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25 Jahre Geiseldrama Gladbeck
08.07.2013, 20:08
Beitrag: #1
25 Jahre Geiseldrama Gladbeck
Die Geschichte, die ich hier schreiben will, ist eine, die ich nicht selbst miterlebt habe, ich bin dafür noch einige Monate zu jung; und vor Allem habe ich erst vor wenigen Tagen zum ersten Mal von ihr gehört. Und ich muss sagen: selbst als abgestumpfter Geschichtsstudent hat mich keine solche historische Begebenheit dermaßen emphatisch berührt und dermaßen unterschwellig provoziert. Ich spreche hier nicht einmal von einem Kriegsschicksal wie „im Westen nichts Neues“ oder einem brutalen Genozid o. Ä.. Sondern von einer Begebenheit in der Kriminalgeschichte, die aufgeklärt ist und dennoch viele Fragen aufwirft. Auch 25 Jahre danach noch (denke, die meisten Forenmitglieder haben das miterlebt).

Mein Ziel ist der Lesebarkeithalber eine 4 teilige Serie zu dem Geiseldrama Gladbeck - Bremen - Vegesack - Köln.

1. Teil: Ein vermasselter Banküberfall

2. Teil: Odysee nach Holland

3. Teil: Medienstar Verbrecher

4. Teil: Das Ende einer Irrfahrt und bis heute offene Fragen.

Wer die Vergangheit nicht achtet, dem kann es die Zukunft kosten

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08.07.2013, 20:10
Beitrag: #2
RE: 25 Jahre Geiseldrama Gladbeck
Teil 1 Ein vermasselter Banküberfall

Es war im Jahrzehnt der „Angst“ wie Zeithistoriker heute sagen. Die 80er Jahre, das Jahrzehnt der schlechten Mode, dem Jahrzehnt vom Angst des Waldsterben und der Krankheit AIDS. August 1988 fühlte man sich wieder eingermaßen sicher, doch was Westdeutschland in den Tagen des 16.08.1988 bis 18.08.1988 erlebte, war ein schauriges, empörendes Kriminalschauspiel, das in der Republik in dieser makaberen Extreme bis heute einmalig ist.

Dabei fing alles gut an. Der 16.08.1988, ein an sich warmer und sonniger Tag. Nach einer durchzechten Nacht mit wenig Schlaf beschlossen Hans – Jürgen Rösner (damals 31 Jahre) und Dieter Degowski (32 Jahre) in Gladbeck die Deutsche Bank zu überfallen. Diese Bank gilt als relativ sicher; immerhin ist das tägliche Handelsvolumen der Bank nicht sehr groß, die Bank nur durch eine Tür zugänglich und hohe Fenster sichern vor Einbruch ab. Dennoch verschafften sich die beiden durchaus polizeibekannten und in der Fahnudung stehenden Täter um 8:00 Uhr Zugang zur Bank. Sie erbeuteten sich rund 120.000 Mark. Ohne mitzubekommen, dass ein Arzt sie bemerkt hatte und sich wegen dem „ungewöhnlichen Verhalten“ in der Bank aus Sorge einen Notruf absetzte. Eine Polizeistreife, die zur Überprüfung der Meldung vor der Bank parkte störte die Beiden bei der Flucht. Sie kehrten zu Bank um, überwältigten die zwei Angestellten und setzten sie als Geisel fest. Nun rückte Massenweise Polizei an, mit Mannschaftswägen und Hubschrauber. Und mussten tatenlos zusehen, wie nach und die Gangster auch noch von den Medien vereinahmt werden. Nach damaligen Methoden war es völlig illusorisch die Bank so stürmen, dass die Geiseln sicher geblieben wären. Die Polizei setzte auf Verhandlungen. Während diese laufen, rufen ungeniert Radioreporter bei der Bank an interviewten die Gangster kurzerhand. Es werden sogar Sendeminuten festgelegt, 3 pro Radio, die mit man Rösner am Telefon sprechen darf.

