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Schwabenkinder
27.01.2013, 22:49
Beitrag: #1
Schwabenkinder
(27.01.2013 02:15)Luki schrieb:  
(27.01.2013 01:28)Paul schrieb:  Auch die Kinderarbeiter in Norditalien, die aus der Schweiz stammten, wurden doch auch als Schwabenkinder bezeichnet. Das mit der Bezeichnung muß also noch einen anderen Hintergrund haben.

Servus Paul .

Das mit den Schwabenkindern ( Hüttekinder ) kenne ich aus Tirol und Vorarlberg .
Zu Saisonbeginn im Frühjahr zogen arme Kinder nach Schwaben .
Daher der Name Schwabenkinder .
Dort wurden sie verpachtet und aufgeteilt .
Sie verrichteten Arbeiten als Knechte oder Mägde ,
oder wenn sie Glück hatten als Zofen in Stadthäusern .
Das waren Kinder ab 9. Jahren !!!!

[Bild: 220px-B%C3%BCndner_Schwabenkinder_1907.JPG]

Bündner Schwabenkinder in Arnach (1907)

http://de.wikipedia.org/wiki/Schwabenkinder

Es wurde auch ein Kinofilm über diese Thematik gedreht :

http://de.wikipedia.org/wiki/Schwabenkinder_%28Film%29

G.v.Luki

(27.01.2013 10:23)913Chris schrieb:  
(27.01.2013 02:15)Luki schrieb:  Das mit den Schwabenkindern ( Hüttekinder ) kenne ich aus Tirol und Vorarlberg .
Zu Saisonbeginn im Frühjahr zogen arme Kinder nach Schwaben .
Daher der Name Schwabenkinder .

Kenn ich auch aus Bayern. Dort gab es seit dem Mittelalter nicht nur italienische Wanderhändler (der bayerische Begriff "Katzelmacher" für Italiener stammt aus dieser Zeit; "Katzel" ist laut Wikipedia eine Verballhornung des italienisch-romanischen Wortes für "Kessel", ich kenn das eher so, dass ein "Katzel" ein Art Holzlöffel war, was dann auf hölzerne Küchengeräte aller Art ausgeweitet wurde, die wiederum von diesen aus dem norditalienischen und südschweizerischen Raum stammenden Händlern angefertigt und verkauft wurden), sondern mein persönlicher Stammbaum beginnt im 17.Jh. mit einer Magd aus Tirol, deren Sohn aus leicht nachvollziehbaren Gründen den Hof erbte, auf dem sie arbeitete... Smile

VG
Christian

Zitat:Zitat:Luki schrieb: Das mit den Schwabenkindern ( Hüttekinder ) kenne ich aus Tirol und Vorarlberg .
Zu Saisonbeginn im Frühjahr zogen arme Kinder nach Schwaben .
Daher der Name Schwabenkinder


Das ist so zweifellos richtig.
Diese Sonderform der "Saisonarbeit" in dem Fall von Kindern gab es bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein. Ziele waren in aller Regel die großen Höfe Oberschwabens.
Was hier aber anzumerken ist, es war allen Beteiligten bewusst, dass es sich um Kinder handelte! Die keineswegs im rechtsfreien Raum landeten!
Auch zB die Schulpflicht galt für die Hütekinder.
Was natürlich nichts daran ändert, welche schlimmen Zustände hier aufschimmern, Kinder in die Fremde schicken, damit ein Esser weniger am Tisch sitzt...........
Die Entlohnung war eigentlich eher rudimentär, und beschränkte sich meist auf eine Neuausstattung an Kleidung.

Im Freilichtmuseum Neuhausen ob Eck gab es in den 90ern eine Sonderausstellung zum Thema, ich müsste noch eine Dokumentation irgendwo rumliegen haben. Vielleicht finde ich sie kurzfristig.


Gefunden:
Den Begriff "Schwabenkinder" kann man eigentlich erweitern, Hütekinder.
Denn zuerstmal haben diese "Arbeitstellen" natürlich die Kinder der Ortsarmen angenommen, vielfach auch auf den Höfen der Nachbarorte.

"Es war eine große Familie mit zuviel Essern am Tisch. Um etwas besser durchzukommen mußte eins der besten Esser Hütekind werden."

Womit die Gründe auch für die Tiroler und Vorarlberger "Schwabenkinder" genannt sind. Wobei ich jetzt mal bei denen bleibe.

Mit beginnender Schneeschmelze in den Alpen sind diese Kinder über 100-150 km gewandert, sie kamen über den Arlberg, über den Reschen oft noch durch tiefen Schnee.
Hunderte, in manchen Jahren Tausende. Im Jahr 1830 sollen es 4.500 Kinder aus Tirol und Vorarlberg gewesen sein, die nach Norden zogen um bis in den Herbst Arbeit zu finden und etwas Geld zu verdienen.
Das für die Familien zu Hause eine unentbehrliche Hilfe darstellte.

