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Revolutionen der Weltgeschichte
17.07.2012, 09:04
Beitrag: #41
RE: Revolutionen der Weltgeschichte
(17.07.2012 08:13)Maxdorfer schrieb:  
(16.07.2012 21:00)Sansavoir schrieb:  Ich gebe Dir recht, dass man die Reformation als Revolution bezeichnen kann. Dies gilt vor allem in den nordeuropäischen Ländern, wie Schweden und später dann auch in Dänemark. Die Ereignisse in England unter Heinrich VIII. und Elisabeth I. werden auch als Tudor-Revolution bezeichnet. Die Enteignung der katholischen Kirche im Jahr 1536 ist die nachhaltigste Umverteilung von Eigentum seit 1066 gewesen. Aber auch die Umgestaltung des Ordenslandes zum Herzogtum Preußen, die Entwicklung protestantischer Länder im HRR kann man als revolutionär bezeichnen. Es ist durchaus richtig zu sagen, die Reformation war eine Revolution und die Gegenreformation setzte die Reformierung der katholischen Kirche um.

Allgemein die Wende zur Neuzeit war eine Revolution, aber eine gesellschaftliche und soziokulturelle vor allem, weniger eine politische. Und die wollten wir doch zurückstellen... WinkRolleyes.

Im wesentlichen hast du recht, wobei die Auflösung der Klöster und Bistümer samt dazugehörigem Grundbesitz schon eine Veränderung der Eigentumsverhältnisse darstellen könnte. Und als R.-versuch kann man die Bauernkriege schon bezeichnen, der aber iW gescheitert ist. http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_M%C3%BCntzer
Die Reformation ist vielleicht beides, gesellschaftlich und kulturell, da kommen wir noch drauf zurück.
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17.07.2012, 09:42
Beitrag: #42
RE: Revolutionen der Weltgeschichte
(17.07.2012 08:56)Maxdorfer schrieb:  
(17.07.2012 08:50)Renegat schrieb:  Mmh, ich denke, dass Napoleon sich als Kaiser krönte, kann man nicht als Scheitern der Revolution auslegen.
...radikal Neues an ihre Stelle zu setzen (z. B. neue Machtstrukturen, neue Eliten, neue Eigentumsverhältnisse, eine neue [Verfassungs-]Ordnung etc.).
Bei der franz. R. sind doch alle Kriterien der Definition erfüllt,
Machtstrukturen ja,
Eliten ja, Napoleon und seine Familie zähle ich damit zur Nachwirkung der R.
neue Ordnung http://de.wikipedia.org/wiki/Code_civil
neue Eigentumsverhältnisse würde ich auch bejaen, da der Adel entmachtet wurde. Wie sich das besonders auf dem Land gestaltete, müßte ich nachlesen, vielleicht hat das jemand im Kopf.
Nach den Wiener Kongressen wurde die Bourbonenherrschaft wiederhergestellt und es wurde eine Restauration der vorrevolutionären Zustände durchgeführt. Weshalb ja im übrigen 1830 schon wieder eine Revolution ausbrach.

Bisher habe ich das Scheitern von Revolutionen nicht aus der Langzeitperspektive betrachtet. Kann man eine Revolution nach 20-30 Jahren oder wie im Falle der Oktoberrevolution nach fast 100 Jahren noch für gescheitert erklären, weil es zu einer Restauration oder Gegenrevolution kommt?
Wie sehen das die anderen?
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17.07.2012, 12:10
Beitrag: #43
RE: Revolutionen der Weltgeschichte
(17.07.2012 09:42)Renegat schrieb:  Bisher habe ich das Scheitern von Revolutionen nicht aus der Langzeitperspektive betrachtet. Kann man eine Revolution nach 20-30 Jahren oder wie im Falle der Oktoberrevolution nach fast 100 Jahren noch für gescheitert erklären, weil es zu einer Restauration oder Gegenrevolution kommt?
Wie sehen das die anderen?

Natürlich nicht.
Selbstverständlich hatte die Oktoberrevolution Erfolg.
Dass 2 Menschenalter später eine neuerliche Revolution zu wieder anderen Ergebnissen kam, steht ja aucf einem ganz anderen Blatt.