Dieses imense Interesse an dem Verbrechen war für Rösner eine wilkommende Genugtuung. Immerhin war er bereits als Jugendlicher straffällig geworden, offensichtlich bekam er keine Aufmerksamkeit der Eltern, brach seine Ausbildung als Bergmann ab und wanderte wegen schwerer Raubüberfälle in das Gefängnis. Von diesem hatte er indes Hafturlaub bekommen. Es war im elften Jahr von dreizehn zu denen er verurteilt war. Von dem Hafturlaub kehrte er nicht zurück, deswegen wurde nach ihm lange gefahndet. Obwohl sein Aufenthaltsort bekannt war und auch eine Behandlung im Krankenhaus statt fand – Rösner schickte die Rechnung kurzerhand an seine JVA – gelang es nicht, ihn erneut festzunehmen. Allerdings war der Polizei sehr schnell klar, wer sich hinter dem brutalen Überfall verbirgt, auch sein Komplize Degowski, der in seiner Vorgeschichte schon wegen Mord einsaß, war der Polizei bekannt. Nun wusste diese, dass sie es mit gewaltbereiten Profis zu tun haben, die Angst und Unsicherheit der Beamten war ihnen deutlich anzusehen.

Die Polizei lässt sich auf folgenden Deal ein: Rösner und Degowski erhalten Lösegeld, einen Fluchtwagen und die zwei Geiseln aus der Bank, da ein Polizeibeamter als Geisel für die Polizei nicht in Frage kam; auch nicht der Staatsanwalt, der ihnen deutliche Strafmilderung anbot, wenn sie aufgäben. Jedoch versprechen Rösner und Degowski im Gegenzug am Telefon dem Bankfilialleiter die Geiseln bei günstiger Gelegenheit wieder frei zu lassen – wenn die Polizei sie nicht verfolgte. Die Polizei war einverstanden, dass ein Beamter, der nur in Badehose bekleidet war (wahrscheinlich um Erniedrigung zu erzeugen; auch damit er sicher unbewaffnet ist) in einem Koffer das Lösegeld vor die Tür zu stellen. Dies waren weitere 300 000 DM ! Inzwischen gibt Rösner weiter Radiointerviews am Telefon für verschiedene Radiostationen. Die Geldbeutel lässt Degowski von einem Bankmitarbeiter holen, der nur auf allen Vieren und mit einem Verlängerungskabel am Hals vor die Tür treten darf. Hier wurde deutlich, dass es den Tätern ernst war; zudem vermuteten sie eine Falle von Scharfschützen. Jedenfalls wurde das Versprechen der Polizei eingelöst. Die Polizeiheeren zogen ab, übrig blieben Zivilfahnder, die den Fluchtwagen überbrachten, 12 Stunden sind nun schon vergangen. Dieser war mit Wanzen präperiert. Das Funkgerät, mit dem vorher die Verhandlungen liefen wurde dort ebenfalls ausgetauscht.

Die Verwirrung war groß, als die Fahrt mit den Geiseln begann. Statt Gladbeck zu verlassen, kauften sich die Diebe nahezu unbehelligt das was sie für ihre Tat brauchen. Zunächst Schlafmittel, der mit Alkohol vermengt als sehr starkes Aufputschmittel wirkt, Essen an einer Imbissbude aber stets mit Waffe am Anschlag. Als nächstes stand ein Wechsel des Fluchtwagens auf dem Plan. Dieser Versuch scheiterte jedoch. Jedoch kaperten die Geiselnehmer ein in der Nähe geparktes Auto und später auch an einer Tankstelle nochmals. Diesmals aber ein präperiertes das von der Polizei dazu bereit gestellt war um den Kontakt nicht zu verlieren. Mit Funk allerdings immer verbunden mit dem Filialleiter der Bank, der wie die Polizei noch immer mit einer baldigen Freilassung der Geiseln rechnete.

Die Irrfahrt geht weiter, es ist nun fast Mitternacht, die Täter halten sich noch immer in Gladbeck auf. Rösners Freundin Marion Löblich, die ihn bisher vor der Polizei versteckte stieg ebenfalls bewaffnet zu. Nun steuern die Täter in Richtung Bremen, genauer gesagt nach Vegesack. Doch bis dorthin bricht auch der zweite Tag der Verfolgungsjagt an.

