ja bei einem Sieg vor Konstantinopel sicher nicht ihre Flotte eingebüßt und hätten dann den gesamten Mittelmeerhandel betrieben. Der Papst hätte Rom verlassen und sich ins Frankenreich begeben. Wann das geschehen wäre, ist natürlich spekulativ, aber ich nehme an, dass die Eroberung aller nicht ehemaligen byzantinischen Gebiete erst eine oder zwei Generationen nach dem Fall Konstantinopels geschehen wäre. Langobarden und Awaren hätten sich auf alle Fälle gemeinsam unterstützt, die Frage ist, ob sie noch in der Lage wären, die Expansion der Araber zu stoppen oder zumindest für einige Zeit zum Einhalt zu bringen. Ein wichtiger Grund für den Untergang der Awaren war ja ihre politische Isolation nach dem Untergang der Langobarden, ihres einzigen Verbündeten.

Wenn jedoch die Araber Italien vom Süden kommend erobert hätten, hätte Karl der Große nicht das Langobardenreich vernichtet. Es hätte wahrscheinlich neben den Alamannen und den Baiern seine Selbstständigkeit behalten und als Pufferstaat fungiert. Inwieweit sich z.B. die Sachsen oder die Mähren im späten 8. Jahrhundert verhalten hätten, ist natürlich sehr spekulativ. Ein arabische Bedrohung hätte vielleicht den einen oder anderen Konflikt nicht eskalieren lassen und Möglichkeiten geschaffen, sich gegen die arabische Bedrohung zu einigen.

Es stimmt natürlich, wenn Du schreibst, dass bei einer Eroberung Konstantinopels durch die Araber das heutige Europa anders aussehen würde. Es würde z.B. keine orthodoxen Kirchen geben. Inwieweit sich das Frankenreich und seine möglichen Verbündete gehalten hätten, kann man auch nicht klar mit „ja“ oder „nein“ beantworten. Davon wäre natürlich die weitere Entwicklung in Nord- und Osteuropa abhängig, ob diese Gebiete christianisiert worden wären oder ob sich die Ungarn in Pannonien angesiedelt hätten usw. Die Vorstellung, dass sich die skandinavischen Wikinger wie David gegen Goliath als letzte Bastion Europas gegenüber den Arabern behauptet hätten, hat auch ihren Reiz. Aber all das kann man nur bis ins letzte Detail ausschmücken, letztlich zählen nur die Fakten, trotz aller interessanten Abstraktionen.

"Geschichte erleuchtet den Verstand, veredelt das Herz, spornt den Willen und lenkt ihn auf höhere Ziele." Cicero
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