Es gibt von der BW-Landeszentrale für politische Bildung "Revolutionen im Südwesten" da wird auch den Ereignissen 1945-49, allerdings mir Vorbehalten gedacht.
Dialektisch stimmts doch. These Oligarchie, Antithese Demokratie, Synthese Bundesrepublik Deutschland.Idea

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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17.07.2012, 15:13
Beitrag: #44
RE: Revolutionen der Weltgeschichte
Habe ich mir diesen Sammelband mal angesehen.

"Die großen Revolutionen im Südwesten" herausgegeben von Hans-Georg Wehling und Angelika Hauser-Hauswirth
Schriften zur politischen Landeskunde Band 27
Landeszentrale für politische Bildung BW 1998

Im Vorwort zeichnen die Herausgeber ein etwas anderes Bild von einer Revolution wie es hier zur Sprache kam, und wie ich es von den Debatten im Republikanischen Club kannte, als wir in jedem 2. Satz das Wort "Dialektik" anbrachten.

Sinngemäß:
Das Wort "Revolution" verbinde sich im alltagssprachgebrauch mit Begriffen wie Massen, Straße, Gewalt und Blut. Das wäre die spektakuläre "Außenseite" einer Revolution geprägt insbesondere von der Großen Franz. Revolution.
Zu wenig beachtet werde die "Innenseite", der Inhalt dessen was eine Revolution ausmache: die radikale Veränderung aller Lebensumstände, der Institutionen, der Denkweisen und Wertvorstellungen, die davon miterfasst und umgestaltet werden. Revolutionen lassen nichts unberührt - nach einer Revolution ist nichts mehr so, wie es zuvor war.

So geht es noch ein paar Seiten weiter, es wird abgegrenzt zur Revolte, zum Putsch zusätzlich kommt der Begriff der "partizipatorischen Revolution" von 1848/49 ins Spiel, wie sie sich damals in Württemberg aufbauend auf 400 Jahren der Mitbestimmung abgespielt hat. Im Gegensatz zu Baden, wo die Revolution sehr blutige Züge bekam.

Und ausgehend von diesem obigen Revolutionsbegriff wird dann die Nachkriegszeit auch als Revolution begriffen.
Dies wird in den Gegensatz zu der Revolution 1918/19 gesetzt, wo 15 Jahre später ein Herr Hitler die "revolutionären Errungenschaften" der Demokratie gleichsam au Passant kassierte.
Während heute (1998) 87% der deutschen Bevölkerung die Demokratie und 80% die bundesdeutsche Spielart als die beste Staatsform von allen bezeichnen.
Ein revolutionärer Prozess wie er nicht hätte durchgreifender sein können.


Edit: sorry, wenn ich in den Beiträgen zuvor etwas den nötigen Ernst bei seite ließ, es waren die Erinnerungen an durchdiskutierte Nächte vor vielen Jahrzehnten.Blush

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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17.07.2012, 17:03
Beitrag: #45
RE: Revolutionen der Weltgeschichte
Ich kann dich voll und ganz verstehen.
Ein Neffe (er war drei Jahre älter als ich) sagte einmal: "Wer mit 20 kein Sozialist ist hat kein Herz. Wer mit 50 noch Sozialist ist hat keinen Verstand."
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17.07.2012, 19:26
Beitrag: #46
RE: Revolutionen der Weltgeschichte
(15.07.2012 14:57)Renegat schrieb:  Revolution dagegen ist etwas klarer definiert aus http://www.bpb.de/wissen/2BO1DD

lat.] R. bezeichnet eine schnelle, radikale (i. d. R. gewaltsame) Veränderung der gegebenen (politischen, sozialen, ökonomischen) Bedingungen. Politische R. zielen i. d. R. auf die Beseitigung der bisherigen politischen Führer und die Schaffung grundsätzlich neuer Institutionen, verbunden mit einem Führungs- und Machtwechsel. Ziel der bewusst herbeigeführten, tief greifenden Veränderungen ist es, mit einem politischen Neuanfang die bisherigen Probleme und Machtstrukturen zu beseitigen und radikal Neues an ihre Stelle zu setzen (z. B. neue Machtstrukturen, neue Eliten, neue Eigentumsverhältnisse, eine neue [Verfassungs-]Ordnung etc.).

