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Auslöser und Grundlagen für eine/die Industrielle Revolution
08.11.2013, 14:29
Beitrag: #21
RE: Auslöser und Grundlagen für eine/die Industrielle Revolution
Vielen, vielen Dank.
Deutlich mehr und ausführlichere Antworten, als ich erwartet hatte.
Ihr habt mir alle sehr weitergeholfen.

Danke. Smile
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08.11.2013, 16:06
Beitrag: #22
RE: Auslöser und Grundlagen für eine/die Industrielle Revolution
Es ist schön, Exclamation
und Zeichen einer gewissen Größe, Idea
wenn sich Jemand bedankt! Heart

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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08.11.2013, 18:11
Beitrag: #23
Protoindustrialisierung
Industrialisierung ./. Gewerbealisierung
________________________________________
Der Begriff der Industrialisierung ist bekannt, die Vorgänge sind erforscht.

Ich finde aber, dass da ein ganz erheblicher Teil Vorgänge die zu unserer heutigen "Idustrie-Gesellschaft" führen, insgesamt nicht weniger wichtig, unter den Tisch fallen.
Kurz nach dem 30 jährigen Krieg beginnt eine Entwicklung in der Waren und Güter weitgehend außerhalb der Zünfte für den überregionalen Bedarf und Vertrieb in Stückzahlen gefertigt werden.
Diese Entwicklung, mangels Schlagwort möchte ich sie mal "Gewerbealisierung" nennen, würde ich hier gerne diskutieren, vielleicht interessiert es ja den einen oder anderen.


Ich denke mal die Quellenlage ist gar nicht mal sooo dünn. Aber allem nach tatsächlich überwiegend nur regional vorhanden.
Wobei ich stark annehme, dass sich doch überregionale Gemeinsamkeiten finden lassen.
Das Verlagssystem zB gab es anscheinend doch flächendeckend. Wobei für das System ist es ja weniger wichtig, ob da jetzt "Endschuhe", Holz- oder Blechspielzeug oder Uhren gebaut und vertrieben wird.

Auch die Zünfte, die Zeder und Mordio schreien, "wenn dann nur dieser Artikel und natürlich nur Bedürftige" müsste doch wohl auch eine überregionale Erscheinung sein.

Im Kopf habe ich gerade Textil, nicht weil ich da auch nur die geringste Ahnung hätte, aber regional Zugriff auf etliche Quellen.

Wenn ich mich aus dem einstigen Geschichtsunterricht richtig besinne, unterlag die französische Protoindustrialisierung doch weitgehend des staatlichen "Anstoßes".
Was für die deutsche weitgehend nicht der Fall ist. (Ganz im Gegensatz zur späteren Industrialisierung)
Hier würde ich eine weitere übergreifende Gemeinsamkeit sehen.

Das ist richtig. Denn die Anschubfinanzierung für die Industrialisierung kam zweifellos aus dem Handel.

Das "Verlagssystem" nutzte, dass es in der Landwirtschaft Zeiten des fast völligen Arbeitsmangels gibt. In diesen Zeiten war man für eine Erwerbsmöglichkeit dankbar.
Außerdem wurden Waren gefertigt, die nur geringe oder gar keine Kenntnisse zur Anfertigung benötigten.
Zu großer Bedeutung wuchs das "Verlagssystem" mit dem Ende der großen Pestepidemien, die in den Städten wesentlich mehr Opfer als auf dem flachen Land fand. In der Folge wurden Lebensmittel deutlich weniger nachgefragt.

Eine Hinderung durch Feudalgewalten wäre mir jetzt auch nicht präsent, aber meine Infos sind recht regional.
Anders ist es mit den Zünften, die haben ständig "Zeder und Mordio" geschrien, "nur bestimmte Artikel, nur durch Bedürftige" die sonst der Armenkasse zur Last gefallen wären.
Die Verleger sind natürlich der Mode gefolgt, andere Artikel, der nächste Streit mit den Zünften.