Inzwischen stand die Polizei vor schweren Entscheidungen. Die Täter ließen die Geiseln nicht frei, der Bankdirektor verlor die Nerven und schrie über Funk die Täter mehrmals an. Zudem waren nun innerhalb Nordrhein – Westfalen nicht mehr genug Beamte vor Ort um zugreifen zu können ohne die Geislen zu gefährden. Zudem verließen die Täter nun auch noch das Bundesland und somit ihren Kompetenzbereich. Nun sind die Kollegen aus Niedersachsen dran, die jedoch auf höhere Ebene mit sich mit denen der NRW Polizei streiten war was darf. Zudem waren damals die Funkwellen auf einen Radius begrenzt, was den Übergang der Verfolgung nicht einfacher machte. Niedersachsen und Nordrhein – Westfalen konnten sich also untereinander verständigen aber nicht miteinander. Ehe sich das Kompetenzgerangel gelöst hatte, stand ein weiteres Problem im Wege. Auch Niedersachen muss die Kompetenz abtreten. An Bremen, diese aber zu dem Zeitpunkt unterbesetzt und ohne Duldung für ihr Eingriffe der Kollegen aus NRW und Niedersachsen. Es sollte aber noch schlimmer kommen.

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09.07.2013, 02:01
Beitrag: #3
RE: 25 Jahre Geiseldrama Gladbeck
Daran kann ich mich noch gut erinnern. Habe ja einen Teil in den ARD-Nachrichten gesehen. Muss jetzt an die beiden Opfer denken, eine blonde junge Frau und einen italienischen Jungen. Solche Nachrichten vergisst man nie.

"Geschichte erleuchtet den Verstand, veredelt das Herz, spornt den Willen und lenkt ihn auf höhere Ziele." Cicero
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09.07.2013, 10:18
Beitrag: #4
RE: 25 Jahre Geiseldrama Gladbeck
Ich habe ja erst vorige Woche Montag zum ersten Mal davon gehört, eigentlich habe ich ja nach der AIDS-Problematik gesucht und bin dann auf die Reportage gestoßen. Ich war so schockiert, dass ich die ganze Nacht kaum geschlafen habe, aufgekratzt war, nahe dem Wahnsinn! Vor allem Silke Bischoff (die junge Frau) hat es mir sehr angetan! werde aber in Teil drei dann noch ausführen warum.

Ich bin auch nach intensiver Einarbeitung in dieses Thema hoch emotionalisiert. Etwas unprofessionell für einen Historiker, aber bei dem Thema...

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09.07.2013, 15:00
Beitrag: #5
RE: 25 Jahre Geiseldrama Gladbeck
Danke, dass du uns das ins Gedächtnis zurückgerufen hast.

Ich habe das damals live in den Nachrichten mitverfolgt und es war ein übles Drama - schlichtweg eine Katastrophe! Es hielt uns alle tagelang in Atem, man konnte kaum noch an etwas anderes denken, als an die Menschen in dem Bus. Auch das Bild, als der Reporter völlig ungeniert (und offensichtlich auschließlich an den Tätern - nicht an den Opfern interessiert) den Kopf durch das Wagenfenster steckt um mit den Geiselnehmern zu sprechen, hat sich bei mir eingebrannt. Was mag den Geiseln da durch den Kopf gegangen sein?

Als alles zu Ende war, blieb man mit einem sehr schalen Geschmack im Mund und tausend Fragen zurück.

Owohl es damals - für mich - sehr eindrückliche und einschneidende Vorgänge waren, so schnell verschwand es auch gleich wieder aus dem Gedächtnis. Wie gesagt, danke dass du uns das wieder zurückgebracht hast, denn das war etwas was man nicht vergessen sollte.

nicht ärgern, nur wundern...
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09.07.2013, 17:35
Beitrag: #6
RE: 25 Jahre Geiseldrama Gladbeck
Ein absoluter Tiefpunkt in der deutschen Mediengeschichte.

Die sind in der Fussgängerzone rumstolziert und haben Fernsehinterviews gegeben.........
"Mein Kumpel ist auch ein ganz gefährlicher Bursche, der hat noch Sachen in seiner Tasche..."
Zitat aus der Erinnerung

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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09.07.2013, 19:55
Beitrag: #7
RE: 25 Jahre Geiseldrama Gladbeck
Teil 2 Odysee nach Holland