(17.07.2012 15:13)Suebe schrieb:  Habe ich mir diesen Sammelband mal angesehen.

"Die großen Revolutionen im Südwesten" herausgegeben von Hans-Georg Wehling und Angelika Hauser-Hauswirth
Schriften zur politischen Landeskunde Band 27
Landeszentrale für politische Bildung BW 1998

Im Vorwort zeichnen die Herausgeber ein etwas anderes Bild von einer Revolution wie es hier zur Sprache kam, und wie ich es von den Debatten im Republikanischen Club kannte, als wir in jedem 2. Satz das Wort "Dialektik" anbrachten.

Sinngemäß:
Das Wort "Revolution" verbinde sich im alltagssprachgebrauch mit Begriffen wie Massen, Straße, Gewalt und Blut. Das wäre die spektakuläre "Außenseite" einer Revolution geprägt insbesondere von der Großen Franz. Revolution.
Zu wenig beachtet werde die "Innenseite", der Inhalt dessen was eine Revolution ausmache: die radikale Veränderung aller Lebensumstände, der Institutionen, der Denkweisen und Wertvorstellungen, die davon miterfasst und umgestaltet werden. Revolutionen lassen nichts unberührt - nach einer Revolution ist nichts mehr so, wie es zuvor war.
Dass sich der umgangssprachliche Inhalt unterscheiden kann, will ich nicht bestreiten, hier im Forum liegen wir mit der Definition hier im Thema auf Linie, wir hatten aber die gesellschaftlichen R. von den kulturellen unterschieden. Die von dir zitierte innere Sicht, paßt mE besser zu den kulturellen R.

PS die Assoziationen zum Begriff Revolution können wir ja woanders besprechen Smile http://www.forum-geschichte.at/Forum/sho...hp?tid=241


(17.07.2012 15:13)Suebe schrieb:  Und ausgehend von diesem obigen Revolutionsbegriff wird dann die Nachkriegszeit auch als Revolution begriffen.
Dies wird in den Gegensatz zu der Revolution 1918/19 gesetzt, wo 15 Jahre später ein Herr Hitler die "revolutionären Errungenschaften" der Demokratie gleichsam au Passant kassierte.
Während heute (1998) 87% der deutschen Bevölkerung die Demokratie und 80% die bundesdeutsche Spielart als die beste Staatsform von allen bezeichnen.
Ein revolutionärer Prozess wie er nicht hätte durchgreifender sein können.
Naja, zur Definition paßt es zwar, mir fehlt die Plötzlichkeit und vor allem stört mich, dass die tiefgreifende, plötzliche Veränderung nun mal von außen erwirkt wurde. Für mich sollten sich die revolutionären Massen innerhalb des zu verändernden System befinden. 1918/19 noch eher als 48/49.
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17.07.2012, 19:55
Beitrag: #47
RE: Revolutionen der Weltgeschichte
(17.07.2012 19:26)Renegat schrieb:  Naja, zur Definition paßt es zwar, mir fehlt die Plötzlichkeit und vor allem stört mich, dass die tiefgreifende, plötzliche Veränderung nun mal von außen erwirkt wurde. Für mich sollten sich die revolutionären Massen innerhalb des zu verändernden System befinden. 1918/19 noch eher als 48/49.

Die revolutionären Massen des Novembers 1918 wurden aber ebenfalls "von außen" angestossen.
Der "Demokratisierungsprozess" war am laufen. Auf Wunsch WilsonsSad
Auf diesen Zug sind sie alle aufgesprungen, in der Hoffnung mit "einem blauen Auge" davonzukommen.
Als die Hoffnung trog, sind sie zügig wieder abgesprungen und haben der letzten demokratisch legitimierten Regierung 1929 keine Träne nachgeweint.

Das Umdenken nach Hitler dagegen hat recht schnell an der Basis eingesetzt.