Die Calwer Zeughandelscompagnie ist ein wunderbares Beispiel. Anfang, Hochzeit und Ende des Verlagswesens im beginnenden 19. Jahrhundert. Bestens dokumentiert, schon weil ein Nachfolgeunternehmen erst vor wenigen Jahren dichtgemacht hat.

Außerdem soll der Überlieferung nach (Dokumente gibt es wohl keine) die Calwer Compagnie auch die Textilindustrie um Ebingen "angeschuckt" haben. Hier hat man aber schon früh auf andere Produkte gesetzt
Strumpfwirker im 18. Jahrhundert überwiegend.
Der Strumpfwirkstuhl wäre von örtlichen Mechanikern schon 1780 verbessert worden. Die Namen der Mechaniker sind dokumentiert.

Etwas ist an so Überlieferungen ja immer.
Hier ist allerdings die "Schmidsche Zeughandelskompagnie" so ca. 1730 entstanden. Deren Vorbild auf alle Fälle die Calwer war.
Für die Zeugherstellung vermutet man eine 2. Entwicklungslinie nach Oberschwaben.

Die Realteilungsgebiete waren natürlich bevorzugt für die Heimarbeit geeignet. Die Bevölkerung waren Selbstversorger und konnten von dem her bereits billiger wie städtische arbeiten.

Gerade die Kriege des 17. und 18. Jahrhunderts hatten einen großen Einfluss auf das Verlagssystem, wie sonst wären die benötigten Mengen an Textilien, Lederwaren usw. zu produzieren gewesen?
Und das Geschäft hat dann der gemacht, der liefern konnte.

Die Verleger hatten die Heimarbeiter recht schnell in der Hand, und haben diese Macht natürlich auch zum Lohndumping genutzt. Allerdings geht mMn die generelle Annahme "wie schlimm das früher war" auch in diesem Fall fehl. Es gibt ein paar Wahrheiten, die eigentlich immer schon gelten "Die besten Geschäfte sind die, an denen beide ihre Freude haben" und "Aus einem verzagten A..... wird nie und nimmer ein fröhlicher F.... kommen"
maW: Auf Dauer wird der Verleger die besten Geschäfte gemacht haben, der seine Produzenten auch leben ließ.

Regional:
Bei uns dominierend Ende des 18. Jahrhunderts Strumpfproduktion mit dem Strumpfwirkstuhl (unter Krünitz Online gibt es einen langen Artikel zu ihm).
Generell: Wobei im Produktionsprozess die verschiedenen Stufen keineswegs gleichzeitig mechanisiert wurden. Sondern mit Zeitdifferenzen bis zu einem Jahrhundert. Eine der ersten Spinnmaschinen in England trug übrigens den Namen "Jenny" die Verballhornung von Engine. maW die Maschine überhaupt war für die Zeitgenossen jene Spinnmaschine.

Im Raum Oberammergau hat man im Verlagssystem Holzspielzeug angefertigt. Im Erzgebirge war die Spielzeugproduktion glaube ich auch so organisiert. Aber da kenne ich mich nicht aus.

Die Schwarzwalduhr ist ein sehr interessantes Thema, das einen eigenen Thread vertragen könnte.

Veredelte Lebensmittel wurden schon im 16. Jahrhundert verstärkt angeboten, ich glaube in dem Vortrag des Prof. Kollmer habe ich sowas gelesen.


Zu den "veredelten Lebensmitteln"
Zitat:VortragProfKollmer2005

aus dem Link
Zitat:Das relativ wohlhabende 16. Jahrhundert ermöglichte den Bauern Spezialisierungen, da auf breiter Basis die Nachfrage nach teureren landwirtschaftlichen Produkten wie Fleisch, Gemüse oder Milchprodukte zunahm. Dies führte zu einer stärkeren Arbeitsteilung in der Landwirtschaft und zu landwirtschaftlichen Produktionsgürteln. So entstanden Gebiete, die sich der Getreidewirtschaft ab- und der weniger arbeitsintensiven Viehwirtschaft zuwandten, bzw. Mischformen anstrebten.

ich dachte ich hätte den Vortrag schon mal verlinkt. Sorry.