Die Kinder sind wie oben geschrieben nicht in einen rechtsfreien Raum gefallen, lokale Stellen haben die Wanderungen organisiert. Anmeldungen haben die örtlichen Schulen entgegengenommen. Geistliche führten und begleiteten die Kinder auf dem Weg nach Norden.

Auf den Kindermärkten in Ravensburg, Wangen, Waldsee, Überlingen und Pfullendorf suchten sich die Schwabenkinder dann einen Arbeitgeber.
Markt, hier wartete eine größere Menge von Kindern darauf als "Arbeitskraft" taxiert zu werden, es wurde um den Lohn gehandelt.
[/quote]
OT: Bevor hier die moralische Keule geschwungen wird, das war damals auch für das erwachsene Gesinde üblich, wenn zum selben Termin viele Leute Arbeit suchen und viele Stellen angeboten werden, ist so ein Verfahren unumgänglich.
TT: Die Mädchen fanden Beschäftigung im Haushalt und zur Beaufsichtigung der Kinder, Knaben setzte man zur Feld, und Stallarbeit ein, insbesondere zum Viehhüten.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde ein Geldbetrag von 4 bis 18 Gulden bezahlt. außerdem Kost und Wohnung, zwei Hemden eine Jacke eine Hose und ein paar Stiefel. Um 1900 waren zwischen 70 und 160 Mark üblich, und das doppelte "Häs" wie wir sagen, also zwei Garnituren Kleidung.

Meine Aussage von weiter oben zur Schulpflicht muss ich allerdings revidieren. Die galt wohl im Grundsatz schon, aber im Jahr 1913 sprach sich ein abgeordneter im württ. Landtag für die Überwachung und Durchsetzung der Schulpflicht auch dieser Kinder aus, was aber abgelehnt wurde: man würde den Landwirten Oberschwabens damit die dringend benötigten Arbeitskräfte entziehen.

1914 hat dann die Tiroler Landesregierung die Kinderwanderung nach Deutschland verboten, die Vorarlberger kamen aber noch bis in die 20er Jahre.


In den Kriegsjahren 1939 bis 1945 gab es allerdings einen bis heute wenig beachteten Nachklapp. Diesmal kamen die "Hütekinder" aus den kriegs- später luftkriegsbedrohten Großstädten an Rhein und Saar.
Auch diesmal war ihre Arbeit unentbehrlich. So gibt es aus dem Oktober 1942 ein Schreiben eines Bürgermeisteramts "dass die Jungen noch nicht zurückgeführt werden, da dieselben von den Bauern dringend benötigt werden, zumal ein Teil der Bauern zur Wehrmacht eingezogen sind."

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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28.01.2013, 21:28
Beitrag: #2
RE: Schwabenkinder
Noch eine Ergänzung.
Das hat jetzt mit den "Schwabenkindern" weniger zu tun, aber mit der Mitarbeit von Kindern speziell in der Landwirtschaft.

Bis in die 60er Jahre hinein waren in Baden-Württemberg die Sommerferien in den Dörfern einige Wochen kürzer, als in den Städten!

Die Dorfkinder bekamen in der 2. Oktoberhälfte nochmals (ich glaube) 2 Wochen längere Ferien.
Kartoffelferien!
Um bei der Kartoffelernte mitarbeiten zu können, die damals ausschließlich Handarbeit war!

Wenn man heute im Herbst die "Vollernter" über die Felder breschen sieht, kann man sich diese mühselige Arbeit gar nicht mehr vorstellen.

Ich bin aber ein "Stadtkind" die richtigen Hintergrundinfos habe ich leider nicht.
Vielleicht kann eine/r noch etwas dazu schreiben.
Wäre schön.

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29.01.2013, 12:31
Beitrag: #3
RE: Schwabenkinder
Wir können uns so schön über Kinderarbeit in Ländern der dritten oder vierten Welt auf'regen und vergessen dabei, daß diese Kinderarbeit nötig ist um diese Kinder und ihre Familien am Leben zu erhalten. Genauso war es mit den Schwabenkindern.
Natürlich ist das sehr sehr unschön. Das einzige wirksame Gegenmittel, wie es auch bei uns wirkte, ist steigender Wohlstand in diesen Ländern. Dann müssen wir natürlich auf preiswerte Orienteppiche verzichten.
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29.01.2013, 13:46
Beitrag: #4
RE: Schwabenkinder
(29.01.2013 12:31)Harald1 schrieb:  Wir können uns so schön über Kinderarbeit in Ländern der dritten oder vierten Welt auf'regen und vergessen dabei, daß diese Kinderarbeit nötig ist um diese Kinder und ihre Familien am Leben zu erhalten. Genauso war es mit den Schwabenkindern.
Natürlich ist das sehr sehr unschön. Das einzige wirksame Gegenmittel, wie es auch bei uns wirkte, ist steigender Wohlstand in diesen Ländern. Dann müssen wir natürlich auf preiswerte Orienteppiche verzichten.