Deine Revolutionsdefinition hatte ich überlesen ....Blush

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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17.07.2012, 20:36
Beitrag: #48
RE: Revolutionen der Weltgeschichte
(17.07.2012 19:55)Suebe schrieb:  
(17.07.2012 19:26)Renegat schrieb:  Naja, zur Definition paßt es zwar, mir fehlt die Plötzlichkeit und vor allem stört mich, dass die tiefgreifende, plötzliche Veränderung nun mal von außen erwirkt wurde. Für mich sollten sich die revolutionären Massen innerhalb des zu verändernden System befinden. 1918/19 noch eher als 48/49.

Die revolutionären Massen des Novembers 1918 wurden aber ebenfalls "von außen" angestossen.
Der "Demokratisierungsprozess" war am laufen. Auf Wunsch WilsonsSad
Auf diesen Zug sind sie alle aufgesprungen, in der Hoffnung mit "einem blauen Auge" davonzukommen.
Als die Hoffnung trog, sind sie zügig wieder abgesprungen und haben der letzten demokratisch legitimierten Regierung 1929 keine Träne nachgeweint.

Das Umdenken nach Hitler dagegen hat recht schnell an der Basis eingesetzt.


Deine Revolutionsdefinition hatte ich überlesen ....Blush

Wo, Ihr Beiden, war denn der Anstoß von außen ? und wo die Verbindung zu 1848 ? Niemand "sprang auf einen Zug auf"

Die Revolution kam spontan, innerhalb von Stunden, ohne Führung.

Als die Matrosen in Kiel und Wilhelmshaven die Feuer aus den Kresseln rissen, sind die zwar durchaus von außen angestoßen worden, keinesfalls aber durch Wilson, dessen 14 Punkte in einem ganz anderen Orchester gespielt wurde. Wilson ging es im wesentlichen um das Selbstbestimmungsrecht der Völker.

Die Matrosen wollten einfach nicht in einem sinnlosen, prestigeheischenden Angriff im Sinne der OHL und der Seekriegsleitung gegen die englische Flotte verheizt werden.

Zwar kein Anstoß aber eine Anleihe aus der Revolution in Russland gab es schon. Die Bildung von Räten/Sowjets in Kiel, Berlin (auch München ) von Sozialdemokraten, die sich sponan bildeten.
.
Anfangs eine Revolution noch wärend der letzten Kriegstage, wurde diese dann durch die eigenen Genossen niederkartätscht.

Eine sozialdemokratische Revolution wird durch die eigene Führung unter Ebert und Noske zerschlagen, mit Hilfe rechtsnationaler Verbände, ein, wie ich meine, in der Geschichte einmaliger Vorgang.
Ebert in der kleinkarierten Sicht eines gediegenen Handwerksmeister, reagierte so, wie er meinte, wie die Großen Männer, zu denen er bis dahin zeitlebens aufgeschaut hatte, ragieren würden.
Und als er nun mit warmer Dankbarkeit die Verantwortung über Deutschland entgegen genommen hatte, da verriet er seine Genossen..

Und es liegt eine gewisse Gerechtigkeit in der Geschichte, dass es diese rechtsnationalen Kräfte waren, die Ebert dann später buchstäblich zu Tode hetzten.
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17.07.2012, 21:30
Beitrag: #49
RE: Revolutionen der Weltgeschichte
(17.07.2012 08:00)Maxdorfer schrieb:  Ich habe noch mal drüber nachgedacht:
Ich denke, man sollte die Revolutionen von 1789 und 1848 t e i l w e i s e als gescheitert betrachten.
Einerseits blieben ihre Ideale an der Tagesordnung, man konnte verschiedene Forderungen umsetzen.
Aber als Umkremplung der politischen Verhältnisse - was eine politische Revolution ja auch ist - sind die beiden gescheitert. Die französische Revolution - der ja außer Napoleon auch noch eine weitere Bourbonenherrschaft folgte - dabei besonders.

Wie gesagt, aber was soziale und gesellschaftliche Forderungen, die in den politischen Forderungen verpackt waren, angeht, waren die beiden Revolutionen schon eher erfolgreich.
Bei einem halb/halb (Halb erfolgreich, halb nicht erfolgreich) Kompromiss würde ich also zustimmen.

