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Die große Gabelung
05.10.2012, 15:08
Beitrag: #1
Die große Gabelung
Bis vor wenigen Jahrzehnten ging man mehr oder weniger stillschweigend von der immer währenden Überlegenheit des "Weißen Mannes", Europas aus.
Dies meist auf Grundlage minimalster Kenntnisse, die man eher als Unkenntnis bezeichnen könnte, der Vorgänge auf anderen Kontinenten in anderen Kulturkreisen.
Inzwischen, auf Grund intensiver Forschungen, sieht man dies anders.
Geht man von einer Multizentralen Weltwirtschaft bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts aus.
Vom Ende des 17. Jahrhunderts aus, machte sich europäischer Einfluss rund um den Globus fühlbar.
Ohne dass dies zunächst aus einer Überlegenheit entstanden wäre, oder zu einer solchen geführt hätte.
Im Gegenteil, zB in Indien oder in China sind im 17. und 18. Jahrhundert durchaus die selben Entwicklungen zu konstatieren, die in Europa letztlich zur Industriellen Revolution führten.

Dann aber, 1780-1800 "die große Gabelung" gehen die Entwicklungen extrem auseinander, und die 200jährige Vorherrschaft Europas beginnt.

Die Wissenschaft hat viele Theorien und Thesen parat die zu dieser Entwicklung geführt haben. Im deutschen Sprachraum wird dies aber relativ selten diskutiert, und es wäre schön, wenn wir dies wenigstens für uns hier ein bißchen ändern würden.

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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05.10.2012, 16:57
Beitrag: #2
RE: Die große Gabelung
Ich denke, dass dieses Überlegenheitsgefühl sich schon erheblich früher Raum verschaffte.
Am Anfang hatte es immer etwas mit der vorherrschenden Religion in Europa, dem Christentum, bzw. der (katholischen) Kirche zu tun. Zum Teil auch heute noch.

Den Beginn sehe ich in den Kreuzzügen.
Aber spätestens seit Francisco Pizarro wurde dieses Gefühl in die Realität umgesetzt. Von diesen "Pizarros" gab es später noch sehr viele.

Die Kolonialisierung der Welt begann mit dieser Art Brüdern.
Dabei spielt es keine Rolle, ob es nun Portugiesen, Spanier, Holländer, Franzosen oder Briten - oder ganz viel später Deutsche - waren.

Dieses Überlegenheitsgefühl anderen Kulturen und Menschen gegenüber, ging natürlich auch immer einher mit dem Wunsch nach persönlicher Erweiterung der Macht, Machterhaltung, dem wirtschaftlichen Einfluß und den dazu notwendigen finanziellen Mitteln.

Wie kommst du speziell auf 1780-1800 und "die große Gabelung"?
Das würde mich interessieren.

Und du warst schön. In deinem Auge schien
sich Nacht und Sonne sieghaft zu versöhnen.
...
So kam dich meine Liebe krönen.
Und meine nächteblasse Sehnsucht stand,
weißbindig wie der Vesta Priesterin,
an deines Seelentempels Säulenrand
und streute lächelnd weiße Blüten hin.

(Rainer Maria Rilke)
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05.10.2012, 17:55
Beitrag: #3
RE: Die große Gabelung
(05.10.2012 15:08)Suebe schrieb:  Vom Ende des 17. Jahrhunderts aus, machte sich europäischer Einfluss rund um den Globus fühlbar.
Ohne dass dies zunächst aus einer Überlegenheit entstanden wäre, oder zu einer solchen geführt hätte.
Im Gegenteil, zB in Indien oder in China sind im 17. und 18. Jahrhundert durchaus die selben Entwicklungen zu konstatieren, die in Europa letztlich zur Industriellen Revolution führten.

Inklusive dem Überlegenheitsgefühl...Cool
Im Unterschied zu Europa aber beschleunigte sich in den außereuropäischen Kulturen (sofern sie den Kontakt mit europäischen Staaten überlebten...) nicht, sondern stagnierte oft sogar.