Also bei uns wurde "vermutlich" 3000 Jahre Bohnerz gegraben. bis in die 1870er Jahre, als die Eisenbahn die Alb erreichte, und das antransportierte Erz billiger war, als das gegrabene.
("Vermutlich" deshalb, weil der Nachweis für die Spatenforschung extrem schwierig ist, so oft ein neues Verhüttungsverfahren eingeführt wurde, hat man zuerstmal den Abraum der Vergangenheit durch den Ofen gejagt. Aber inzwischen ist zumindest ein Erzschmelzofen aus der Zeit ca. 1.000 vuZ nachgewiesen. Schlackenhäufen sind gigantische gefunden worden)
Die Hammerwerke, Eisengießereien zB Laucherthal, Fridingen, Thiergarten usw. usf. die teilweise bis heute bestehen, gehen auf diese Vorkommen zurück.
Zur Protoindustrie kann man dies ganz gewiss rechnen, Verlagssystem kaum. Die Bauern und insbesondere Taglöhner haben in der "arbeitslosen Zeit" der Landwirtschaft das Erz gegraben, aber alle anderen Ansatzpunkte für den "Verlag" fehlen ja.

Die empirisch entwickelten Verbesserungen sind als solche wohl typisch für die Zeit der Protoindustrialisierung (Gewerbealisierung ).

Ich habe auch meine Bücher gewälzt und bin da auf den Begriff des "Ökonomischen Denkens" gestoßen, das sich mit der Frühaufklärung entwickelt hätte.

Wenn ich das noch ergänzen darf.
Den Empirikern war dieses Kosten/Nutzen Denken fremd. Ihnen genügte es, wenn das "Ding", trial and error entwickelt, funktioniert hat. Es wird oft genug, oder noch viel öfter, nicht funktioniert haben.

Auf der anderen Seite gab es die Wissenschaftler, die ihre Ideen mangels Materialkenntnis, Wissen um das Machbare, nicht umsetzen konnten.
Beispiel Leibnitz bei dem einige Projekte aus diesem Grunde scheiterten. Seine Rechenmaschine, moderne Nachbauten funktionieren gut, er hat sie nie richtig zum laufen gebracht.

Im 18. Jahrhundert gab es ein paar wenige "Allrounder" der Leipziger Jacob Leupold und natürlich James Watt, die in beiden Welten zu Hause waren, und entsprechende Erfolge hatten.

Die Wissenschaftler und die Empiriker (Handwerker) lebten in 2 völlig getrennten Welten.

In der Mitte des 18. Jahrhunderts setzte dann ein umdenken ein. die Wissenschaftler begannen sich um die Umsetzung ihrer Erkenntnisse zu kümmern und suchten sich Mechaniker die dazu imstand waren.

Das Beispiel eines solchen Duos:
Zitat:Philipp Matthäus Hahn ? Wikipedia
aus dem LinK
Zitat:Hier entwickelte er als technischer Autodidakt Sonnenuhren. Auch setzte er sich mit den Lehren Johann Arndts, der als Wegbereiter des Pietismus gilt, und der rationalistischen Philosophie Christian Wolffs auseinander. 1757 bis 1759 setzte Hahn seine Ausbildung in Tübingen fort. Dort entwickelte er Mikroskope, Monduhren, Teleskope und entwarf eine Rechenmaschine. Nach dem Studium arbeitete er in Lorch als Hauslehrer. Seine erste von mehreren Anstellungen als Vikar erhielt er 1761 in Breitenholz. 1764 wurde er Pfarrer in Onstmettingen, dem heutigen Stadtteil von Albstadt. Hier entstanden (unter der Mitwirkung Philipp Gottfried Schaudts) seine ersten Neigungswaagen und Weltmaschinen

Zitat:Philipp Gottfried Schaudt ? Wikipedia

aus dem link
Zitat:Schaudt war der kongeniale Mitarbeiter des schwäbischen „Mechanikerpfarrers“ Philipp Matthäus Hahn. Ohne Schaudt, der zeit seines Lebens nie von seinem Heimatdorf auf der Schwäbischen Alb fortzog [2], wäre es Hahn nach eigenem Bekunden nicht möglich gewesen, die von ihm konstruierten Rechenmaschinen und astronomischen Uhren in die Realität umzusetzen.