Die Restauration von 1814/15 brachte ja nicht die Verhältnisse von vor 1789 zurück. Viele napoleonische Beamte und Generäle konnten unter Ludwig XVIII. ihre Stellung erhalten. Es existierte eine Nationalversammlung. Die Wirtschaft wurde von Bankiers und Großbürgern, teilweise Aufsteigern aus der Revolutionszeit beherrscht. Der alte Adel erlangte nicht mehr seine alte Stellung zurück. Ebenso wurden die Eigentumsverhältnisse, die sich während der Revolution oder unter Napoleon herausgebildet haben, nicht angetastet. Der Code Civil blieb Gesetz und die neue Verwaltungsstruktur (Departements) blieb erhalten. Als dann Karl X. tatsächlich versuchte, Errungenschaften der Revolution oder Napoleons zu beseitigen, wurde er durch die Julirevolution 1830 gestürzt.

Die Französische Revolution ist nicht gescheitern, nicht einmal teilweise. Sie war vielleicht unvollendet, aber nach den Ereignissen von 1830, 1848 und 1870 setzte sich ihre Ideale schließlich durch. Frankreichs III. Republik war ein moderner bürgerlicher säkularer Staat und unterschied sich in allen wesentlichen Dingen vom Frankreich des Ancien Regimes.

"Geschichte erleuchtet den Verstand, veredelt das Herz, spornt den Willen und lenkt ihn auf höhere Ziele." Cicero
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17.07.2012, 21:57
Beitrag: #50
RE: Revolutionen der Weltgeschichte
Sansavoir, ich stimme dir zu. Da du Detailkenntnisse zu haben scheinst, kannst du meine Frage zur Änderung der Eigentumsverhältnisse besonders auf dem Land in F nach der Revolution beantworten? Wie lief das ab, wurde der Adelsbesitz unter die Bauern aufgeteilt?
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17.07.2012, 22:20
Beitrag: #51
RE: Revolutionen der Weltgeschichte
(17.07.2012 09:42)Renegat schrieb:  
(17.07.2012 08:56)Maxdorfer schrieb:  Nach den Wiener Kongressen wurde die Bourbonenherrschaft wiederhergestellt und es wurde eine Restauration der vorrevolutionären Zustände durchgeführt. Weshalb ja im übrigen 1830 schon wieder eine Revolution ausbrach.

Bisher habe ich das Scheitern von Revolutionen nicht aus der Langzeitperspektive betrachtet. Kann man eine Revolution nach 20-30 Jahren oder wie im Falle der Oktoberrevolution nach fast 100 Jahren noch für gescheitert erklären, weil es zu einer Restauration oder Gegenrevolution kommt?
Wie sehen das die anderen?

Ich denke, man muss die Ergebnisse von Revolutionen langfristig sehen und eben auch stagnierende oder gar rückläufige Entwicklungen akzeptieren.

Die Oktoberrevolution ist nicht gescheitert, da ja die Umwandlung Russlands von einer Agrar- zur Industrienation erfolgreich war. Kam es tatsächlich zu einer Restauration, wurden die alten Eigentumsverhältnisse wieder hergestellt oder kehrten die alten Eliten an die Macht zurück? Ich denke nein. Es ist nach 1990 wieder etwas neues entstanden und es gibt eben neue Machteliten. Somit würde ich von einer weiteren Revolution sprechen.

Am Beispiel Frankreich habe ich schon dargelegt, dass die Französische Revolution nicht gescheitert ist, trotz Restauration, die ja eben nicht die Verhältnisse vor 1789 zurückbrachte. Und über die Revolutionen von 1830 und 1848 und dem Sturz Napoleons III. 1870 kam es zur Bildung der III. Republik, einen modernen, bürgerlichen, säkularen Staat, der sich völlig vom Ancien Regime unterschied.

Ähnliches kann man über England und Schottland schreiben. Die sog. Tudor-Revolution unter Heinrich VIII. und Elisabeth I., die englische bürgerliche Revolution und das Commonwealth unter Cromwell und die Glorious Revolution unter Wilhelm III. sollten in Zusammenhang gesehen werden. Es bildete sich ein früher bürgerlicher Nationalstaat heraus, der alte Feudalstaat wurde überwunden.

Ein weiteres Beispiel wäre China. Revolution 1911/12 unter Sun Yatsen,
1949 Mao, nach 1976 Wirtschaftsreformen von Deng Xiao Ping. China erlangte um das Jahr 2000 seine alte weltpolitische Bedeutung zurück, auch ein Ziel der Revolutionäre von 1911/12.