Die Fahrt nach Bremen-Vegesack am Mittwoch morgen, 17.08., war für die Beamten völlig überraschend. Später stellte sich heraus, das Löblich in Vegesack Verwande hat. In einer verwinkelten Seitengasse hät Rösner das Auto an. Nahezu unbehelligt stiegen Rösner und Löblich aus, kauften zusammen in der Stadt ein, um sich neu einzukleiden, zudem holten sie weiter Proviant und Aufputschmittel. Degowski blieb im Wagen mit den Geiseln zurück und bedrohte sie nach wie vor mit vorgehaltener Waffe. Selbst als er sich erleichtert und an einen Baum uriniert, verzichtete die Polizei auf eine Befreiungsaktion. Dies wird nachträglich mit Personalmangel und einer mutmaßlich baldigen Freilassung begründet. Nach der Rückkehr Rösners und Löblich bemerkten sie die Polizeibeamten in ihrer Nähe, fliehen mit den Geiseln zu Fuß und kapern einen Bus, der an einer Haltestelle Fahrgäste ein- und aussteigen lässt. Es ist bereits 19:00 Uhr. Nun wird das Verbrechen endgültig zu einem Medienspektakel: Reporter umstellen mit Kameras, Lichtern und Mikrofonen den Bus, interviewten Rösner und Degowski, während sie eine Waffe – immernoch die Bankangestellten – an den Hals einer Geisel drückten. Dabei wird auch klar, dass die Kidnapper keinerlei Plan haben, wohin sie entkommen wollen und das sie unter anderem auch die Absicht haben, ein Blutbad im Bus anzurichten und sich dann selbst zu töten, falls die Polizei eingreift. Rösner gibt vor laufender Kamera recht entspannt an, er habe ohnehin nicht viel von seinem Leben gehabt, ihm wäre es also egal. Auch das unschuldige umkommen. Fünf Geiseln kommen frei. Dabei auch der Busfahrer, Rösners freimütige, schon zynische Bermerkung, dass Busfahrer ja nichts für könne, außerdem habe er ohnehin Feierabend. Jedoch haben sie ihre späteren Opfer schon erkoren, die Tragik dieser Tat nimmt mehr und mehr seinen Lauf. Silke Bischoff, eine bildhübsche Frau (18), die ausgerechnet bei der bremer Justiz angestellt ist gerät in das Blickfeld Degowskis. Hinterher wird er aussagen, dass ihre Symphatie ausschlaggebend war, hätte sie ja seinen Blickkontakt gesucht. Neben ihr saß ihre Freundin, Ines Voitle (ebenfalls 18). Ihretwegen war Bischoff im Bus, sie wäre andernfalls schon eine Stunde früher gefahren.

Mit dem Bus nun fuhren sie (27, darunter zwei Kinder) Geiseln in ihrer Gewalt auf die Autobahn, durch Niedersachen in Richtung Niederlande, gefolgt von einem Heer Journalisten. Dort kommt es zu schweren Fehlern und Fehleinschätzungen Seitens der Polizei. An dem Rasthof Grunbergsee tauschen sie die Geiseln nach Verhandlungen um. Zwei Jouranlisten, die Bilder schießen dürfen (!!!) gegen fünf der Fahrgästen. Nun sind auch endlich die zwei Bankangestellten frei. Jedoch gerät die Sitatuation langsam außer Kontrolle. Die Polizei beschließt Löblich festzunehmen, jedoch ohne Einsatzbefehl. Der Funk sei ausgefallen. Zudem hielt es die Polizei nicht für notwendig einen Krankenwagen und Notartz an die Raststätte zu beordern. Man habe es vergessen. Die Polizei nun hoffnungslos überfordert und das Glück wendet sich mehr und mehr zu Gunsten der Verbrecher.

Rösner bekam die Festnahme Löblich von weitem mit und verlor die Nerven. Wild schrie er um sich, setzte der Polizei ein Ultimatum von fünf Minuten. Er würde jede fünf Mitnuten eine weitere Geisel erschießen. Jedoch war Löblich schon weggefahren worden, eine Umkehr brauchte Zeit, sie war aber zu schaffen. In der Hektik brach aber ein Polizeibeamter den Schlüssel der Handschellen ab. Rösner tobte vor dem Bus nahm eines der Kinder (eine 9 jährige Italienerin) mit nach draußen und bedrohte es vor laufender Kamera. Später betrat er mit dem Kind den Bus wieder, der 15 jährige Bruder der Neunjährigen will sie schützen und rennt auf Rösner zu. Ein Schuss fällt aus Degowskis Waffe, der 15-jährige sakt schwer verletzt zusammen, fiel letzlich seiner Schwerster an der Kleidung entlang nach unten. Panisch bringt Degowski den Jungen wieder auf einen der Sitze und der junge fing an zu röcheln. Fast eine Minute später stieg Löblich wieder in den Bus. Zwei Jouranlisten brachten auf Degowskis Geheiß den Jungen an die Luft, wo er schließlich verstarb. Der Krankenwagen traf viel zu spät ein, da er vergessen worden sei. Nun hatte die Tat ihr erstes Opfer gefordert.

