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Die Erfindung der Kindheit
14.12.2012, 17:51
Beitrag: #1
Die Erfindung der Kindheit
(13.12.2012 12:10)Suebe schrieb:  Kindheit und Jugend sind eine Entdeckung der Aufklärung.
Zuvor gab es nicht einmal Kleidung die im geringsten Kindgerecht gewesen wäre. Verkleinerte Erwachsenenmode.

Wobei sich Kindheit und Jugend noch sehr lange auf das Bürgertum beschränkten, der Adel hatte ganz andere Vorstellungen von seinem Nachwuchs und dessen Erziehung, (die Kadettenanstalten zB waren ein Relikt der Adelsvorstellungen) und in der Unterschicht hieß es "Not kennt kein Gebot".

Die Fröbelschen Kindergärten zB sind eine klare Entwicklung die aus der Aufklärung entstanden ist. Wobei die zuvor nicht existente "Kindheit und Jugend" nun keineswegs eine auf Deutschland beschränkte Erscheinung war, die Frau des 48er Revolutionärs Carl Schurz hatte bei Fröbel gearbeitet, und stieß nach der gemeinsamen Flucht die Entwicklung in den USA an. Daher der Name "Kindergarten" in den Staaten.

Wobei die Zeit vor dem 19. Jahrhundert auf Grund der "Fundleere" bei diesen Punkten nach wie vor mit ganz erheblicher Vorsicht betrachtet werden muss.
Manches was da heute als unumstößliche Tatsache betrachtet wird, verträgt die Nachschau nicht.
So ist vor ca. 20 Jahren eine "Statistik" datierend aus dem Jahr 1786 aus Murrhardt aufgetaucht, in der die selbständig Tätigen aufgelistet wurden,
aus irgend einem Grund hat der Schreiber nach Geschlechtern getrennt.
20% der selbständig Tätigen waren Witwen und unverheiratete Frauen, sog. "Eigenbrötlerinnen"!
Womit das Wort "Eigenbrötler" gleich auch erklärt wird.


Da mir dieser Punkt wichtig ist, hier ein extra 3nd dazu.

Es ist zweifellos eine Entwicklung, entstanden und ausgelöst durch das Bürgertum im Zeitalter der Aufklärung.
Namen wie Rosseau, Pestalozzi und Fröbel müssen hier erwähnt werden.

Voraussetzung waren vielerlei Umwälzungen, wie das Bewußtsein, dass die Nachkommen nicht von vorneherein Status und Stand der Eltern innehaben würden.
Aber auch die generelle Angewohnheit des Bürgertums, Ehen nach Zuneigung einzugehen, was weder beim Adel noch bei der Unterschicht eine Rolle spielte.
Den Müttern wurde das Selbststillen nahegelegt, in den Medien wurde recht massiv Werbung dafür getrieben. Überhaupt entstanden die ersten Vorläufer von "Eltern" bereits im ausgehenden 18. Jahrhundert. Verlegt zB von Cotta.
Die Mutter- und Elternliebe scheint zdZ entdeckt worden zu sei, zumindest findet sie erstmals ihren Niederschlag in Printmedien. Als das höchste Glück der Mutter wird die Liebe der Kinder gepriesen.

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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14.12.2012, 18:41
Beitrag: #2
RE: Die Erfindung der Kindheit
(14.12.2012 17:51)Suebe schrieb:  Da mir dieser Punkt wichtig ist, hier ein extra 3nd dazu.

Es ist zweifellos eine Entwicklung, entstanden und ausgelöst durch das Bürgertum im Zeitalter der Aufklärung.
Namen wie Rosseau, Pestalozzi und Fröbel müssen hier erwähnt werden.

Voraussetzung waren vielerlei Umwälzungen, wie das Bewußtsein, dass die Nachkommen nicht von vorneherein Status und Stand der Eltern innehaben würden.
Aber auch die generelle Angewohnheit des Bürgertums, Ehen nach Zuneigung einzugehen, was weder beim Adel noch bei der Unterschicht eine Rolle spielte.
Den Müttern wurde das Selbststillen nahegelegt, in den Medien wurde recht massiv Werbung dafür getrieben. Überhaupt entstanden die ersten Vorläufer von "Eltern" bereits im ausgehenden 18. Jahrhundert. Verlegt zB von Cotta.