Hahn ist heute nahezu vergessen, er hat es nicht mal ins Lexikon geschafft.
(Soviel zu wiki, denn da ist er, siehe oben, drin)
Völlig zu Unrecht, denn seine Erfindungen waren teilweise bahnbrechend.
Auch geht die gesamte Waagen- und Feinmechanische Industrie in dieser Ecke Südwestdeutschlands direkt auf Hahn und Schaudt zurück.
Ein Beispiel
Zitat:Bizerba Openworld - Meilensteine

Aber es geht hier eigentlich mehr um das "Duo" und seine Bedeutung für die beginnende Industrialisierung.

Heute Nacht wollte ich im Vocke was nachschlagen.
Was begegnet mir? die Calwer Zeughandlungskompagnie

Weshalb ich zu obigem noch etwas ergänzen kann.

Die Calwer Compagnie hat sich anscheinend nach dem Vorbild der Ravensburger gegründet.
Nach dem 30jährigen Krieg wurden die "Zeugstoffe" den Tuchen zunehmend vorgezogen
Das Weben von Zeug stellt deutlich weniger Anforderungen an den Weber.
Vermutlich der Grund, dass die Weber in die Compagnie gleich gar nicht aufgenommen wurden.
Man die Zeugstoffe im Verlag herstellen ließ.

Gefärbt haben die Calwer recht früh schon mit Farben die auf der Basis von Metallen entstanden. Bezogen wurden die Metalle anfangs aus dem Schwarzwald, wo sich die Compagnie an etlichen Bergwerken beteiligte. Da die anfallenden Mengen aber nicht ausreichten, später aus Spanien.
Die in Spanien um 1780 entstehenden riesigen Preissteigerungen werden als einer der Gründe gesehen, die zur Auflösung der Calwer Compagnie führten.


Die immense Bedeutung des Färbens in der Zeugherstellung für das Verlagswesen hatte ich bisher nicht begriffen.
Jetzt weiß ich auch, warum das Nachfolgeunternehmen der örtlichen Compagnie noch bis ins 20. Jahrhundert den Beinamen "zum Farbhaus" trug.
Den Regionalisten freut es, wenn sich solche kleinen Rätsel auflösen.

Als Ergänzung ist mir noch folgendes aufgefallen:
Die Empirik als Abgrenzungs-Merkmal Protoindustrialisierung - Industrialisierung
scheint mir doch nicht so sehr dienlich zu sein.
In der Industrialisierung taucht dann plötzlich der Wissenschaftler auf, der sich der Empirik bedient.


NS:
Vor "ewigen" Zeiten habe ich diese Artikel-Reihe woanders verfasst
Ich finde hier passt sie gut rein.

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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10.11.2013, 12:46
Beitrag: #24
RE: Auslöser und Grundlagen für eine/die Industrielle Revolution
In der Doku-Reihe "Die Briten" kam gestern noch ein interessanter Beitrag. Bei der "Peasant´s Revolt" Ende des 14.Jhs. wurde zum ersten Mal (noch vergeblich) gefordert, dass in England die Leibeigenschaft aufgehoben wurde. Hundert Jahre später gab es bereits genügend Freibauern (Yeomen), die sich einen Bogen leisten konnten, damit England die entscheidenden Schlachten von Crecy und Azincourt gegen die französischen Ritter gewinnen konnte.