Das zweite Opfer der Tat folgte sobald auf dem Weg in die Niederlande. Vorraus fuhr der Bus, hinterher fuhren die Schaar der Journalisten und ganz hinter her die Polizei. Einer der Beamten verlor in der Übersichtlichkeit des Verkehres den Überblick und prallte gegen einen Sattelzug. Er starb auf der Stelle, sein Beifahrer wurde schwer verletzt. Die Fahrt ging weiter gen Niederlande. Rösner, scheinbar gut informiert, habe gehört, die Niederländische Polizei ist zugänglicher als die Deutsche im Verhandeln um Geiseln und Flüchtigen. Dieses Ziel strebte er an. Der dritte Tag brach an als man über die holländische Grenze fuhr. Doch das entsetzliche sollte noch geschehen.

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10.07.2013, 19:16
Beitrag: #8
RE: 25 Jahre Geiseldrama Gladbeck
Teil 3 Medienstar Verbrecher

Die Niederländische Polizei, bekannt für sanftere Verhandlungen als deutsche war nun völlig im Zugzwang. Zunächst verweigerte man sich jedlicher Gespräche, solange Kinder im Bus säßen. Also ließ man zwei Frauen und drei Kinder aus der Geiselhaft. Und nun war die Polizei der Niederlande bereit auf Forderungen einzugehen. Freies Geleit, ein kleineres Fluchtauto, zwei Geiseln aus Bremen, Silke Bischoff und Ines Voitle. Dazu noch jede Menge Proviant. Doch die Übernahme ging beinnahe schief: während Rösler eine Plastiktüte mit Bier hochnimmt löst sich ein Schuss aus seiner Waffe, es zur Schießerrei. Dabei wurde ein Mann angeschossen und Löblich in den Oberschenkel getroffen. Rösner konnte die Sitatuation durch Funk bereinigen, es sei ein Versehen gewesen. Drei Tage ohne Schlaf, machten sich nun auch mit Aufputschmittel langsam bemerkbar.
Also ging es mit präperiertem Wagen zurück nach Deutschland. Genauer gesagt nach Köln. Köln war eine Stadt, die Rösner nur vom Hörensagen kannte. Die Polizei spekulierte darauf, dass Löblich sich in ein Krankenhaus zur Versorgung ihres Beines bringen lasse. Wieder eine Fehleinschätzung. Durch Abhören des Fluchtwagens ging hervor, dass Rösner Löblich angwiesen habe durchzuhalten, falls nicht, wollte Löblich sich selbst richten. Die Verfolgung der Reporter und wurde nun immer größer und ging ins absurde. Mehr und mehr Menschen hinter dem Fluchtauto her, allerdings auch in dem Wissen sie sind durchaus gefährlich, nicht mehr im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte. Jeder Fehler kann nun tödlich sein, keiner ist sicher. Dennoch nimmt der Medienrummel hinter dem Wagen zu. In Köln wollte Rösner den Dom anfahren, da er ihn einmal im Leben sehen wollte, wohl schon in der Vorahnung gefasst oder getötet werden zu können. Nach einer Irrfahrt in Köln, der Dom wurde vorsichtshalber geschlossen, kam der Wagen Nahe des Opernhauses zum stehen. Wird sind nun bereits am dritten Tag der Geiselnahme ca. 10:00 Uhr.