Oder die mexikanische Revolution von 1910 bis 1917 bzw. 1920. Fortführung unter Cardenas 1934-1940, bis ca. 1970 progressive Entwicklung, danach rückläufig. Momentan würde ich sagen, dass sie gescheitert ist.

Eine weitere gescheiterte Revolution wäre z.B. die Revolution der Sklaven auf Santo Domingo bzw. Haïti.

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18.07.2012, 09:29
Beitrag: #52
RE: Revolutionen der Weltgeschichte
(17.07.2012 22:20)Sansavoir schrieb:  Eine weitere gescheiterte Revolution wäre z.B. die Revolution der Sklaven auf Santo Domingo bzw. Haïti.

Wieso?

Eher ein Beispiel einer "permanenten Revolution"
Die Franzosen als Kolonialherren sind jedenfalls nie wieder gekommen

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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18.07.2012, 09:36
Beitrag: #53
RE: Revolutionen der Weltgeschichte
Ihr Lieben,
wie schon geschrieben wurde, kann man das Scheitern oder eine geglückte Revolution nicht an den nachfolgenden 10 bis 20 Jahren festmachen, sondern wie sich eine Revolution in 100 Jahren oder noch länger ausgewirkt hat. Wenn das Bedürfnis in der Mehrheit der Bevölkerung zur Änderung der Verhältnisse vorhanden ist, dann werden Revolutionen immer wieder stattfinden, bis sie endlich gelungen sind.Wink

Was Du nicht willst, dass man Dir tu, das füg auch keinem Andern zu
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18.07.2012, 13:26
Beitrag: #54
RE: Revolutionen der Weltgeschichte
Stimmt, dass die Französische Revolution gescheitert ist, kann man nicht wirklich behaupten. Aber die Revolution 1848/49 scheiterte schon (teilweise, wie gesagt). Zwar gelang es, ein Parlament einzuberufen, aber einen dauerhafteren Staat mit Oberhaupt auf die Beine zu stellen, schaffte man nicht. Eben weil der Preußenkönig die Kaiserkrone ablehnte.

Wäre ich Antiquar, ich würde mich nur für altes Zeug interessieren. Ich aber bin Historiker, und daher liebe ich das Leben. (Marc Bloch)
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18.07.2012, 15:20
Beitrag: #55
RE: Revolutionen der Weltgeschichte
(18.07.2012 13:26)Maxdorfer schrieb:  Stimmt, dass die Französische Revolution gescheitert ist, kann man nicht wirklich behaupten. Aber die Revolution 1848/49 scheiterte schon (teilweise, wie gesagt). Zwar gelang es, ein Parlament einzuberufen, aber einen dauerhafteren Staat mit Oberhaupt auf die Beine zu stellen, schaffte man nicht. Eben weil der Preußenkönig die Kaiserkrone ablehnte.

In der 48er Revolution waren die verschiedensten Gruppen mit den verschiedensten Zielen involviert.
Die insgesamt verm. gewaltbereiteste Gruppe war die Landbevölkerung, sie litt zdZ unter einer Vielzahl von Abgaben und Auflagen, die "Vielregiererei" wurde das genannt. Die Verhandlungen über Abschaffungen liefen seit Jahrzehnten, hingehalten, verzögert und blockiert von den "Standesherrschaften".
Im Frühjahr 1848 wurde das alles hinweggefegt in einem einzigen "Aufwasch".
Und! es wurde nichts mehr zurückgenommen.

zB:
Die Grafen Quadt in Isny haben das ganze 19. Jahrhundert hindurch prozessiert, um ihre verflossenen Rechte, und haben verloren!


Deshalb: Für die Landbevölkerung war die 48er Revolution erfolgreich.