Inwieweit steht das ganze im Zusammenhang mit Fragen wie Verhütung, Kleinkindersterblichkeit- und Müttersterblichkeit? Wie sicher war die Versorgung der Bevölkerung?

Ich könnte mir schon vorstellen, daß es einer gewissen Sicherheit im Leben von Eltern bedarf, auch schon der ersten Eltern, die sich also solche betrachtet haben, daß eine Kinder-Eltern-Beziehung einen gewissen Bestand haben könnte. Wenn Eltern damit rechnen müssen, daß die meisten ihrer Kinder aufgrund von Krankheiten oder Hunger das Erwachsenenalter nicht erreichen, dann sind sie wohl weniger bereit, in die Entwicklung der Kinder zu investieren. Würde mich mal interessieren, wie da die Zusammenhänge sind.

Irgendwann muss ein Bewußtseinswechsel von "Das sind Mäuler, die ich irgendwie zu stopfen habe" zu "Meine Kinder sind meine Zukunftssicherung" stattgefunden haben...


(14.12.2012 17:51)Suebe schrieb:  Die Mutter- und Elternliebe scheint zdZ entdeckt worden zu sei, zumindest findet sie erstmals ihren Niederschlag in Printmedien. Als das höchste Glück der Mutter wird die Liebe der Kinder gepriesen.

Tja, schon immer haben sich andere angemaßt, zu entscheiden, was man selbst als das größte Glück zu empfinden hat. Das führt nie zu etwas gutem...

Auf dem Grabstein dess Kapitalismus wird stehen: "Zuviel war nicht genug"
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14.12.2012, 21:04
Beitrag: #3
RE: Die Erfindung der Kindheit
(14.12.2012 18:41)Bunbury schrieb:  Irgendwann muss ein Bewußtseinswechsel von "Das sind Mäuler, die ich irgendwie zu stopfen habe" zu "Meine Kinder sind meine Zukunftssicherung" stattgefunden haben...


Dies ist eine Entwicklung des Bürgertums, bis die in der Unterschicht ankam, verging noch ein starkes halbes Jahrhundert.

Auch der Adel war da außen vor.
Die hatten zdZ noch ganz andere Wertvorstellungen für ihren Nachwuchs.
Gute Umgangsformen und Standesbewusstsein standen da völlig im Vordergrund.

Auch die "Ehe aus Zuneigung" kannte zu der Zeit weder Adel noch Unterschicht.

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14.12.2012, 22:01
Beitrag: #4
RE: Die Erfindung der Kindheit
(14.12.2012 21:04)Suebe schrieb:  Dies ist eine Entwicklung des Bürgertums, bis die in der Unterschicht ankam, verging noch ein starkes halbes Jahrhundert.

Auch der Adel war da außen vor.
Die hatten zdZ noch ganz andere Wertvorstellungen für ihren Nachwuchs.
Gute Umgangsformen und Standesbewusstsein standen da völlig im Vordergrund.

Auch die "Ehe aus Zuneigung" kannte zu der Zeit weder Adel noch Unterschicht.

Sicher, soweit hatte ich dich schon verstanden.
Ich wollte nur wissen, ob du weißt, woher dieser Sinneswandel beim Bürgertum kam.
Oder entstand das Bürgertum aus dieser neuen Geisteshaltung heraus? Wenn ja, was waren die Ursachen davon?
Da muss doch ein Mindestmaß an Wohlstand dagewesen sein, alle diese Ideen, Kinder zu erziehen oder aus Liebe zu heiraten können doch nur aufgrund einer gewissen materiellen Sicherheit entstanden sein...

Was kennzeichnete die ersten Vertreter des "Bürgertums"?

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14.12.2012, 23:38
Beitrag: #5
RE: Die Erfindung der Kindheit
Ich würde nicht so einfach sagen, dass beim Bürgertum Ehen nur "aus Zuneigung" geschlossen worden. Bei Bank- und Handelshäusern wurden ähnlich wie beim Adel aus wirtschaftlichen und/oder politischen Gründen geschlossen.

Ich bin mir nicht sicher, ob die Wurzel der bürgerlichen Ehen "aus Zuneigung" in den Ehen evangelischen Pastoren, Philosophen oder Künstler zu suchen ist.