Dies Entwicklung fand in Amerika durch die Eroberungen der Spanier statt, während Indien - das zur gleichen Zeit erste direkte Kontakte mit Europäern erfuhr - schon zuvor in seiner Entwicklung stagnierte. Das war in Indien öfter mal der Fall, stets aber kam danach wieder ein Entwicklungsschub durch neue Herrscher oder Staaten, diesmal aber führte der europäische Druck dazu, dass ab etwa 1700 wenige Europäer über viele Inder herrschen konnten.
In China begab man sich ungefähjr zur gleichen Zeit - im 15.Jh. - in eine selbstgewählte Isolation, die auch wieder dazu führte, dass wenige Erfindungen und Entwciklungen weiter geführt wurden, während die Europäer im gegenseitigen Wettstreit eine stürmische Entwicklung durchliefen, die dann, als die Europäer sich rüsteten, tatsächlich die auch politische Herrschaft über die Welt anzutreten (ab dem 18.Jh.), zur bekannten Überlegenheit europäischer Waffen führte.

VG
Christian
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05.10.2012, 19:51
Beitrag: #4
RE: Die große Gabelung
(05.10.2012 16:57)Wallenstein schrieb:  Ich denke, dass dieses Überlegenheitsgefühl sich schon erheblich früher Raum verschaffte.
Am Anfang hatte es immer etwas mit der vorherrschenden Religion in Europa, dem Christentum, bzw. der (katholischen) Kirche zu tun. Zum Teil auch heute noch.

Den Beginn sehe ich in den Kreuzzügen.
Aber spätestens seit Francisco Pizarro wurde dieses Gefühl in die Realität umgesetzt. Von diesen "Pizarros" gab es später noch sehr viele.

Die Kolonialisierung der Welt begann mit dieser Art Brüdern.
Dabei spielt es keine Rolle, ob es nun Portugiesen, Spanier, Holländer, Franzosen oder Briten - oder ganz viel später Deutsche - waren.

Dieses Überlegenheitsgefühl anderen Kulturen und Menschen gegenüber, ging natürlich auch immer einher mit dem Wunsch nach persönlicher Erweiterung der Macht, Machterhaltung, dem wirtschaftlichen Einfluß und den dazu notwendigen finanziellen Mitteln.

Wie kommst du speziell auf 1780-1800 und "die große Gabelung"?
Das würde mich interessieren.

(05.10.2012 17:55)913Chris schrieb:  Inklusive dem Überlegenheitsgefühl...Cool
Im Unterschied zu Europa aber beschleunigte sich in den außereuropäischen Kulturen (sofern sie den Kontakt mit europäischen Staaten überlebten...) nicht, sondern stagnierte oft sogar.

Dies Entwicklung fand in Amerika durch die Eroberungen der Spanier statt, während Indien - das zur gleichen Zeit erste direkte Kontakte mit Europäern erfuhr - schon zuvor in seiner Entwicklung stagnierte. Das war in Indien öfter mal der Fall, stets aber kam danach wieder ein Entwicklungsschub durch neue Herrscher oder Staaten, diesmal aber führte der europäische Druck dazu, dass ab etwa 1700 wenige Europäer über viele Inder herrschen konnten.
In China begab man sich ungefähjr zur gleichen Zeit - im 15.Jh. - in eine selbstgewählte Isolation, die auch wieder dazu führte, dass wenige Erfindungen und Entwciklungen weiter geführt wurden, während die Europäer im gegenseitigen Wettstreit eine stürmische Entwicklung durchliefen, die dann, als die Europäer sich rüsteten, tatsächlich die auch politische Herrschaft über die Welt anzutreten (ab dem 18.Jh.), zur bekannten Überlegenheit europäischer Waffen führte.

VG
Christian


Es ist natürlich nicht auf meinem Mist gewachsen.
Mir ist vor einiger Zeit dies
http://www.sehepunkte.de/2011/06/15402.html
untergekommen.
Und ich habe mir das Buch von Osterhammel, gibt es bei der bpb für Schlappe 7 Euronen gekauft.