Journalisten, beispielsweise Frank Plasberg („Hart aber Fair“), Uwe Röbel (später BILD-Chefredakteur) und viele mehr scharen sich um den Wagen. Ein graußiges Bild. Ein neugieriger Mob, der völlig überforderten Beamten durchgeht belagern das Fluchtauto. Und im Wagen: am Steuer ein übermüdeter Rösner, der immernoch Gewaltbereitschaft ausstrahlte, neben ihm die mit der Ohnmacht kämpfenden Löblich, hinter ihr völlig verängstigt Voitle, in der Mitte Degowski, welcher die ganze Zeit seine Waffe an Bischoffs Pulsschlagader hielt. Eine paradoxe Sitatuation: im Wissen, es stehen drei Leben auf dem Spiel interviewten z. B. Plasberg Degowski, Rösner und Bischoff*. Inzwischen haben sich als Reporter getarnte SEK – Beamte dem Wagen genähert, jedoch um eine Massenpanik zu vermeiden konnten sie nicht eingreifen. Zudem haben Journalisten die Grenze des Beobachten nun überschritten. Man holt den Gaunern Essen, Trinken und weitere Aufputschmittel. Seltsam an dieser Kuriosität: Ein solcher Mob an Menschen hätte ohne weitere Probleme die Geiseln befreien können und auch die drei Täter überwätigen können. Stattdessen hilft man ihnen. Uwe Röbel begann dann sogar zu verhandeln: zwei Bischöfe von Köln im Tausch gegen die Geiseln. Diese Bischöfe wären dann speziell ausgebildete SEK-Beamte gewesen, die einen direkten Zugriff wagen könnten. Rösner war einverstanden wollte aber sicher gehen und ließ sich Bilder der Bischöfe zeigen. Das verlief sich dann wieder. Rösner mehr oder minder verärgert, scheucht die Menge dann vor dem Wagen weg. Röbel lotst dann im Wagen (wie das geht ist mir schleierhaft) Rösner zur Autobahn. Wieder folgt ein riesiger Journlistenconvoi. Dort beginnt dann der letzte Akt.

*persönliche Anmerkung: Die hier beschriebene Szene war für mich die bewegendest und empörendste. Bischoff hatte hier wohl meine höchste Empathie, sie kämpfte tapfer gegen Schlaf und Angst. Ihre Reaktion auf den Kommentar Degowskis : „ […] ich habe schließlich schonmals einen umgelegt“ war für mich ergreifend. Ihre Gesichtsreaktion zeigte, dass sie begreift, die würden es ernst meinen und es schien ihr würde klar werden, dass sie das nicht überlebte. Die von Voitel im nachhinein beschriebene Reaktion auf den Zugriff zeigt, sie hat sich schon damit abgefunden. Aus meiner Sicht ist sie die Heldin dieser Tat.

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11.07.2013, 20:11
Beitrag: #9
RE: 25 Jahre Geiseldrama Gladbeck
Teil 4 Das Ende der Irrfahrt

Röbel war besorgt, nicht um sein wohlergehen, sondern um das Schicksal Silke Bischoffs. Die gesamte Zeit hatte sie die Waffe an ihrem Hals. Der geringste Ausrutscher könnte ihr Leben beenden. Röbels Einschätzung: sie würde das allerhöchstens noch drei Stunden so durchhalten. Röbel bat Degowski an, die Waffe mal vorzugsweise auf ihn zu richten um Bischoff wenigstens für einige Minuten zu entlasten. Auf dieses Angebot ging er nicht ein.
Die Polizei machte nun die Autobahn konsequent dich. In der Richtung, in der Rösner fuhr, war hinten kein Verkehr mehr. Auch das wird sich noch als fatal erweisen.

Denn das Innenministerium hat beschlossen, dass der Zugriff nun bald erfolgen muss. Nämlich bevor sie die Kompetenz wieder abgeben müssen, diesmal an die Polizei aus Hessen. Der Plan: mit einem Rammwagen wird Rösners Wagen gerammt, damit die Täter überwältig werden können und notfalls mit einem Shoot – out final gebremst werden können. Das Problem: alles muss genau passen, der Wagen muss an der Vorderseite gerammt werden. Völlig übermüdete und überforderte Beamten treten dann also an. 53 Stunden sind seit dem Banküberfall vergangen. Rösner hält an, lässt Röber raus. Dieser kann an eine der nahegelegene Rastätte. Röser fährt wieder los, zu kurz hält er um einzugreifen.

Im Wagen hingegen hat sich die Stimmung gelockert. Degowski, mutmaßlich von Gewissensbissen geplagt sagt zu seinen Geiseln, wie leid es ihm tue, zwei so jungen Damen sowas anzutun und bei der nächsten Gelegenheit lässt man sie aussteigen. Darauf tranken die Insassen des Wagens, den Rest des Dosenbiers aus Holland.