Als ich am Samstag abend nach Hause gefahren bin, sind mir 2 Mädchen so 12-13 begegnet, die haben Prospekte ausgetragen.
Vor kurzem ist mir ein Aufsatz untergekommen, darin wird beschrieben wie Kinder, auch in der Dritten Welt tatsächlich arbeiten wollen! Positiv. Geld für kleine Wünsche.
Könnte man auch noch etwas dazu schreiben, aber ich packs nicht zZ.
einfach zu viel angefangen hier.

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29.01.2013, 16:15
Beitrag: #5
RE: Schwabenkinder
(29.01.2013 13:46)Suebe schrieb:  Als ich am Samstag abend nach Hause gefahren bin, sind mir 2 Mädchen so 12-13 begegnet, die haben Prospekte ausgetragen.

Die werden vermutlich kaum 12-13 gewesen sein, sondern mindestens 14. Auch solche (leichten) Tätigkeiten, wie Prospekte austragen, laufen unter Arbeit und sind erst ab 14 erlaubt. Darauf achten diese Firmen, die gerne Schüler oder Rentner anstellen, sehr genau.

Aber es stimmt, dass gerade 12 - 13 jährige sich gerne ein paar Euronen dazu verdienen würden, wenn sie denn dürften. Wenn man das einigermaßen geschickt auszunutzen weiß, wird einem schon mal jedes Wochenende der Rasen gemäht oder das Auto geputzt Big Grin

Die Schule meines Ältesten beteiligt sich jedes Jahr an der "Aktion Tagewerk".
An dem Tag, an dem das mündliche Abitur stattfindet, ist für den Rest der Schüler kein Unterricht. Auf freiwilliger Basis können dann die Schüler für diesen einen Tag in einem beliebigen Unternehmen Arbeiten und bekommen dafür einen vorher vereinbarten Lohn. Dieser Lohn wird aber nicht an den Schüler ausgezahlt, sondern auf einem Spendenkonto gesammelt. Das erwirtschaftete Geld fließt gezielt in Projekte, die Kinderarmut und ausbeuterische Kinderarbeit bekämpfen helfen.
Schüler, die noch keine 14 Jahre alt sind, können zwar noch nicht in einem Unternehmen arbeiten, aber den Nachbarn, Eltern, Großeltern den Rasen mähen, das Haus putzen, etc.

Lerneffekt bei den Schülern:
Sie sind deutlich sensibilisierter gegenüber den Themen der dritten Welt, gerade was die Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen in diesen Ländern angeht. Einige merken, wie anstrengend so ein Arbeitstag sein kann. Einigen wird auch klar, dass vielen Kindern und Jugendlichen nichts anderes übrig bleibt, als zum Unterhalt der Familie beizutragen und diese Kinder vielleicht sogar stolz darauf sind und arbeiten wollen, das eigentlich Tragische aber daran ist, dass dies auf Kosten ihrer Schulbildung und Zukunft geschieht.

nicht ärgern, nur wundern...
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29.01.2013, 18:06
Beitrag: #6
RE: Schwabenkinder
(28.01.2013 21:28)Suebe schrieb:  Noch eine Ergänzung.
Das hat jetzt mit den "Schwabenkindern" weniger zu tun, aber mit der Mitarbeit von Kindern speziell in der Landwirtschaft.

Bis in die 60er Jahre hinein waren in Baden-Württemberg die Sommerferien in den Dörfern einige Wochen kürzer, als in den Städten!

Die Dorfkinder bekamen in der 2. Oktoberhälfte nochmals (ich glaube) 2 Wochen längere Ferien.
Kartoffelferien!
Um bei der Kartoffelernte mitarbeiten zu können, die damals ausschließlich Handarbeit war!

Wenn man heute im Herbst die "Vollernter" über die Felder breschen sieht, kann man sich diese mühselige Arbeit gar nicht mehr vorstellen.

Ich bin aber ein "Stadtkind" die richtigen Hintergrundinfos habe ich leider nicht.
Vielleicht kann eine/r noch etwas dazu schreiben.
Wäre schön.

Mein Vater hatte auch noch Weinferien (verlängerte Herbstferien). Genaueres weiß ich aber auch nicht.

Wäre ich Antiquar, ich würde mich nur für altes Zeug interessieren. Ich aber bin Historiker, und daher liebe ich das Leben. (Marc Bloch)
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