Es ist hoch interessant, nun interessiert mich das 19. Jahrhundert schon immer sehr.

Aber, wie geschrieben, die "große Gabelung" ist natürlich ein hoch interessantes Thema, und es würde mich sehr freuen, wenn wir hier etwas zusammenbringen würden.

Hätt Adam unser Bier besessen, er hätt den Apfel nicht gegessen.
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05.10.2012, 20:13
Beitrag: #5
RE: Die große Gabelung
Mit dem 19. Jhd als Zeitpunkt der großen Gabelung habe ich auch so meine Schwierigkeiten. Wie du geschrieben hast, bezieht sich das Datum auf die industrielle Revolution.
Die europäischen Eroberungen der frühen Neuzeit kann ich gut nachvollziehen, die haben für mich sehr viel mit der besonderen Geographie Europas zu tun, die im großen an die Bedingungen der griechischen und römischen Antike erinnert. Seefahrtbasiert, miteinander konkurrierende Regionen durch räumliche Gebirgstrennung, wenig Möglichkeiten zu Bevölkerungswachstum und Zentralisierung.

Hätte die industrielle Revolution in Europa stattgefunden, wenn es nicht vorher die globalen Eroberungen gegeben hätte und den riesigen Input an Gütern, Wissen und Selbstbewußtsein?
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05.10.2012, 20:14
Beitrag: #6
RE: Die große Gabelung
Hatte ich zu früh gesendet, gehört auch dazu:

nachdem bis ca. 1780 mehr oder weniger technologischer Gleichstand Indien - china - europa bestand,
ist Europa fulminant davon gezogen.
Keine der Erfindungen die letztlich zur Industriellen Revolution führten, wurde außerhalb Europas gemacht.
Nicht einmal das Laufrad (Arkona wird grinsen) des Freiherrn Drais, oder eine der weiteren Entwicklungen die das Fahrrad schließlich komplettierten ist außerhalb gemacht worden.
Es waren bis zur Erfindung des Repetiergewehres auch weniger die Waffen, es war technologisch mehr oder weniger alles. Die Handelsgesellschaften, das europäische Rechtssystem wurde mit lokalen Anpassungen eigentlich "überall" übernommen.

Man wird die Frage zur Industriellen Revolution kennen:
Warum in England?
Dafür gibt es inzwischen schlüssige und überzeugende Antworten.

Diese Frage muss man aber eigentlich erweitern:
Warum in Europa?
Und da fehlt mir noch die Antwort die mich überzeugen könnte.

Super wäre es, wenn ein paar mitmachen würden. Ich bin mir sicher, dass wir einer oder gar mehreren Antworten näher kommen werden.

Eine bunt gemixte Gruppe wie wir hier, unterschiedliche Hintergründe.
Gewohnt auch über den Zaun zu schauen.
Wir sind prädestiniert für die (Teil-)Lösung einer solchen Aufgabe.

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06.10.2012, 09:34
Beitrag: #7
RE: Die große Gabelung
(05.10.2012 20:14)Suebe schrieb:  Man wird die Frage zur Industriellen Revolution kennen:
Warum in England?
Dafür gibt es inzwischen schlüssige und überzeugende Antworten.

Diese Frage muss man aber eigentlich erweitern:
Warum in Europa?
Und da fehlt mir noch die Antwort die mich überzeugen könnte.

Das europäische "Davonziehen" im Vergleich zu anderen Weltregionen hängt mit der Konfliktsituation zusammen, die es in Europa seit jeher gab. Die Entdeckungsfahrten und damit einhergehende enorme Ressourcenvergrößerung mag das letzte Steinchen (eigentlich ein Felsbrocken) im Mosaik gewesen sein, die Grundlagen wurden zuvor gelegt.
Europa ist der einzige Kontinent, auf dem es mehrere Staaten geschafft haben,
a) über mehrere Jahrhunderte stabil zu sein
b) sich gegen mow gleich mächtige Konkurrenten zu behaupten und
c) trotzdem genügend Kontakte untereinander zu haben, dass man Neuigkeiten austauschen konnte. Dazu kam noch
d) die Kleinräumigkeit Europas, die dafür sorgte, dass die einzelnen Staaten genügend unterschiedlich strukturiert waren, dass jeder seine Besonderheit hatte, die ihm bei aller Gleichförmigkeit der euripäischen Kultur (siehe Austausch) besondere Entwicklungen ermöglichte.

