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Protestantismus
02.12.2013, 10:36
Beitrag: #1
Protestantismus
Renaissance vs. Protestantismus. Ist das eigentlich ein Widerspruch, zumindest was Italien betrifft?
Man spricht nicht umsonst davon, die Renaissance hätte ihre Ursprünge in Italien. Einem Land, welches in seiner Grundstruktur erzkatholisch geprägt war, und zu einem großen Teil auch heute noch ist.
Haben die verkrusteten Strukturen, die ausufernde Korruption und Vetternwirtschaft der katholischen Oberschicht und die räumliche Nähe zum apostolischen Stuhl, letztendlich eine Rückbesinnung auf Werte und Wissen der Antike befördert? Wurden die gesellschaftlichen und politischen Widersprüche zu groß?
Warum hatte es auf der anderen Seite die lutherische Lehre, die dem in ihren Grundzügen erstmal entgegenstand, so schwer, auch nur ansatzweise in Italien Fuß zufassen?


Frühling läßt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte.
Süße, wohlbekannte Düfte streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon, wollen balde kommen.
– Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist's! Dich hab ich vernommen!

Eduard F. Mörike (1804-1875)
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03.12.2013, 14:35
Beitrag: #2
RE: Protestantismus
Die Antwort ist nicht einfach, da eine Kunst- bzw. Geschichtsepoche mit einer Religion verglichen werden soll. Das Gemeinsame ist, dass sowohl die Renaissance als auch der Protestantismus nach neuen Wegen suchten bzw. neue Ideen und Werte vorgaben, mit dem Ziel, die alte mittelalterliche Lebensweise zu überwinden. Der wesentliche Unterschied ist, dass die Renaissance bzw. der mit ihr eng verbundene Humanismus sich auf das Irdische beschränkte, also nach Wegen suchte, um die Situation des spätmittelalterlichen Menschen im Diesseits zu verbessern. Luther dagegen, versuchte das Verhältnis des Menschen zu Gott neu zu regeln, seine Lehre war auf das Jenseits ausgerichtet und sollte die Menschen spirituell erneuern. In diesem Punkt sehe ich keinen Widerspruch zwischen Renaissance und Protestantismus, es sind zwei unterschiedliche Auseinandersetzungen mit dem damaligen Weltbild.

Die Renaissance hat ihre Ursprünge in Italien, wobei es auch Ansichten gibt, ähnliche Entwicklungen im Herzogtum Burgund ebenfalls als Renaissance zu bezeichnen. Bei dieser Betrachtung lasse ich allerdings die Entwicklungen in Burgund unberücksichtigt.

Als Zeit der Renaissance wird im Wesentlichen nur das 15. und das 16. Jahrhundert betrachtet, wobei es regionale Unterschiede gibt. Mit dem Sacco di Roma 1527 endete praktisch die politische Renaissance in Italien, die künstlerische dauerte noch ca. 30 bis 40 Jahre, ehe sie vom Manierismus und Frühbarock abgelöst wurde. Die Grundlagen der Renaissance wurden bereits im späten 13. und im 14. Jahrhundert – der so genannten Prä- oder Vorrenaissance – gelegt. Ich nenne hier nur Namen wie Giotto, Dante, Petrarca, Boccaccio oder Marsilius von Padua. Aber es gab nicht nur italienische Humanisten wie z.B. die Engländer Roger Bacon oder William von Ockham beweisen.

Diese geistige Erneuerung entstand meines Erachtens als Widerstand gegen das allzu mächtig gewordene, das gesamte gesellschaftliche Leben dominierende Papsttum, dessen Korruption und Nepotismus spätestens mit Gregor IX. oder Innozenz IV. offenbar wurde und mit Bonifaz VIII. einen ersten moralischen Tiefpunkt erlebte, dem mit den Auszug der Päpste nach Avignon ein zweiter folgte. Diese Entwicklung des Papsttums bereitete vielen Theologen, Philosophen und auch Politikern Sorge, neben dem mittelalterlichen Kaisertum scheint auch das Papsttum als zweite universelle Macht ausgedient zu haben.