D.h., dass in England schon 400 Jahre vor der Industriellen Revolution eine Bevölkerungsschicht entstanden war, aus der Unternehmer hervorgehen konnten. Diese Unternehmer engagierten sich vorerst noch in erster Linie als Händler und Zwischenhändler von landwirtschaftlichen Produkten wie z.B. Wolle und (Halb-)Fertigprodukten wie z.B. Tuch. Aber damit war der Grundstein gelegt für ein im 18.Jh. schon traditionsreiches und eingeführtes Unternehmertum, das noch dazu nicht an die Städte gebunden war und auf die Arbeitskraft der Landbevölkerung zurück greifen konnte. Auch hierin liegt mE ein Grund, warum die I.R. gerade in England ihren Anfang nahm.

VG
Christian
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10.11.2013, 20:49
Beitrag: #25
RE: Auslöser und Grundlagen für eine/die Industrielle Revolution
(10.11.2013 12:46)913Chris schrieb:  In der Doku-Reihe "Die Briten" kam gestern noch ein interessanter Beitrag. Bei der "Peasant´s Revolt" Ende des 14.Jhs. wurde zum ersten Mal (noch vergeblich) gefordert, dass in England die Leibeigenschaft aufgehoben wurde. Hundert Jahre später gab es bereits genügend Freibauern (Yeomen), die sich einen Bogen leisten konnten, damit England die entscheidenden Schlachten von Crecy und Azincourt gegen die französischen Ritter gewinnen konnte.

D.h., dass in England schon 400 Jahre vor der Industriellen Revolution eine Bevölkerungsschicht entstanden war, aus der Unternehmer hervorgehen konnten. Diese Unternehmer engagierten sich vorerst noch in erster Linie als Händler und Zwischenhändler von landwirtschaftlichen Produkten wie z.B. Wolle und (Halb-)Fertigprodukten wie z.B. Tuch. Aber damit war der Grundstein gelegt für ein im 18.Jh. schon traditionsreiches und eingeführtes Unternehmertum, das noch dazu nicht an die Städte gebunden war und auf die Arbeitskraft der Landbevölkerung zurück greifen konnte. Auch hierin liegt mE ein Grund, warum die I.R. gerade in England ihren Anfang nahm.

VG
Christian

Im 14. und 15. Jahrhundert hat es einen grundlegenden Wandel in der Bevölkerungsstruktur Englands gegeben, den es in dieser speziellen Form in anderen europäischen Staaten nicht gegeben. Die größte demografische Katastrophe für England war die Pest von 1348/49 und die damit verbundene Reduzierung der Bevölkerung von 6 Mio. auf 3. Mio. Menschen, d.h. England verlor infolge der Pest 50 % der Bevölkerung. England hatte also einen höheren Bevölkerungsrückgang als die meisten anderen europäischen Staaten, die zwischen 1347 und 1352 Bevölkerungsverluste zwischen 25 % und 40 % zu beklagen hatten.

Nach dieser Katastrophe ist das bis dahin bestehende Feudalsystem zusammengebrochen. Die Bauern und Handwerker verließen ihre Herren und suchten entweder in einer Stadt oder bei einen anderen besser entlohnenden Herren ihr Auskommen. Das führte wiederum zur Verarmung eines großen Teils von Adligen, die sich und ihre Güter dem Schutz eines mächtigeren Adligen unterstellten. Diese mächtigen Adligen waren Angehörige der Königsfamilie, wie z.B. John of Gaunt, Herzog von Lancaster, Adelsfamilien wie die Mortimer, Mowbray, Pole oder Holland, Kirchenfürsten, aber auch bereits Aufsteiger aus der Kaufmannschaft wie William de la Pole. Infolge dieser Entwicklung bildeten sich mächtige Magnatenfamilien heraus, die ihre Macht auf ihre von ihnen entlohnte Gefolgschaft bauten.