Doch so weit kam es nicht: Die Polizei war schneller. Sie rammte das Auto aber an der Hintertür, Belndgranaten ünden, Rösners Wagen kam zum stehen. Dann folgte von vorn und hinten der Shootout. Was dann passiert lasst sich nur hypothetisch erklären: wahrscheinlich hat Degowski einen Kreislaufkollaps erlitten und sank auf der Rückbank zusammen, Rösner bekam eine Kugel in den Oberschenkel und schoss im Schreck nach hinten, durch das Herz von Silke Bischoff. Diese schrie zuvor noch recht schrill ihrer Freundin entgegenen, sie solle rauspringen und in den Graben sich verstecken. Löblich klappte ebenfalls zusammen, suchte Schutz im Zwischenraum von Sitz und Handschuhfach. Die Täter können ohne weiteres verhaftet werden. Ein Krankenwagen lässt auf sich warten. Die Geschichte wiederholt sich, Silke Bischoff ist tot, ab dem Moment, als der Krankenwagen kam, fast 30 Minuten zu spät. Eine Rettungsgasse war bei der Sperrung nicht möglich zu bilden.

Zwei Opfer dieser Tat, dazu ein toter Polizist, 29 Menschen, deren Schicksal sie zu zerreisen gebracht hätte.

Degowski und Rösner bekammen lebenslänglich im Prozess 1991. Beide sind immernoch inhaftiert,
Rösner wird nie wieder als freier Mann leben können. Löblich lebt nun in Leipzig nach 3 Jahren Haft.

Die Journalisten wurden für ihr Fehlverhalten in Köln und Vegesack nicht zur Rechenschaft gezogen, wobei die Möglichkeit bestanden hätten, wegen Beihilfe zum schweren Menschenraub und unterlassener Hilfeleistung.

Fragen die bis heute ungeklärt sind:

Warum hat die Polizei dermaßen viele Fehlentscheidungen getroffen und den letzten Übergriff fast vermasselt?

Wieso wurden die Journalisten nicht zur Verantwortung gezogen?

Wer hat Silke Bischoff getötet? War es Rösner im Schreck, war es gezielt oder war es ein Schuss von hinten, wie ihre Freundin meint?

Wieso sind keine Konsequenzen aus der schlechten Vorbereitung der Polizei gezogen worden?

Wieso war Rösner auf freien Fuß, obwohl er eigentlich noch eine Haft abzusitzen hatte und trotz Fahndung und bekanntem Aufenthaltsort nicht festgenommen worden ist?

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"Im übrigen, mein Sohn, lass dich warnen! Es nimmt kein Ende mit dem vielem Bücherschreiben und viel studieren ermüdet den Leib!" Kohelet 12,12
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19.10.2013, 07:58
Beitrag: #10
RE: 25 Jahre Geiseldrama Gladbeck
Das Geiseldrama von Gladbeck ist bis heute unvergessen. Alles war fremdgesteuert. Durch die vielen Journalisten und sonstigen Menschen um das Auto herum konnten die Einsatzkräfte nicht eingreifen. Alles entwickelte sich zu einem Medienspektakel. Rösner, ein gefährlicher Berufsverbrecher, hätte wild um sich geschossen. Degowski war eher Mitläufer. Die Rammstrategie auf der Autobahn war das letzte Mittel, um die Kontrolle wieder zu erlangen. Man muss auch berücksichtigen, dass es derartige nie zuvor gab. Besonders tragisch war der Tod des jungen Italieners in Bremen.
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16.12.2013, 23:33
Beitrag: #11
RE: 25 Jahre Geiseldrama Gladbeck
Zitat: Die Rammstrategie auf der Autobahn war das letzte Mittel, um die Kontrolle wieder zu erlangen.

Hätte es aber nicht sein müssen. Ganz im Gegenteil. Die Polizei hatte in Gladbeck noch genug Eingriffsmöglichkeiten. Und auch noch Bremen.

Übrigends habe ich folgendes in Erfahrung gebracht: Drei Wochen, bevor die Beiden Gangster den Bus kaperten, hat die Bremer Polizieieinsatzleitung ein Mannöver verstreichen lassen. Gepalnt war eine Übung, wie die Polizei vorzugehen hat, wenn ein Bus gekapert werden würde. Wurde verstrichen mit der Begründung, dass soetwas eh nicht passieren könne. Somit war die Polizei in Bremen, gut unterbesetzt gar nicht in der Lage und gar nicht im Plan etwas zu machen. Außer den Verkehr Regeln und selbst einen Fünfjährigen! mit dem Fahrrad noch an den Bus fahren zu lassen und rein schauen zu lassen.

Zudem ein Problem, dass es heute noch gibt: keine klare Kompetenzzuweisung wenn die Polizei außerhalb ihres Einsatzgebietes eine Verfolgen leisten müssen. Das hat sich ja auch bei der NSU Sache wieder als Nachteil erwießen. Ergebnis: nichts!

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