Das war in Asien anders, wo es regelmäßig Großreiche gab, auch wenn z.B. Nord- und Südchina bis vor wenigen Jahrhunderten schon recht große Unterschiede auch in der Kultur, Bevölkerungsstruktur etc. aufwiesen. In Indien ist das bis heute so, aber der staatliche "Überbau" verhinderte größere Konkurrenz bei der Entwicklung von technischen Neuerungen. Außerdem trägt das Kastensystem nicht dazu bei, den Aufstieg von intelligenten "Unterschichtlern" zu Erfindern umwälzender Neuerungen zu fördern.
Auch in (Meso-)Amerika gab es immer eine dominante Kultur (wenn auch nicht ein dominantes Reich), die quasi die Gesamtentwicklung "steuerte". Von den Mayareichen konnte z.B. auch kein einzelnes für längere Zeit übermächtig werden, aber es gab keine Entwicklungskonkurrenz. Wohl versuchten die einzelnen Herrscher, den Nachbarn in Sachen Pyramide und Tempel zu übertrumpfen, aber weiter ging die Konkurrenz nicht. Die Maya verharrten mow auf Steinzeitniveau.

VG
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06.10.2012, 11:19
Beitrag: #8
RE: Die große Gabelung
(06.10.2012 09:34)913Chris schrieb:  Das europäische "Davonziehen" im Vergleich zu anderen Weltregionen hängt mit der Konfliktsituation zusammen, die es in Europa seit jeher gab. Die Entdeckungsfahrten und damit einhergehende enorme Ressourcenvergrößerung mag das letzte Steinchen (eigentlich ein Felsbrocken) im Mosaik gewesen sein, die Grundlagen wurden zuvor gelegt.
Europa ist der einzige Kontinent, auf dem es mehrere Staaten geschafft haben,
a) über mehrere Jahrhunderte stabil zu sein
b) sich gegen mow gleich mächtige Konkurrenten zu behaupten und
c) trotzdem genügend Kontakte untereinander zu haben, dass man Neuigkeiten austauschen konnte. Dazu kam noch
d) die Kleinräumigkeit Europas, die dafür sorgte, dass die einzelnen Staaten genügend unterschiedlich strukturiert waren, dass jeder seine Besonderheit hatte, die ihm bei aller Gleichförmigkeit der euripäischen Kultur (siehe Austausch) besondere Entwicklungen ermöglichte.

Das war in Asien anders, wo es regelmäßig Großreiche gab, auch wenn z.B. Nord- und Südchina bis vor wenigen Jahrhunderten schon recht große Unterschiede auch in der Kultur, Bevölkerungsstruktur etc. aufwiesen. In Indien ist das bis heute so, aber der staatliche "Überbau" verhinderte größere Konkurrenz bei der Entwicklung von technischen Neuerungen. Außerdem trägt das Kastensystem nicht dazu bei, den Aufstieg von intelligenten "Unterschichtlern" zu Erfindern umwälzender Neuerungen zu fördern.
Auch in (Meso-)Amerika gab es immer eine dominante Kultur (wenn auch nicht ein dominantes Reich), die quasi die Gesamtentwicklung "steuerte". Von den Mayareichen konnte z.B. auch kein einzelnes für längere Zeit übermächtig werden, aber es gab keine Entwicklungskonkurrenz. Wohl versuchten die einzelnen Herrscher, den Nachbarn in Sachen Pyramide und Tempel zu übertrumpfen, aber weiter ging die Konkurrenz nicht. Die Maya verharrten mow auf Steinzeitniveau.