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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18.07.2012, 15:32
Beitrag: #56
RE: Revolutionen der Weltgeschichte
(18.07.2012 15:20)Suebe schrieb:  In der 48er Revolution waren die verschiedensten Gruppen mit den verschiedensten Zielen involviert.
Die insgesamt verm. gewaltbereiteste Gruppe war die Landbevölkerung, sie litt zdZ unter einer Vielzahl von Abgaben und Auflagen, die "Vielregiererei" wurde das genannt. Die Verhandlungen über Abschaffungen liefen seit Jahrzehnten, hingehalten, verzögert und blockiert von den "Standesherrschaften".
Im Frühjahr 1848 wurde das alles hinweggefegt in einem einzigen "Aufwasch".
Und! es wurde nichts mehr zurückgenommen.

zB:
Die Grafen Quadt in Isny haben das ganze 19. Jahrhundert hindurch prozessiert, um ihre verflossenen Rechte, und haben verloren!


Deshalb: Für die Landbevölkerung war die 48er Revolution erfolgreich.

Man betrachte das kleine, feine, aber bedeutungsschwere Wort in meinem Beitrag:

"teilweise".

Wäre ich Antiquar, ich würde mich nur für altes Zeug interessieren. Ich aber bin Historiker, und daher liebe ich das Leben. (Marc Bloch)
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18.07.2012, 15:57
Beitrag: #57
RE: Revolutionen der Weltgeschichte
(18.07.2012 15:20)Suebe schrieb:  Deshalb: Für die Landbevölkerung war die 48er Revolution erfolgreich.
Und da das die Mehrheit war, der größere Teil von "teilweise".Smile
Wie sieht es mit den Eigentumsverhältnissen aus? MW wurde im D-gebiet nicht enteignet, sondern die Bauern mußten pachten oder kaufen.
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18.07.2012, 16:18
Beitrag: #58
RE: Revolutionen der Weltgeschichte
(18.07.2012 15:32)Maxdorfer schrieb:  Man betrachte das kleine, feine, aber bedeutungsschwere Wort in meinem Beitrag:

"teilweise".


Das du durch die "Einklammerung" sehr relativiert hast, und ich deshalb ergänzen musste.

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18.07.2012, 16:40
Beitrag: #59
RE: Revolutionen der Weltgeschichte
(18.07.2012 15:57)Renegat schrieb:  Und da das die Mehrheit war, der größere Teil von "teilweise".Smile
Wie sieht es mit den Eigentumsverhältnissen aus? MW wurde im D-gebiet nicht enteignet, sondern die Bauern mußten pachten oder kaufen.

Es ging nicht um das Eigentum an Grund und Boden! Es ging um Rechte, die auf dem unbestrittenen Eigentum der Bauern lasteten.
Beispiel:
Der Kirchenzehnte des altwürttembergischen Dorfes Pfeffingen das seit der Reformation evangelisch war, gehörte dem Kloster Beuron, das 1807 Hzl- Sigmaringen "beerbte". Womit der Pfeffinger Kirchenzehnte bis 1848 dem kath. Fürsten zu Hzl-Sig. gehörte.
Der Zehnte wurde mit Geld abgelöst, die Sigmaringer bekamen aber deutlich weniger, wei man ihnen 10 Jahre zuvor ausgehandelt angeboten hatten, und sie sich noch 10 Jahre zierten.

In manchen Dörfern musste jeder Hof zu dieser oder jener Gelegenheit der Standesherrschaft ein Huhn abliefern. Im März 48 haben die Bauern die Rentämter gestürmt, sich die Akten gegriffen, in denen ihrer Vermutung nach diese Rechte aufgezeichnet waren, diese angebrannt, und wenn wieder ein Blatt brennend davonflog, jubelte man "da fliegt wieder ein "Gickerle"".

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19.07.2012, 01:03
Beitrag: #60
RE: Revolutionen der Weltgeschichte
(18.07.2012 09:29)Suebe schrieb:  
(17.07.2012 22:20)Sansavoir schrieb:  Eine weitere gescheiterte Revolution wäre z.B. die Revolution der Sklaven auf Santo Domingo bzw. Haïti.

Wieso?

Eher ein Beispiel einer "permanenten Revolution"
Die Franzosen als Kolonialherren sind jedenfalls nie wieder gekommen

So kann man es auch sehen, denn in den letzten 200 Jahren haben sich die Verhältnisse auf Haïti nicht verbessert.

"Geschichte erleuchtet den Verstand, veredelt das Herz, spornt den Willen und lenkt ihn auf höhere Ziele." Cicero
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