Eine gesellschaftliche Erneuerung konnte sich in Italien durchsetzen, weil in den Städten die Kaufmannschaft bzw. die Bankiers stark genug waren, die politische Macht nicht nur in den Städten sondern auch im Umland zu übernehmen. Das lag einerseits daran, dass der alte italienische Adel infolge des Ghibellinen-Guelfen-Konfliktes ausgeblutet war, andererseits auch daran, dass der Landadel in die sicheren Städte zog und als Stadtadel mit der Kaufmannschaft zu einer neuen aufstrebenden Klasse verschmolz. D.h. im 14. und vor allem 15. Jahrhundert verloren die alten Adelsfamilien ihre Macht, sie wurden durch eine neue Oberschicht ersetzt. Diese neue Oberschicht setzte sich aus Familien zusammen, die nach mittelalterlicher Denkweise eine recht zweifelhafte Herkunft hatten. Das betraf vor allem die Nachkommen von Papstnepoten, Kardinälen und von Päpsten selbst, aber auch von Söldnerführer oder Kaufleuten/Bankiers.

Deren Macht war stets gefährdet, da sie nach mittelalterlicher Denkweise Usurpatoren waren. Diese fehlende mittelalterliche Legitimität ist auch ein Grund dafür, dass ein Teil dieser Familien wieder unter fadenscheinigen Begründungen entmachtet werden konnte, wie z.B. die Sforza. Das Dilemma, in dem sich die neue italienische Oberschicht befand, war diesen Familien bewusst. Aus diesem Grund förderten sie Gelehrte, Wissenschaftler und Künstler, die ihre Machtstellung festigen und vor allem propagieren sollten. Auch hier kann Ludovico il Moro Sforza, Herzog von Mailand, als Paradebeispiel angesehen werden, der z.B. Leonardo da Vinci mehrere Jahre förderte. Begünstigt wurde diese Entwicklung auch, weil seit dem Anfang des 15. Jahrhundert aus Byzanz viele Bücher oder Codices nach Italien in Sicherheit gebracht wurden. Dieser Wissenstransfer beschleunigte die geistige Entwicklung in Italien, das Gedankengut der Antike wurde neu interpretiert.

Schließlich setzte sich im 15. Jahrhundert die Vormacht der fünf Staaten Rom, Venedig, Florenz, Mailand und Neapel (italienische Pentarchie) durch, denen es gelang, ein politisches Gleichgewicht in Italien zu erringen. Diesen fünf Staaten gelang es in den meisten Fällen, nach kurzen kriegerischen Handlungen schnell diplomatische Lösungen zu finden. Praktisch herrschte zwischen den italienischen Staaten von 1454 bis 1494 Frieden, der die wirtschaftliche Entwicklung Italiens begünstigte.

Innenpolitisch sah das nicht so einfach aus. In Rom kämpften alte Familien wie die Orsini, Colonna, Caetano oder Farnese untereinander oder gegen Papstnepoten wie die Borgia, della Rovere/Riario, Cibo, die alle von Bankiers wie den Medici oder Chigi unterstützt worden. In Venedig achteten die Familien eifersüchtig aufeinander, in Florenz wurde die Herrschaft der Medici in dritter Generation von der Bürgerschaft beargwöhnt, als der unfähige Piero der Unglückliche die Macht übernehmen wollte, brach die Medici-Herrschaft zusammen. In Mailand folgte den Visconti, ehemalige kaiserliche Beamte, Francisco Sforza, ein Söldnerführer und im Königreich Neapel und Sizilien herrschte Ferrante von Aragon, ein unehelicher Sohn des Königs von Aragon gegen starke Barone wie die Sanseverino u.a.
All diese Familien waren gezwungen, ihre erreichte Macht zu propagieren, denn sie waren auf Bündnisse und Partnerschaften angewiesen. Aus diesen Gründen förderten auch die Päpste Künstler wie Michelangelo oder Raffael. Und die Errichtung eines Bauwerkes wie der Dom St. Peter und Paul diente anfänglich auch nur diesem Zweck.

Kommen wir zu Luther. Luther war Augustiner, war beeinflusst von John Wyclef und Jan Hus, die wiederum von den offiziellen und häretischen Armutsbewegungen des 12./13. Jahrhundert inspiriert wurden. Wenn man mal außer Acht lässt, dass John Wyclef durchaus von William von Ockham oder Roger Bacon Kenntnis hatte oder beeinflusst worden ist, kann man davon ausgehen, dass Luther wenig oder gar nicht von den Humanisten, insbesondere den italienischen Humanisten beeinflusst worden ist. Ich denke, dass ihm Girolamo Savonarola näher war als z.B. die beiden in Florenz wirkenden Humanisten Giovanni Pico della Mirandola oder Marsilio Ficino waren. Luther war zwar kein Asket, aber er war als Anhänger einer einfachen Lebensführung ein Gegner des gezeigten Reichtums der katholischen Kirche und somit der Propagierung ihrer Macht im Sinne der italienischen Renaissance. Das ist ein Gegensatz zwischen Renaissance und Protestantismus.