VG
Christian

Den Faden weitergesponnen.
China hat um 1100 herum etwa soviel Eisen hergestellt, wie Europa ca. 1700. Aber China hat ca. 1700 deutlich weniger Eisen hergestellt wie Europa. Die Tatsache ist bekannt, die Gründe kennt man nicht.

Könnte es sein, dass zumindest zeitweilig, in China die Nachhaltigkeit gefehlt hat? Christian hat das, wenn ich es richtig verstanden habe, auch anklingen lassen.
Aber Stillstand, offensichtlich sogar Rückschritt für ein halbes Jahrtausend?

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06.10.2012, 19:35
Beitrag: #9
RE: Die große Gabelung
(06.10.2012 11:19)Suebe schrieb:  Aber Stillstand, offensichtlich sogar Rückschritt für ein halbes Jahrtausend?

Du darfst nicht vergessen, was in diesem halben Jahrtausend in China passiert ist: Untergang erst der nördlichen Sung, dann der südlichen Sung, Mongolenfremdherrschaft, Aufstand gegen die Mongolen und Ming-Reich (mit erneutem technologischem Aufschwung, der allerdings bald von Macht-Streitigkeiten unter den Beamten erstickt wurde) und erneute Mandschu-Fremdherrschaft, die allerdings auch und gerade im 17./18.Jh. durch andauernde Aufstände gebunden war und zäh am Konzept des Isolationsimus festhielt - bis zum Untergang im 20.Jh. (wobei die Kaiserinwitwe Tzu-Hsi eine der nachhaltigsten Bremserinnen des durchaus vorhandenen Reformwillens war).
Auch fehlte China die Arbeiterschaft, die in Europa durch das Ende des Feudalismus und den medizinischen Fortschritt frei wurde.
Extremer Konservatismus, fehlende Arbeiterschaft und andauernde politische Wirren - da konnte China nicht zur Industriemacht werden, auch wenn die technologischen Voraussetzungen in ihren Ansätzen seit langem vorhanden waren...

VG
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07.10.2012, 13:01
Beitrag: #10
RE: Die große Gabelung
(06.10.2012 19:35)913Chris schrieb:  Du darfst nicht vergessen, was in diesem halben Jahrtausend in China passiert ist: Untergang erst der nördlichen Sung, dann der südlichen Sung, Mongolenfremdherrschaft, Aufstand gegen die Mongolen und Ming-Reich (mit erneutem technologischem Aufschwung, der allerdings bald von Macht-Streitigkeiten unter den Beamten erstickt wurde) und erneute Mandschu-Fremdherrschaft, die allerdings auch und gerade im 17./18.Jh. durch andauernde Aufstände gebunden war und zäh am Konzept des Isolationsimus festhielt - bis zum Untergang im 20.Jh. (wobei die Kaiserinwitwe Tzu-Hsi eine der nachhaltigsten Bremserinnen des durchaus vorhandenen Reformwillens war).
Auch fehlte China die Arbeiterschaft, die in Europa durch das Ende des Feudalismus und den medizinischen Fortschritt frei wurde.
Extremer Konservatismus, fehlende Arbeiterschaft und andauernde politische Wirren - da konnte China nicht zur Industriemacht werden, auch wenn die technologischen Voraussetzungen in ihren Ansätzen seit langem vorhanden waren...

VG
Christian

Auch hier ein weitergespann:
Die Chronologie wie wir Europäer sie kennen, ist in anderen Kulturkreisen so nicht bekannt.
Sie wurde allerdings, gerade in Folge der wirtschaftlich-technologischen Überlegenheit Europas, in den letzten 100 Jahren weitgehend übernommen.

Was allerdings nach wie vor allüberall auf der Welt eher unbekannt ist,
wir Europäer gehen davon aus, dass die folgenden Zeitalter den vorherigen auf mehr oder weniger allen Gebieten deutlich überlegen sind.
Gehen von einem kontinuierlichen Fortschritt aus.

Unser ganzes Geschichtsbild ist davon geprägt,
stellt die Archäologie irgendwo auf der Welt für einen Zeitraum fest, dass es da, zumindest vordergründig nicht so war, verwirrt uns dies sehr.