"Geschichte erleuchtet den Verstand, veredelt das Herz, spornt den Willen und lenkt ihn auf höhere Ziele." Cicero
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15.12.2012, 09:30
Beitrag: #6
RE: Die Erfindung der Kindheit
(14.12.2012 23:38)Sansavoir schrieb:  Ich würde nicht so einfach sagen, dass beim Bürgertum Ehen nur "aus Zuneigung" geschlossen worden. Bei Bank- und Handelshäusern wurden ähnlich wie beim Adel aus wirtschaftlichen und/oder politischen Gründen geschlossen.

Wer schreibt denn: nur. Die vorherrschende Form der Partnerfindung und Eheschließung möchte ich dies benennen.
Dass "Ehen aus Kalkül" immer und überall eingegangen werden, ist doch klar.
Es geht um die überwiegende Form, die so zu der Zeit nur im Bürgertum gegeben war.

Zitat:Ich bin mir nicht sicher, ob die Wurzel der bürgerlichen Ehen "aus Zuneigung" in den Ehen evangelischen Pastoren, Philosophen oder Künstler zu suchen ist.

Es gibt außer Pastoren und Philosophen im Bürgertum 18./19. Jahrhundert auch noch andere Berufe, Kaufleute, Beamte, reichere Handwerker usf.

Die Künstler dagegen haben in der bewußten Zeit die "freie Liebe" bevorzugt und propagiert. Tja, man lese und staune, die 68er haben auch da ihre Vorgänger


Das ist sicher ein interessantes Thema, aber könnte man dafür ein eigenes aufmachen?

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15.12.2012, 12:02
Beitrag: #7
RE: Die Erfindung der Kindheit
(14.12.2012 18:41)Bunbury schrieb:  Inwieweit steht das ganze im Zusammenhang mit Fragen wie Verhütung, Kleinkindersterblichkeit- und Müttersterblichkeit? Wie sicher war die Versorgung der Bevölkerung?


Die "Verhütung durch das Stillen" war zdZ wohl längst Allgemeingut. Während der Frau des Bürgers in den genannten Printmedien das Stillen für eine möglichst lange Zeit anempfohlen wurde, hat man dies den Frauen der Unterschicht für lediglich 9 Monate nahegelegt. "Der Kaiser braucht Soldaten". (damit habe ich aber Priobleme)



Zitat:Irgendwann muss ein Bewußtseinswechsel von "Das sind Mäuler, die ich irgendwie zu stopfen habe" zu "Meine Kinder sind meine Zukunftssicherung" stattgefunden haben...

Zu der Zeit sind 50% der Kinder bis zum 5. Lebensjahr verstorben. Der Interessierte von heute ist beinahe Fassungslos, dass die Eltern, in dem Fall der Unterschichten, dies mit nur sehr geringen Gemütsregungen hingenommen haben. Oft den Kindern sogar den Tod gewünscht haben, als bessere Alternative zur kümmerlichen Existenz der Eltern.

Die Philantropen sahen den Schlüssel für die Verbesserung dieser Zustände in der Erweckung der Mutterliebe.
Daneben sah man schon damals, ohne die Hintergründe genau zu verstehen, in der Verbesserung der Hygiene eine Milderung dieser Zustände. Der "ekelerregende Inhalt der Schoppen" war eines der Argumente für das Stillen.

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15.12.2012, 16:05
Beitrag: #8
RE: Die Erfindung der Kindheit
Es ging, im Bürgertum, dann eigentlich recht schnell.
Kinderzimmer wurden eingerichtet, spezielle Kinderkleidung entstand, Ärzte forderten Kinderkleidung aus leichteren Stoffen, die Wachstum und Bewegung weniger hemmten.
Kinderspielzeug wurde in viel größerer Menge und Breite als bisher angeboten. Der erste Spielzeugkatalog, natürlich aus Nürnberg, wurde noch vor der franz. Revolution gedruckt.

Andere Punkte, bisher unbekannt, entstanden. Da dis bisherige Kinderkleidung das herumtollen mehr oder weniger verhinderten, sind jetzt erst Schriften zu finden, in denen mit erhobenem Zeigefinger der Jugend als hohe Tugend anempfohlen wird auf die Kleidung zu achten, diese nicht zu beschmutzen und zu beschädigen.

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16.12.2012, 14:16
Beitrag: #9
Schule und Schulpflicht
Im Jahre 1782 entschuldigen in dem damals vorderösterreichischen Villingen (heute villingen-Schwenningen) Eltern ihre Kinder vom Schulbesuch.
Es würde an geeigneten Schuhen und Winterkleidung mangeln.