Warum konnte sich der Protestantismus in Italien nicht ansatzweise durchsetzen? Meiner Meinung liegt das auch an der seit dem 13./14. Jahrhundert neu herausgebildeten Oberschicht, die sich ja zum Teil auch aus Nachkommen von Papstnepoten oder Päpsten herausgebildet hat. Im 19. Jahrhundert sollen 75 % der Adligen Päpste oder deren Verwandte als Vorfahren gehabt haben. Ketzerisch möchte ich behaupten, dass der jenseitig ausgerichtete, auf Einfachheit bedachte Protestantismus nicht der Lebensweise der Italiener entsprach. Sie hatten einfach mit dem Humanismus und der Renaissance eine diesseitige, lebensfrohe und Pracht entfallende Alternative gefunden, die ihrer Lebensweise besser entsprach.

"Geschichte erleuchtet den Verstand, veredelt das Herz, spornt den Willen und lenkt ihn auf höhere Ziele." Cicero
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03.12.2013, 18:11
Beitrag: #3
RE: Protestantismus
Im Gegensatz zu den deutschen Adligen, die durch die Protestantisierung ihres Territoriums ja immer auch gleich in den Besitz der katholischen Kirche kamen, hatten die italienischen Adligen mehr zu verlieren als zu gewinnen, weil sie intensiver mit der Kirche verbändelt waren.
Darüber hinaus fehlte in den italienischen Staaten oft der Alleinherrscher, der die Protestantisierung aus eigener Machtvollkommenheit "durchziehen" konnte. Wo ein solcher vorhanden war, versprach er sich oft von der Unterstützung durch (noch dazu allzu nahen) Papst mehr als von der Entmachtung der katholischen Kirche.

So weit sind wir glaub ich d´accor, Sansavoir.
Aber im Unterschied zu dir sehe ich sehr wohl den Humanismus nicht nur an der Wurzel der Rennaissance, sondern auch der Reformation.
Die Wiederentdeckung des Griechischen und Hebräischen als - neben dem Latein - weiteren "biblischen" Sprachen und der Versuch, die Bibel in die jeweilige Volkssprache zu übersetzen sind Grundanliegen der Humanisten. Nichts anderes hat Luther getan: Seine Bibelübersetzung war die erste, die man als Allgemeinsterblicher auch tatsächlich benutzen konnte, seine deutschsprachigen Kirchenlieder wurden auch nur deshalb gemacht, um dem Volk den Gottesdienst in der Volkssprache zu ermöglichen. Alles humanistische Vorgehensweisen.

VG
Christian
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03.02.2017, 22:15
Beitrag: #4
RE: Protestantismus
Könnte es sein, dass hier eine Rolle gespielt hat, dass die Herrschaftsgebiete der Herzöge von Bayern / Wittelsbacher und der (Erz-)herzöge von Österreich katholisch blieben oder spätestens in der Gegenreformation wieder katholisch wurden, wodurch bereits so etwas wie eine "Sperrzone" zwischen den italienischen Herrschaften und den lutherischen und kalvinistischen Ländern im HRR bildete?

(Gerade Erzherzog Ferdinand II., der in Tirol im 16. Jahrhundert mehrere Jahrzehnte die Herrschaft innehatte, hat evangelische Bewegungen dort (so z. B. die Täufer) sehr energisch bekämpft und letztlich nicht zugelassen, das bereits zu einer Zeit, wo andere Familienmitglieder einen wesentlich weniger rigiden "Kursus" in Sachen Religionsbekenntnisse ihrer Untertanen pflegten.)

In der heutigen Schweiz finden sich zwar sehr viele kalvinistische Herrschaften wie z. B. die Reichsstadt Zürich oder die Berner Eidgenossen, aber auch dort gab es, wie ich inzwischen festgestellt habe, gar nicht so wenige Reichsstädte und Eidgenossenschaften die katholisch blieben, und Teile, die heute zu Schweiz gehören, standen damals noch unter der Herrschaft von Frankreich oder Savoyen.