Edward III. erkannte die Entwicklung und versuchte in den 1360/1370er Jahre durch drakonische Gesetze die Abwanderung der Bauern und Handwerker und die damit bedingte Verarmung von Teilen des Adels zu verhindern. Dies ist auch eine Ursache der „Peasant Revolt“ unter Wat Tyler im Jahr 1381. Die mächtige Stellung der Magnaten konnte der König nicht zurückdrängen. Die Magnaten selbst sicherten in wechselnden Allianzen ihren Machtzuwachs ab. Da sie einerseits in militärische Aktionen im Hundertjährigen Krieg gegen Frankreich eingebunden waren, anderseits sich in politischen Machtkämpfen am Hof des Königs verstrickten, hatten sie wenig Zeit (und wohl auch Interesse) ihre Güter selbst zu verwalten. Deswegen setzten sie Stewards bzw. Verwalter für ihre Güter ein. Diese Stewards stammten aus der Gefolgschaft der Magnaten und wurden nach ihren wirtschaftlichen und administrativen Fähigkeiten und natürlich nach ihrem Bildungsgrad ausgesucht.

Bei der häufigen (fast ständigen) Abwesenheit der Magnaten konnten sich diese Stewards zu Agrar-Unternehmern entwickelen. Sie produzierten vorwiegend landwirtschaftliche Produkte wie z.B. Bier, Fleisch oder Wolle, Arbeits- und Kriegspferde usw. Diese Agrar-Unternehmer fanden ihren wichtigsten Partner in der Londoner Kaufmannschaft, die z.B. Wolle nach Flandern exportierte und dafür wieder Tuch einkaufte. Dieses Bündnis führte auch dazu, dass jüdische, italienische oder Hanse-Kaufleute schrittweise vom englischen Markt verdrängt wurden.

Infolge des Hundertjährigen Krieges, aber vor allem der Rosenkriege verdünnte sich der Personalbestand der Magnatenfamilien. In diese Lücke rückten oft die inzwischen wirtschaftlich starken Verwalter, z.B. die Familien Neville, Woodville oder Howard, denen es auch gelang, ihre Töchter mit Angehörigen der Lancasters, Yorks oder anderer Magnaten zu verheiraten. Familienbündnisse wie zwischen den in den Hochadel aufgestiegenen Howards und den ursprünglich der Londoner Kaufmannschaft angehörenden Boleyns waren nicht ungewöhnlich. Auch die Tudors waren ursprünglich Gefolgsleute der Lancasters.

Wenn man mal die ganzen dramatischen Geschichten um die Angehörigen der englischen Aristokratie nicht weiter untersucht, steht zumindest fest, dass zum Ende des 15. Jahrhunderts eine neue, unternehmerisch denkende Oberschicht in England entstanden war, die im 16. Jahrhundert die englische Gesellschaft grundlegend umgestaltete (Tudor-Revolution). Der Aufstieg des Schmiedsohnes Thomas Cromwell zum Lordkanzler wird möglich. Die Familie seiner Schwester führte einen landwirtschaftlichen Großbetrieb, ihrem Nachfahren Oliver Cromwell gelang es die Monarchie zu stürzen.

Die Angehörigen der neuen Oberschicht waren gleichzeitig Politiker (egal ob Ober- oder Unterhaus), Großgrundbesitzer und Unternehmer, die sich nur ihren eigenen und wohl auch Englands Interessen verpflichtet fühlten. Als Beispiel kann man die Familie Dudley nennen. Dabei störte es die neuen Herren nicht, wenn z.B. infolge von Landvertreibungen tausende Bauern ihre Existenzgrundlage verloren und der soziale Frieden damit gefährdet war. Sie empfanden keine Empathie für die (ehemaligen) Bauern und Handwerker, die einerseits infolge eines drastischen Strafrechts, andererseits infolge drohender oder gar vollzogener Verelendung gezwungen waren, mobil zu sein. Dies führte dazu, dass in England stets genügend billige Arbeitskräfte zur Verfügung standen, die bereit waren, im Bergbau zu arbeiten oder auf See zu fahren und neue Gebiete zu kolonisieren usw. Diese effektive Ausbeutung von Menschen hat es damals nur in England gegeben und ist sicher auch ein Grund, dass die Industrielle Revolution in England begann.

"Geschichte erleuchtet den Verstand, veredelt das Herz, spornt den Willen und lenkt ihn auf höhere Ziele." Cicero
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