Überhaupt die Schulen.
In Württemberg war seit dem 30jährigen Krieg der Schulbesuch obligatorisch. Aber ein Lehrerausbildung gab es nicht. Jeder der einigermaßen Lesen und Schreiben konnte, konnte auch Lehrer werden.
Mit dem entsprechenden Ergebnis.
Oftmals war die Lehrerwohnung, res. der einzige Raum der Lehrerwohnung gleichzeitig Schulstube. Hausarbeiten wurden von der Frau des Lehrers erledigt, während er gleichzeitig 30-40 Kinder unterrichtete.

Das änderte sich um die Jahrhundertwende 18./19. Jahrhundert sehr. Den Gemeinden wurde auferlegt, für ordentliche Schulräume zu sorgen, die Lehrer wurden überwacht, (vom Pfarrer der schon zdZ durchgänig über eine stabile Bildung verfügte) der Unterrichtsstoff vorgegeben. 1811 wurde in Eßlingen das 1. württ. Lehrerseminar eingerichtet. Neben der "Regel"-Schule sollte gleichzeitig eine "Industrie-Schule" eingerichtet werden, um der Jugend ein gewisses Können und Fertigkeiten zu vermitteln. Ein Vorgänger der heutigen Berufsschule. Was sich allerdings teilweise lange hinzog. Es gibt Berichte von Gemeinden in denen sinngemäß steht, dass die Einrichtung einer "Industrie-Schule" am Ort unnötig wäre, da die Kinder in Haus- und Landwirtschaft schon über Gebühr beschäftigt wären.
Was aus heutiger Sicht ebenfalls verwundert, die Lehrpläne der Dorf- und Stadtschulen differierten nicht wenig. Die Stadtkinder wurden mit umfangreicherem theoretischem Wissen versorgt. Bei den Dorfkindern wurde mehr Wert auf Kenntnisse die in der Landwirtschaft verwendbar waren gelegt.
Auch dies geht anscheinend auf Pestalozzi zurück.

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19.12.2012, 09:15
Beitrag: #10
RE: Die Erfindung der Kindheit
(14.12.2012 18:41)Bunbury schrieb:  Irgendwann muss ein Bewußtseinswechsel von "Das sind Mäuler, die ich irgendwie zu stopfen habe" zu "Meine Kinder sind meine Zukunftssicherung" stattgefunden haben...

Das interessante ist ja, dass heute ein genau gegenläufiger Prozess stattfindet, Zukunftssicherung ist (Rentenprobleme hin oder her) nur noch seltenst ein Thema. "Das sind Mäuler, die ich irgendwie zu stopfen habe" ist da schon häufiger der Fall, jedenfalls wird es heute wieder zu einer großen Belastung, der Lohn ist eher immateriell.
Und deshalb findet auch ein genau gegenläufiger Prozess statt, den ich etwas provokativ als "Die Vernichtung der Kindheit" bezeichne: Kinder sind für die Industrie potentielle Kunden und werden auch entsprechend umworben (hatten wir bereits an anderer Stelle), Kinder werden mit Elektrogeräten von Fernseher über Wii, Nintendo bis hin zu I-Pods, I-Pads und I-ch-weiß-nicht-was konfrontiert (fing bei mir zum Glück sehr spät an und hält sich bis heute in Grenzen), tragen bereits im Babyalter Jeans und so weiter.
Der Unterschied zu der umgekehrten Entwicklung Ende des 18. Jahrhundert liegt darin, dass wir heute in einer individualisierten Gesellschaft leben, in der auch der einzelne Erwachsene und mit ihm das einzelne Kind viel mehr Rechte und Möglichkeiten hat, weshalb mit der Vernichtung der Kindheit nicht automatisch ein Rückschritt ins Mittelalter einhergegangen ist.

VG

Wäre ich Antiquar, ich würde mich nur für altes Zeug interessieren. Ich aber bin Historiker, und daher liebe ich das Leben. (Marc Bloch)
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19.12.2012, 12:25
Beitrag: #11
RE: Die Erfindung der Kindheit
(19.12.2012 09:15)Maxdorfer schrieb:  Das interessante ist ja, dass heute ein genau gegenläufiger Prozess stattfindet, Zukunftssicherung ist (Rentenprobleme hin oder her) nur noch seltenst ein Thema. "Das sind Mäuler, die ich irgendwie zu stopfen habe" ist da schon häufiger der Fall, jedenfalls wird es heute wieder zu einer großen Belastung, der Lohn ist eher immateriell.