---------------------------
Nur die Geschichtenschreiber erzählen uns, was die Leute dachten.
Wissenschaftliche Forscher halten sich streng an das, was sie taten.

Josephine Tey, Alibi für einen König
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03.02.2017, 22:41
Beitrag: #5
RE: Protestantismus
(03.02.2017 22:15)Teresa C. schrieb:  ./.

In der heutigen Schweiz finden sich zwar sehr viele kalvinistische Herrschaften wie z. B. die Reichsstadt Zürich oder die Berner Eidgenossen, aber auch dort gab es, wie ich inzwischen festgestellt habe, gar nicht so wenige Reichsstädte und Eidgenossenschaften die katholisch blieben, und Teile, die heute zu Schweiz gehören, standen damals noch unter der Herrschaft von Frankreich oder Savoyen.

Ein paar Bemerkenswert zur "Religionslage" in der Schweiz.
1621 wurde der aus Sigmaringen stammende und dortige heutige Ortsheilige St. Fidelis in Graubünden erschlagen - Versuch der Gegenreformation
1847 gab es in der Schweiz den wohl letzten Religionskrieg Europas Sonderbundskrieg
1919 wollte Vorarlberg der Eidgenossenschaft beitreten - wo man sie aber nicht wollte. Der Religionsproporz wäre durcheinander geraten.

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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03.02.2017, 23:10
Beitrag: #6
RE: Protestantismus
(03.02.2017 22:41)Suebe schrieb:  
(03.02.2017 22:15)Teresa C. schrieb:  ./.

In der heutigen Schweiz finden sich zwar sehr viele kalvinistische Herrschaften wie z. B. die Reichsstadt Zürich oder die Berner Eidgenossen, aber auch dort gab es, wie ich inzwischen festgestellt habe, gar nicht so wenige Reichsstädte und Eidgenossenschaften die katholisch blieben, und Teile, die heute zu Schweiz gehören, standen damals noch unter der Herrschaft von Frankreich oder Savoyen.

Ein paar Bemerkenswert zur "Religionslage" in der Schweiz.
1621 wurde der aus Sigmaringen stammende und dortige heutige Ortsheilige St. Fidelis in Graubünden erschlagen - Versuch der Gegenreformation
1847 gab es in der Schweiz den wohl letzten Religionskrieg Europas Sonderbundskrieg
1919 wollte Vorarlberg der Eidgenossenschaft beitreten - wo man sie aber nicht wollte. Der Religionsproporz wäre durcheinander geraten.

So ging auch das Veltlin verloren. Nach dem Ende Napoleons wollte man am Wiener Kongress der Schweiz das Veltlin zurückgeben. Aber die Bündner wollten es nicht mehr haben, weil dann die Katholiken wieder die Mehrheit gehabt hätten.

PS: Noch eine kleine Berichtigung. Nur Genf war calvinistisch. Die anderen reformierten Orte waren einfach nur protestantisch (und Zürich war zwinglianisch).
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04.02.2017, 10:19
Beitrag: #7
RE: Protestantismus
(03.02.2017 23:10)Aguyar schrieb:  ./.
So ging auch das Veltlin verloren. Nach dem Ende Napoleons wollte man am Wiener Kongress der Schweiz das Veltlin zurückgeben. Aber die Bündner wollten es nicht mehr haben, weil dann die Katholiken wieder die Mehrheit gehabt hätten.

Die Vorgänge um das Vetlin kenne ich lediglich aus einem Roman, wo es allerdings anders geschldert wird. Die Österreicher hätten dieses schöne Land für sich selbst haben wollen. das bündische "Establishment" hätte ihren veltliner Gütern noch lange nachgetrauert.

Zitat:PS: Noch eine kleine Berichtigung. Nur Genf war calvinistisch. Die anderen reformierten Orte waren einfach nur protestantisch (und Zürich war zwinglianisch).

einfach nur protestantisch....
die überaus wichtigen Unterschiede zwischen den vielen vielen protestantisch/evangelischen Glaubensausübungen werden dem Nichttheologen wohl ewig verschlossen bleiben. Confused


OT: Neulich (vor 30 Jahren) hat mir ein Kommunalpolitiker nach etlichen Viertele im Vertrauen erzählt, dass es zwischen Sigmaringen und Tübingen keinen einzigen evangelischen Bahnhofsvorstand mehr gäbe und dass man sich inzwischen Gedanken machen müsse...
Er meinte es im Ernst.