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07.10.2012, 15:21
Beitrag: #11
RE: Die große Gabelung
(07.10.2012 13:01)Suebe schrieb:  Was allerdings nach wie vor allüberall auf der Welt eher unbekannt ist,
wir Europäer gehen davon aus, dass die folgenden Zeitalter den vorherigen auf mehr oder weniger allen Gebieten deutlich überlegen sind.
Gehen von einem kontinuierlichen Fortschritt aus.

Das stimmt soweit, wie etwa die Ägypter sich die Geschichte in immer wieder kehrenden Kreisen dachten.
Das mit dem Fortschritt stimmt so allerdings nicht. Lange Zeit dachte man, das Mittelalter wäre eine Zeit des allgemeinen Rückschritts. Es ist eine relativ neue Erkenntnis, das das Mittelalter zahlreiche Errungenschaften der Antike bewahrte und auch Neues beitrug, v.a. im Bereich der Literatur und im sozialen Bereich. Auch bei Waffentechnik, Schiffsbau entwickelte das Mittelalter Neuerungen, die sich bis heute auswirken.

VG
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07.10.2012, 21:37
Beitrag: #12
RE: Die große Gabelung
(07.10.2012 15:21)913Chris schrieb:  Das stimmt soweit, wie etwa die Ägypter sich die Geschichte in immer wieder kehrenden Kreisen dachten.
Das mit dem Fortschritt stimmt so allerdings nicht. Lange Zeit dachte man, das Mittelalter wäre eine Zeit des allgemeinen Rückschritts. Es ist eine relativ neue Erkenntnis, das das Mittelalter zahlreiche Errungenschaften der Antike bewahrte und auch Neues beitrug, v.a. im Bereich der Literatur und im sozialen Bereich. Auch bei Waffentechnik, Schiffsbau entwickelte das Mittelalter Neuerungen, die sich bis heute auswirken.

VG
Christian

Das ist mir schon bekannt:
Selbstzitat:
Zitat:Unser ganzes Geschichtsbild ist davon geprägt,
stellt die Archäologie irgendwo auf der Welt für einen Zeitraum fest, dass es da, zumindest vordergründig nicht so war, verwirrt uns dies sehr.
Damit meinte ich das Mittelalter, und außerdem Mesoamerika, wo die ältesten Kulturschichten als die mit der höchsten Kulturhöhe angesehen werden.
Was zumindest Thor Heyerdahl zu seinen Thesen angeregt hat.

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08.10.2012, 20:31
Beitrag: #13
RE: Die große Gabelung
Die meist verbreitete und benutzte Vorrichtung der "Industriellen Revolution" war übrigens
die Uhr,
meist aus US-Amerikanischer oder Schweizer Produktion (die Süddeutschen, Schramberg, Schwenningen kamen etwas später) war sie in Weltgegenden verbreitet und in Benutzung, die noch ein halbes Jahrhundert oder länger keine Dampfmaschine und keine Lokomotive sahen.

Mit der Möglichkeit der elektrischen Übertragung war die "Einrichtung einer Weltzeit" möglich geworden. 1879 wurde sie dann weltweit eingeführt, ausgehend vom "Nullmeridian" Greenwich bei London mit einer Stunde Verschiebung alle 15 Längengrade. Diese Regelung war insbesondere führ die Seefahrt deutlich erleichternd, aber auch der Eisenbahnbetrieb verlangte dringend danach.
Vielfach ist aber hier die Länderregelung der "Weltregelung" erheblich hinterhergeeilt. So wollte Frankreich den "Nullmeridian" nicht anerkennen, resp. nur wenn die Briten das metrische System einführen würden. so wurde es 1911 bis die Franzosen das Weltzeitsystem übernahmen.