VG

Ich denke mal, dass es dabei doch zu einem erheblichen Teil um den hohen Anspruch an den Lebensstandard geht, der mit einem res. anderthalb Gehältern nicht zu realisieren ist.

Und meine Drei zahlen diesen gesellschaftspolitischen "Nullnummern" dann auch noch die immensen Renten. Dodgy



Das war übrigens mein 1.000 Beitrag hier!

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19.12.2012, 12:33
Beitrag: #12
RE: Schule und Schulpflicht
(16.12.2012 14:16)Suebe schrieb:  Im Jahre 1782 entschuldigen in dem damals vorderösterreichischen Villingen (heute villingen-Schwenningen) Eltern ihre Kinder vom Schulbesuch.
Es würde an geeigneten Schuhen und Winterkleidung mangeln.

Überhaupt die Schulen.
In Württemberg war seit dem 30jährigen Krieg der Schulbesuch obligatorisch. Aber ein Lehrerausbildung gab es nicht. Jeder der einigermaßen Lesen und Schreiben konnte, konnte auch Lehrer werden.
Mit dem entsprechenden Ergebnis.
Oftmals war die Lehrerwohnung, res. der einzige Raum der Lehrerwohnung gleichzeitig Schulstube. Hausarbeiten wurden von der Frau des Lehrers erledigt, während er gleichzeitig 30-40 Kinder unterrichtete.

Das änderte sich um die Jahrhundertwende 18./19. Jahrhundert sehr. Den Gemeinden wurde auferlegt, für ordentliche Schulräume zu sorgen, die Lehrer wurden überwacht, (vom Pfarrer der schon zdZ durchgänig über eine stabile Bildung verfügte) der Unterrichtsstoff vorgegeben. 1811 wurde in Eßlingen das 1. württ. Lehrerseminar eingerichtet. Neben der "Regel"-Schule sollte gleichzeitig eine "Industrie-Schule" eingerichtet werden, um der Jugend ein gewisses Können und Fertigkeiten zu vermitteln. Ein Vorgänger der heutigen Berufsschule. Was sich allerdings teilweise lange hinzog. Es gibt Berichte von Gemeinden in denen sinngemäß steht, dass die Einrichtung einer "Industrie-Schule" am Ort unnötig wäre, da die Kinder in Haus- und Landwirtschaft schon über Gebühr beschäftigt wären.
Was aus heutiger Sicht ebenfalls verwundert, die Lehrpläne der Dorf- und Stadtschulen differierten nicht wenig. Die Stadtkinder wurden mit umfangreicherem theoretischem Wissen versorgt. Bei den Dorfkindern wurde mehr Wert auf Kenntnisse die in der Landwirtschaft verwendbar waren gelegt.
Auch dies geht anscheinend auf Pestalozzi zurück.

Zusätzlich zu den bestehenden Schulen und neben der Lateinschule her, wurden zB in etlichen Städten Württembergs ab 1805 "Realschulen" eingerichtet.
Da an diesen Schulen kein Latein unterrichtet wurde, berechtigten sie nicht zum Studium.
Ein Grund, dass sich etliche Städte weigerten solche Schulen einzurichten.

In den 1820er Jahren wurden diese "Realschulen" mit den "Lateinschulen", oftmals waren sowieso die selben Lehrer beschäftigt, zusammengeführt.

Eine Entwicklung wie sie in den letzten Jahrzehnten ähnlich mit den Wirtschaftsoberschulen ohne Abitur, über die Wirtschaftsgymnasien mit Fachabitur zu den heutigen WGs mit Vollabitur verlaufen ist.

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19.12.2012, 21:51
Beitrag: #13
RE: Die Erfindung der Kindheit
(19.12.2012 12:25)Suebe schrieb:  Ich denke mal, dass es dabei doch zu einem erheblichen Teil um den hohen Anspruch an den Lebensstandard geht, der mit einem res. anderthalb Gehältern nicht zu realisieren ist.