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04.02.2017, 12:32
Beitrag: #8
RE: Protestantismus
(04.02.2017 10:19)Suebe schrieb:  Die Vorgänge um das Vetlin kenne ich lediglich aus einem Roman, wo es allerdings anders geschldert wird. Die Österreicher hätten dieses schöne Land für sich selbst haben wollen. das bündische "Establishment" hätte ihren veltliner Gütern noch lange nachgetrauert.

Ich nehme an, bei dem Roman, den Du ansprichst, handelt es sich um "Jürg Jenatsch". Der historische Hintergrund (Teresa kennt die Geschichte) ganz kurz zusammengefasst: Während des Dreissigjährigen Krieges gab es in Graubünden gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten - die sogenannten "Bündner Wirren". Im Rahmen dieses Konfliktes hatten die "Österreicher" das (katholische) Veltlin besetzt, resp. genaugenommen hatte das Herzogtum Mailand, welches von der spanische Linie des Hauses Habsburg beherrscht wurde, das Veltlin besetzt. Dabei kam es zum sogenannten "Veltlinermord" - d.h. zum Aufstand der Veltliner gegen ihre prostestantischen Bündner-Herren (namentlich wurde die protestant. Pfarrer des Veltlins ermordet). Der Aufstand der Veltliner war jetzt weniger von den Habsburgern inszeniert worden, als von den katholischen Bündnern. Als Folge des Aufstandes kam es zur erwähnten Besetzung des Veltlins. In Graubünden selbst eskalierte danach der Glaubenskrieg erst recht und endete damit, dass die Habsburger (die "katholischen Habsburger") einmarschierten und Graubbünden besetzten. Die führenden Köpfe der prostestantischen Bewegung Graubündens flohen (darunter Jürg Jenatsch, der als protestantischer Pfearrer im Veltlin bereits dem "Veltlinermordeiner" entkommen war), Graubbünden blieb österreichisch besetzt. Jürg Jenatsch verdingte sich als Söldner (nachdem er als Pfarrer "demissionierte") und kam schliesslich als Oberst der französischen Armee, welche unter dem Befehl des hugenottischen Herzogs Henri de Rohan die Österreicher aus Graubünden vertrieb, zurück. Da aber Richelieu (Kardinal und führender Politiker des franz. Königs) Graubünden nicht wieder in die Selbständigkeit entlassen wollte, nahm Jenatsch Verbindung zu Österreich auf, wurde katholisch und erreichte schliesslich mit Hilfe Österreichs, den Abzug der franz. Truppen. Durch seinen Verrat hatte Jenatsch die Selbständigkeit Graubündens gerettet - und auch das Veltlin wurde wieder "Untertanenland" von Graubünden.
Ich habe hier die Geschichte etwas arg zusammen gekürzt, weshalb sie sehr plakativ und vereinfachend dargestellt ist. Wenn gewünscht, könnte ich sie natürlich ausführlicher darstellen, was dann allerdings etwas länger dauern und auch mehr als einen Beitrag umfassen würde. Und wohlverstanden: Die "Bündner Wirren" sind zwar eine spannende Episode des Dreissigjährigen Krieges aber von absolut lokalem Charakter, für den Ablauf der europäischen Geschicht völlig unbedeutend. Nicht einmal für die Geschichte der Schweiz ist sie von Interesse.