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08.10.2012, 21:37
Beitrag: #14
RE: Die große Gabelung
(08.10.2012 20:31)Suebe schrieb:  Die meist verbreitete und benutzte Vorrichtung der "Industriellen Revolution" war übrigens
die Uhr,
meist aus US-Amerikanischer oder Schweizer Produktion (die Süddeutschen, Schramberg, Schwenningen kamen etwas später) war sie in Weltgegenden verbreitet und in Benutzung, die noch ein halbes Jahrhundert oder länger keine Dampfmaschine und keine Lokomotive sahen.
Naja, es waren vor allem die Briten (auch die Spanier und Holländer), die ein essenzielles Bedürfnis verspürten, überall die genaue Uhrzeit kennen zu wollen.

Das waren halt Seefahrernationen, die wissen wollten, wo sie gerade sind.

Die geographische Breite kann man relativ problemlos bestimmen - Oktant, Sextant oder auch der Jakobsstab - sicher schon davon gehört.

Bei der geographischen Länge (Ost-West Position) brauchst du eine Uhr, und zwar eine, die ziemlich genau geht. Dafür schaue man auf John Harrison.

Wieder die Briten - leider nicht die Schwarzwälder.
Deren Zeit und die der Schweizer kam noch.

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10.10.2012, 13:00
Beitrag: #15
RE: Die große Gabelung
(08.10.2012 21:37)Wallenstein schrieb:  Naja, es waren vor allem die Briten (auch die Spanier und Holländer), die ein essenzielles Bedürfnis verspürten, überall die genaue Uhrzeit kennen zu wollen.

Das waren halt Seefahrernationen, die wissen wollten, wo sie gerade sind.

Die geographische Breite kann man relativ problemlos bestimmen - Oktant, Sextant oder auch der Jakobsstab - sicher schon davon gehört.

Bei der geographischen Länge (Ost-West Position) brauchst du eine Uhr, und zwar eine, die ziemlich genau geht. Dafür schaue man auf John Harrison.

Wieder die Briten - leider nicht die Schwarzwälder.
Deren Zeit und die der Schweizer kam noch.

Das ist ganz zweifellos richtig. Daher in diesem besonderen Fall auch die Überlegenheit der Europäer.
Schon Kaiser Karl V. soll sich in seinen spärtem Jahren mit einer "Weltzeit" beschäftigt haben. Was, wie geschrieben, erst mit der elektrischen Übermittlung möglich wurde.
Aber es sind eigentlich 2 Entwicklungen, einmal der sehr genau gehende Chronometer, privat der Regulator, die "Pendule" die der deutsche Landsturmmann 1870/71 in Frankreich klaute resp. mitlaufen ließ. "Comptoiser Uhr".
Und dann natürlich die Taschenuhren.

Die Geschichte ist natürlich, wie immer etwas länger. 1800 hatte Eli Whitney von der US-Regierung den Auftrag erhalten eine Fabrik aufzubauen, die in kürzester Zeit in der Lage wäre 10.000 Gewehre zu produzieren. Whitney verstand der Legede zufolge nichts von Waffen, hatte aber eine entscheidende Idee. Die Gewehre wurden aus völlig gegeneinander austauschbaren Teilen produziert. Alle Teile einer Whitney-Muskete passten in jede beliebige andere!
Das "Amerikanische System" der maschinellen Fertigung war geboren.
Hier haben wir einen ganz entscheidenden Punkt für die "Große Gabelung"
Austauschbarkeit, im weiteren Sinn Normierung als Voraussetzung für eine industrielle Produktion
.

Was dies nun wieder mit den Uhren zu tun hat?
Nun, die ersten die diese Produktionsmethode übernahmen, waren die amerikanischen Großuhrenhersteller. Schon 1840 kam Jerome in New Haven, Connecticut auf eine Tagesproduktion von 5.000 Uhren!
Produziert für den Weltmarkt! zu erstaunlich niedrigen Preisen!

Noch ein Nachsatz des Sueben:
In den 1860er Jahren schrieb Junghans in Schramberg auf seinen Briefkopf "nach amerikanischem System" und Landenberger, (er war aus Ebingen) sein Schwiegersohn, nannte seine Fabrik "Hamburg Amerikanische Uhrenfabrik" HAU.

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