Erst die letzten beiden Tage erschien doch wieder eine Studie, die vor allem eines beweist- gerade für Frauen gibt es kein größeres Risiko für Alterarmut, als eben ein Kind in die Welt zu setzen.
Über das neue Unterhaltsrecht habe ich schon an anderer Stelle etwas gesagt. Keine frau kann es sich heute noch erlauben, Kinder in die Welt zu setzen und nicht arbeiten zu gehen- sonst muss sie nämlich im Zweifelsfall für 5,00 € Stundenlohn irgendwo zu einer zeit, wo ihr Kind sie eigentlich bräuchte, irgendwo Klos putzen oder Regale einräumen.

Mir ist das entscheiden zu einfach zu sagen, daß man einfach zu hohe Bedürfnisse an den Lebensstandard hat.
Tatsache ist vielmehr, daß gerade für Frauen Kinder ein Armutsrisiko sind. Besonders, wenn sie sich um ihre Kinder kümmern.

Und dann kommt noch eines dazu- wer sein Kind liebt, der hat ein enormes Problem damit, wenn er oder sie diesem Kind eben nicht ermöglichen kann, am normalen gesellscahftlichen Leben teilzuhaben. Keiner sieht gerne zu, wie das eigene Kind nicht mitmachen kann, weil man die Kohle dafür nicht hat. Die 10 Euro von Frau von der Leyen zur teilhabe am gesellschaftlichen leben sind ein Witz. Das reicht hier gerade für die teilnahme am Grundschulchor. Schon beiM Fußballverein wird es schwieirg- zum Jahresbeitrag kommen ja schließlich noch Stutzen, Schuhe und Schienbeinschoner. Und alles andere ist gar nicht erschwinglich...

(19.12.2012 12:25)Suebe schrieb:  Das war übrigens mein 1.000 Beitrag hier!

Herzlichen Glückwunsch...

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21.12.2012, 09:05
Beitrag: #14
RE: Die Erfindung der Kindheit
(19.12.2012 21:51)Bunbury schrieb:  
(19.12.2012 12:25)Suebe schrieb:  Das war übrigens mein 1.000 Beitrag hier!

Herzlichen Glückwunsch...

Danke.
Dir Glückwunsch zum 555, bei Schnapszahlen wird eigentlich einer ausgegeben....

Nur mal so als HinweißAngel

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21.12.2012, 09:25
Beitrag: #15
RE: Schule und Schulpflicht
(16.12.2012 14:16)Suebe schrieb:  Überhaupt die Schulen.

Es gab anscheinend 1790 in Frankreich eine Volkszählung.
Lediglich

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21.12.2012, 15:37
Beitrag: #16
RE: Schule und Schulpflicht
(21.12.2012 09:25)Suebe schrieb:  
(16.12.2012 14:16)Suebe schrieb:  Überhaupt die Schulen.

Es gab anscheinend 1790 in Frankreich eine Volkszählung.
Lediglich

was ist denn da passiert?

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21.12.2012, 16:32
Beitrag: #17
RE: Die Erfindung der Kindheit
Also, dann halt nochmals.

1790 gab es in Frankreich eine Erhebung in der unter anderem die Sprache der Bevölkerung erhoben wurde.
Ergebnis: Die Mehrheit der Franzosen sprach kein französisch!
Zur Verdeutlichung, die Grenzen Frankreichs waren 1790 so grob mit den heutigen identisch!
Ergo: Erst die Schule schuf die Standartsprache und den Nationalstaat!

Um 1800 herum war das Analphabetentum in Gesamteuropa "normal". Gab es einen Alphabetisierungsgrad je nach Region zwischen 2% und 30%.
1914 konnten die Soldaten des 1. WK die Bedienungsanleitung ihrer Waffen lesen und verstehen. (... Mensch gedenke was du liesest, dir zum Segen nicht zum Fluch.)
In England, den Niederlanden und Deutschland war 1900 ein Alphabetisierungrad von ca. 97% erreicht worden (mehr geht wohl nicht)
in Frankreich lag er bei knapp unter 90%.

Die "Verschulung" ist ein hervorstechendes Merkmal des 19. Jahrhunderts, nur möglich, weil die Arbeit der Kinder nicht mehr existentiell für das Überleben der Familien erforderlich war.
Stichwort: Die Entdeckung der Kindheit

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22.12.2012, 16:00
Beitrag: #18
RE: Die Erfindung der Kindheit
Um diesen Thread abzuschließen.