Was den Verlust des Veltlins anggeht: Nach dem Dreissigjährigen Krieg war das Veltlin wieder Bestandteil von Graubünden, genaugenommen das Veltlin selbst, der obere Teil des Veltlins gen. Bormio (deutsch Worms) welches bis zum Stilfserjoch ging sowie das Tal von Chiavenna. Der obere Teil des Comersees, welche im Spätmittelalter als Herrschaft "Tre Pievi" noch dazugehörte, war verloren gegangen.
Das Veltlin ging erst verloren, als Napoleon es zur "Cisalpinen Republik" und damit zur Lombardei schlug. Auch das Wallis ging verloren, Napoleon gliederte es Frankreich an.
Am Wiener Kongress, dessen Hauptabsicht bekanntlich darin bestand, die Verhältnisse vor der Französischen Revolution wieder herzustellen, kam das Wallis wieder zur Eidgenossenschaft/Schweiz. Auch das Veltlin, Bormio und Chiavenna sollte wieder zur Schweiz resp. zu Graubünden kommen. Das hätte auch geklappt, wenn sich die Bündner nicht gesperrt hätten. Mit Ausnahme des Bündner Oberlands (das streng katholisch blieb) war die überwiegende Mehrheit Graubündens protestantisch. Da die drei Provinzen des Veltlins durchs Band katholisch waren, wäre die protestantische Mehrheit des Kantons gefährdet gewesen. Wenn die Bündner gelegentlich noch heute den Verlust des Veltlins bejammern, muss man kein Mitleid haben. Sie resp. ihre Vorfahren wollten das so. Im Übrigen ist das ein Jammern auf hohem Niveau - nicht wenige Veltliner Rebberge gehören auch heute Bünder-Familien.
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04.02.2017, 17:58
Beitrag: #9
RE: Protestantismus
Das war ein anderer Roman,spielt in der nachnapoleonischen Zeit.

zu Jürg Jenatsch und jenen Vorgängen ist eher der St.Fidelis von Sigmaringen zuzuordnen.

Ein Zweig meiner Vorfahren ist übrigens nach dem 30jährigen Krieg aus der Schweiz zugewandert.
Menschenleere im Südwesten und Überbevölkerung in der Schweiz sollen die pull und push-Faktoren gewesen sein.
Inzwischen weiß ich jedoch, dass es anders war. Die lebten in einer Gegend deren Zugehörigkeit zu St. Gallen strittig war, und sind irgendwann lutherisch geworden. Als die Zugehörigkeit geklärt war, hatten sie die Wahl, katholisch werden oder auswandern....
Die Übernahme der verwaisten Hofstellen hört sich übrigens auch viel einfcher an, als es war.
Denn die erheblichen Schulden die auf diesen Liegenschaften lasteten mussten übernommen werden!
Die wirtschaftlichen Umstände in der Historik werden ja meist kaum beachtet, spielten aber die selbe Rolle wie heute auch.

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05.02.2017, 11:46
Beitrag: #10
RE: Protestantismus
Der Protestantismus, an für sich ziemlich asketisch und humorlos, widerspricht zutiefst dem mediterranen Volkscharakter.

„Der Horizont der meisten Menschen ist ein Kreis mit dem Radius 0. Und das nennen sie ihren Standpunkt.“ (Albert Einstein)
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05.02.2017, 12:29
Beitrag: #11
RE: Protestantismus
Warum war er dann aber im südlichen Frankreich, in Navarra oder in Ungarn erfolgreich?

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Nur die Geschichtenschreiber erzählen uns, was die Leute dachten.
Wissenschaftliche Forscher halten sich streng an das, was sie taten.

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05.02.2017, 22:56
Beitrag: #12
RE: Protestantismus
In Navarra war der Protestantismus erfolgreich, da er von der Königin Jeanne d'Albret gefördert wurde. Neben religiösen Gründen wollte sie sicher mit Hilfe des Protestantismus die Unabhängigkeit ihres Königreichs bewahren. Dass der Protestantismus im Süden und Westen viele Anhänger fand, ist sicher dem auch dem Anfang des 13. Jh. stattgefundenen, blutigen Albigenser-Feldzug geschuldet. Der Protestantismus bot die Möglichkeit, sich auf die eigene Kultur zu besinnen.

In Ungarn fand der Protestantismus vor allem in Siebenbürgen viele Anhänger. Das deutschstämmige, im Handel und Bergbau aktive Bürgertum fand den Protestantismus sicher aus den selben Gründen attraktiv wie das nord- und mitteldeutsche, schwäbische oder skandinavische Bürgertum. Der Adel grenzte sich mit Hilfe des Protestantismus einerseits gegen die katholischen Könige von Ungarn (Habsburger), andererseits gegen die islamischen Osmanen ab. Auffallend sind die Parallelen zu Südfrankreich. Dort gab es die Albigenser, im Königreich Ungarn gab es Anfang des 13. Jh. mit den Bogumilen ebenfalls Häretiker. Allerdings wirkten sie eher in Gebieten des heutigen Kroatien.

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