Bis zum späteren 18. Jahrhundert gab es im Deutschen nicht einmal ein Wort für Kindheit.
Das Wort Kind wird lediglich im Sinne von Abstammung verwendet, "Kind von..." oder aber als "Landeskind" im Sinne eines Untertanen.
Erst in der radikalen Gesellschaftsänderung des ausgehenden 18. beginnenden 19. Jahrhunderts entstand die "Kindheit" als Vorstellung einer gesonderten ausgedehnten Lebensphase, in der Körper und Geist sich wandeln und der mündige Mensch aus dem Kind hervorgeht.

Verwendete Literatur:
Osterhammel "die Verwandlung der Welt" 2011
Baden und Württemberg im Zeitalter Napoleons, 3 Bände Ausstellungskatalog 1987
APuZ 62. Jahrgang Heft 43/2012 Kinderarbeit Herausgeber bpb

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22.12.2012, 16:10
Beitrag: #19
RE: Die Erfindung der Kindheit
(21.12.2012 16:32)Suebe schrieb:  Die "Verschulung" ist ein hervorstechendes Merkmal des 19. Jahrhunderts, nur möglich, weil die Arbeit der Kinder nicht mehr existentiell für das Überleben der Familien erforderlich war.
Stichwort: Die Entdeckung der Kindheit

Das halte ich doch für eine zu gewagte These. ja, die Kinderarbeit war nicht mehr existenziell nötig für das Überleben der Familien.
Aber daß es vorher keine Kindheit gegeben haben soll, wage ich dann doch zu bezweifeln. Aus allen Epochen und Kulturen sind Funde von Kinderspielzeuge bekannt.

Auch früher haben die Kinder durchaus gelernt. Nur halt nicht lesen, schreiben und Rechnen. Intiatierungsriten, mit denen Jungs zu Männern wurden und die von verschiedenen Völkern überliefert wurden, wären ja völlig überflüssig, wenn vor dem Erwachsenenalter gar nichts gewesen wäre...

Vielleicht kam mit der Schule ein Begriff für diese Zeit dazu, aber das bedeutet wahrscheinlich nur, daß die "kindeheit" erst durch die Schule als etwas besonderes wahrgenommen wurde.
Stattgefunden hat sie vorher schon...

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22.12.2012, 17:40
Beitrag: #20
RE: Die Erfindung der Kindheit
(22.12.2012 16:10)Bunbury schrieb:  
(21.12.2012 16:32)Suebe schrieb:  Die "Verschulung" ist ein hervorstechendes Merkmal des 19. Jahrhunderts, nur möglich, weil die Arbeit der Kinder nicht mehr existentiell für das Überleben der Familien erforderlich war.
Stichwort: Die Entdeckung der Kindheit

Das halte ich doch für eine zu gewagte These. ja, die Kinderarbeit war nicht mehr existenziell nötig für das Überleben der Familien.
Aber daß es vorher keine Kindheit gegeben haben soll, wage ich dann doch zu bezweifeln. Aus allen Epochen und Kulturen sind Funde von Kinderspielzeuge bekannt.

Auch früher haben die Kinder durchaus gelernt. Nur halt nicht lesen, schreiben und Rechnen. Intiatierungsriten, mit denen Jungs zu Männern wurden und die von verschiedenen Völkern überliefert wurden, wären ja völlig überflüssig, wenn vor dem Erwachsenenalter gar nichts gewesen wäre...

Vielleicht kam mit der Schule ein Begriff für diese Zeit dazu, aber das bedeutet wahrscheinlich nur, daß die "kindeheit" erst durch die Schule als etwas besonderes wahrgenommen wurde.
Stattgefunden hat sie vorher schon...


Natürlich hat sie stattgefunden. Bestreitet ja auch keiner.

Aber die Vorstellung, dass ein Kind eine besondere Phase der Erziehung braucht, eine geschützte Zeit in der es das lernt, was es für das Leben braucht, ist erst in der Aufklärung entstanden.
Die Idee, dass sich ein Mensch im Laufe seines Lebens verändert, konnte erst in einer Gesellschaft entstehen, die selbst auf Veränderungen und Neuheiten ausgelegt war.
Die Feudalgesellschaft zuvor lebte im Bewusstsein einer unveränderlichen Ordnung und hatte ein starres Bild vom Kind als kleinem Erwachsenen.

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